Wohlgemut will meditieren

 Wohlgemut ist ein eifriger Zeitungsleser. Manchmal verirrt er sich auch in den Gesundheitsteil, wo medizinische Ratschläge gegeben werden. So ist ihm nicht entgangen, dass in den letzten Jahren das Thema Meditation eine dominierende Rolle  spielt. Es heißt, dass Meditation dem modernen Menschen hilft, Stress abzubauen und Ruhe in sein hektisches Leben zu bringen. Aber nicht genug damit, sie soll darüber hinaus eine Methode sein, wie man seine Gedanken, Gefühle und Ängste unter Kontrolle bringen kann. Selbst die Wissenschaft habe bewiesen, dass  Meditation eine positive Wirkung auf Gehirnfunktionen hat, dass sie die Konzentrationsfähigkeit steigert, die Stimmung kontrolliert und die Entscheidungsfreudigkeit fördert, ja selbst Atem und Herzschlag beeinflussen kann. Kein Wunder, dass vor allem Menschen mit von Stress zerrütteten Nerven ihr Heil in der Meditation suchen –  also Manager, Lehrer und alle, die an anderen gesellschaftlichen Zwängen leiden. Doch auch Heilpraktiker und andere Therapeuten wenden sich der Meditation zu. Sie tun es möglicherweise aus beruflichem Interesse: Vielleicht kann man ja etwas von der Meditation für die eigenen Praxis verwenden. Vergessen darf man aber auch nicht die Suchenden, also Menschen auf der Suche nach sich selbst, nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn von überhaupt allem.

Wer nicht gleich einen kostenpflichtigen Einführungskurs belegen will, kann sich im Internet durch die unendliche Zahl von Videos hindurchklicken, in denen alle Varianten der Meditation vorgestellt werden. Wohlgemut tat dies. Sein erster Eindruck war, dass die Meditationsvideos sich in vier Gruppen einteilen ließen. Es waren die verschiedenen Kursleiter, die Wohlgemut als Einteilungskriterium dienten.

Vier Typen erkannte Wohlgemut. Da war zunächst der seriös wirkende Herr im Anzug und mit dezenter Krawatte, straff gescheiteltes Haar, ein Mann, der durchaus selbst Manager oder Eheberater hätte sein können, bevor er sich zum Meditationsexperten entwickelt hatte. Sein Erscheinungsbild suggerierte: Bei mir gibt’s  nichts Magisches, hier geht alles nüchtern und sachbezogen zu, psychologisch-wissenschaftlich untermauert. Kein Zweifel besteht: Er gehört zum westlichen Kulturkreis.

Auch noch zum westlichen Kulturkreis gehört der zweite Typ, obwohl er schon im Erscheinungsbild erkennen lässt, dass er nicht ein langweiliger Standardbürger ist. Er hat nämlich sein Haar als Zopf gebündelt, der ihm tief auf dem Rücken hängt. Je nach Laune kann er aber auch sein Haar offen tragen und bis auf die Schultern wallen lassen.

Ist das Haar nicht mehr so füllig, oder ist die Glatzenbildung gar schon weiter fortgeschritten, rasiert sich dieser Typ die restlichen Haare einfach ab, kaschiert damit nicht nur den Haarausfall, sondern kommt im Aussehen dem chinesischen Urbild, Buddha, schon ein wenig nahe und kann somit als zaghafter Übergang vom westlichen Meditationslehrer zum buddhistischen Guru angesehen werden.

Wohlgemut stellte fest, dass sowohl der langhaarige als auch der glattrasierte Meditationslehrer vorwiegend auf einer grünen Wiese sitzend gezeigt werden, umgeben von einer Schar Frauen in losen Gewändern. Sie sitzen alle mit verschränkten Beinen –  fachsprachlich im sogenannten Lotussitz. Daran ist der asiatische Einfluss deutlich erkennbar.

Wohlgemut lauschte einem der Lehrmeister. Der gab zunächst seiner Freude Ausdruck, dass das Wetter so schön war und ihnen erlaubte, die Meditation in Freien  auszuführen. Das Schöne an der Meditation sei, das eigentlich schon zehn Minuten täglich  für sie genügten, riet er, doch heute habe man mehr Zeit und er wolle daher mit einer Basisübung beginnen: mit dem richtigen Atmen.

Das gefiel Wohlgemut: Beginnen mit etwas, das man schon kann. Doch da war der Guru ganz anderer Meinung.  Zu glauben, man könne einfach und gedankenlos richtig atmen, sei ein ganz großer Irrtum. Atmen bedeute nicht schlicht Füllen der Lunge mit Luft, nein, es sei vielmehr ein Füllen des ganzen Körpers und seiner Seele mit Lebenskraft. Der Guru las den Kursteilnehmern zunächst einmal die Leviten. „Sicherlich“, gab er zu, „wir atmen ständig, aber wir verschwenden keinen Gedanken daran, wie wir atmen. Das ist nicht nur gedankenlos, es beraubt uns auch der Möglichkeit, uns auf das hier und jetzt zu konzentrieren und die Achtsamkeit zu steigern. Durch die Kontrolle des Atmens werden wir uns des Augenblicks erste richtig bewusst.“

Wohlgemut fragte sich, warum der Schöpfer Atmen als automatischen, unbewussten Vorgang erfunden hat. Zwar hat das seine Vorteile, hat aber auch den Nachteil, dass dem Menschen dadurch sehr viel an Kontrolle über sein Leben verloren geht. Hier springt jedoch die Meditation hilfreich und korrigierend ein.

„Lasst es uns gemeinsam üben“, sagte der Guru und kommandierte mit wohltemperierter, ruhiger Stimme: „Tief einatmen, dem Atem nachspüren, ihn im Körper fühlen, und jetzt ausatmen, und wieder tief einatmen – wir merken, wie wir von unserem Atem getragen werden …“ Wohlgemut merkte es nicht, gab daher auf und verzichtete auf den Rest der Veranstaltung.

„Ex oriente lux“ – Licht und Erleuchtung kommt aus Osten, erinnerte sich Wohlgemut als alter Lateiner. Also warum nicht gleich sich an die Meister der hinduistischen und buddhistischen Lehre wenden, statt sich mit ihren europäischen Imitaten abzugeben. Gedacht, getan. Wohltat suchte im Internet hinduistische Gurus auf, von denen es eine Menge gab. Auch sie hatten meist langes, wallendes Haar, trugen farbenträchtige Gewänder und saßen im Lotussitz vor – wenigstens im  Internet – prunkvoll gestaltetem Hintergrund. Wohlgemut musste gestehen, dass er nicht frei von Ressentiments gegen sie war.

Das kam daher, dass er über das Leben der Mutter Teresa gelesen hatte, die in Kalkutta dafür arbeitete, die Not der Ärmsten der Armen zu lindern. Diese Armen gibt es aber nicht nur in Kalkutta, sondern in ganz Indien. Und warum? Weil sie das Pech haben, in der untersten Kaste geboren zu sein. Nach indischem religiösem Glauben ist die Gesellschaft hierarchisch in fünf Schichten, genannt Kasten, gegliedert. Nun gibt es auch in westlichen Ländern unterschiedliche gesellschaftliche Schichten. Aber mit Glück, Fleiß und Intelligenz kann man aufsteigen, falls man zu einer unteren Schicht gehört. Nicht so in Indien. Kaste ist Schicksal und kann nach religiösem Glauben nie und unter keinen Umständen verlassen werden. Der Angehörige der untersten Kaste, der auf der Straße lebende Paria, der Unberührbare ist der Diktatur des Schicksals unterworfen und lebenslang ein Paria.

Nachdem Wohlgemut sich das so drastisch vor Augen geführt hatte, stand für ihn fest: Von einem indischen Guru wollte er nichts über Meditation hören. Wenn es diesen Erleuchteten nach Jahrhunderte langer Meditation nicht gelungen ist, zu erkennen, dass das Kastensystem den Gipfel an Unmenschlichkeit verkörpert, dann sträubt sich alles in Wohlgemut, irgendeine Weisheit von einem solchen Weisen anzunehmen.

Bleibt also nur noch Buddha, der, wenn auch nicht Gott, aber dennoch ein Heiliger ist und sozusagen der Urvater aller Gurus. Wohlgemut erhofft sich von ihm, den Weg zu einem erfüllteren, vielleicht sogar glückseligen Leben zu finden. Der Buddha, wie ihn Wohlgemut von den beliebten Buddha-Statuen her kennt, ist ein Mann mit Glatze und dickem Bauch, mit fröhlichem lachendem Gesicht. Es besteht kein Zweifel: Der Mann ist mit sich und der Welt zufrieden, er hat letzte Glückseligkeit erreicht. Nun ist dieser Buddha ja mehr eine mythische Gestalt. Umso dankbarer ist Wohlfahrt, dass es eine lebende Variante des Buddha gibt: den Dalai Lama, der aus Tibet stammt.

Seine Heiligkeit, so lässt er sich nennen, reist gern um die Welt und besuchte auch Deutschland, so dass Wohlgemut ihn im Fernsehen kennenlernen konnte. Wohlgemut wusste zunächst nicht recht, was er von ihm halten sollte. Der Dalai Lama, schon ein älterer Herr, im typischen orange-roten Gewand buddhistischer Mönche war lächelnd unterwegs. Wo immer er auftrat, bei Empfängen oder Interviews – immer lächelte er  und kicherte. Egal welche Frage ihm gestellt wurde – er kicherte die Antwort. Selbst ernste Fragen beantwortet er kichernd. Der Verdacht lag nahe, dass seine Heiligkeit vielleicht dement war. Aber dann dämmerte es Wohlgemut. Das war nicht Demenz, das war vielleicht Ausdruck einer Abgeklärtheit, die sich von weltlichen Ereignissen nicht mehr erschüttern ließ, die das menschliche Leben lächelnd an sich vorüberziehen lässt, weil es dem Menschen gelungen ist, dank Meditation dem Schmerz und dem Leiden die schreckliche Wirklichkeit zu nehmen.

Seine Heiligkeit traf sich in den USA mit Deepak Chopra, einem aus Indien stammenden Meditationsexperten. Chopra hat  mit einer  Unzahl von Büchern den Markt überschwemmt, eines esotherischer als das andere. Sie haben ihm nicht nur Milliarden eingebracht, sondern auch den satirischen Nobelpreis für Physik, weil er in seinem Versuch, östliche Weisheit und westliches Wissen zu vereinen, gern von Erkenntnissen der Quantenphysik Gebrauch gemacht hat. Chopra und der Dalai Lama  haben bei ihrer Begegnung tatsächlich mehrmals ihre Nasen aneinander gerieben, um wohl damit  vergnüglich und humoristisch ihre Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen.

Beneidenswert, diese Abgeklärtheit bei Männern, die sich doch bei aller Weisheit, ihre Kindlichkeit bewahrt hatten, dachte Wohlgemut. Er hoffte nun endlich, im Dalai Lama seinen Großmeister gefunden zu haben, der ihm den Weg zu einem erfüllten, gelassenen, glücklichen Leben führen würde. Doch dann stieß Wohlgemut, von dem wir schon wissen, dass er ein eifriger Zeitungsleser ist, in seiner Zeitung auf einen unglaublichen Bericht, der Wohlgemuts Absichten ein radikales Ende bereitete.

Manuel Bauer, der langjährige offizielle Fotograf des Dalai Lamas hat einen behinderten Sohn, der nicht gehen und nicht sprechen kann. Der Dalai Lama wollte den Vater, der seinen Sohn aufopfernd pflegt, trösten.  Er versuchte dies, wie es seiner Rolle entspricht, mit einer buddhistischen Idee. Der Buddhismus kennt zwar keinen Schöpfergott, hat sich aber über die Jahrhunderte zu einem Glaubenssystem entwickelt, in dem das Konzept des „Karma“ eine große Rolle spielt. Karma besagt, dass jede Handlung des Menschen Folgen hat, je nach Handlung gute oder schlechte Folgen. Diese Folgen können sogar in einem künftigen Leben eintreten. Buddhisten glauben nämlich an Reinkarnation, an „Samsara“,  den Kreislauf der Wiedergeburten. Dieses Konzept des Karma benutzte nun der Dalai Lama, um seinem Fotografen eine sinnvolle Erklärung für die schreckliche Behinderung seines Sohnes zu geben. Eltern von behinderten Kindern hätten möglicherweise in einem früheren Leben ein Kind getötet und müssten nun in diesem Leben im Sinn der karmischen Folge ein krankes Kind pflegen.

Der Bericht sagte nichts darüber, wie Bauer diese Erklärung aufgenommen hat. Wohlgemut fühlte sich schockiert von ihr. Er fand das Prinzip des Karma psychologisch unmenschlich. Nicht nur werden Eltern für potentielle Mörder gehalten, auch  das kranke Kind wird angeklagt, in einem früheren Leben Schlimmes getan zu haben. Nicht nur unmenschlich ist das Karma-Konzept – es ist auch sinnlos. Zwar scheint es nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung eine ausgleichende Gerechtigkeit herzustellen, indem es gute Taten belohnt und böse bestraft. Aber Wohlgemut ließ sich nicht durch buddhistische Spitzfindigkeiten einschüchtern. Welchen Sinn macht es denn, jemanden zu bestrafen, der kein Schuldbewusstsein haben kann, weil er sich nicht an sein früheres Leben und seine Handlungen erinnert? Soll Seine Heiligkeit der Dalai Lama trotz unendlich vieler Meditationen dennoch an die Sinnhaftigkeit von Karma glauben –  bitte schön, aber er, Wohlgemut konnte es nicht.

Langsam wurde Wohlgemut seiner Suche nach wirksamer Meditation müde. Da entdeckte er ein Video, in dem ihm ein seriös wirkender Herr versprach, mit Hilfe einer nur fünfminütigen Meditation vor dem Zubettgehen in einen tiefen, gesunden Schlaf zu fallen. Gut, dachte Wohlgemut, für eine gute Nachtruhe opfere ich gern fünf Minuten, zumal Dr. Wayne Dyer, der Herr, der mich anleiten wird ein professioneller Psychotherapeut ist, also aller Wahrscheinlichkeit kein Scharlatan.

Der erste Ratschlag Dyers klang durchaus sinnvoll: Programmiere dein Unterbewusstsein. Dann  empfiehlt er weiter: „Schließe deine Augen, sage dir, ich bin reiner Geist, der ich schon immer war und auch immer sein werde. In mir gibt es einen Raum für Vertrauen und Ruhe und Sicherheit, wo alle Dinge bekannt sind und verstanden werden. Das ist der universale Geist Gottes, von dem ich ein Teil bin, der mir antwortet, wenn ich frage. Dieser universale Geist  kennt die Antworten für alle meine Probleme, und die Antworten strömen mir zu, ich muss nicht mühsam nach ihnen suchen.“ Soweit war Wohlgemut geneigt, Dyer zu folgen, obwohl er sich des inneren Raums, in dem angeblich alle Dinge verstanden werden, nicht so sicher war. Aber Dyers Befehlen konnte Wohlgemut bei bestem Willen nicht folgen: „Sage dir, ich bin glücklich, ich bin erfolgreich, ich bin wohlhabend, ich bin Gott, ich bin Gott, ich bin Gott – weil jeder von uns im Grunde Gott ist.“ Wohlgemut erkannte, dass Meditation für Dyer nichts anderes war, als eine Anleitung für angehende Geschäftsleute, Erfolg zu erzeugen. Dass dazu sogar der Name Gottes missbraucht wurde, ist die eine Sache, und man könnte sie Blasphemie nennen. Die andere Sache ist, dass es Ausdruck von einem Riesengrößenwahn wäre, sich einzureden, dass man selber Gott wäre.

Seine Suche nach  Methoden der meditativen Selbstfindung hat Wohlgemut zu der Erkenntnis gebracht, dass vieles, was sich auf dem modernen Markt der esotherischen Weltanschauungen tummelt, auf Selbstbetrug und Schwindel beruht.  Er nahm sich vor, künftig bei zwei Männern Rat zu holen, deren Ratschläge betreffs Meditation allerdings sehr altmodisch sind. Es sind dies der Mann aus Galiläa, der Beten als Methode empfiehlt oder der Franzose, der im 17. Jahrhundert das aus Zweifel geborene klare Denken als Weg zur Selbstfindung vorschlug.

Undeutsche Klos, deutsche Kulturbeutel und ostdeutsche Kulturchristen

Kolumne

    Er hieß zwar Wohlgemut, fühlte sich aber nicht so. Die öffentliche Diskussion in Deutschland über das Thema Leitkultur ließ ihn nachts nicht mehr schlafen. Die Einführung einer Hocktoilette in einem Kölner Bürgerzentrum genügte, die Empörungsmaschinerie wieder einmal in Gang zu setzen. Das Hockklo entspräche nicht deutscher Tradition, sei  absolut undeutsch und ein Zeichen der wachsenden Islamisierung, so die Verteidiger deutscher Leitkultur. Dass der traditionelle deutsche Flachspüler schon seit Jahren durch den amerikanischen Tiefspüler ersetzt worden war, wurde aus olfaktorischen Wahrnehmungsgründen vom deutschen Bürger begrüßt. Wie so viele amerikanische Dinge des alltäglichen Lebens  widerstandslos in die deutsche Leitkultur aufgenommen wurden, so auch der Tiefspüler. Der Deutsche fühlte sich dadurch nicht in seiner Kultur bedroht. Aber ein Hockklo – nein, dagegen sträubt sich alles im kulturbewussten Deutschen.

   Wohlgemut fand, dass die Politiker dem Thema nicht gewachsen waren. Deswegen wollte er als loyaler Bürger seinen Beitrag leisten, um die Diskussion über Migranten und deutsche Leitkultur um einige Aspekte zu bereichern. Zu diesem Zweck begann er Briefe zu schicken an alle Politiker, die sich öffentlich zu dem Thema äußerten. Diese Briefe veröffentlichte er außerdem noch auf Facebook, in der Hoffnung, Gesinnungsgenossen zu gewinnen.

    Einleitend wollte Wohlgemut einen positiven Vorschlag machen, dessen Realisierung so unkompliziert war, dass er sich wunderte, dass noch niemand auf die Idee gekommen war, nicht einmal die, die so leidenschaftlich für eine deutsche Leitkultur werben und von Migranten erwarten, dass sie die übernehmen. Wohlgemut erinnerte sich an die Lehre der Werbepsychologie: Kleine Geschenke machen den Kunden geneigt zu tun, was man von ihm erwartet. Die Frage, was man den Migranten als Willkommensgeschenk, das sie für die deutsche Kultur einnehmen könnte, überreichen könnte, liegt auf der Hand. Was ist deutscher als der deutsche Kulturbeutel? Für den Deutschen ist das nicht einfach eine Tasche für Waschsachen und Kosmetika – nein, es ist ein Kulturbeutel, ein Beutel, der für den deutschen Bürger Kultur repräsentiert. Also, schlug Wohlgemut vor, überreiche man jedem Migranten oder jeder Migrantin beim Empfang einen deutschen Kulturbeutel. Als Inhalt für den Kulturbeutel eignen sich im Hinblick auf die spezifische Situation der Migranten vor allem ein Rasierapparat und ein Deostift. Der Rasierapparat würde den muslimischen Männern dazu dienen, diese riesigen schwarzen Bärte abzurasieren und sich so dem deutschen  Standardgesicht anzunähern. Da man weiß, in welch beengten Verhältnissen Migranten leben müssen und wie sich die Frauen kleiden, darf man annehmen, dass ein Deostift auch gern angenommen wird.

    Was aber soll geschehen mit Migranten, die noch gar nicht da sind, die erst nach Deutschland rein wollen? Auch das fragte sich Wohlgemut, und tat sich sehr schwer, eine Antwort zu finden. Der amerikanische Präsident machte es sich leicht. Er wollte Muslime einfach nicht in die USA einreisen lassen, weil sie Terror brächten und Leib und Leben der Amerikaner gefährden würden.

    In Deutschland sind es Pegida und die AfD,  die ebenfalls keine Ausländer ins Land lassen wollen, allerdings mit einer etwas anderen Begründung. Zwar sehen auch sie die Gefahr der Kriminalität, die von diesen Menschen ausgehen würde, aber am allergrößten ist ihre Sorge, dass diese Migranten aus muslimischen Ländern das christliche Abendland islamisieren und damit zerstören würden. Wohlgemut fand diese Sorge übertrieben. Die Migranten würden ja eine Minderheit im christlichen Abendland, das hier von Deutschland vertreten wird, darstellen. Also wäre doch logischerweise die Möglichkeit, dass nicht Deutschland islamisiert wird, sondern die Muslime christianisiert werden, viel größer. Komisch, dass niemand daran dachte!

    Ein Verdacht keimte in Wohlgemut auf: Sollten  diese abendländischen Christen, nicht wirkliche Christen sein? Einer der wichtigsten Sprecher der AfD ist Alexander Gauland, der von sich selbst sagte, er sei „nicht gläubig“, er sei „Kulturchrist“. Als Wohlgemut das hörte, schwirrten ihm mehrere Gedanken im Kopf: Gaulands christlicher Glaube ist ihm nicht durch muslimische Subversion zerstört worden, sondern muss ihm auf andere Art abhandengekommen sein. Ein wirklicher Christ, der sich durch seinen Glauben an Jesus definiert, ist Gauland also nicht. Deswegen nennt er sich einen „Kulturchristen“. Er ist jemand, der sich zwar vom Inhalt des Christentums verabschiedet hat, doch die Kultur des Christentums für sich reklamiert. Aber welchen Kulturbegriff hat der Mann? fragte sich Wohlgemut. Seine christliche Kultur ist doch ohne christlichen Glauben  sinnentleert. Wohlgemut fiel es wie Schuppen von den Augen: Gaulands Kultur besteht aus traditionellen christlichen Versatzstücken, antiquierten sinnlosen Riten und überkommenen Verhaltensweisen. Diese Kultur ist nichts anderes als Theaterkulisse. Wohlgemut dämmert es jetzt: Nicht nur Gauland agiert vor dieser Kulisse, sondern die Mehrheit all jener, die das christliche Abendland und seine Kultur beschützen wollen. Was sind sie doch alle für Heuchler, dachte Wohlgemut.          

   Wer aber beschreibt das Erstaunen, nein den Schock,  den Wohlgemut erlitt, als er im Fernsehen einen Bericht über Religion in Ostdeutschland sah. Eine Studie ergab: 52 Prozent der Ostdeutschen sind bekennende Atheisten, und in den Zeitungen las Wohlgemut, dass Ostdeutschland die „gottloseste Region der Welt“ ist – so die tatsächliche Formulierung.. „Kein Wunder“, dachte Wohlgemut zunächst, „ein halbes Jahrhundert Kommunismus hinterlässt eben seine Spuren.“ Aber dann fiel ihm ein, dass Polen und Russland ebenfalls unter dem Kommunismus gelebt haben, und dort die Religion dennoch immer noch ziemlich lebendig ist. Also muss es für die für die ostdeutschen Brüder und Schwestern andere Gründe für ihre Gottlosigkeit geben, vermutete er.

    Verstehen konnte er jedoch jetzt, dass die im Osten dominierende Pegida und AfD keine Muslime ins Land lassen  und die Grenze, wenn nötig, sogar mit Waffengewalt verteidigen wollten. Dass diese gottlosen Atheisten das christliche Abendland schützen wollen, ist doch die pure Heuchelei. Allerdings Recht haben sie auf eine verquere Weise, wenn sie sagen, diese Muslime sind nicht integrationsfähig. Wie sollten die sich als gottgläubige Menschen in eine atheistische Gesellschaft wirklich integrieren können? Zwar sind sie keine Christen. Aber was sie mit Christen immerhin gemeinsam haben, ist der Glaube an einen Gott. Für die ostdeutschen Atheisten wären sie allerdings eine ständige Provokation.  Gauland und Genossen glauben offensichtlich, dass Religion und Kultur nichts miteinander zu tun hätten und Ausländer sich deswegen auch in eine Kultur einleben könnten, die keinen  Sinn mehr hat. Wohlgemut hätte Gauland gern gefragt, ob 2000 Jahre abendländischer Atheismus dieselbe Kultur erzeugt hätten wie 2000 Jahre Christentum. Warum nennt er sich nicht Kulturatheist?

    Sie sind schon ein ganz besondere Völkchen, diese Ostdeutschen., dachte Wohlgemut. „Halt“, rief er sich zur Ordnung, vergiss nicht, sie sind doch Deutsche, sind Brüder und Schwestern, wie wir sie früher, vor der Vereinigung, genannt haben.“ Wohlgemut versuchte sich zu erinnern. Wie war das eigentlich damals bei der Vereinigung? Die  DDR als System wurde abgeschafft und Ostdeutschland wurde in die Bundesrepublik übernommen. Hatte man damals die Frage gestellt, die man heute im Hinblick auf Migranten stellt: Sind diese Ostdeutschen überhaupt integrationsfähig? Eine demokratische Kultur, wie man sie im Westen mühselig  jahrzehntelang mit amerikanischer Hilfe gelernt hatte, war denen im Osten doch vollkommen fremd. Wie man jetzt weiß, kommt noch hinzu, dass auch das Verhältnis zur Religion im Osten ein ganz anderes ist als im Westen. Wenn man damals die Maßstäbe von Pegida und AfD angelegt hätte, hätte die Trennung der beiden Teile Deutschlands unbedingt beibehalten werden müssen.

    Eine vom Fernsehen berichtete kleine Episode ließ Wohlgemut die Unvereinbarkeit der kulturellen und religiösen Vorstellungen von West und Ost klar erkennen: In der DDR wurden überflüssig gewordene Kirchen umfunktioniert. Eine Touristengruppe aus Bayern war aufs Tiefste schockiert, als sie erfuhr, dass das Restaurant, zu dem sie gefahren wurden, eine ehemalige Kirche war. Die Blasphemie wurde als schlimmer empfunden als wenn eine Kirche zur Moschee umgebaut worden wäre. Denn dann hätte sie immerhin  noch ihre alte Funktion behalten, nämlich Haus eines Gottesdienstes zu sein. Wohlgemut musste zugeben, dass er auch von Kirchen in Westdeutschland gehört hatte, die ebenfalls ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet wurden, und er fragte sich, ob das nicht schon vielleicht Zeichen der Unterwanderung durch östliche säkulare Wertvorstellungen sei, dass also die Zersetzung der BRD durch ostdeutsche Einflussnahme schon begonnen habe.

    Wohlgemut war weder Psychologe noch Historiker. Er war Rheinländer. Als solcher erinnerte er sich an einen anderen Rheinländer, an den ersten Kanzler der Bundesrepublik, an Konrad Adenauer. Von ihm behaupteten einige seiner Kritiker, dass er nicht sehr unter der Teilung Deutschlands  gelitten habe, und dass er nicht genügend getan habe, sie zu beseitigen. In der Tat sah Adenauer einen Unterschied, eine Andersartigkeit der Mentalitäten,  zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands. Er fühlte sich dem Westen zugehörig. Der Osten war eine fremde Region für ihn. Wenn er als Kölner Oberbürgermeister ins preußische Berlin  reisen musste, zog er, sobald der Zug über die Elbe fuhr, die  Vorhänge zu, damit er „die asiatische Steppe“ nicht sehen musste. Und noch 1949 sagte er, dass „am Rhein die Menschen schon mit Frankreich ein kulturelles Erbe gehütet hätten, während im östlichen Deutschland noch Menschenopfer dargebracht worden wären“.

    Wohlgemut wusste natürlich, dass Adenauer das nicht wörtlich meinte. Aber er verstand sehr wohl, dass in dem Adenauer-Humor eine westliche Mentalität zum Ausdruck kam, die dem Osten als etwas Fremdem gegenüberstand. Vielleicht gilt das auch noch heute. Adenauer hatte humorvoll, also versöhnlich, die Kluft zwischen West und Ost beschrieben. Wohlgemut erinnerte sich, dass er als Schüler im Geschichtsunterricht etwas über Westfranken und Ost-Elbier gehört hatte,  und über die Elbe als Grenzfluss, der das römische Reich mit seiner Hochkultur  von den unzivilisierten Slawen trennte. Seine Geschichtskenntnisse  ließen Wohlgemut im Stich.  Aber die Vermutung wuchs in ihm, dass viele Eigenschaften und Merkmale, die den Ostdeutschen zugeschrieben werden, sehr alte Wurzeln in der Geschichte haben könnten.

    Wohlgemut musste einsehen, dass eine einfache Idee  – wie die mit dem deutschen Kulturbeutel  – diese uralten Probleme nicht lösen könnte. Daher sah er schwarz für Deutschlands Zukunft. Kurz entschlossen wanderte er nach Australien aus, wo man all diese Probleme nicht hat.