Amos kehrt zurück

„Wer diskutiert weiß nicht was er will“

Das Piratenschaf hatte es sich im Mastkorb der „Cara Mia“ bequem gemacht und spähte das Meer nach Schiffen ab. Es hatte seine schwarze Augenklappe etwas hochgeschoben, weil sie die freie Sicht doch etwas behinderte. Hornblewer, der Piratenkapitän mit dem Schleppsäbel am breiten Gurt, hatte einen neuen Kurs ausgegeben. Demnach sollte zunächst Emden angelaufen werden. Später sollte der Segler bei auflaufender Flut die Ems stromaufwärts bis nach Leer entweder per Windkraft oder Treidelschlepp gelangen und im Leeraner Hafenbecken festmachen. Leer, so wusste man auf dem Piratenschiff, ist eine Teestadt. Die „Cara Mia“ hatte 14 Kisten Darjeeling-Tee geladen, die man mit erheblichem Gewinn verkaufen wollte. In der letzten Mannschaftssitzung vor einigen Tagen hatte ein Neuanstrich des Schiffes auf der Tagesordnung gestanden. Der langsam abblätternde schwarze Anstrich war nicht mehr zeitgemäß, und es waren tolle Vorschläge aus den Reihen der Piraten gekommen.
„Schwarz macht den Leuten Angst“, hatte der Segelmacher Louis in die hitzige Debatte eingebracht. Der krummbeinige Pirat mit der flammend roten Narbe über seinem linken Jochbein galt in der Mannschaft als besonders fortschrittlich – fast progressiv. Wenn er ein Segel flickte, so gerieten die Flicken immer zu mehr oder weniger großen Herzen. So bestand das Großsegel am Vorschotmast eigentlich nur noch aus lauter weißen Herzen, die sich vor dem ockerfarbenen Segeltuch deutlich abhoben. In jedes Herz stickte Lois seine Initialen ein: L.B. Das stand für Louis Belsace.

Der gelernte Segelmacher hatte einst an einem Patchwork-Kurs in Frankreich teilgenommen, einer besonderen Form der Flickenschneiderei, bevor er sich für die Piratenlaufbahn entschieden hatte.

Ibrahim, der immer finster dreinblickende 1. Kanonier des Schiffes, hatte seinen schwarzen Wuschelkopf geschüttelt und sich dagegen ausgespro-
chen: „Da halte ich nicht viel von“, hatte er gemault, „wir verlieren an Ansehen und Gefährlichkeit. Ich bin weiterhin für schwarz!“.
Er kam sich ohnehin ziemlich überflüssig vor, denn er konnte sich nicht daran erinnern, dass auch nur eine seiner ständig blank geputzten Kanonenkugeln gegen ein anderes Schiff zum Einsatz gekommen wäre.
Wenn geschossen wurde, dann nur Salut, weil das 3/4 Vollschiff über kein Nebelhorn verfügte, mit dem man vorbeifahrenden Schiffen einen tüchtigen Schrecken einjagen konnte.
Der Proviantmeister und Schiffskoch, Vanbrat, hatte sich für rote, gelbe und blaue Punkte auf weißem Grund entschieden. Er sah während der Überfahrten das Schiff ohnehin nur von innen, musste ständig mit Töpfen und Pfannen hantieren und hatte schon mehrmals darüber geklagt, dass ihm niemand beim Kartoffelschälen helfen wollte.
Kartoffelschälen ist  für einen Piraten undenkbar! Der Käpten musste sich jedesmal etwas ausdenken, um zwei, drei Leute abzustellen, die dem Koch bei Verrichtungen in der Kombüse behilflich waren.

Zum Beispiel ließ er die Mannschaft antreten und führte eine „Kleiderinspektion“ durch. Wem ein, zwei oder drei Knöpfe an Jacke, Hemd oder Hose fehlten, hatte sich für mehrere Tage für den Küchendienst qualifiziert, entsprechend der fehlenden Knöpfe.
Ein anderes Mal hatte er gesagt: „Mal herhören, wer als erster „hier“ schreit, der….“ Weiter kam er nicht. Drei der Piraten hatten sofort „hier“ gebrüllt in der Erwartung, es gäbe eine Sonderration Rum. Doch der raffinierte Käpten beendete seinen angefangenen Satz mit: „Der hilft dem Koch beim Kartoffelschälen“.  Schon hatte er drei Rufer beim Wickel.

„Der Käpten ist ganz schön ausgebufft“, gab sich einer der „Freiwilligen“ geschlagen“. Die beiden anderen stimmten ihm zu: „Dem kommen wir nicht bei, deshalb ist er ja auch unser Boss!“

Rückblende

Der Versammlungsleiter-es handelte sich selbtverständlich um Käpten Hornblewer- klingelte mit einem Glöckchen.“Ruhe im Kabarett!“, rief er
laut. Er meinte natürlich „Kabinett“, aber das fiel gar nicht weiter auf. Das Stimmengewirr verebbte: „Wer ist noch für rote, gelbe und blaue Punkte auf weißem Grund?“ Mit diesen Worten hob er selbst schon einmal die rechte Hand und blickte in die Runde. Der Segelmacher hob ebenfalls die rechte Hand und der Proviantmeister natürlich, kam doch der Vorschlag von ihm.
„Na, was ist?“, rief Hornblewer,“oder muss ich Euch das erst noch einmal erklären?“
Nun wollte keiner der Anwesenden zugeben, dass man ihm einen feststehenden Sachverhalt erst noch erklären muss, und so hoben die restlichen Stimmberechtigten zögerlich nach und nach die Hände zur Zustimmung.
„Einstimmig angenommen“, säuselte Hornblewer milde,“ ich wusste doch, dass ich es hier mit intelligenten Köpfen zu tun habe“, lobte er seine Mannschaft. Und somit war es beschlossen.

„Ende der Sitzung nach 10 Glasen“, notierte er als Schriftführer in sein Sitzungsprotokoll. Zehn Glasen? Damit war wohl weniger die Uhrzeit gemeint als die Menge an Rum, die während der Sitzung durch die Kehlen der lieben Piraten geflossen  war. Für den Ort des Geschehens fügte er hinzu:“Cara-Mia, 54Grad 7 Minuten Nord , 0 Grad 22 Minuten West.“
Wer es nicht glaubt, schaue auf dem Globus nach und wird überrascht sein!

„Schiff Steuerbord voraus“, rief Amos, das Piratenschaf, vom Mastkorb hinunter und blökte einige Male aufgeregt: „Ein rotes Teufelsding hüpft da auf uns zu!“
Hornblewer spähte durch sein messingfarbenes Fernrohr. „Verflixt und zugenäht“, rief er und zog sein Teleskop noch dichter an die Nase, „das sind ja zwei Schiffe in einem und ohne Segel!“
Gegen den Wind war dumpfes Grollen zu vernehmen, das mehr und mehr anschwoll! „Da hol mir doch einer die Großmutter aus dem Sack!“
Nun konnte es auch der Rudergänger mit bloßem Auge erkennen.
„Alle Mann unter Deck!“, befahl der Piratenkapitän seiner Mannschaft!

„Ich übernehme die Verhandlungen!“ Was er nicht wusste: das rote hüpfende Ding war ein Katamaran, der Fahrgäste zur Insel Helgoland verschiffte und abends wieder in den Heimathafen brachte. Das Schiff schaffte mit seinen tausenden von Pferdestärken locker 40 Knoten, selbst bei Wellengang und starkem Wind. Für den Piraten war es der Teufel höchst persönlich.
Der Rudergänger wollte sich auch verdrücken. „Du bleibst natürlich“! befahl Hornblewer, „wer steuert sonst das Schiff, kapiert?“ Aber das rote Unding, welches auf die „Cara Mia“ zuraste, machte gar keine Anstalten, beizudrehen. Auf dem Oberdeck öffnete sich eine Luke und das finstere Gesicht des 1. Kanoniers erschien in der Öffnung: „Eine Breitseite?“, rief er hoffnungsvoll zu seinem Kapitän herüber. „Alle Mann unter Deck!“ brüllte Hornblewer zum zweiten Male, „das gilt auch für Dich! Das Ding reitet der Teufel persönlich!“ Bevor er einen weiteren Fluch ausstoßen konnte, stob das rote Schiff mit den zwei Rümpfen auch schon in einer riesigen Gischtwolke unter infernalem Getöse steuerbords vorbei. Noch in der Vorbeifahrt ließ das „Teufelsding“ ein drohendes Tuten hören, dass es den alten, kampferprobten Piratenkapitän in den Pluderhosen schlottern ließ.
Aus dem Mastkorb ertönte ein kräftiges Bööööh und noch eins. Wenig später verschwand das rote Schiff achteraus, eine mächtige Heckspur aus verquirltem Wasser hinter sich her ziehend. Es sah aus, als wenn die See kochte. Der Lärm schwoll langsam ab. Hornblewer atmete hörbar aus.
„Na also“, dachte er ,“der Teufel kann uns gar nichts“! Sofort hatte sein Gemütszustand  „Oberwasser“. „Alle Mann an Deck“, schrie er, „hopp, hopp, hopp, ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf! Wo kein Eis liegt, darf gerannt werden!“
Als sich die Mannschaft auf dem Vordeck versammelt hatte, setzte Hornblewer zu einer seiner triumphschwangeren Reden an: „Seht ihr, Männer“, begann er in weltmännischer Selbstüberschätzung, „außer mir ist Amos, unser geliebtes Piratenschaf (Hormblewers Kuscheltierchen), so ziemlich das einzige Lebewesen an Bord, das die Situation richtig eingeschätzt hat“, und an den Kanonier gewandt mahnte er: „Du kannst den Teufel nicht erschießen, auch nicht mit einer Breitseite! Bevor du auch nur eine einzige Kugel aus dem Rohr hast, ist er dir aufs Kajütendach gesprungen und saust mit Dir in den Höllenschlund. Aber wenn du ihm die Stirn bietest und keine Furcht zeigst, dann wendet er sich ab. Ihr habt das alle gehört!“
Die Piraten begannen zu klatschen und ließen ihren Anführer hochleben: „Ein dreifach Hoch auf unseren Käpten!“, rief einer von ihnen. Hornblewer fühlte sich geschmeichelt: „Eine Sonderration Rum für alle“, rief er seinem Proviantmeister und Koch zu. Amos fragte aus seinem Mastkorb hinunter: „Für mich Kakao?“
Als Hornblewer zum Mast hochschaute, zwinkerte ihm Amos ein Auge zu.
Hornblewer schmunzelte:“Für dich wie immer Kakao!“
„Kurs Emden“, befahl er seinem Rudergänger und verschwand in seiner Kapitänskajüte, um auf der  entsprechenden Seekarte „ein Besteck“ zu nehmen.
„Aye, aye, Sire“, rief der Rudergänger, „Kurs Emden liegt an, sobald ich Gabel und Löffel kriege!“

Die Qual der Wahl

Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?

„In wenigen Wochen sind Bundestagswahlen!“ „Jo, Hermann, ick weit woll!“ „Un? Geihst wählen?“ Die kurze mundartgerechte Einführung gab seinem Kumpel Jupp die Gelegenheit, auf seine neueste Aktivität hinzuweisen: „Über das Internet wurde ich auf die Möglichkeit aufmerksam, dass engagierte Wähler Fragen an einen Wahlkreispolitiker/In ihrer Wahl stellen können. Das habe ich gemacht, denn Fragen zu stellen ist die aktive Politik des kleinen Mannes.“

„Wem hast du welche Frage gestellt?“ wollte Opa Hermann jetzt genau wissen. „Na ja, bei uns ist das Gitta Connemann“, meinte Jupp, „ob die nun omnipotent ist, kann ich nicht sagen, aber omnipresent ist sie auf jeden Fall, und immer mit Presse.“ „Und welche Frage hast du über dieses Portal an sie gestellt?“ „Ich habe geschrieben: „Liebe Gitta Connemann (CDU), sind Sie mir böse, wenn ich bei der kommenden Bundestagswahl Frau Wagenknecht wähle?“
„Und? Hat sie dir geantwortet?“ „Bis heute nicht. Aber das Moderatorenteam hat die Frage zugelassen, wie mir mein E-mail Programm flüsterte.“
„Fragen stellen, Fragen stellen“, echote Opa Hermann, „das ersetzt doch keinen Willensaustausch!“ „In Bezug auf wichtige Entscheidungen z. B. bei der Außenpolitik könnte das gewisse Rückschlüsse ergeben“, behauptete Jupp mit heftigem Kofnicken. „Auf die Frage, wie reagiert Ihre Partei auf die Tatsache, dass fünfundfünfzig Prozent der Deutschen die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland fordern?“ „Nee, nee, nee“, regte sich Opa Hermann auf, „das kannste doch nicht deine Wahlkreistante fragen, das musst du Frau Merkel fragen! Denn auch in einem Matriarchat wie Merkel, Von der Leyen und Co. gibt es immer eine Älteste, das solltest du stets im Hinterkopf behalten, wenn du sinnlose Fragen an die falschen Köpfe stellst.“ „Ich weiß gar nicht, was du gegen ein Matriarchat hast“, maulte Jupp, „es sind doch jetzt überall Frauen in wichtigen Positionen, die einzigen, die bis jetzt standhaft geblieben sind, sind der katholische Klerus und das Dreigestirn beim Kölner Karneval. „Ich finde Männer mit blonden langen Zöpfen total geil!“
„Und alte Säcke in Frauenkleidern aus Gardinenstoff, oder wer oder was?“ Opa Hermann kicherte in sich hinein. „Jetzt gehst du aber unter die Gürtellinie, altes Steigeisen!“ „Nee“, sagte Opa Hermann, „ich hab nix von Messdienern verlauten lassen! Häme kommt nicht aus meinem Mund!“ „Komm, komm, komm, alter Freund, etwas Selbstkritik wäre aber angebracht, ich drücke es jetzt mal vorsichtig aus: Häme ist dein zweiter Vorname.“ „Nee, das ist Satire“, behauptete Opa Hermann stur, „Häme ist, wenn ich zu einem katholischen Pfarrer sagen würde, dein Latein ist schlecht, wie kann man nur den Alkohol hervorheben in einer Predigt von wegen „spiritus sanctus?“
„Aber mal etwas Anderes, wie kommst du von Politik auf Katholizismus? Ich meine, den Zusammenhang mit Karneval verstehe ich ja noch.“ „Ja, habe ich das „C“ in die Union eingebracht? Das kommt garantiert aus Bayern, das ist bayerischer Import! Wie kann man eine unchristliche Partei mit einem Glaubensanspruch unterwandern?“ „Was meinst du konkret mit unchristlich?“ „Rüstungsteile, ganze Panzer nach Saudi-Arabien verkaufen, als wüsste niemand im Bundestag, dass die gerade dabei sind, den Jemen plattzumachen!“ „Jemen, Jemen, das sind doch die, welche noch Hände abhacken und steinigen!“ „Das ist dort juris prudens, eine gut fundamentierte alte Rechtsprechung!“ „Ooch komm!“ „Wer zweimal beim Klauen erwischt wird, der kann anschließend weder Messer noch Gabel halten!“ „Brauchst auch nicht unbedingt, hast du schon jemals bei Mc Donald gesehen, dass die Leute da mit Messer und Gabel essen?“

„Wo waren wir stehen geblieben?“ „Bei Frau Connemann! Wenn sie aus dem Urlaub aus Cornflakes zurück ist, wird sie meine Frage vorfinden!“ „Du meinst Cornwall?“ „Ist doch dasselbe, total koscher!“ „Au Backe, Jupp, deine Orthografiekenntnisse sind aber nicht berauschend!“ Und deine Geografiekenntnisse auch nicht!“ „Wie kommst du jetzt auf Geografie?“ „Na, bekannt nach dem Geodreieck, weißt schon, Mengenlehre!“

Opa Hermann „geht in medias res“

 

Wenn das Füllhorn zur Neige geht, bricht auch der Krug

 

Glutrot leuchtete die untergende Sonne durch das filigrane Zweigwerk der Trauerweide, formte auf der Ziegelwand der Kate ein bizarres Geflecht von irrisierenden Schatten, die im leichten Abendwind tanzten oder in einander verschmolzen, um sich jäh wieder zu trennen und kurz darauf erneut umeinanderzuwirbeln.

Opa Hermann betrachtete das kaleidoskopartige Farbenspiel mit Entzücken. „Es gibt doch noch Dinge auf diesem Erdenrund, die nichts kosten“, dachte er, „man braucht nur ein Auge dafür und Muße, um sie zu entdecken.“ Die schnelllebige Zeit hingegen hält die Menschen in Atem. Sie werden von Woche zu Woche gehetzt. Sie freuen sich bereits am Montag auf das kommende Wochende, gerade so, als sei die Zeit dazwischen abzuhaken, nicht gelebt – ja, nicht lebenswert. Fünf wichtige Zeiteinheiten pro Woche als „Streichergebnis“. Wem hat man es geopfert?  Der Satz :“ Er wird wie eine Sau durchs Dorf getrieben“ bekommt eine völlig neue Bedeutung, nur dass es kein Dorf ist, sondern die Zeit!
Was ist mit den anderen Menschen? Haben wir noch Zeit für unsere Mitmenschen, Nachbarn, Kollegen, Geschwister, Neffen, Onkel oder Tanten? Oder sind tatsächlich alle mit sich selbst dermaßen beschäftigt, dass beschwörende Unkenrufe durch die Netzwerke geistern, Twitter, youtube, oder facebook, um nur einige zu nennen. Denn Zeitverlust erzeugt Hektik, und fehlende Nähe zu anderen Menschen spiegelt sich im virtuellen Umfeld wieder. Du wirst aufgefordert, diesen oder jenen Beitrag „zu liken“oder : „Ich würde mich freuen, wenn Du diese Seite  mit einem „like“ versehen würdest.“ Was ist das? Brauchst du Zuwendung oder Anerkennung, oder bekommst du Geld dafür, wenn du deinem Auftaggeber Adressen vermittelst?

Wie gehen wir Menschen miteinander um? Kalenderblattartig werden dem Nutzer weise Sprüche vor Augen geführt, hunderte Male geteilt nach dem Motto:“Nimm mich wie ich bin oder geh mir aus den Augen!“ Oder: „Wer mich nur nach dem Äußeren beurteilt, wird meinen wahren Wert nicht erkennen“. Opa Hermann dachte bei sich: „Am liebsten würde ich dem Absender zurufen: Heul doch! Das Erdenrund ist vollgepfropft mit Egomanen und Egoisten!“
Menschen lernst du ohnehin erst  in schweren Notsituationen richtig kennen. Doch da sei der Herrgott vor, dass Montagmorgen die Regale bei LIDL oder ALDI leerstehen! Du kämst mit dem letzten Apfel nicht mehr gesund bei der Kasse an, bestenfalls in kleinen Häppchen. Wem nutzen angesichts solcher Ereignisse die wohlgemeinten Kalendersprüche aus der Hexenküche der psychologisierenden Schreiberlinge?

Opa Hermann hatte zu diesem Themenkomplex schon heiße Diskussionen mit seinem alten Zechenkumpel Jupp geführt. Jupp, der den alten Rentner und ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden ein über das andere Mal als „rote Socke“ bezeichnet hatte. „Wissen kannst du auf den Schulen beigebracht kriegen“, hatte Opa Hermann zu ihm gesagt, aber kaum eine soziale Bildung oder soziale Kompetenz, denn das sind Lehrinhalte, die eine gute Religion vermittelt oder eben das Elternhaus. Und auf die Politik bezogen hatte Opa Hermann gesagt: „Du brauchst keine Angst davor zu haben, dass in Deutschland die LINKE an die Regierung kommt, weil die meisten Menschen Angst davor haben, dass ihre Leberwurst verstaatlicht wird.“

An anderer Stelle hatte Opa Hermann geäußert, dass es doch geradezu pervers ist, wenn erlerntes know how in einem System konkurrenzlastig ausgelebt wird, anstatt eine solche Fachkompetenz zu bündeln und zu aller Nutzen zu verwenden. Jupp hatte dagegen gehalten: „Reichtum schreit nach mehr Gewinn! Hast du die Micky Maus nicht gelesen als du klein warst? Da stand es drin bei Dagobert Duck! Die Micky Maus war eine wahre Fundgrube sozialer Bestandsaufnahmen“. Und das Schönste war, man brauchte nicht viel zu lesen, denn alles war detailliert bebildert.“
Mittlerweile hatte Opa Hermann die dritte Flasche Bier geköpft. Der Gerstensaft hatte, auf diese Menge bezogen, eine beruhigende Wirkung. Das hing damit zusammen, dass schwierigen  Gedankenverflechtungen einer gewissen Trägheit zum Opfer fielen, was er als angenehm empfand.

Mittlerweile waren die Schatten länger geworden. Die zuckenden und quirlenden Lichtimpulse der untergehenden Sonne begannen zu verblassen. Der Wind hatte sich gelegt. „So fühlt sich Ruhe und Entspannung, ja Frieden an“, dachte der alte Mann, und er stellte sich eine letzte Frage an diesem Abend: „Hat die Schöpfung das für mich gemacht oder sollte ich das mit jemandem teilen, der das nicht zu schätzen weiß? Denn heute ist so ein Tag zwischen Montag und dem Wochenende.

Opa Hermann und die Gesetzgebung

„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“

 

Nun hatte der Sommer endlich mit voller Wucht Einzug gehalten. Die Menschen stöhnten unter der Hitze. Opa Hermann wunderte sich über die Bauarbeiter, die mit entbößtem Oberkörper auf den zahlreichen Baustellen im Ort werkten. In den Schulen gibt es schon mal hitzefrei, wenn das Thermometer über die dreißig Grad Celsius – Marke klettert. „Die Berufstätigen in Deutschland können davon nur träumen“, dachte Opa Hermann. „Wie kann man bei dem Wetter Straßen teeren oder auf Dächern arbeiten?“ Er selbst saß unter einem Pavillon am Gartenteich, hatte die Füße in einen Eimer Wasser getaucht und schaute den Libellen zu, die über die Wasserobefläche surrten. Ihre glitzernden Flügel reflektierten die Sonne, welche nahezu senkrecht auf die Erdoberfläche strahlte.
Just in diesem Moment, da sich der alte Herr wohligen Betrachtungen hingab, erschien sein alter Kumpel Jupp auf der Bildfläche. Opa Hermann warf seinen Kopf herum, denn er hatte leise raschelnde Schritte auf dem Rasen hinter sich vernommen. „Jupp, alter Geigerzähler“, rief ihm Opa Hermann zu, „schön, dass du vorbeischaust. Wo hast du deine Frau gelassen?“ „Burgel ist
beim Friseur“, antwortete sein Freund. „Ich wollte dir eigentlich beim Rasenmähen zugucken!“
„He he he“, lachte Opa Hermann meckernd, „wofür habe ich denn zwei Schafe eingestellt?“ Er meinte damit Amos, das Piratenschaf und dessen Linda, die dafür sorgten, dass die Grünbestände seines Anwesens überschaubar blieben.
„Ja, ja, du bist der perfekte Arbeitgeber“, spottete Jupp belustigt, „lässt andere für dich arbeiten und nennst das Ergebnis „überschaubar“. Das hätte ich von einer roten Socke nicht erwartet.“
Opa Hermann kniff ein Auge zu: „Glaubst du im Ernst, dass rote Socken nicht wüssten, wie die Wirtschaft funktioniert?“
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, da die lockere Konversation in eine tiefschürfende Diskussion abzugleiten drohte. Dafür war der alte Herr immer zu haben. Schließlich war er während seines langen Berufslebens Betriebsrat gewesen und hatte sogar den Vorsitz innegehabt.
„Du glaubst doch nicht, dass eine erfolgreiche Innen- und Außenpolitik  ohne Berücksichtigung wirtschaftlicher Interessen funktioniert? Ich behaupte sogar, dass  wirtschaftliche Interessen die Innen- und Außenpolitik maßgeblich beeinflussen!“
„Ja, ja“, versuchte Jupp zu beruhigen, „das weiß ich doch selbst! Wer Panzer nach Saudi Arabien verkauft, sorgt für Arbeitsplätze und schaufelt Geld! Dabei ist es scheißegal, wofür und gegen wen die Rüstungsgüter in der Folge eingesetzt werden. Von wegen, nicht in Spannungsgebiete liefern!“
„Richtig“,  stimmte ihm Opa Hermann zu, „Spannungsgebiete sind Auslegungssache. Außerdem
ändert sich die weltpolitische Lage zu jeder beginnenden Woche !“
„Da müssen die Lobbyisten Einfluss nehmen“, stichelte Jupp, „die sitzen im Bundestag auf den Rängen und merken sich, wer für ihre Interessen stimmt und wer dagegen argumentiert. Ent
sprechend werden die Parteispenden ausgelotet. Du als rote Socke bekämst keinen einzigen Cent zugesteckt.“
„Egentlich müssten die „Voyeure“ auf der Empore jedesmal einen Grund benennen, wenn sie auf den Rängen Platz haben wollen. Doch sie scheinen Dauerkarten zu besitzen.  Außerdem  müssten die Parteien ihre Zuwendungen aus den Reihen der Lobbyisten deklarieren, die Spender öffentlich machen.“ „Das ist den meisten Wählern doch egal, Hauptsache ist doch, dass am „prallen Leben“ partizipiert wird.“
Opa Hermann begann zu maulen: „Das ist doch eine Schande, wenn die Bonzen der Industrie direkt oder indirekt Einfluss auf die Legislative haben.“
„Direkt geht das nicht! Sie können gewissen Abgeordneten etwas zustecken, was  ihren Interessen entgegenkommt, aber fertige Gesetze dürfen sie , Gott sei es gedankt, nicht einbringen.“ „Weshalb das denn nicht?“ „Du als politisch wirksamer Betriebsrat müsstest eigentlich das Grundgesetz kennen, z.B. den Artikel 76!“ „Also, den habe ich jetzt nicht auf der Mattscheibe“, gab Opa Hermann zu, „was besagt der noch mal?“ „Der besagt, dass „Gesetzesvorlagen durch die Bundesregierung aus der Mitte des Bundestages oder durch den Bundesrat eingebracht werden“ und nicht von den Rängen auf der Empore.“ „Aber das kann man doch umgehen!“ „Nee, so bescheuert wird kein Lobbyist sein und einem von der Regierung einen fertigen Gesetzesentwurf zustecken. Der würde sich doch völlig in die Hand des Lobbyisten begeben. Was glaubst Du, wenn das rauskommt? Das gäbe einen Skandal, dagegen wäre Watergate eine Luftnummer! Also, wenn die Merkel das machen würde, bekäme sie sofort einen Misstrauensantrag ans Bein gebunden, oder wenn man ihr nachweisen könnte, dass sie davon gewusst hat.“

Opa Hermann dachte einen Moment nach. Dann sagte er: „Wenn ich drei Ballen Heu von der Wiese weg verkaufe, dann frage ich doch Linda und Amos nicht, in welche Ecke sie gekackt haben!“

 

 

Scharfe Schafe

von Gastautorin  Anja Es,  Malerin und Galeristin, Timmendorf

Nun war es bereits wieder Sommer und noch immer war es Amos nicht gelungen, Kontakt zu seinen Piraten-Freunden aufzunehmen. In ganz Ostfriesland hatte er Zettel ausgehängt mit selbst gemalten Bildern von seinen Freunden und dem Aufruf, man möge sich melden, falls man wisse, wohin es die Freunde verschlagen hätte.
Aber niemand hatte sich gemeldet. Amos hatte im Internet gesucht und in allen Zeitungen auf der Suche nach Meldungen über geenterte Schiffe, Piratenüberfälle und Räubereien nachgesehen. – Nichts. Es schien, als seien seine Freunde vom Erdboden verschluckt, oder schlimmer noch: Von der Wasseroberfläche verschwunden.
Vielleicht waren sie auch ins Bermuda-Dreieck gesegelt und dort auf mysteriöse Weise auf den Meeresgrund gesaugt worden, so wie hunderte von Schiffen vor ihnen?
Amos wusste es nicht und langsam gingen ihm die Ideen aus, wo er noch suchen sollte.
Mit hängendem Kopf schlurfte er die ostfriesischen Feldwege entlang und hin und wieder entwich ihm in seinem Kummer ein „Böööh!“

Auf einmal, inmitten feuchter Wiesen und matschiger Felder, antwortete ihm ein vielstimmiges „Bääähh! Bääähh!“ – Amos hob den Kopf und sah sich einer ganzen Herde Schafe gegenüber. – Zwar keine Piratenschafe, aber immerhin.
„Eeeey, was machst Du denn hier?“ määhten die Schafe und kamen näher.
„Ach, nichts,“ sagte Amos, „ich suche meine Freunde!“
„Außer uns gibt’s hier keine Schafe“, entgegneten die anderen und bildeten einen Halbkreis um Amos.
„Ich suche ja auch keine Schafe, sondern meine Freunde, die Piraten,“ sagte Amos, „ich bin nämlich ein Piratenschaf!“
„Ein WAS???“ klang es im Chor.
„Ein PIRATENSCHAF!“ rief Amos. „Seht ihr nicht meine Augenklappe? Das Auge habe ich im Kampf um die Bounty verloren, die haben wir mit Mann und Maus geentert!“
„So´n Quatsch!“ blökten die Schafe und „Spinner!“ und „Aufschneider!“ und „Angeber!“ – Schließlich trat der Anführer der Herde vor, ein kräftiger Bock mit breiter Stirn und dicken Locken: „ Piraaaatenschaf! Das ich nicht lache! Wie soll das denn gehen?“
„Das kann ich dir sagen,“ erwiderte Amos, „ich bin nämlich eigentlich als Verpflegung mit an Bord gekommen, aber immer wenn der Schiffskoch mich holen wollte, habe ich gekämpft wie ein Löwe und da haben sie gesehen, dass ich nicht nur schlau bin, weil ich den Braten gerochen habe, sondern auch mutig; und der Smutje meinte, ich sei ein richtiges Kampf-Schaf. Das fanden die anderen auch und beschlossen, mich nicht zu essen, sondern zum Piraten – Schaf zu machen. Ich hatte eine richtige Ausbildung, habe im Ausguck gesessen, Wurfanker geschmissen und mit dem Messer zwischen den Zähnen Schiffe geentert.“
„Glaub´ ich nicht!“ sagte der Anführer, der übrigens Schorsch hieß, und zog die Mundwinkel herunter. „Schaf bleibt Schaf und ein Schaf kämpft nicht.“
„Und warum nicht?“ fragte Amos
„Weil…. na, weil…. Na, weil das eben so ist und immer so war!“ sagten sie anderen und guckten sich fragend um, ob einer eine bessere Antwort hätte.
„Na, wenn das so ist,“ meinte Amos und zog die Augenbrauen hoch, „dann müsst ihr eben weiter friedlich bleiben und zusehen, wie die Menschen kommen und eure Lämmer von der Wiese holen.“
Jetzt ging ein großes Wehklagen durch die Schafsherde und ein „Ach!“ und „Weh!“ und Gejammer. „Was sollen wir denn machen?“ riefen die Mütter und „Dagegen sind wir doch machtlos!“ die Väter. „Erst kommen sie und sagen: „Ach, wie süß!“ und zwei Wochen später nehmen sie sie mit. Das ist jedes Jahr zu Ostern das Selbe!“
„Dann wehrt euch doch!“ rief Amos und schwang den Vorderhuf in der Luft.
„Ich könnte euch zeigen, wie man sich und seine Lämmer verteidigt.“
„Wirklich?“ erschall es aus der Schafherde.
„Ja! Wir üben und trainieren und am Ende sind wir stark genug, uns die Schlachter vom Leib zu halten. – Außerdem, überlegt mal: Wir sind fast hundert und die, die unseren Kindern an die Gurgel wollen, sind bloß zu dritt. Wir müssen strategisch vorgehen, dann kann uns keiner was anhaben. – Macht ihr mit?“
„Jaaaaa!“ blökten alle und waren voller neuer Hoffnung.

In den folgenden Wochen übte Amos mit seinen neuen Freunden den Widerstand.
Er zeigte den anderen, wie man mit der Stirn gegen einen Baum läuft, ohne bewusstlos zu werden, wie man dem Feind mit der eigenen Wolle die Luft abdrückt und wie man sich so in Schafscheiße wälzt, dass der Gegner vom Gestank ohnmächtig wird.
Nach der Einzelkämpfer-Ausbildung kam das Manöver dran. Zuerst kam das mit der Gruppen-Identität. Alle wurden aufgefordert, einen passenden Namen für die Herde zu finden und nach einigen Diskussionen einigte man sich auf „Scharfe Schafe“.
Amos zeigte den anderen, wie man als Herde blitzschnell einen engen Kreis um die Lämmer bildet und wie man dem Gegner die Köpfe entgegen streckt.
Sie übten auch „gefährlich gucken“ und „laut blöken“ und zum Schluss kam „Angriff“!
Das war das Schwierigste, denn damit hatten die Schafe überhaupt keine Erfahrung.
Aber als Amos ihnen erklärte, sie müssten gar keine Menschen angreifen, sondern bloß den Hund und den auch nur scheinbar, fanden alle Mut und waren dabei.
Der Hund war ein besonderes Problem, denn alle hatten Angst vor seinen scharfen Zähnen. „Hat er denn schon mal einen von euch gebissen?“ fragte Amos.
Alle grübelten und dachten nach aber keiner konnte sich erinnern, dass es jemals dazu gekommen ist.
„Seht ihr,“ sagte Amos, „der darf nämlich gar nicht beißen! Der soll nur die Zähne zeigen, damit ihr Angst kriegt! In Wirklichkeit ist der Hund auch bloß ein Schaf, jedenfalls vom Geist her, und macht, was der Mensch ihm sagt.“ erklärte Amos.
„Wenn wir aber nun so tun, als wollten wir IHN beißen, kriegt er Angst vor uns und zieht den Schwanz ein. – Ist alles ne Frage von Schauspielerei und wenn wir überzeugend auftreten, wird das auch funktionieren!“
Das konnten die anderen verstehen und blökten einvernehmlich.

Nachdem die Ausbildung abgeschlossen war, feierten alle ein großes Fest, und es wurde über dem Stall ein Schild mit der Aufschrift Scharfe Schafe aufgehängt.
Schon am nächsten Tag aber begann das regelmäßige Kraft- und Konditionstraining, denn bis Ostern war es nicht mehr lange und die ersten neuen Lämmer kamen schon zur Welt. Die wurden herzlich begrüßt und abgeschleckt und alle freuten sich.

Am Gründonnerstag wurde es aber ernst. Der große Transportwagen arbeitete sich durch den Matsch zur Wiese vor und der Hund wurde losgelassen, um die Schafe zusammenzutreiben. Jetzt hieß es, nicht die Nerven zu verlieren: Anstatt in Panik zu fliehen, sollte nun die andere Richtung, auf den Hund zu, eingeschlagen werden.
Und es klappte! Die ganze Herde raste auf den armen Hund zu, der erst völlig verdutzt war und danach in einem Affenzahn zurück zum Transporter lief, hinein sprang und auch nicht wieder heraus kam.
„Der wird gefeuert!“ riefen die Schafe und lachten sich halb tot, während die Menschen noch beratschlagten, wie sie nun ohne Hund die Schafe zusammentreiben sollten. Anscheinend wurde beschlossen, rund um die Herde einen Zaun zu ziehen und den immer enger zu ziehen, bis keins der Schafe sich mehr rühren konnte. Diesen Plan durchschauten aber die Schafe, die das Denken gelernt hatten, sofort und griffen jeden an, der es wagte, sich der Herde zu nähern. Diese Aufgabe hatten die stärksten Böcke, währen die Mütter einen festen Kreis um die Lämmer bildeten und gefährlich blökten.
Besonders die Nummer mit dem Schafscheiße- Gestank hatte große Wirkung und wenn die Dosis hoch genug war, konnte man sogar zwei Menschen auf einmal in Ohnmacht versetzen. Das war lustig!
So vergingen noch einige Stunden, in denen die Menschen verschiedene Tricks ausprobierten, aber Amos hatte seine Freunde so gut trainiert, dass an diesem Tag alle Versuche, an die Lämmer zu kommen, fehl schlugen.
Auch alle weiteren Anschläge der Menschen an den nächsten Tagen gingen voll in die Hose, und mit jedem neuen Kampf gewannen die Scharfen Schafe an Erfahrung und Mut.
Schließlich war Ostern vorbei und die Menschen gaben auf.
Was für ein Sieg! Das erste Mal in der Geschichte hatten Schafe für ihre Rechte gekämpft!
Sie hatten ihre Lämmer beschützt und die Meuchelmörder in die Flucht geschlagen. Das musste gefeiert werden! Amos, der sich auskannte, führte die Herde zu einer Wiese, auf der nur die allerbesten Kräuter und Gräser wuchsen und wo der Wind so durch die Bäume wehte, dass ein Flöten und Singen entstand. Man fraß, sang zum Wind und tanzte, und es wurde eine Menge neuer Lämmer gemacht. – Ein tolles Fest!
Als die Sonne hinter den Hügeln versank und die Wiese noch einmal in rotes Licht tauchte, kuschelte sich ein junge Schäfin an Amos und fragte besorgt: „Haben denn die Menschen jetzt nichts zu essen und müssen hungern?“ – Amos, der wohlig im Heu lag, hob den Kopf und sagte: „Aber nein! Die Menschen müssen kein Fleisch essen! Die können genauso gut Vegetarier werden wie wir und bleiben dabei sogar noch schön und schlank!“ Das beruhigte die Schäfin und sie strich sich eine Locke aus dem Gesicht. „Duhuu, Amos?“ wisperte sie, „willst du immer noch deine Piraten – Freunde suchen oder bleibst du noch eine Weile bei uns? – Ich meine, wir sind doch jetzt auch deine Freunde und einen wie dich…“ sie schnusselte Amos am Ohr und Amos fand plötzlich, dass sie ganz besonders gut duftete und auch schöne Augen hatte und überhaupt…

 

Opa Hermann und sein Albtraum

Links ist, wo die Socke auch rechts getragen werden kann

„Hast du heute nichts zu meckern, Opa Hermann?“ Das Piratenschaf schaute seinen Ziehvater von der Seite an. „Ich habe immer etwas zu beanstanden“, meinte der Angesprochene mürrisch.“ „Aber das ist kein Meckern. Ziegen meckern, Menschen üben Kritik. Außerdem bin ich ein Fan der Industrie!“ „Was ist denn „Industrie, Opa Hermann?“ „Na, wie soll ich das einem Piratenschaf erklären? Also in eurem Verständnis für das Wichtige im Leben, wären das – äh – na sagen wir mal 50 Heuballen, aus einer großen Weidefläche gemacht.“ „Hä?“, sagte das Piratenschaf,“ sind dann die Köttel auch Industrie, wenn die von einer ganzen Schafherde stammen?“ „Nee, meinte Opa Hermann, „das wäre mehr Heimarbeit – Handarbeit kann man dazu ja nicht sagen! Übrigens können wir uns heute gratulieren!“ „Gratulieren? Wozu?“ „Wir kommen jetzt ein ganzes Jahr in der Kolumne vor,“ sagte Opa Hermann nicht ohne Stolz. „Aber ich habe heute Nacht einen schlimmen Traum gehabt. Ohne weitere Nachfrage von Amos erzählte der alte Herr von seinem Albtraum:

„Ich träumte, dass ich in der Stadt Essen, in der ich sehr lange gewohnt hatte, in eine riesige Demonstration geraten bin. Da fuhr auf einmal ein Konvoi von schwarzen Limosinen genau vor das Gebäude der Industrie. Die Demonstranten jaulten und tobten und schmissen mit Gegenständen. Auf einmal öffnete sich eine Autotür und Helmut Kohl stieg aus. Der flüchtete aber nicht in das Gebäude, sondern nahm eine frontale Position zu den Demonstranten ein. Ich selbst stand zwischen denen und dem Altbundeskanzler. Ich ging zu Dr.Kohl hinüber und sagte „Guten Tag, Herr Kohl!“ Der erwiderte meinen Gruß und nannte mich bei meinem Nachnamen. Wir gaben uns die Hand. Ich konnte riechen, dass der Altbundeskanzler fürchterlich aus dem Mund gaste. Davon bin ich wach geworden. Ich habe dann über meinem Traum gegrübelt und mir gedacht, dass es kein Wunder ist, wenn jemand aus dem Mund riecht, wenn er schon seit anderthalb Wochen tot ist.“

„Das ist ziemlich heftig“, bekundete das Piratenschaf sein Mitgefühl. Wie kommt dieser Traum zustande, und was mag er bedeuten?“ „Das hängt bestimmt mit dem Gipfeltreffen in Hamburg zusammen“, versuchte Opa Hermann einen Erklärung, „und mit der bevorstehenden Bundestagswahl. Da macht ja die Vorsitzende der LINKEN mächtig Dampf im Bundestag. Auf Facebook und Twitter kommt man auf die Reden, die mitgeschnitten wurden.“ Jetzt wollte das Piratenschaf aber eine wichtige Frage loswerden. „Was sind denn die LINKEN, Opa Hermann?“ „Die machen das, was eigentlich die Sozialdemokraten in ihrem Programm haben sollten, aber die definieren sich gerade jetzt neu über die Ehe zwischen Lesben einerseits und zwischen Homosexuellen andererseits. Sie zwingen ihren Koalitionspartner quasi, dass sie dem zustimmen. Kommt das nicht zustande, droht der CDU/CSU Stimmenverlust. „Bööööa“, stieß Amos hervor,“du erklärst mir alles nicht richtig Was sind denn Lebsen?“

„Nicht Lebsen, Amos, Lesben, die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen ist gemeint!“ Kenne ich nicht“, rülpste Amos, denn er musste widerkäuen. Zwischen den Zähnen stieß er hervor: „Und das mit den LINKEN habe ich auch nicht verstanden“. „Also das ist so: Du kannst einen Socken auf den linken Fuß ziehen. Aber du kannst die selbe Socke auch rechts tragen. Weshalb? Weil zwei Socken gleich aussehen und sich auch in der Form gleichen.  Also kannst du die selbe Socke auch rechts tragen, zum Beispiel wenn in der linken Socke der dicke Onkel aus einem Loch guckt, dann wechselst du das Teil auf den rechten Fuß, so dass der dicke Zeh nicht mehr aus dem Loch schaut, sondern ein anderer Zeh, weil die großen Zehen an jedem Fuß auf der Innenseite liegen.“ „Hör auf, hör auf“, jammerte das Piratenschaf, “ ich bin ein Paarzeher und habe keinen dicken Onkel! Und Socken trage ich auch nicht!“ „Das ist eine Metapher, ein Gleichnis“, versuchte der alte Bergmann, ehemaliger Betriebsrat von Prosper II, eine Erklärung. „Die LINKEN können aus der Opposition heraus so manches deklarieren, weil sie ohnehin in der Minderheit sind. Zum Beispiel können sie ungeniert gegen eine Diätenerhöhung stimmen, weil sie keine Mehrheit dafür kriegen. Sie werden von den anderen Abgeordneten einfach überstimmt! Das wirft man ihnen vor! „Aber dann könnten die anderen Abgeordneten doch auch gegen eine Diätenerhöhung stimmen, dann wäre doch bewiesen, dass die LINKEN das ehrlich meinen,“ „Ja, ja, Amos, es gäbe einiges zu beweisen, was man in der Minderheit nicht kann, zum Beispiel dafür zu sorgen, dass jeder Bürger, der eine Zeit lang in Deutschland gelebt und gearbeitet hat, eine Mindestrente bezieht. Deutschland ist ein reiches Land, so heißt es, nur ein sehr großer Teil der Bevölkerung veramt immer mehr! Diese Behauptung, dass Deutschland ein reiches Land sei, wird dadurch widerlegt, wenn Menschen gewisser Einkommensgruppen einen Blick in ihre Portemonnaies werfen. Das ist genauso, als wenn ich sage: Der Mensch an sich ist reich – nur die Leute sind arm!“

 

„Und was ist mit dem Gipfeltreffen, Opa Hermann?“ „Ja, was soll ich dazu sagen? Das ist eine sehr teure Veranstaltung, bei der sich die Mächtigsten der 20 Industrienationen, oder die sich dafür halten, ihre Standpunkte um die Ohren hauen. Meine Favoriten sind auch darunter, Amos!“ „Deine Favoriten, Opa Hermann, du hast Favoriten außer dir selbst? Das mag ich kaum glauben!“ „Doch, doch, Amos“, meine Favoriten sind die Präsidenten, Erdogan und Trump. Die zeigen den anderen mal, was eine Harke ist!“ Opa Hermann drehte den Kopf zur Seite, so dass Amos nicht sehen konnte, dass der alte Herr ein zweideutiges Grinsen aufgesetzt hatte.

Verkehrte Welt

Du kannst schlagen wohin du willst, du triffst immer etwas

„Ogottogottogott!“ Opa Hermanns faltenzerfurchtes Gesicht sah aus wie der Grand Canyon. „Was ist los, Opa Hermann?“ fragte das Piratenschaf, „du rufst Deinen Schöpfer an!“ „Unseren Schöpfer!“ meinte der alte Herr, „er ist auch dein Schöpfer! Außerdem habe ich ihn nicht angerufen, sondern ausgerufen!“ „Das klang jetzt aber nicht besonders positiv“, meinte Amos. Der pensionierte Bergmann ließ die Zeitung sinken und pochte mit seiner rechten knochigen Hand auf die Tischplatte. „Jetzt fangen die Irren schon wieder mit der Wahlwerbung an“, hämmerte er die Worte im Takt auf die Tischplatte,“dabei haben sie die anstehenden Probleme noch nicht einmal ansatzweise in den Griff bekommen. Ich plädiere dafür, dass das Wahlalter auf sechs Jahre herabgesetzt wird!“
„Weshalb denn?“ Amos setzte sich die Augenklappe auf das andere Auge und blinzelte seinen Ziehvater durch das frei gewordene Auge an. „Ist doch logisch, Wollknäuel, dann brauchen sich die Werbestrategen nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, welche blöden Sprüche das Wahlvolk zermürben.“ „Sondern?“ „Es reicht, MAOAM, bunte Smarties und Gummibärchen unter die Wähler zu verteilen!“
„Ha ha ha ha ha!“ Amos hüpfte um „vier Ecken“ und machte Bocksprünge in der kleinen Wohnküche: „Das ist lustig, Opa Hermann, du hast immer gute Ideen!“ „Logisch“, meinte Opa Hermann, „das lernt man auf Sohle eins unter Tage in drei Wochen!“
Es klingelte im Vorderhaus. „Nanu, die Post kommt doch erst gegen 16 Uhr, wer kann das sein?“ Opa Hermann erhob sich ächzend aus seinem „Hörn“ (Sorgenstuhl) und watschelte in seinen Slippern zur Haustür. Dabei brummte er etwas wie: „Mein Hüfthalter bringt mich um!“

Es stellte sich heraus, dass sein „früher“ Besucher niemand anderes war als sein letzter und einziger Freund Jupp. „Hallo, altes Steigeisen, was führt dich mitten in der Nacht auf meine Fährte?“ Die beiden Männer klopften sich zur Begrüßung gegenseitig auf die Schultern. „Ich war mal wieder beim Arzt“, berichtete sein ehemaliger Zech- und Zechenkumpel. „Was hat die Untersuchung ergeben?“ wollte Opa Hermann wissen. „Die Pumpe läuft nicht mehr rund, jetzt kommen die Überweisungen an die Fachkliniken!“ „Ja ja, du kommst in der Welt herum“, witzelte sein Freund. „Wenn die Ärzte nicht mehr weiter wissen, dann können sie den Todgeweihten noch schnell die Umsonst-BILD von vorgestern unter die Nase halten und sagen: „Schauen Sie, was ALDI für Sie bereit hält und suchen Sie sich was Schönes aus!“
Jupp musste lachen: „Mir haben sie auch so ein „Wichsblatt“ in den Briefkasten gestopft!“ „Du meinst „Witzblatt?“ „Ist das selbe!“ „Nee!“ „Doch!“ „Nee, wirklich nicht! Denk mal nach!“ Opa Hermann war sich seiner Sache sicher!
„Komm erst mal rein, die Zeiten des Stehkonvents sind lange vorbei. Wir besprechen die Lage im Sitzen!“
„Bier oder Cognac?“ „In der Reihenfolge, wenn es beliebt! Ach, Amos ist auch da, wo hast deine Linda gelassen?“ fragte er das Piratenschaf. „Ist beim Frauenarzt, kann sein, dass wir Nachwuchs bekommen!“ “ O, ihr macht kleine Piratenschafe?“
Opa Hermann mischte sich ein: „Das sind die kleinen Freuden des Lebens!“ „Aber nicht mehr zeitgemäß“, mäkelte Jupp, „wir brauchen Bullterrier und American Staffordshire, um unser Eigentum zu schützen, die Polizei kann es ja nicht, wegen Unterbesetzung!“ „Nee natürlich nicht, wenn die halbe Bevölkerung mit Regieren beschäftigt ist!“ Opa Hermann guckte grimmig. Er sah in diesem Moment selber aus wie ein Bullterrier. „Herrmann, besinn dich, ich bin`s, dein alter Kumpel Jupp!“
Die beiden Männer lachten. Jupp jetzt: „Wäre ich nur Förster geworden, ich hätte jetzt drei Langwaffen und eine Kurzwaffe für den Notfall!“ „Biste aber nicht, dafür hast jetzt Silikose!“ „Jau“, sagte Jupp, „jetzt kann ich die Einbrecher totspucken!“
„Was ist nur mit den Menschen los?“ sinnierte Opa Hermann, „ich habe das Gefühl, dass ich – in der Menge gesehen – mit lauter belegten Brötchen rede!“ „Das macht der Kapitalismus aus uns“, versuchte Jupp ihn zu beruhigen, „kaufen, kaufen, kaufen, wegschmeißen und neu kaufen, das ist das Credo der Wegwerfgesellschaft. Neues Smartphone gefällig?“
„Ich habe noch nicht einmal ein altes!“ Opa Hermann zeigte auf den Tisch: „Sieh dort, ein Telefon mit Wählscheibe!“ „Das funktioniert doch gar nicht mehr“, reklamierte Jupp, „das geht doch heute nur noch analog!“ „Sieht aber gut aus“, verteidigte Opa Hermann starrsinnig seine Weltanschauung und fügte hinzu: „Ruft doch eh niemand an!“ „Ja ja, und dein Hörgerät ist noch ein Ofenrohr, oder wie?“
„Einfach nur lauter sprechen und nicht nuscheln“, gab Opa Hermann zurück. „Und wie machste das mit Deinem Fernseher?“ wollte sein Freund wissen.“Welcher Fernseher?“ grunzte Opa Hermann. „Ich lese abends.“ „Wie? Du kannst lesen? Das ist ja ein völlig neuer Aspekt. Es gibt doch heutzutage Hörbücher. Eine der letzten Ausgaben ist von Helmut Kohl, aber ich weiß nicht, ob seine Biografie vollendet wurde. Nach meinem  Wissensstand hat er seinen Biografen um mehrere Millionen Euro verklagt, weil der etwas veröffentlicht hatte, was der große Staatsmann Kohl zwar gesagt, aber nicht gedruckt sehen wollte.“
„Siehste“, empörte sich Opa Hermann, „das kommt davon, wenn man selber nicht lesen und schreiben kann!“

„Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, dass der ehemalige Staatsmann, Helmut Kohl, nicht schreiben konnte?“ „Na ja, das kommt darauf an, wo ich den Level ansetze, zum Bundeskanzler hat es gereicht, zum Autor nicht….“

Rentnertreffen

Eine helfende Hand findet sich immer


„Wie geht es, Jupp?“ Opa Hermann begrüßte seinen alten Zechenkumpel mit großer Freude. Der konterte die Frage mit: „Gestern ging es noch, heute habe ich noch nicht probiert!“ Die Männer lachten. „Man trifft sich immer häufiger vor dem Supermarkt, alter Steppenwolf!“

„Ist für mich auch nahezu die einzige Möglichkeit geworden, Geld auszugeben“, feixte Jupp, „ausgenommen über das Internet, du weißt schon, Zahnkleber, Ersatzteillager – äh – die ganze Palette. Ich bin ja soooo genügsam!“

„Na ja, alter Grubenhirsch, dann hast du ja trotzdem den ganzen Tag etwas zu tun!“ „Na ja, bis auf Kirschkern-Weitspucken sind die Stunden abgedeckt!“ „Bei dir was Neues?“ „Das Gras ist wieder gewachsen!“ „Nee!“ „Doch!“ „Schon wieder?“

Die beiden Männer waren dicht vor dem Eingang stehen geblieben, um die tägliche Parade abzunehmen. Da näherte sich auch schon ein bekannter Rollatorführer.
„Hallo Ernst“, rief Jupp dem Heranrollernden zu, „auch schon unterwegs?“ Der Angesprochene blieb mit seinem  Rollator stehen, zog die Bremsen an und setzte sich auf den Ruhesitz des Gefährtes. „Jo, es gibt Sonderangebote, meine bessere Hälfte schickt mich zur Überprüfung!“
„Seit du nicht mehr beim TÜV die Autos von der Strecke holen kannst, hast du dein Betätigungsfeld auf die Einkaufswagen verlegt, gelle?“

Ernst machte ein gequältes Gesicht. „Da ist nicht viel zu überprüfen, denn das meiste an denen ist Luft!“ Es dauerte gar nicht lange, dann näherte sich eine weitere Gestalt dem Trio. Es handelte sich um Heinz, den Kriegsveteranen. Dieser nahm sofort Kontakt zu ihnen auf: „Nice to meet you“, sagte er zur Begrüßung und blieb bei ihnen stehen. Er hatte seine Kriegsgefangenschaft in den USA abgeleistet, weil er einen komplizierten Durchschuss abbekommen hatte und in den Staaten als Versuchsobjekt medizinisch versorgt wurde. Bei der Gelegenheit hatte er Kenntnisse der englischen Sprache erworben. „Wir können dir leider keinen Platz anbieten“, sagte Opa Hermann, „es sei denn, du nimmst in einem Einkaufswagen Platz.“
Der Angesprochene reagierte prompt: „Die haben doch heute Gartenstühle im Angebot, sollen wir vier Stück kaufen? Die können wir doch anschließend wieder umtauschen. Sagst einfach, dass die wackeln!“ „Umtauschen macht Spaß“, gab Ernst zu. „Der Frau an der Kasse bestimmt nicht,“ gab Opa Hermann zu bedenken. „Solange die mit Umtauschen beschäftigt ist, muss sie den Laden nicht putzen“, fügte Heinz hinzu.
Er wandte sich an Opa Hermann: „Was macht Dein Piratenschaf?“ „Frisst Gras!“ „Aha!“
Die Kunden hatten Mühe, mit ihren Drahtwagen den Eingang zu passieren. Die Männer hatten sich geschickt über die Passage verteilt. „Rentnertreff?“ fragte eine Dame mittleren Alters. „Zwei von uns sind Pensionäre“, gab Jupp wahrheitsgemäß zu Protokoll, „so viel Zeit muss sein!“ Die Frau grinste mitleidig und verschwand mit ihrem Gefährt im Inneren des Supermarktes.
„Stehen wir hier im Weg?“ fragte Ernst in die Runde.  „Nicht mehr als sonst auch! Außerdem, Lagebesprechung ist Lagebesprechung, und die findet am Ort des Geschehens statt“, formulierte Jupp und behustete seine Umgebung. „Also, wenn wir jetzt vier Gartenstühle besorgen, dann brauchen wir auch einen Gartentisch“, behauptete Heinz, „das nennt man Set! Wir könnten ja fragen, ob uns das jemand zum Auto bringt“. „Bleibt mal hier und sichert mir den Rückzug“, forderte Jupp die Männergruppe auf, „ich gehe rein und ordere die Teile!“ Sprachs und verschwand im Discounter.
„Der macht das wirklich, ich fasse es nicht“, meinte Ernst. Nach 10 Minuten öffnete sich eine Tür und zwei Weißbekittelte trugen vier Gartenstühle und einen Gartentisch ins Freie. Hinterdrein erschien Jupp und grinste über das ganze Gesicht. „Stellen Sie es ruhig hier ab“, sagte er, „meine Freunde helfen mir sicher weiter! Vielen Dank!“ Die beiden Angestellten verschwanden wieder im Inneren des Gebäudes.
„Wo sind die Kartons geblieben?“ wollte Opa Hermann wissen. „Die habe ich gleich drinnen entsorgen lassen“, grinste Jupp.  „Und wenn du die Sachen gleich umtauschen willst, dann hast du doch die Verpackung nicht mehr!“ wandte Opa Hermann ein.

„Wer sagt denn, dass ich die Garnitur umtauschen will? Das war doch vorhin nur Spaß. Gundi hat mich geschickt, ich soll die Garnitur für die Veranda kaufen. Und jetzt könnt ihr mir dabei helfen, die Sachen ins Auto zu tragen, na ja – bis auf Ernst, der ist ja Rollatorführer.“

 

 

 

 

Opa Hermann und Jupp vom Donner gerührt

Nur ohne Unterschrift gültig

 

„Naaaaa, wie ist die Lage? Ich meine die politische?“ Jupp grinste Opa Hermann an wie ein Honigkuchenpferd. „Du mich auch mal“, entgegnete der Angesprochene, weil er nicht wollte, dass sein bester und einziger Freund, der ihm noch verblieben war, immer und immer wieder auf dieses Knöpfchen drückte – und zwar im Wissen, dass er damit Opa Hermann aus der Fassung bringen konnte. Deshalb sagte er noch: „Passt zum Wetter!“
Es regnete in Strömen, der Himmel hatte sich verfinstert, in der Ferne war dumpfes Grollen zu hören. „Der Beschuss kommt näher“, fügte Kumpel Jupp hinzu. „Richtiges Bierwetter“, gab Opa Hermann bekannt und öffnete den Kühlschrank. Er entnahm ihm zwei Flaschen Gerstensaft. Eine reichte er Jupp, die andere behielt er für sich. „Kühles Bier am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“, wusste er zu berichten. „Alter Heimatdichter“, frotzelte sein Freund. „Es heißt aber in Wirklichkeit: Schnaps und Nikotin rafft die halbe Menschheit hin, doch ohne Tabakdunst und Rauch stirbt die andere Hälfte auch!“ „Du und Deine Kalenderblätter“, stichelte jetzt Opa Hermann. „Woher hast du diesen Spruch? Wahrscheinlich aus der Hypothekenrundschau?“ „Ich habe so meine Quellen, die mir zuarbeiten!“
„Aber jetzt mal im Ernst. Hast du das mit dem Trump mitgekriegt?“ „Du meinst die Anhörung vor dem Ausschuss mit dem geschassten FBI- Chef?“ „Ja, das meine ich! Der Trump lügt doch wie gedruckt und streitet alles ab!“ „Nee nee, der lässt abstreiten – durch seinen Anwalt. Das ist ein Unterschied. Wenn es hart auf hart kommt, kann er sagen, dass sein Anwalt gelogen hat!“ „Das ist doch dasselbe!“ „In Amerika nicht! Übrigens, die Einlassungen der beiden werden doch von den Beteiligten aus den Lagern der Demokraten und der Republikaner durch schwammige Fragen dermaßen aus einer Richtung gekippt, dass sie letztlich nicht justiziabel sind.“
„Sag mal ein Beispiel“, forderte Jupp , „das ist alles schwer vorstellbar. “ „Na, wenn ein Mitarbeiter von den Demokraten den FBI-Chef fragt, ob Trump ihn zum Abbruch einer gewissen Untersuchung genötigt habe, dann spricht einer von den Republikanern von Blähungen, die ein gewisses Unwohlsein bei dem Gefeuerten ausgelöst haben muss, weil dessen Mitarbeiter mit der Führung und Methode der Amtsgeschäfte nicht einverstanden gewesen seien, weswegen der Präsident ihn entlassen habe.“
Ein ohrenbetäubender Donnerschlag ließ just in diesem Moment das Dach des alten Siedlerhauses erbeben. „Siehst du?“, stichelte Jupp, „der Trump hat seine Spitzel sogar in den Gewitterwolken, sei bloß vorsichtig mit dem was du sagst!“
„Keine Bange, der kriegt nix mit. Der meint ja, dass Belgien eine schöne Stadt sei. Glaubst du im Ernst, dass er weiß, wo die Ostfriesen die Herrschaft über die Gezeiten der Nordsee übernommen haben?“ „Nein, der Trump nicht, aber seine Raketen wissen das! Wenn der rauskriegt, dass in seinem Aktenkoffer keine Hemden zum Wechseln sind, sondern die Codes für seine Atomraketen, dann gute Nacht!“
„Das weiß der!“ „Das weiß der nicht!“ „Doch!“ „Nie im Leben!“ „Wetten?“
Die beiden einigten sich schließlich auf „Prost! Austrinken!“
„Wenn der Heini da in Amerika den Vertrag zur Reduktion des Kohlendioxidausstoßes kündigt, ist ihm alles zuzutrauen. Der glaubt allen Ernstes, dass es wirtschaftlich mit den USA wieder bergauf geht, wenn ein paar alte Bergwerksstollen wieder in Betrieb genommen werden!“
„Eigentlich sollte er mal erkennen, dass die Kosten für die wahnsinnig aufwendige Rüstungsmaschinerie den Haushalt nicht nur bis an die Grenzen der Belastbarkeit treiben, sondern die Produktion von Waffen extrem einseitige Beschäftigungslagen darstellen. Das Gleiche ist vor Jahren mit Russland passiert, und gerade ist ein gewisser Kim Jong-un damit beschäftigt, sein Land kaputt zu rüsten. Im Grunde schaffen sich solche Staaten selber ab. Die Kosten für Stationierungen in aller Welt besorgen den Rest.“
“ Da gibt es Beispiele aus frühen Epochen“, ergänzte Jupp, „der Untergang des römischen Imperiums und der Untergang des riesigen ägyptischen Reiches. Riesenheere kosten Geld, sehr viel Geld, und wenn man die Kosten nicht aus Beutezügen bestreiten will oder kann, dann werden die Steuereinnahmen dafür verwendet.“ „So ist es, mein Freund, andere, viel wichtigere Ressorts werden nicht mehr entsprechend finanziell abgesichert. Zum Beispiel der Bildungssektor, soziale Einrichtungen des kulturellen Lebens, letztlich wird an den Renten gespart und Einrichtungen wie Bahn und Autobahnen an Privatinvestoren abgegeben, wobei nur ein gewisser Prozentsatz in öffentlicher Hand bleibt. Den Nutzen haben dann aber private Gesellschaften oder Banken. Das Bruttosozialprodukt eines Staates wird nicht nur verplempert, sondern aus der Hand der Gemeinschaft gegeben.“
„Wenn jemand glaubt, die von ihm gewählten Volksvertreter richten die Angelegenheiten zum Wohle der Allgemeinheit, dann ist das ein Irrtum! Bedient werden die Lobbyisten, die wiederum große Summen an die Regierungsparteien spenden und sie natürlich von der Steuer absetzen. Damit wird verhindert, dass kleine Parteien an Einfluss gewinnen!“
„Und was willst du dagegen tun?“ Jupps Gesicht hatte sich noch mehr verfinstert. „Für mich eine klare Sache“, grinste Opa Hermann, „die werden sich wundern, wo ich bei der nächsten Bundestagswahl meine Kreuze mache!“
„Wie ich Dich kenne, Hermann, kriegst du es fertig und unterschreibst den Wahlzettel, damit die Wahlhelfer sehen, aus welcher Richtung dein Wind weht. Aber es ist dir schon klar, dass du damit deinen Wahlschein ungültig machst?“
„Ach nee!“ Opa Hermanns Augen glitzerten. Er nahm einen tiefen Zug aus der Bierflasche:
„Meinst du wirklich? Ich bin doch nicht blöd. Ich schreibe den Namen von Captain Hornblewer drunter.“

 

Amos und die Gruppendynamik

Die  Farben eines Schals

Opa Hermann war wieder einmal mit seinem Fahrrad und dem Fahrradanhänger unterwegs. In diesem saß Amos auf seiner weichen Kuscheldecke. Opa Hermann hatte dem Piratenschaf eine Motorradbrille übergestülpt – wegen des Fahrtwindes. „Damit du keine Bindehautentzündung bekommst!“
„Und meine Augenklappe?“ „Die würde nur ein Auge schützen, aber weil du diese lediglich aus „piratentechnischen“ Gründen trägst, lassen wir die einfach mal weg, einverstanden?“
Natürlich war das Piratenschaf einverstanden, denn die „Insignie wahrer Piratentugend“ störte ihn doch ein wenig. Sie kamen am Bahnhof vorbei. Amos gewahrte eine Gruppe junger Männer, die torkelnd und grölend ihre Verkleidungen zur Schau stellten. „Wir haben doch gerade erst Karneval gehabt, Opa Hermann!“ Der hielt das Gespann an und wandte sich seinem Schützling zu: „Das hat nichts mit Karneval zu tun, das sind keine Jecken, Amos, das sind Fußball-Fans!“
„Was ist ein Fußball-Fan?“ wollte das Piratenschaf wissen. „Also, ein Fan ist zunächst einmal ein Anhänger eines Idols, das jemand hat, gewissermaßen ein Enthusiast, also wenn man von einem Vorbild begeistert ist und es verehrt!“

„Sag mal ein Beispiel, Opa Hermann, ich kann mir nichts darunter vorstellen, denn auf unserem Piratensegler haben wir nur den Captain Hornblewer und vielleicht noch den Smutje, aber von dem war niemand so recht begeistert.“
„Also“, begann Opa Hermann seine Ausführungen, „junge Menschen sind beispielsweise von einer Musikgruppe begeistert oder einem Sänger oder einer Sängerin. Die meisten Fans finden wir bei Musikgruppen oder Interpreten oder eben beim Fußball. Es gibt auch Fans beim Motorrad- oder Autorennen. Meistens erkennst Du Fans daran, dass sie sich wie Irre benehmen!“ „Wie Irre?“ „Ja, sie verhalten sich absonderlich, besonders die Fans von Fußballmannschaften. Es kommt vor, dass sie sich benehmen, als sei eine Schlacht gewonnen oder verloren gegangen.“

„Das klingt ja nach Krieg, Opa Hermann!“ “ Na, schau mal nach drüben zu der Gruppe, was fällt Dir an denen auf?“
„Sie tragen fast alle die gleichen Hemden, haben trotz Hochsommer dicke Schals um und trinken fast alle Bier aus Blechdosen.“
„Und was fällt Dir noch auf?“ „Na ja, sie grölen irgend etwas“, antwortete Amos, „nur was?“
„Anscheinend hat ihre Mannschaft gewonnen, dann singen sie ihre Vereinshymne“, vermutete der alte Herr. „Vereinshymne? Darunter kann ich mir nichts vorstellen, vielleicht bööööööa?“ „He he“, meinte Opa Hermann, „das kommt dem schon sehr nahe! Beim FC Schalke beginnt sie mit „Blau und weiß, wie lieb ich dich, blau und weihaheiß, verlass mich nicht…!“ So hat jede Mannschaft eine Vereinshymne. Und nach dem Spiel ist das Jaulen und Grölen angesagt!“ „Komisch“, meinte Amos, „haben die denn selbst gespielt?“ „Nee, die lassen spielen! Leider darfst du nicht mit in ein Stadion, sonst würde ich dich mal mitnehmen, wenn WERDER BREMEN im Weser Stadion spielt. Diese Mannschaft hat die Vereinsfarben grün und weiß. Deshalb haben die Fans da drüben alle grün-weiße Schals, die sie schwenken. Schlimm wird es nur, wenn gegnerische Fans aufeinander treffen und eine Mannschaft verloren hat. Dann sind handgreifliche Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Oft begleitet eine ganze Hundertschaft der Polizei die Fans von und zum Stadion. Dann werden Taschen durchsucht nach Pyros und Böllern. In manchen Stadien geht es vor und während des Spieles zu wie zu Sylvester. Das Stadion ist oft so vernebelt, dass die Spieler den Ball gar nicht sehen können. Außerdem ist es unsportlich, wenn man den Spielern die Atemluft verunreinigt, denn die müssen 90 Minuten rennen und um den Ball kämpfen!“ „Weshalb machen die Zuschauer das überhaupt“, wollte Amos wissen, „wenn sie ihre Mannschaft leidenschaftlich verehren?“ „Da sind immer welche dabei, denen es überhaupt nicht um den Sport geht. Die wollen einfach nur Randale machen und tragen dort Stellvertreterkriege aus. Diese Menschen sind dermaßen frustriert und unzufrieden mit ihrem Leben, dass sie ihren miesen Gefühlen in der Menge freien Lauf lassen. Man nennt sie Hooligans, Krawallmacher. Einige Vereine sind berüchtigt für ihre Hooligans. Wenn die im eigenen Stadion zu Gast sind, kommt es zu folgenschweren Ausschreitungen, wie zum Beispiel Massenschlägereien. Dann kann es schon mal Tote und Schwerverletzte geben.“
„Fahr schnell weiter, Opa Hermann, ich bekomme es mit der Angst zu tun“, presste das Piratenschaf zwischen seinen Lippen hervor. „Nee“, sagte Opa Hermann, „pass mal auf, was ich unter der Wolldecke versteckt habe!“ Der pensionierte Bergmann brachte einen grün-weißen Schal zum Vorschein und band ihn Amos um den Hals. Jetzt bist du einer von ihnen. Und wenn wir einer anderen Gruppe begegnen, dann habe ich noch einen anderen Schal unter der Decke versteckt. Werder Bremen hat nämlich heute gegen den Hamburger SV gespielt und deren Vereinssymbol ist eine blauweiße Raute auf blauweißem Untergrund. Also, wenn wir Hamburger Fans begegnen sollten, kannst du blitzschnell den Schal wechseln und ein bekümmertes Gesicht machen. Die haben nämlich heute verloren“.

Sprach`s und bestieg wieder das Fahrrad und begann kräftig in die Pedalen zu treten. Fröhlich winkend steuerte er das Gespann an den Fans vorbei, die ihren Gruß grölend und winkend erwiderten. Amos war wieder mutiger geworden und blökte ebenfalls einen Vereinsgruß hinüber.

Opa Hermann drehte sich während des Strampelns zu Amos um und rief ihm zu: „Jetzt weißt du auch, was Gruppendynamik ist!“