Spiele

Man erfand das Rad. Die Menschen warfen die schwergängigen, klobigen Holzwalzen ins Feuer und freuten sich, weil alles um 100 Prozent verbessert wurde, Dann machten sie mehrere Fässer Met auf und feierten drei Tage und drei Nächte durch.

Seit jener Zeit ist Vieles erfunden worden, was den Menschen die Arbeit erleichtert. Vieles ist erfunden worden, was sie arbeitslos gemacht hat und Manches hat sie umgebracht, was erfunden wurde.

Der Mensch ist kaum dem Brabbelalter entwachsen, und schon wird er der Umwelt gefährlich! Wozu gibt es das eine oder andere Talent, wenn es nicht in der Öffentlichkeit ausgelebt werden darf?

Betrachten Sie doch einmal die Graffitis auf Brückenpfeilern, Balkonfassaden und S-Bahnzügen positiv! Wenn mit Geld knapp gewirtschaftet werden soll, dann müssen Prioritäten gesetzt werden.

Der Sprüher kann nicht überall zur gleichen Zeit wirken, dem steht die Physik im Weg. Jeder Sprühvorgang ist gleichzeitig eine Entbehrung, denn Sprühfarbe ist kostenaufwändig. Jede Hatz auf Grafittikünstler ist die Vollendung einer kleinen Revolution. Und doch sind sie uneins, unsere Sprüher, denn sie überlagern ihre Machwerke wie Hunde, die pinkelnd ihre Duftmarke setzen: „Hier pinkle bzw. sprühe ich!“

Die Galeristen lassen nicht jeden Künstler in ihre Räume. Also auf nach draußen, hinein ins pralle Leben. Hier setzt es den Kick!

Weit sind sie noch nicht gekommen, die Pioniere, die Einfallsreichen! Der geheime Renner unter den geistigen Totgeburten ist die hirnlose Spontaneität.  Sie ist derart rasant schnell, dass sie kaum jemand mitbekommt. Es ist der außenintellektuelle Superblitz, der Kracher schlechthin, der irgendwo einschlägt und viele lachen nur deshalb, weil es geknallt hat.

Die Bürger von Schilda sind nichts gegen das, was möglich ist – an Blödheit. Das alles ist noch zu überbieten!

Jetzt geht mal alle schön nach Hause und überlegt, was wir morgen abziehen können. Denkt einmal darüber nach und erarbeitet detaillierte Vorschläge. Die probieren wir dann aus. Notfalls schmeißen wir Pyros auf das Spielfeld, wenn die Dortmunder nach Schalke kommen.

Da liegt es aufgeschlagen vor mir, Paperback, äußerlich nichts Besonderes, aber innen: viele Seiten, natürlich bedruckt, was dachten Sie denn?

Innen hat es dieses Buch in sich, denn hier reihen sich außergewöhnliche Dinge und Leistungen aneinander wie keramikverblendete Vollkronen im Oberkiefer eines Endsechszigers: Guiness, das Buch der Rekorde!

Denn nur auf die Leistung kommt es an, auf das Außergewöhnliche, die Realisierung des Unerreichbaren, des Unmöglichen.

Kein Platz für schöngeistige Gedanken, erbauende Gefühle oder ausgewogene Konversation oder philosophische Gedanken. Damit können Sie im Mondschein spazieren gehen.

Leistung ist zu erbringen, abzuringen, erringen oder zu erschleichen. Sie ist abzutrotzen, zu erkaufen, abzuschlagen, zu verweigern, niederzulegen.

Wenn wir nun die ersten Seiten aus dem Buch gelesen haben, fühlen wir uns ganz mies. Nie im Leben schaffe ich sechsundfünfzig hartgekochte Eier in einer Sitzung, auch nicht im Stehen. Niemals werde ich zweiundneunzig Stunden auf einem Pfahl hocken ohne zu schlafen. Auch kann ich nicht, eine Melone auf einer Makkaroni balancierend, durch den Ärmelkanal schwimmen.

Ich komme mir angesichts dieser enormen Leistungen  klein und hässlich vor. Ich rufe nach einem Therapeuten, der mich wieder aufrichtet.

Weiterlesen, weiterhören, weitersehen mag ich nicht angesichts meiner eigenen Leistungsschwäche. Stattdessen habe ich mich geoutet, auf meine Ergreifung ist ein Kopfgeld ausgesetzt. Bei XY ungelöst wird bereits nach mir gesucht!

Man sagt, ich störe ihren Frieden, ihre Leistung. Ein ganzes Dorf ist angetreten, die längste Girlande der Welt zu binden – mit Tannengrün!

Kein Psychiater der Welt will sich noch mit mir befassen, weil ich ein hoffnungsloser Fall bin, traumatisiert und zum Abschuss freigegeben. Niemand würdigt meine 240 Anschläge pro Minute auf unsere bekloppte Gesellschaft. Kein Newtonmeter, kein Bar, kein Celsius, nicht einmal ein Gigawatt bescheinigen die Effizienz meiner Leistung, kein Ohm, kein Watt, kein Röntgen und schon gar kein Albert Einstein. Wenn ich doch wenigstens 56 hartgekochte Eier essen könnte!

Die Welt verbiegt sich vor uns, und wir verbiegen uns mit. Die Dummheit avanciert zur olympischen Disziplin. Die Spielregeln sind im Buch der Rekorde zusammengefasst. Gott sei Dank verlassen ein paar Verrückte diese Welt, um neuen Verrückten Platz zu machen. Das Gedränge ist ohnehin kaum noch zu ertragen. Ehrfurchtsvoll erstarre ich beim Anblick dieses gewaltigen Unsinnshauses. Beim Anblick der kunstvoll geschwungenen Signatur meines Chefs, die er unter amtliche Dokumente zu setzen pflegt, werde ich an eine rechtsdrehende Joghurt – Kultur erinnert.

Mein eigenes Namenszeichen gelangt nur unter Schuldanerkenntnisse und erinnert an Ameisenfraß.

Auch so wird Leistung sichtbar: Joghurt – Kultur oder Ameisenfraß! Die Maßeinheit für erfundenen Unsinn ist: ein WIRR, das ist der Blödsinn, der in einer Sekunde auf einen Würfel passt mit einem  Zentimeter Kantenlänge.

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Kategorisiert in Satire

Von Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Zusammenarbeit mit Peter Coryllis, Joseph Beuys, Karl-Heinz Schreiber und anderen zeitgenössischen Kunstschaffenden und Autoren/Schriftstellern. Mehr über Reliwette siehe „Autoren-Info“.