Zeitvertreib

Aus: Wundersame Geschichten für Individualisten, 1972

Irgendwo geht ein Mensch. Er dreht sich um und ruft in eine Menge:“Es geht nichts über viereckige Räder. Sie sind am besten!“ Plötzlich wird die Öffentlichkeit aufgescheucht. Einige aus der Menge, die den Ausruf vernommen haben, meinen:  „Der spinnt! Völlig überzogene Werbe – Rhetorik“. Diese Leute drehen sich um und gehen weiter ihrer Beschäftigung nach, nachdem sie sich noch schnell mit dem Zeigefinger gegen die Stirn getippt haben.

Der weitaus größere Teil der Meute reagiert ganz anders, weil ihr die technische Begabung abgeht.

Man beschäftigt sich mit der Aussage: „Endlich mal einer, der das ausspricht, was viele denken!“ Es ist doch gut möglich. Vor einhundert Jahren hat auch niemand geglaubt, dass man mit einer Rakete zum Mond fliegen kann.

Was auch immer dazu gesagt werden mag – egal – die Diskussion ist angestoßen und nach einigen Tagen in vollem Gange, Daran haben die investigativ wirkenden Journalisten mitgewirkt. Das Presseorgan ist bekannt!

So ist es nicht verwunderlich, dass der Ausruf: „Es geht nichts über viereckige Räder, sie sind am besten“ eine permanente Diskussion bei der außerparlamentarischen LINKEN eröffnet. Im Bundestag erfolgt nach Anhörung des Fachausschusses der sogenannte „Hammelsprung“, der Papst erlässt ein Edikt, und die Textilindustrie (Pakistan) fertigt Hemden an, auf denen mittels Siebdruck das Symbol des viereckigen Rades  prangt.

Die „Viereckige-Räder-Welle“ ist angelaufen, ein Boom bläht sich auf. Ein bekannter Motorradjournalist, offensichtlich ein Wahnsinniger, versucht allen Ernstes in einer Talkshow die Behauptung des Moderators zu widerlegen, der das Argument in die Debatte wirft: „Viereckige Räder führen zu einer Verbesserung der Straßenlage bei Personenkraftwagen und Krafträdern, was sich insbesondere beim Abbremsen aus voller Fahrt bemerkbar macht!“

Der ADAC beauftragt einen Motorradfahrer der ersten Generation, viereckige Reifen an seiner Hochgeschwindigkeits-Rennmaschine aus dem Jahr 1936 auszuprobieren. Inzwischen hat die Post eine Sondermarke herausgebracht.

Zwar sind die Testergebnisse noch nicht ausgewertet, da wird bereits allerorts gemunkelt, den Rennfahrer habe es bei 35 km/h von der Maschine geschüttelt.

Dieses Gerücht löst im Bundestag eine der heftigsten Nachkriegsdebatten aus. Es wird beschlossen, anstelle von geschwindigkeitsregulierenden Verkehrsschildern in geschlossenen Ortschaften, diese Räder zur Vorschrift zu bringen

Mit dem Einsparen von 50 Millionen DM wird gerechnet, weil künftig die entsprechenden Schilder wegfallen.

Verabschiedet wird:

„Die Verordnung zur Aufhebung der 25. Verordnung über die Durchführung der Verordnungsanordnungen zur Anwendung des Gesetzes über das Aufstellen von Geschwindigkeitsbegrenzungsschildern zur Regelung der entsprechenden höchst zulässigen Geschwindigkeiten für erdgebundene Personen- und Lastnutzfahrzeuge.

Von dieser Regelung sind ausgenommen: Krankenfahrstühle, Kettenfahrzeuge der Bundeswehr, Planierraupen und kettengetriebene Löffelbagger, soweit nicht nach § 55 im Sinne der §§ 66, 67 Absatz 1 anders bestimmt wird.“

Mittlerweile hat sich das Gerede um viereckige Räder wieder etwas beruhigt. Aktuell beschäftigt sich die Öffentlichkeit mit dem Problem des Einjustierens okulierter Gummibaumkulturen in öffentlichen Parkanlagen.

Den Kleinstaat ausrufen

Den Kleinstaat ausrufen?

Das ist mal wieder typisch für uns Deutsche, uns Mitteleuropäer! Während in Russland eine Großmacht in lauter kleine Zwergstaaten zerfällt, vollziehen wir die Wiedervereinigung und darüber hinaus die EU. Da werden Bilanzen frisiert und zwei Staatsmänner rufen die neue Währung aus, den Euro, und das im Alleingang ohne Beteiligung des Land- bzw. Bundestages.  Zitat:„Wen hätte ich denn beteiligen sollen, dann wäre das doch nie zustande gekommen!“

 Wo Kohl draufsteht, muss Kohl drin sein.

Anscheinend ist es den Gedankenvätern egal, ob eine höchst inflationäre Währung unter den Schutzschirm des Euro aufgenommen wird. Früher konnte man die Lire-Scheine als Badetücher mit an den Strand nehmen.

Andererseits scheint es keine Rolle zu spielen, ob alle neuen Staatsgebilde lebensfähig sind oder nicht. Schlimmstenfalls treten sie der EU bei oder sie bekommen  ein Großkundenabonnement bei einer internationalen Hilfsorganisation. Es bleibt abzuwarten, wann der erste EU- Teilnehmer wieder abwandert. Blickt man in der Geschichte zurück, wird deutlich, dass ein solches Vorhaben ein Kommen und Gehen ist.

Jedenfalls hält das Deutsche Rote Kreuz schon einmal 50.000 Wolldecken bereit.

Das Absondern fängt bereits bei den Campingfreunden an, den Dauercampern. Jeder Zeltplatz auf Dauermiete, und sei er noch so klein, wird von einem Jägerzäunchen eingefriedet, das so niedrig ist, dass man im Dunklen darüber stolpert. Jeder Gang dieses Zelt- und Caravan – Labyrinthes  bekommt einen Namen, jeder Stellplatz eine Fahne, und als Gipfel dieser Scheinsouveränität: Der eigene Rasenmäher mit Zweiradantrieb und drei Gängen für sechs Quadratmeter Leihgrund. In den Zelten, Vorzelten und Caravans muss natürlich nicht gemäht werden.

Mich hat die Entwicklung dieser Souveränitätsanstrengungen misstrauisch werden lassen.

Ich kann doch niemandem mehr trauen! Ängstlich luge ich nach links, misstrauisch spähe ich nach rechts. Nicht, dass ich zufällig in eine Fünfergruppe gerate, die soeben den Kleinstaat ausrufen will! Stellen Sie es sich vor: Sie gehen in den Supermarkt, um sich eine Kiste Bier zu erstehen und sind auf dem Rückweg ihre Staatsbürgerschaft los! Nicht auszudenken!

Ihr Führerschein gilt nicht mehr, und auch die paar Münzen in Ihrer Tasche haben ihre Gültigkeit verloren. Am Ende des Parkplatzes kontrolliert ein Zollbeamter mit roter Mütze Ihren Einkauf!

Das macht doch unsicher, nicht wahr?

Sie kommen nach Hause. Aus Ihrer Wohnung ist das neue Gemeindehaus geworden, und aus dem Schornstein quillt weißer Rauch, weil sich der neue Vatikan im Obergeschoss breitgemacht hat. Auf dem Weg zur Waschküche begegnet Ihnen der Papst, der Sie milde anlächelt.

Da ist inzwischen mediadisiert worden, saecularisiert, ocupiert und onduliert, das ganze Programm der Erneuerung und Regelung der Besitzverhältnisse.

Jedenfalls wären Sie der Gelackmeierte, soviel ist sicher

In Ihrem Auto sitzt ein Fremder, der behauptet, dass er ein neues Taxiunternehmen gegründet hat

Verstehen Sie jetzt, wovor ich mich fürchte? Früher konnten wir der nächsten zehn Jahre noch sicher sein. Aber heute? Der Zeitenlauf mit seinen Geschehnissen wird immer unberechenbarer!

Seit dem weltweiten Bau der Atomwaffen schaue ich jeden Morgen aus dem Fenster und vergewissere  mich, ob das Haus vom Nachbarn noch steht.

Früher war ein Jahr noch ein Jahr, aber heute?

Wer glaubt, dass die Kleinstaatenbildung , uns vor Machtkämpfen schützt, wird eines Besseren belehrt. Andererseits vollziehen sich diese unbeliebten Possenspielchen auch in der EU. Warten Sie es nur ab!

Aus all diesen Überlegungen heraus habe ich in Erwägung gezogen, meinen kleinen Grundbesitz samt Scheune in Ostfriesland zu befestigen. Als Vorbild dient mir die Maginot-Linie der Franzosen. Zunächst sollen Sandsäcke entlang meiner Grundstücksgrenze aufgeschichtet werden. Den Sand entnähme ich den Geländeabspülungen im Süden der Insel Sylt.

Über die Fluchten der Sandsäcke wäre eine Dreifachrolle Nato – Draht zu ziehen. Kennen Sie „Blanch Blade“ , kleine Hellebarden, die irgendwann zu rosten beginnen? Erst dann werden sie richtig wirksam. Ja.ja, wenn man Menschen richtig verletzen will, muss man sich auskennen. Überall auf der Welt werden Menschen mit Blanch Blade verletzt. Viele Betrachter der Szenerien finden nichts dabei. Weshalb rennen die Flüchtlinge auch da rein? Das lesen Sie nicht gerne? Sehen Sie! Ich habe Sie erwischt!

 Jedenfalls käme die erste Panzersperre in die Grundstückseinfahrt. Alle fünfzig Meter würde ein Wachturm errichtet, mit je einem Maschinengewehr bestückt. Die gesamte Familie müsste abwechselnd  Nachtwache halten. Mit meinen achtzehn Kindern dürfte das kein Problem darstellen.

Ich halte viel von Fallgruben mit hungrigen Krokodilen darin. Die kleinen Nager sind aus Restbeständen eines bankrotten Zoos zu beschaffen.

Eine Fahne habe ich bereits entworfen: Ein Totenschädel mit gekreuztem Knochenbein auf schwarzem Grund. Weshalb lange drum herum flaggen? Ich würde allen die Knochen zeigen.

Will uns jemand besuchen, was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, so bekäme der Besuch selbstverständlich Geleitschutz durch eine unserer Fregatten.

Wenn ich zur Bank muss, um mein Gehalt abzuholen, benutze ich natürlich einen Tunnel. Der wäre selbstverständlich auch durch Fallgruben gesichert. Vorsichtshalber ließe ich mir ein paar Krokodile mehr anliefern.

Es ist immer gut, ein paar Krokodile mehr im Haus zu haben. Die Fütterung  würde per Gesetzesentwürfe erfolgen. Sie können es sich vorstellen, wie aggressiv die Tiere davon würden.

Wie ist es Zeitgenossen? Noch Bock auf Kleinstaat?

Eine kleine Fehlertheorie

Aus: Wundersame Geschichten für Individualisten, 1972

Herr X ist Buchhalter in einem kleinen Betrieb am Rande der Großstadt Y. Die Arbeit macht ihm Freude, und es verliefe in seinem Leben alles wunderbar, wenn diese  Freude nicht durch eine tief eingreifende Erkenntnis getrübt würde. Diese offenbart sich den Lesern als nachstehend beschriebene Fehlertheorie, von der unser Buchhalter unter keinen Umständen ablassen will.

„Der Mensch“, so philosophiert er, „macht viele Fehler zu seinen Lebzeiten, aber er lernt nichts wirklich daraus. Er analysiert sie nicht, um daraus Rückschlüsse für sein künftiges Leben zu ziehen, nein er bewahrt sie bestenfalls in seinem Herzen, um andere davor zu bewahren.“

Es kann vorkommen, dass der eine oder andere Fehler nicht mit voller Absicht begangen wurde. Über diese Fehler ärgert sich Herr X am meisten.

Da gibt es die Professionals, die Berufsfehlermacher und andererseits die Liebhaber, Hobbyisten, Idealisten und Individualisten. Sie sind in der Mehrzahl Amateure. Wenn sie Fehler machen, dann tun sie das umsonst!

Zur Gattung der Professionellen gehören u.a. Mitarbeiter der städtischen und überregionalen Straßenplanungsämter. Sie werden für das Fehlermachen nach dem BAT bezahlt. Auch die Politiker müssen als Professionals eingestuft werden.

Es gibt gute und schlechte Fehler, je nachdem, wer davon betroffen ist. Die Beamten können ein Lied davon singen, denn sie haben sich in diesen Fehlern eingenistet und bewahren sie mit Herz, Seele und Gehalt.

Die Fehlermacherei soll demnächst als Studienfach zugelassen werden – sechs Semester!

Man hat erkannt, dass es sich um ein wissenschaftliches Randgebiet handelt, das ausgebaut werden muss. Bei der Rechtsprechung gelangen Fehler als Tenor (oder Sopran) in die Straf- oder Zivilprozessakten und wiederum lebt ein ganzer Berufszweig davon.

Den Kraftfahrern/Innen werden die späteren Fehler dank ausgeklügelter Verkehrsvorschriften gleich bei der Aushändigung des Führerscheines  mit auf den Weg gegeben. Um das auszuschöpfen, wurde der Bußgeldkatalog erfunden. Das hat den Kommunen die Möglichkeit eingeräumt, Nutzen in Form harter Währung daraus zu ziehen.

So ist es den Behörden möglich, einladende Freiflächen anzulegen und damit die Autofahrer anzulocken, um die Fläche hinterlistig mit Parkverbotsschildern zu umsäumen, so dass die gestressten Autofahrer nur allzu bereitwillig in die aufgestellten Fallen tappen. Wieder ist ein neuer Berufszweig entstanden: die Hostessen.

Da sind die großen und die kleinen Fehler: kleine lassen sich ausbügeln, bevor der Chef etwas merkt. Werden sie doch vom Chef oder Abteilungsleiter vorzeitig aufgedeckt, werden aus den kleinen Fehlern große. Die größten Fehler, die in der Geschichte bekannt geworden sind, haben Millionen Menschen  den Kopf gekostet und nicht nur den eigenen, sondern auch den der anderen.

Es soll auch richtige und falsche Fehler geben, z.B. beim Abschreiben während  Klassenarbeiten in der Schule.

Ein schöner Fehler liegt dann vor, wenn das Finanzamt besch… wurde. Muss ein Bürger nachzahlen, nennen wir das „einen hässlichen Fehler“.

Dann sind da noch die absurden und die farbigen Fehler. Als  absurd sind jene zu bezeichnen, die andere machen. Farbige Fehler finden wir auf schlechten Gemälden ,z.B. wenn die Perspektiven falsch dargestellt sind.

Praktische und theoretische Fehler kommen bei der Führerscheinprüfung vor. Noch etwas über aktive und passive Fehler: Aktive Fehler begeht man, passive passieren einem.

Die einzelnen Fehlergattungen treten häufig in Kombinationen auf und sind nur schwer zu analysieren. Da gibt es die aktiven farbigen Fehler (Herr X besucht regelmäßig Kunstausstellungen ), die hässlichen theoretischen, die absichtlichen großen und die kleinen absurden Fehler.

Der Laie hat es in der Tat sehr schwer, die originellen Fehler am richtigen Ort anzubringen. Deshalb wirken so viele Fehler irgendwie stümperhaft.

Gewusst

Aus wundersame Geschichten für Individualisten 1972

Eddy Burns hört, sieht und weiß alles, richtig unheimlich kann es einem da werden! Gestern ist er, Burns, in den Hundedreck getreten, dabei hätte er das vorgestern schon wissen müssen.

Viele Menschen kommen und fragen ihn um Rat, ihn, den  Erfahrenen, den alles Wissenden. Ob Sie es glauben oder nicht, Zeitgenossen, der Slogan „der nächste Winter kommt bestimmt“, ist garantiert von Eddy Burns.

Bevor der in ein Taxi einsteigt lässt er sich zunächst den Führerschein des Taxifahrers zeigen und dann den Personalausweis, zum Schluss die Fahrzeugpapiere, denn: „Alles“, so Eddy „muss seine Ordnung haben!“

Einmal hatte ein Betrunkener auf Eddys Aktentasche gepinkelt, die er an einer Laterne abgestellt hatte, als er auf den Bus der Linie72 wartete. Pfui! Eddy hatte es aber völlig ignoriert, obschon er sich ansonsten über die kleinste Kleinigkeit fürchterlich aufregen kann. Merkwürdig! Aber gestern gab es eine Todesanzeige  im „Tagesecho“, ein gewisser Schuster sei dem Suff zum Opfer gefallen.

So gibt es geistige Verbindungen und seltsame Zusammenhänge, die nur Menschen wie Eddy Burns vertraut sind.

Ein weiteres Beispiel: Alle reden vom Wetter, so, als wenn sich die Leute mit nichts Anderem auseinandersetzen können, als immer nur über das Wetter zu reden. Eddy würde das nie in den Sinn kommen. Es gibt seiner Meinung nach ohnehin nur drei Möglichkeiten, welche ins Kalkül zu ziehen würden:

Entweder es regnet oder es regnet nicht. Es sei denn, es regnet mal und dann wieder nicht! Das betrifft auch den Sonnenschein, den Hagel und den Schnee. Man kann also gar nicht so weit daneben tippen. Das alles ist Eddy Burns zu profan. Er sagt: „Das sind Prognosen für Anfänger“.

Übermorgen wird ein Straßenbahnzug der Linie 12 entgleisen, und  viele Leute werden sich den Kopf stoßen, nur glauben Sie nicht, dass Burns in dem Zug sitzen könnte. Der lauert morgen auf die Zeitung von übermorgen, in der berichtet wird: „Entgleisung! Straßenbahnzug rammt Brückenpfeiler“.

Eddy Burns hört, sieht und weiß fast alles, was geschehen ist oder noch passieren wird, außer den Tritt in den Hundedreck , den hat er offensichtlich nicht vorausberechnet.

Sehen Sie, Zeitgenossen, das entzieht der ganzen Geschichte um Eddys Besserwisserei die unheimliche Komponente und macht die ganze Angelegenheit so wahnsinnig komisch.

Satire

Hallo Zeitgenossen, fast könnte einer daherkommen und sagen:  „Er schreibt in eigener Sache!

Ganz so ist es nicht. Ich bilde den Nachwuchs aus. Die großen Kabarettisten von morgen; das sind die Satiriker, denn anders ist das Leben wohl kaum noch auszuhalten. Sind Sie ein potentieller Kandidat? Mit Potential?

Nur Mut!

Bedenken Sie jedoch immer ihre Motivation – weshalb Sie das alles auf sich nehmen wollen.

Wollen Sie Zusammenhänge und Fragwürdiges, also fragwürdige Zusammenhänge innerhalb unseres gesellschaftspolitischen Zusammenlebens aufzeigen oder sogar infragestellen, Denkanstöße vermitteln?

Um des Himmels Willen, dann versuchen Sie Ihr Glück in der Werbung. Dort sind Sie besser aufgehoben als in einem Buch oder bei einem mündlichen Vortrag! Gepredigt wird in der Kirche! Außerdem: Der Werbung entkommt so leicht niemand.

Als Satiriker müssen Sie Worte kneten können, aber auch Ereignisse und Personen. Nehmen Sie Kanzler Kohl (als ich das schrieb, lebte er noch!), solange es ihn gibt. Er ist einer der Wenigen in Deutschland, der an den ganzen Mist glaubt, nachdem er ihn uns eingebrockt hat. Im Ausland hasst man uns Deutsche nicht mehr. Wir werden bedauert, und das ist sein Verdienst!

Zielen Sie mit Giftpfeilen auf die Hintern der Zuhörer. Die meisten von ihnen merken es erst, wenn sie sich daheim vor die Glotze setzen. Giftpfeile werden in Ironie und bitteren Sarkasmus getränkt, bevor sie abgeschossen werden. Sie müssen sich qualifizieren.

Erwecken Sie beim Publikum oder der Leserschaft den Eindruck des Allwissenden und bauen Sie Rechtschreibfehler ein. Sie haben die Lacher auf ihrer Seite. Geben Sie sich intellektuell, denn doofe Kabarettisten gibt es nicht! Je schneller Sie sich artikulieren, desto leichter fällt es, alles durcheinander zu wursteln, ohne dass es auffällt. Man versucht Ihnen zu folgen. Das kann dauern, legen Sie nach jeder Pointe eine Klatschpause ein. Unterscheiden Sie zwischen feinsinniger Ironie und blödelndem Sarkasmus. Behaupten Sie einfach, dass 7,5 Milliarden Menschen weltweit am steigenden Wohlstand teilnehmen. Sollte jemand im Publikum aufmucken, weisen Sie darauf hin, dass kürzlich erst die Sozialhilfe aufgestockt wurde. Die Renten übrigens auch. Wer 600.-€ an Rente bezog, hat sich durch die Rentenerhöhung deutlich verbessert, denn die jährliche Inflationsrate wurde fast aufgefangen. Die meisten Lacher ernten Sie für Blödeleien, angereichert mit Sprachfehlern, rufen Sie mehrmals hintereinander „Seidenbacher“ in den Raum. Zur Not hilft Ihnen eine Operation! Vermeiden Sie Zoten! Wenden Sie diese lieber an!

Spielen Sie mit Widersprüchen bis die Zuhörer schwindelig werden und vom Stuhl fallen. Den Beifall bekommen Sie dann für die Pause, die Sie Ihnen nach einer dreiviertel Stunde gewähren. Finden Sie einen Verlag und vermeiden Sie den erhobenen Zeigefinger. Viele Zuhörer (oder Leser) haben eine schwere Kindheit gehabt. Nehmen Sie deren Macken in Pflege, das ruft ein Gefühl der Solidarität hervor. Verpacken Sie Belehrungen in schöne Fragen, die Sie an das Publikum richten. Es will beteiligt sein: „Habt Ihr sie noch alle beisammen?“ Wetten, dass sie lachen?

Kenntnisse in der Rechtschreibung sind nicht erforderlich. Sie behaupten, dass Sie in der neuen Rechtschreibung unterwegs sind. Da blicken momentan nicht alle durch! Schreiben Sie Stängel mit „ä“ und erklären Sie, dass es jetzt von „Stange“ abgeleitet wird.

Nur schreiben Sie niemals in Süterlin, weil Ihre Werke vermutlich im Goethe-Institut in China landen. Stellen Sie es sich nur vor: Eine chinesische Klasse an der Uni sagt Ihren Blödsinn im Chor auf!

Nehmen Sie bekannte Kabarettisten zum Vorbild! Imitieren Sie das Geräusch der Toilettenspülung.  Sie müssen dazu nicht Ihre Stimmbänder bemühen. Vielleicht  funktioniert das rectal besser! Bei einer kabarettistischen Darbietung gehen wir von folgender Statistik aus:

10 % Rohrkrepierer, 25% Missverständnis, 8% Spätzünder, 1% Volltreffer,6% vergessener Text. Macht zusammen 100 Prozent!

Wie? Stimmt nicht? Sehen Sie, es geht schon los!

Noch ein gutgemeinter Rat eines erfahrenen Satirikers. Die Texte müssen kurz und prägnant sein. Sie bekommen die Zuhörer so schnell nicht wieder wach, wenn diese erst einmal eingeschlafen sind. Außerdem werden Sie nicht nach „Zeilengeld“ entlohnt. Voraussichtlich werden Sie überhaupt nicht entlohnt, weil die Saalmiete alles schluckt.

Deshalb sind die Hobby-Kabarettisten auf dem Vormarsch! Außerdem seien Sie sich darüber im Klaren, dass Sie sich auf einem schlüpfrigen Gebiet innerhalb der Literatur bewegen. Sie rangieren in der Gunst des Publikums gerade vor dem Lyriker, der noch weniger Interesse beim Publikum erweckt.

Kabarettisten sterben sehr einsam und werden oft missverstanden, was auch beabsichtigt ist. Ihnen bleibt nur zu Lebzeiten der Trost, dass sie als mittelprächtige Kotzbrocken vielen Menschen tiefe Wunden geschlagen haben.

Haben Sie eine schwache Ausstrahlung? Mangelt es Ihnen an Charisma? Dann stülpen Sie sich einen Margarinekarton über den Kopf und imitieren einen Radiosender. Halten Sie sich aus öffentlichen Stellungnahmen heraus. Beachten Sie: Große Klappe nur am Schreibtisch! Schützen Sie Menschen mit anderer Meinung zu bestimmten Themen, selbst wenn Sie völlig anderer Meinung sind. Sagen Sie: „Das ist ja gar nicht sooo verkehrt, was Du sagst!“ Machen Sie dem Publikum deutlich, dass Sie nur deshalb so hämisch agieren, weil Sie sich in den Dienst der Sache stellen.

Verblüffte Gebluffte

Nachstehende Gedanken reiche ich meinen Nächsten zur erbaulichen Verdauung und stelle sie unter das Motto: Auf dass es euch nicht übel wird, weiter zu überleben. Senken wir gemeinsam unsere Häupter im Bewusstsein, dass wir nicht zum Spaß versammelt sind und das noch nicht einmal freiwillig. Wir wurden gezielt oder ungezielt abgesetzt und in einer Menge von Abgesetzten mehr oder weniger alleine zurückgelassen. Deshalb: „Machen Sie das Beste daraus!“

Dieser Umstand bedarf geradezu einer Führung, nicht wahr?

Der Haufen Zurückgelassene sollte froh darüber sein, dass sich einige von Ihnen dazu bereiterklären, diese Aufgabe – natürlich völlig selbstlos – zu übernehmen, denn nur davon kann die Rede sein: völlig ohne Machtansprüche, ohne überdurchschnittliche Bezahlung, aber voller ethischer Gedanken!

Sie glauben doch auch nicht an den Weihnachtsmann?

Ein Beispiel: Irgendetwas, von dem ich annehmen, dass es sich ereignet, tritt nicht ein. Neben einem unerfreulichen Gefühl der Enttäuschung stellt sich eine Beklemmung in der Bauchgegend ein. Das Sonnengeflecht signalisiert Unruhe, die Vorboten eines Kulturschocks sind im Anmarsch! Es folgen Adrenalinausschüttung, erhöhter Blutdruck, rasender Puls, Schweißausbruch, hechelnde Atmung, kurzum, die ganze Palette an Unwohlsein!

Die Erwartungshaltung ist durchkreuzt worden. Ihr Anruf ist bei der bekannten Stelle für:“ Sie haben die Chance auf einen Gewinn von einer Million Euro“, nicht angenommen worden, dabei sind Sie doch ein ganz passabler  Merkantildemokrat. What has happened? Was ist passiert? Qu`est-ce c´est? Sie kennen doch die Geschichte mit der Erwartungshaltung?

Die Lehrgangsteilnehmer spreizen die Beine leicht bei aufrechter Oberkörperhaltung.  („Sooo, nun stellen wir uns einmal locker im Kreis auf!“ „Jetzt beugen wir den Oberkörper leicht nach vorne und drehen ihn  etwas nach rechts, den Kopf seitlich nach oben gerichtet.

Jetzt öffnen wir den Mund und ahmen den klagenden Ruf des Schwarzdrosselkükens nach, wie wenn es um Futter bettelt!“

Als Alternative bietet sich der Kutschersitz an, bei dem der gesamte Körper entspannt. Die Arme baumeln lose am Körper wie auch die Seele, die ab sofort baumeln darf (siehe Dr. Dr. Petri und andere).

Langsam beginne ich das Prinzip der Merkantildemokratie zu begreifen, nicht länger moniere ich den Werteverfall der in dieser Gesellschaft zurückgelassenen Einäugigen, weil auf dem anderen Auge völlig blind.

Wir sind den Werten doch treu geblieben, eben nur anders! Wir empfinden doch Ethik und Ästhetik! Es kauft sich doch niemand eine Kuh, nur weil er eine Kanne Milch wünscht! Aber von einer hübschen Kuh sollte die Milch schon sein. Wir sind doch nahezu alle in einem Glauben verwurzelt, aber nicht unbedingt an einen Gott. Und unsere Kultur? Wir haben doch Gedenkstätten. Wo sollten wir sonst unsere Kränze abstellen? In der Besenkammer vielleicht?

Was ist mit unserem musikalischen Empfinden? Es hat sich der Merkantildemokratie angepasst, aber deshalb ist es noch lange nicht verschwunden. Wer schreibt uns denn vor, dass wir Töne selbst produzieren müssen? Erst ab 180 beats pro minute (bpm) beginnt im „Tecnoland“ die Lucie zu pfeifen. Hammer, Amboss und Steigbügel im Innenohr sowie das Trommelfell werden sich durch die Evolution den Erfordernissen anpassen. Alles braucht seine Zeit! Der Ära der Einäugigen folgt die Zeit der Gehörlosen! Schubert war auch taub!

Der Werteverfall ist es also nicht, der so frustrierend auf das Gemüt drückt. Vielleicht liegt es an mangelndem Selbstbewusstsein, so dass wir unsere Schlachtfelder, Bolzplätze und Balztänze auslagern müssen, die Verdrängungsmaschine hochfahren, bis der Drehzahlbegrenzer abriegelt. Aber so mancher Klippenspringer kam mit eineinhalb  Skibrettern unten an, weil sich der Fallschirm nicht öffnete. Wer vom Gipfel des Matterhorns abspringt, der muss mit dem Schlimmsten rechnen Da nützt kein Kick!

Das doofe Spielchen ist bekannt! Jetzt wird das Auto zur freien Meinungsäußerung, Dank Aufkleber wie „Baby an Bord“ oder schlimmer! Es gab Zeiten, da hat sich überhaupt niemand kritisch in der Öffentlichkeit geäußert.

Ich habe in mein Auto einen Tachometer eingebaut, der bis 320 geht! Ich fahre eine Ente! Mit Katalysator. Von einer Fachwerkstatt habe ich zwei volle Marmeladeneimer zwischen Flammrohr und Vorschalldämpfer anbringen lassen. Einschränkend muss ich eingestehen, dass die Marmeladenkatalysatoren ab 120 km/h ausfallen. Aber ich fahre den Wagen ohnehin nicht aus. Meine „Hintermänner“ denken wahrscheinlich, dass es mir an Mut fehlt, die 320 km/h auszufahren. Aber die sollen sich nicht täuschen, ich kann trotz meiner 77 Jahre noch ganz schön draufgängerisch agieren! Ich kenne meine Pappenheimer, aber die Pappenheimer kennen mich nicht! Das ist ein Vorteil! Wenn ich nach rechts blinke, aber nach links einbiege, dann können sie sehen, was sie davon haben! Ich habe den Überraschungseffekt auf meiner Seite!

Ich lasse mich von Merkantildemokraten doch nicht durch das Bockshorn jagen!

Wir haben uns nicht nur unsere Tugenden bewahrt, sondern auch unsere Nickeligkeiten bis in die heutige Zeit gerettet. Der Unterschied zu früher: wir leben sie öffentlich aus!

Heutzutage mag einer mit verbundenen Augen über die vielbefahrene Rue de Nofretete spazieren, und zwar im rechten Winkel zur Fahrbahn. Alle fahren um ihn herum. Er sollte nur nicht rennen oder stehenbleiben. So mit Kofferradio unter dem Arm, Rapperbrille auf der Nase, leichter Tangoschritt, idiotisches Grinsen im Gesicht! Der kommt heil rüber! Das ist schnell erklärt. Die Autofahrer sehen den natürlich und denken sich, dass der noch jung ist und in die Rentenkasse einzahlt. Niemand fährt jemanden um, der in die Rentenkasse einzahlt!

Auf der Basis des Bluffs und Gegenbluffs funktionierenWirtschaft und Politik. Da werden Fähigkeiten vorgeschützt, wo keine sind! Gelder werden ausgegeben, die nicht vorhanden sind und Löcher werden mit Löchern gestopft. Die soziale Kompetenz erschöpft sich in Absichtserklärungen, an Kompetenzstühlen haftet Sekundenkleber und die abendlichen Stoßgebete der Stuhlbesetzer enden nicht mit Amen, sondern mit dem Ausruf;“Lass mich bitte nicht vom Stuhl fallen!“

Von den Psychologen habe ich gelernt, auch mal „nein“ zu sagen. Es ist zwar spät, aber ich hoffe, noch viele Zeitgenossen mit dieser Erkenntnis enttäuschen zu können. Menschen im Rentenalter haben viel Zeit, psychologisch fundierte Verhaltensformen in das Leben zu investieren. Was das Geldausgeben anbetrifft, so habe ich meine Einkünfte bis über das Rentenalter hinaus verballert. Ich bin unseren Vorbildern gefolgt und halte diesen Vorgang für legitim. Noch nie etwas von Timesharing gehört? Ich gebe aus zu meiner Zeit, und Du wirst sehn was übrig bleibt. Ein schlagkräftiger Werbespruch für Merkantildemokraten, finden Sie nicht? Irgendwann wird irgendwer ganz schön dumm aus der Wäsche blicken! Auf diesen Tag freue ich mich besonders, auch wenn ich ihn nicht mehr erlebe. So hat auch das Altern seine schöne Seite. Man nennt das Vorfreude!

Verblüffung ist ein Effekt, der in einer Sinuskurve ansteigt und wieder abfällt, sobald  man sie begriffen hat. Um mit möglichst vielen Situationen umgehen zu können, habe ich viel Zeit mit Psychologen zugebracht und ihren Methoden gelauscht. Einer von ihnen zeigte mir, wie man sich hinter einer Laterne versteckt.

Wenn ich heute einem Menschen begegne, ist der innerhalb kürzester Zeit in seine psychischen Einzelteile zerlegt, analysiert und in Schubladen eingebettet. Da kann er sich sperren und verweigern, es wird nichts nützen. Im Gegenteil, der reitet sich immer weiter hinein in die psychische Grundanalyse. Da braucht nur einer „so so“ zu sagen und schwupps – ist der in der Schublade für „So so“ abgelegt, das ist jene für sozial auffällige Personen. Äußert mein Gegenüber Sätze, die mit „aber“ beginnen, so landet der in der Sparte der ewigen Skeptiker. Dazu gehören Persönlichkeiten, die nicht glauben was sie sehen! Mit „nun hör mir mal zu“ oder „passen Sie mal auf“ braucht mir niemand zu kommen. Wie kann man einen Satz mit einer Unterstellung beginnen? Damit kann man sich bei mir nicht einschmeicheln! Ab in die Schublade! Schlimme Pappenheimer, sage ich Ihnen!

Ströme unserer Zeit

Nächtelang hatten wir zu dritt oder zu viert in einer kleinen Künstlerbude gehockt und über unser Manifest der Künste diskutiert. „Wo drei oder vier deutsche Künstler vereint sind, da ist der Gruppengeist nichtfern“, schrieb der Kulturjournalist einer Essener Tageszeitung ,Heiner Stachelhaus, über unsere Künstlergruppe „Araskade 69“, von der wir behaupteten, dass sie kein neues Waschmittel sei.

Wir sprachen über Lateinamerika, den Dauerbrenner, über Che Guevera, hörten Degenhardt und zwar so lange, bis wir mitsingen konnten. Dazu wurde Rotwein eingeschenkt, eine üble Sorte, die Löcher in den Magen brannte, entsprechend dem zur Verfügung stehende Budget. Ständig sahen wir uns vor die Entscheidung gestellt: schaffen wir uns Kremserweiß an oder eine Flasche „Vin Rouge“?

Wie schon erwähnt, der Sänger Degenhardt: „Da sitzen sie auf Kirchenstufen, murmeln Litanein, atmen Weihrauch ein“.

Vollbärtig, die Augen in tiefen Höhlen vergraben, formulierten wir Thesen und Antithesen, insbesondere unser Gruppenkonzept betreffend.

Demnach vollzog sich Kunst am Ort des Geschehens. Ich trug meinen Anteil dazu bei, indem ich die erste Freiluftgalerie mit wasserdichten Gemälden präsentierte.

Wir waren aber auch Schriftsteller! Die Museumsdirektoren lobten unsere sprachlichen Ergüsse, die Schriftstellergilde hingegen kam zu dem Entschluss, wir seien die talentiertesten Maler weit und breit und empfahlen uns dem Schicksal: keiner wollte uns haben.

Die Wut ließen wir am Kulturbanausen aus. Davon gab es, dem Herrn sei es gedankt, in Hülle und Fülle.

Es war eine spannende Zeit. Je öfter und je intensiver wir auf Ablehnung stießen, desto reichhaltiger gestaltete sich unsere Produktion an Ideen, insbesondere der Provokation!

Es ist wahrlich nicht schwer, die bestehende Gesellschaft in ihrer Vielschichtigkeit „beschissen“ zu befinden.

Aus meinen Veranstaltungen der Freiluftgalerie wurden zunehmend Präsentationen in Form von Kunstaktionen. Im Zuge der Amerikanisierung der Gesellschaft wurde diesem bunten Treiben eine Umtaufe in „Performance“ zuteil, Einige investigativ agierende  Journalisten bemängelten die jahrmarktähnlichen „Klamauk-Auftritte des Meisters“, wie man mich gönnerhaft betitelte.

Da auch ein Fahrrad über zwei Pedale verfügt, kamen wir innerhalb der Künstlergruppe Araskade 69 überein, ein Buch mit dem anspruchsvollen Titel „Ströme unserer Zeit“ zu veröffentlichen. Die Inhalte mussten ins öffentliche Leben, denn wir wussten ja, was sich dahinter verbarg! Kurzerhand nahmen wir noch einen Schreiber in unsere Reihen auf. Eine Frau gab es ja bereits in unserer Gruppe – wegen der Quotenregelung. Sie hatte nur einen Nachteil: ihr fehlte der Bart!

Der Neue nannte sich Jonas Feigenbaum und kam vom Theologiestudium her. Seine mehr oder weniger kurzen Geschichten erzählten unter anderem von  „Pflungs“, dem Riesen, der fortlaufend rülpste – meistens voller Verachtung der menschlichen Umtriebe. Wir empfanden den Lesestoff ungeheuer  revolutionär: ein rülpsender Riese, noch dazu aus der Feder eines angehenden Geistlichen.

Das nun entstandene Werk, von drei Autoren verfasst, sollte zunächst „Drei Drei“ heißen. Beabsichtigt war damit, eine Parallele zur „Da- Da“ Bewegung herzustellen, nur eben literarisch. Wir fanden heraus, dass Drei – Drei konkreter war als Da – Da. Aus dieser Bewegung war ja bekanntermaßen der Dadaismus entstanden, eine von 1050 Kunstrichtungen, die sich „die Klinke“ in die Hand gaben. Das musste aufhören!

Einer der Kirchner-Brüder, Heinrich, zählte sich zu den surrealistischen Autoren. Meine Beiträge nannte ich neosymbolistisch. Das sind sie bis heute geblieben. Uns war klar, dass ein Durchbruch nur über Ismen und Schissmen zu bewerkstelligen war. Jedenfalls hatten wir etliche Seiten zusammengebracht. Die Zeit war einfach reif. Jedenfalls dachten wir das.

Auf der Suche nach einem geeigneten Verlag waren wir über Mehrheitsbeschluss darüber einig geworden, dass nur ein renommierter Verlag für unser Vorhaben in Frage komme. Wir entschieden uns für den Wagenbach Verlag und schickten das Manuskript auf die lange Reise nach Berlin.

Es dauerte nicht lange, vielleicht drei, vier Wochen, da kam das dicke Textbündel wieder zurück. Nichts war dem Text entnommen. Im Gegenteil, uns erschien es noch dicker als zum Zeitpunkt des Versandes . Als Anlage entdeckten wir eine Karte, die uns Cheflektor „Delius“ persönlich beschriftet hatte:

„Sicher habt Ihr beim Schreiben viel Freude gehabt. Sollte mehr dahinter stecken, so bitte ich vielmals um Entschuldigung, Ihr Delius, Cheflektor.“

Kinder, war das eine Pleite! Daraufhin gaben zwei von uns das Schreiben auf. Ich befürchte, dass sie sich noch bis heute deshalb schämen, wenn sie nicht inzwischen verstorben sind. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits meine Lebensanstellung als Beamter in einem Gefängnis und fühlte mich, was Schriftstellerei und Kunst anbetraf, völlig unabhängig. Schließlich und zuletzt: mich gab es überhaupt nicht, wofür hat man ein Pseudonym? Mein damaliger Anstaltsleiter, Oberregierungsrat Solbach, hielt mich für sein „bestes Pferd“ im Stall. Und entsprechend darf man auch mal wiehern!

Heute, nach einem halben Jahrhundert, melde ich berechtigte Zweifel an der Handlungsweise des Kollegen Delius an.

Ich hätte mich an seiner Stelle anders verhalten:

„Von den eingereichten dreihundert Manuskriptseiten erscheint mir die Seite 185 im Ansatz   wichtig. Der Verlag sucht noch nach einer geeigneten Form, diesen Text als Taschenbuch herauszubringen.“

So geschehen hätte das Werk, wenn auch nur auszugsweise, dem anspruchsvollen Titel „Ströme unserer Zeit“ wenigstens der damaligen Epoche mehr als erschöpfend entsprochen.

Spiele

Man erfand das Rad. Die Menschen warfen die schwergängigen, klobigen Holzwalzen ins Feuer und freuten sich, weil alles um 100 Prozent verbessert wurde, Dann machten sie mehrere Fässer Met auf und feierten drei Tage und drei Nächte durch.

Seit jener Zeit ist Vieles erfunden worden, was den Menschen die Arbeit erleichtert. Vieles ist erfunden worden, was sie arbeitslos gemacht hat und Manches hat sie umgebracht, was erfunden wurde.

Der Mensch ist kaum dem Brabbelalter entwachsen, und schon wird er der Umwelt gefährlich! Wozu gibt es das eine oder andere Talent, wenn es nicht in der Öffentlichkeit ausgelebt werden darf?

Betrachten Sie doch einmal die Graffitis auf Brückenpfeilern, Balkonfassaden und S-Bahnzügen positiv! Wenn mit Geld knapp gewirtschaftet werden soll, dann müssen Prioritäten gesetzt werden.

Der Sprüher kann nicht überall zur gleichen Zeit wirken, dem steht die Physik im Weg. Jeder Sprühvorgang ist gleichzeitig eine Entbehrung, denn Sprühfarbe ist kostenaufwändig. Jede Hatz auf Grafittikünstler ist die Vollendung einer kleinen Revolution. Und doch sind sie uneins, unsere Sprüher, denn sie überlagern ihre Machwerke wie Hunde, die pinkelnd ihre Duftmarke setzen: „Hier pinkle bzw. sprühe ich!“

Die Galeristen lassen nicht jeden Künstler in ihre Räume. Also auf nach draußen, hinein ins pralle Leben. Hier setzt es den Kick!

Weit sind sie noch nicht gekommen, die Pioniere, die Einfallsreichen! Der geheime Renner unter den geistigen Totgeburten ist die hirnlose Spontaneität.  Sie ist derart rasant schnell, dass sie kaum jemand mitbekommt. Es ist der außenintellektuelle Superblitz, der Kracher schlechthin, der irgendwo einschlägt und viele lachen nur deshalb, weil es geknallt hat.

Die Bürger von Schilda sind nichts gegen das, was möglich ist – an Blödheit. Das alles ist noch zu überbieten!

Jetzt geht mal alle schön nach Hause und überlegt, was wir morgen abziehen können. Denkt einmal darüber nach und erarbeitet detaillierte Vorschläge. Die probieren wir dann aus. Notfalls schmeißen wir Pyros auf das Spielfeld, wenn die Dortmunder nach Schalke kommen.

Da liegt es aufgeschlagen vor mir, Paperback, äußerlich nichts Besonderes, aber innen: viele Seiten, natürlich bedruckt, was dachten Sie denn?

Innen hat es dieses Buch in sich, denn hier reihen sich außergewöhnliche Dinge und Leistungen aneinander wie keramikverblendete Vollkronen im Oberkiefer eines Endsechszigers: Guiness, das Buch der Rekorde!

Denn nur auf die Leistung kommt es an, auf das Außergewöhnliche, die Realisierung des Unerreichbaren, des Unmöglichen.

Kein Platz für schöngeistige Gedanken, erbauende Gefühle oder ausgewogene Konversation oder philosophische Gedanken. Damit können Sie im Mondschein spazieren gehen.

Leistung ist zu erbringen, abzuringen, erringen oder zu erschleichen. Sie ist abzutrotzen, zu erkaufen, abzuschlagen, zu verweigern, niederzulegen.

Wenn wir nun die ersten Seiten aus dem Buch gelesen haben, fühlen wir uns ganz mies. Nie im Leben schaffe ich sechsundfünfzig hartgekochte Eier in einer Sitzung, auch nicht im Stehen. Niemals werde ich zweiundneunzig Stunden auf einem Pfahl hocken ohne zu schlafen. Auch kann ich nicht, eine Melone auf einer Makkaroni balancierend, durch den Ärmelkanal schwimmen.

Ich komme mir angesichts dieser enormen Leistungen  klein und hässlich vor. Ich rufe nach einem Therapeuten, der mich wieder aufrichtet.

Weiterlesen, weiterhören, weitersehen mag ich nicht angesichts meiner eigenen Leistungsschwäche. Stattdessen habe ich mich geoutet, auf meine Ergreifung ist ein Kopfgeld ausgesetzt. Bei XY ungelöst wird bereits nach mir gesucht!

Man sagt, ich störe ihren Frieden, ihre Leistung. Ein ganzes Dorf ist angetreten, die längste Girlande der Welt zu binden – mit Tannengrün!

Kein Psychiater der Welt will sich noch mit mir befassen, weil ich ein hoffnungsloser Fall bin, traumatisiert und zum Abschuss freigegeben. Niemand würdigt meine 240 Anschläge pro Minute auf unsere bekloppte Gesellschaft. Kein Newtonmeter, kein Bar, kein Celsius, nicht einmal ein Gigawatt bescheinigen die Effizienz meiner Leistung, kein Ohm, kein Watt, kein Röntgen und schon gar kein Albert Einstein. Wenn ich doch wenigstens 56 hartgekochte Eier essen könnte!

Die Welt verbiegt sich vor uns, und wir verbiegen uns mit. Die Dummheit avanciert zur olympischen Disziplin. Die Spielregeln sind im Buch der Rekorde zusammengefasst. Gott sei Dank verlassen ein paar Verrückte diese Welt, um neuen Verrückten Platz zu machen. Das Gedränge ist ohnehin kaum noch zu ertragen. Ehrfurchtsvoll erstarre ich beim Anblick dieses gewaltigen Unsinnshauses. Beim Anblick der kunstvoll geschwungenen Signatur meines Chefs, die er unter amtliche Dokumente zu setzen pflegt, werde ich an eine rechtsdrehende Joghurt – Kultur erinnert.

Mein eigenes Namenszeichen gelangt nur unter Schuldanerkenntnisse und erinnert an Ameisenfraß.

Auch so wird Leistung sichtbar: Joghurt – Kultur oder Ameisenfraß! Die Maßeinheit für erfundenen Unsinn ist: ein WIRR, das ist der Blödsinn, der in einer Sekunde auf einen Würfel passt mit einem  Zentimeter Kantenlänge.

Vorwort

Weshalb stellen Autoren ihren Schriftwerken ein Vorwort voran? Es sind doch mehr als nur ein Wort. Es sind ganze Sätze. Es müsste eigentlich „Vorsatz“ oder „Vorsätze“ heißen. Das hingegen führe zu Irritationen. Weshalb sollte ein Autor seine  – hoffentlich guten – Vorsätze jemandem aufdrängen wollen?

Also noch einmal:

Vorwortketten

Meine lieben Zeitgenossen,

vorliegende……. HALT! Ich bin mir gar nicht sicher, dass sie alle lieb sind. Ich vermute sogar das Gegenteil. Soll ich meine Einleitung mit einer Heuchelei beginnen? Sie, als einer der nicht lieben Zeitgenossen, würden das doch sofort merken und mich als süffisanten Speichellecker entlarven.

Nun gut, Sie wissen nicht wo ich wohne, aber immerhin! Also lasse ich die nähere Bezeichnung weg und beginne mit

Zeitgenossen!

Ja, genau! Das können Sie nicht leugnen, denn sonst wären Sie ja bereits tot! Aber Tote können auch nicht leugnen! Welch ein Widerspruch steckt bereits im ersten Gedankengang, mit welchem ich an Sie herantrete! Jetzt haben Sie mich verunsichert. Na, das fängt ja gut an! Aber wie geht „man“ mit einander um? Lassen Sie es uns miteinander  untersuchen! Sehen Sie?

Gewonnene Eindrücke aus Erlebtem, dazu gehört Gesehenes und Gehörtes, zählen wir in einer Art der Standortbestimmung zusammen. Standort? Oder Standpunkt? Ein Standort ist mal hier, mal dort, außer man ist eine hundertjährige Eiche, und ein Standpunkt ist eine nähere Bezeichnung für einen Standort, rein typografisch betrachtet.

Jedenfalls ist es spannend, Veränderungen an seiner Einstellung zum Leben festzustellen, auch wenn es zuweilen wehtut.

Große, also umfassende Veränderungen in der Gesellschaft, finden entgegen jeder euphorischen Betrachtungsweise durch Kunst und Literatur nicht statt. Jede mittelprächtige Demo mit oder ohne zivilem Ungehorsam prägt sich besser in das Bewusstsein der Menschen  ein. Je mehr Verletzte, desto intensiver der Bewusstseinszuwachs. Die Presse sorgt dafür. Sie berichtet für alle! Die Berichterstattung über künstlerische oder literarische Ereignisse erreicht nur einen Bruchteil einer Bevölkerung nach dem Motto: Zapp und weg! Man kann auch „wegswitchen“, so wie man eine Werbeeinlage im TV wegzappt, wenn sie dem Betrachter auf den Keks geht. Das muss nicht jener mit den 28 Zähnen sein, ok?

Da gibt es noch die kleine Insel der Gleichgesinnten, auf der wir Harmonie gleicher Gedanken und Empfindungen erleben können. Doch Vorsicht, auf derartigen „Inseln“ sind die Bruderschaften nicht weit, jene, die Bündnistreue geloben! Und schon bist du ein Faschist!

Doch das Wagnis lohnt sich einzugehen, auf einer der Inseln zu agieren, ohne Faschist zu sein.

Wenn wir auf diesem Planeten mit ungefähr 108.000 Kilometern in der Stunde durch das Weltall sausen, so liegt die Erkenntnis nahe, dass wir uns eine der Inseln suchen können, um uns darauf niederzulassen, denn der Planet kommt niemals irgendwo an. Seine Bewegung folgt dem Kreis, dem unsere Gedanken und Ideen nicht unterworfen sind. Sie können sich erheben und sich frei in Zeit und Raum entfalten. In diesem Sinne würde aus den eingangs erwähnten Vorsätzchen letztendlich ein Vorsatz, dem die Menschen nacheifern könnten, wenn ihnen danach zumute ist.

Ihr Hartmut T. Reliwette