Verblüffte Gebluffte

Nachstehende Gedanken reiche ich meinen Nächsten zur erbaulichen Verdauung und stelle sie unter das Motto: Auf dass es euch nicht übel wird, weiter zu überleben. Senken wir gemeinsam unsere Häupter im Bewusstsein, dass wir nicht zum Spaß versammelt sind und das noch nicht einmal freiwillig. Wir wurden gezielt oder ungezielt abgesetzt und in einer Menge von Abgesetzten mehr oder weniger alleine zurückgelassen. Deshalb: „Machen Sie das Beste daraus!“

Dieser Umstand bedarf geradezu einer Führung, nicht wahr?

Der Haufen Zurückgelassene sollte froh darüber sein, dass sich einige von Ihnen dazu bereiterklären, diese Aufgabe – natürlich völlig selbstlos – zu übernehmen, denn nur davon kann die Rede sein: völlig ohne Machtansprüche, ohne überdurchschnittliche Bezahlung, aber voller ethischer Gedanken!

Sie glauben doch auch nicht an den Weihnachtsmann?

Ein Beispiel: Irgendetwas, von dem ich annehmen, dass es sich ereignet, tritt nicht ein. Neben einem unerfreulichen Gefühl der Enttäuschung stellt sich eine Beklemmung in der Bauchgegend ein. Das Sonnengeflecht signalisiert Unruhe, die Vorboten eines Kulturschocks sind im Anmarsch! Es folgen Adrenalinausschüttung, erhöhter Blutdruck, rasender Puls, Schweißausbruch, hechelnde Atmung, kurzum, die ganze Palette an Unwohlsein!

Die Erwartungshaltung ist durchkreuzt worden. Ihr Anruf ist bei der bekannten Stelle für:“ Sie haben die Chance auf einen Gewinn von einer Million Euro“, nicht angenommen worden, dabei sind Sie doch ein ganz passabler  Merkantildemokrat. What has happened? Was ist passiert? Qu`est-ce c´est? Sie kennen doch die Geschichte mit der Erwartungshaltung?

Die Lehrgangsteilnehmer spreizen die Beine leicht bei aufrechter Oberkörperhaltung.  („Sooo, nun stellen wir uns einmal locker im Kreis auf!“ „Jetzt beugen wir den Oberkörper leicht nach vorne und drehen ihn  etwas nach rechts, den Kopf seitlich nach oben gerichtet.

Jetzt öffnen wir den Mund und ahmen den klagenden Ruf des Schwarzdrosselkükens nach, wie wenn es um Futter bettelt!“

Als Alternative bietet sich der Kutschersitz an, bei dem der gesamte Körper entspannt. Die Arme baumeln lose am Körper wie auch die Seele, die ab sofort baumeln darf (siehe Dr. Dr. Petri und andere).

Langsam beginne ich das Prinzip der Merkantildemokratie zu begreifen, nicht länger moniere ich den Werteverfall der in dieser Gesellschaft zurückgelassenen Einäugigen, weil auf dem anderen Auge völlig blind.

Wir sind den Werten doch treu geblieben, eben nur anders! Wir empfinden doch Ethik und Ästhetik! Es kauft sich doch niemand eine Kuh, nur weil er eine Kanne Milch wünscht! Aber von einer hübschen Kuh sollte die Milch schon sein. Wir sind doch nahezu alle in einem Glauben verwurzelt, aber nicht unbedingt an einen Gott. Und unsere Kultur? Wir haben doch Gedenkstätten. Wo sollten wir sonst unsere Kränze abstellen? In der Besenkammer vielleicht?

Was ist mit unserem musikalischen Empfinden? Es hat sich der Merkantildemokratie angepasst, aber deshalb ist es noch lange nicht verschwunden. Wer schreibt uns denn vor, dass wir Töne selbst produzieren müssen? Erst ab 180 beats pro minute (bpm) beginnt im „Tecnoland“ die Lucie zu pfeifen. Hammer, Amboss und Steigbügel im Innenohr sowie das Trommelfell werden sich durch die Evolution den Erfordernissen anpassen. Alles braucht seine Zeit! Der Ära der Einäugigen folgt die Zeit der Gehörlosen! Schubert war auch taub!

Der Werteverfall ist es also nicht, der so frustrierend auf das Gemüt drückt. Vielleicht liegt es an mangelndem Selbstbewusstsein, so dass wir unsere Schlachtfelder, Bolzplätze und Balztänze auslagern müssen, die Verdrängungsmaschine hochfahren, bis der Drehzahlbegrenzer abriegelt. Aber so mancher Klippenspringer kam mit eineinhalb  Skibrettern unten an, weil sich der Fallschirm nicht öffnete. Wer vom Gipfel des Matterhorns abspringt, der muss mit dem Schlimmsten rechnen Da nützt kein Kick!

Das doofe Spielchen ist bekannt! Jetzt wird das Auto zur freien Meinungsäußerung, Dank Aufkleber wie „Baby an Bord“ oder schlimmer! Es gab Zeiten, da hat sich überhaupt niemand kritisch in der Öffentlichkeit geäußert.

Ich habe in mein Auto einen Tachometer eingebaut, der bis 320 geht! Ich fahre eine Ente! Mit Katalysator. Von einer Fachwerkstatt habe ich zwei volle Marmeladeneimer zwischen Flammrohr und Vorschalldämpfer anbringen lassen. Einschränkend muss ich eingestehen, dass die Marmeladenkatalysatoren ab 120 km/h ausfallen. Aber ich fahre den Wagen ohnehin nicht aus. Meine „Hintermänner“ denken wahrscheinlich, dass es mir an Mut fehlt, die 320 km/h auszufahren. Aber die sollen sich nicht täuschen, ich kann trotz meiner 77 Jahre noch ganz schön draufgängerisch agieren! Ich kenne meine Pappenheimer, aber die Pappenheimer kennen mich nicht! Das ist ein Vorteil! Wenn ich nach rechts blinke, aber nach links einbiege, dann können sie sehen, was sie davon haben! Ich habe den Überraschungseffekt auf meiner Seite!

Ich lasse mich von Merkantildemokraten doch nicht durch das Bockshorn jagen!

Wir haben uns nicht nur unsere Tugenden bewahrt, sondern auch unsere Nickeligkeiten bis in die heutige Zeit gerettet. Der Unterschied zu früher: wir leben sie öffentlich aus!

Heutzutage mag einer mit verbundenen Augen über die vielbefahrene Rue de Nofretete spazieren, und zwar im rechten Winkel zur Fahrbahn. Alle fahren um ihn herum. Er sollte nur nicht rennen oder stehenbleiben. So mit Kofferradio unter dem Arm, Rapperbrille auf der Nase, leichter Tangoschritt, idiotisches Grinsen im Gesicht! Der kommt heil rüber! Das ist schnell erklärt. Die Autofahrer sehen den natürlich und denken sich, dass der noch jung ist und in die Rentenkasse einzahlt. Niemand fährt jemanden um, der in die Rentenkasse einzahlt!

Auf der Basis des Bluffs und Gegenbluffs funktionierenWirtschaft und Politik. Da werden Fähigkeiten vorgeschützt, wo keine sind! Gelder werden ausgegeben, die nicht vorhanden sind und Löcher werden mit Löchern gestopft. Die soziale Kompetenz erschöpft sich in Absichtserklärungen, an Kompetenzstühlen haftet Sekundenkleber und die abendlichen Stoßgebete der Stuhlbesetzer enden nicht mit Amen, sondern mit dem Ausruf;“Lass mich bitte nicht vom Stuhl fallen!“

Von den Psychologen habe ich gelernt, auch mal „nein“ zu sagen. Es ist zwar spät, aber ich hoffe, noch viele Zeitgenossen mit dieser Erkenntnis enttäuschen zu können. Menschen im Rentenalter haben viel Zeit, psychologisch fundierte Verhaltensformen in das Leben zu investieren. Was das Geldausgeben anbetrifft, so habe ich meine Einkünfte bis über das Rentenalter hinaus verballert. Ich bin unseren Vorbildern gefolgt und halte diesen Vorgang für legitim. Noch nie etwas von Timesharing gehört? Ich gebe aus zu meiner Zeit, und Du wirst sehn was übrig bleibt. Ein schlagkräftiger Werbespruch für Merkantildemokraten, finden Sie nicht? Irgendwann wird irgendwer ganz schön dumm aus der Wäsche blicken! Auf diesen Tag freue ich mich besonders, auch wenn ich ihn nicht mehr erlebe. So hat auch das Altern seine schöne Seite. Man nennt das Vorfreude!

Verblüffung ist ein Effekt, der in einer Sinuskurve ansteigt und wieder abfällt, sobald  man sie begriffen hat. Um mit möglichst vielen Situationen umgehen zu können, habe ich viel Zeit mit Psychologen zugebracht und ihren Methoden gelauscht. Einer von ihnen zeigte mir, wie man sich hinter einer Laterne versteckt.

Wenn ich heute einem Menschen begegne, ist der innerhalb kürzester Zeit in seine psychischen Einzelteile zerlegt, analysiert und in Schubladen eingebettet. Da kann er sich sperren und verweigern, es wird nichts nützen. Im Gegenteil, der reitet sich immer weiter hinein in die psychische Grundanalyse. Da braucht nur einer „so so“ zu sagen und schwupps – ist der in der Schublade für „So so“ abgelegt, das ist jene für sozial auffällige Personen. Äußert mein Gegenüber Sätze, die mit „aber“ beginnen, so landet der in der Sparte der ewigen Skeptiker. Dazu gehören Persönlichkeiten, die nicht glauben was sie sehen! Mit „nun hör mir mal zu“ oder „passen Sie mal auf“ braucht mir niemand zu kommen. Wie kann man einen Satz mit einer Unterstellung beginnen? Damit kann man sich bei mir nicht einschmeicheln! Ab in die Schublade! Schlimme Pappenheimer, sage ich Ihnen!

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Zusammenarbeit mit Peter Coryllis, Joseph Beuys, Karl-Heinz Schreiber und anderen zeitgenössischen Kunstschaffenden und Autoren/Schriftstellern. Mehr über Reliwette siehe „Autoren-Info“.