Reiche Bürger – Reichsbürger – es reicht, Bürger!

„Ich hätte gerne 150 Gramm Weltanschauung, bitte!“  „Geschnitten oder am Stück?“ „Reichen Sie mir das eben rüber, ich esse es gleich hier!“ „Dann gilt die „Im – Hausverzehr Mehrwertsteuer!“

Paragraph  146 , GG. Das Grundgesetz ist vorläufig und endet nach erfolgtem Zusammenschluss beider deutscher Staatsgebilde. Dann wird eine vom Volk gewählte Verfassung gelten.

Ja, ja, noch ein Scheibchen Zitrone dazu? Oder dieses kleine Minzeblättchen passt doch noch hinein – in Ihren weit geöffneten Schlund, der zu einem gewaltigen Innenleben führt – und peng! (vergleiche  Monty Python).

Vom Volke gewählt?  Dazu müsste doch ein Entwurf vorgelegt werden, oder zwei oder drei? Wie wäre es mit 82 Millionen Entwürfen? Da müsste doch einer dabei sein, der Ihren Vorstellungen entspricht.?

Man könnte auch gleich das Grundgesetz als Verfassungsvorlage benützen, aber kennen Sie das Grundgesetz eigentlich? Kommen Sie über den Artikel 1, GG hinaus? Das ist jener, der etwas über das Menschenrecht des Einzelnen und dessen Würde aussagt.

Wie konnte man die Alliierten seinerzeit davon überzeugen, dass die Deutschen künftig einen liebevollen Umgang mit ihren Nachbarn pflegen, so dass sie dazu bereit wären, den Besatzungsstatus nach und nach aufzulockern.

Was sagen die Reichsbürger zu diesem Thema? Sie bemängeln, dass wir nach über 70 Jahren noch immer keine Friedensverträge mit den Siegermächten geschlossen haben. Haben Sie schon einmal mit einer Seele diskutiert, die hartnäckig auf dieser Ungereimtheit beharrt?

Ich sage:“Was willst du? Hat der Bäcker keine Brötchen im Angebot? Fällt Dir dauernd Deine Oberkieferprothese ins Wort? Was steckt hinter Deiner Kritik? Willst Du wieder die Weimarer Republik? Willst Du die Machtverhältnisse verändern? Willst Du KING KONG als Präsidenten oder gar den Adolf wieder?

Andererseits: Eine völlig andere „Struktur“ in die allumfassende Gesetzgebung zu bringen, würde schon allein daran scheitern, dass es dafür keine Mehrheit gäbe, denn noch sind die Unzufriedenen in der Minderheit.

Willst du die Beamten abschaffen als ausführende Personen der Gesetzgebung? Sie nehmen hoheitsrechtliche Aufgaben wahr. Willst du sie durch Kapos ersetzen? Mit Schirmmütze und Schlagstock ausstatten? Wenn dann ein unzufriedener Bürger beim Finanzamt seinen Unmut äußert, bekommt er erst einmal mit der „Quieke“ einen übergezogen. Möchtest du das? Das gäbe ein Gequieke in Deutschland zum Gotterbarmen.

Willst du Gerechtigkeit? Möchtest auch du ohne Arbeit reich werden? Dann reicht es doch, wenn wir die Gesetze abschaffen! Wir schlagen uns gegenseitig zu Tode. Wer übrig bleibt nimmt sich alles. Oder wir nehmen einfach für alles eine saftige Miete. Gehst du an mir vorbei ,– ist  eine saftige Miete fällig! Ich ziehe einen Kreis um mich, wer den tangiert zahlt Zoll. Was zeichnet die vom Staat verfolgten Reichsbürger aus?

Wenn sie ein Grundstück besitzen, rufen sie ihr Staatsgebiet aus! Sie schaffen zunächst einmal eine eigene Währung. Da sie keine Prägemaschinen besitzen, füllen sie Papiergeld mit der Hand aus. Als nächstes ist der Personalausweis dran: Republik Steingarten! Ein Stempel muss her! Ohne Stempel geht gar nichts. Es empfiehlt sich der Kartoffeldruck. Mit etwas Übung klappt es. Als einziger Bewohner des neu erschaffenen Phantasialandes muss das auch nur einmal gelingen. Dann folgt der Führerschein und die Waffenbesitzkarte. Ach was! Gleich einen Waffelschein herstellen und entsprechendes Schießgerät beschaffen. Ohne Schießgerät  = keine Staatsmacht. Das hat sich in der Vergangenheit bei allen Nationen der Welt durchgesetzt.

 Eigentlich müsste jetzt an die Gründung eines Kulturministeriums gedacht werden, wegen der Sprache. Kultur in Form von Coca Cola und Pommes Frittes war dem Reichsbürger schon immer ein Dorn im Auge. Nein, da muss etwas Kräftiges her! „Mein Kampf?“ Damit ist sicherlich nicht der Kampf mit dem Toilettendeckel gemeint. Der Reichsbürger braucht die Connection zu einer Druckerei, und auch die Speisekarten wollen gedruckt sein.

Alle zwei Jahre muss die Staatsgrenze gestrichen werden. Sie merken schon, es muss an vieles gedacht werden, wenn man aus dem Staatsgebilde der BRD austreten will. Ach ja, Rundfunkgebühren!

Ein kleiner Staat braucht Staatsfernsehen oder zumindest Staatsrundfunk. Da wandern die Gebühren in die eigene Tasche:

Als selbst ernannter Präsident (oder König im Falle einer angestrebten Monarchie) muss ein Staatsetat her. Entweder wird der aus der Schatulle des Privatiers aufgebracht oder auch vom Sozialamt des alten Staates. Aber das Sozialamt will dafür als Sicherheit auf das neue Staatsgebilde zurückgreifen in Form von Grund und Boden samt Immobilie. Verzwickte Sache.

Der Reichsbürger könnte Steuern in seinem Reich (Gartengrundstück) erheben. Doch mangels Bürgerschwund kommt nicht viel zusammen. Den Umweg über die Kasse kann sich der Reichsbürger ersparen. Aber er könnte ein Handelsmonopol für sich in Anspruch nehmen, freie Heilfürsorge, Rente! Schlechtwettergeld!

Die Justiz müsste ausgebaut und mit Personal ausgestattet werden. Der Aktionskünstler Reliwette hatte auf dem Kennedyplatz in Essen  1972 die kleinste Haftanstalt der Welt vorgestellt und sich selbst darin untergebracht (für eine Stunde). Es handelte sich um einen Holzkäfig, den man sich selbst überstülpen konnte. Innen gab es sogar ein Bild als Raumausschmückung. So wurde die Zeit nicht lang, und der Käfig fiel einem nicht auf den Kopf. Ausstellungsbesucher reichten sogar Verpflegung durch die Gitterstäbe, weil der Eingepferchte ihnen leid tat.

So haben auch die selbst ernannten Reichsbürger die Chance, dass sich  Menschen mit empathischen Ambitionen sich ihrer fürsorglich annehmen,  weil sie um ihr Wohlergehen besorgt sind.

Der Mensch sollte Mensch bleiben, auch wenn er nur ein Ofen ist, der die Atmosphäre aufheizt.

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Aus unserer Spezialabteilung: Sach- und Lachgeschenke, Kurzweilartikel gegen Langeweile!

Der Verkaufspsychologe rät Ihnen: „Wir müssen die Kinder möglichst schnell an die Konsumhaltung gewöhnen, Vorleben alleine reicht nicht aus! Zunächst sollte dafür gesorgt werden, dass die lieben Kleinen nicht mit Büchern überbeansprucht werden. Ein Smartphone reicht völlig aus! Musikinstrumente gehören nicht in einen Haushalt mit Kindern!

Stattdessen bereiten Sie Ihr Kind auf einen längeren Aufenthalt im merkantil-demokratischen System vor und beginnen Sie sofort damit. Schenken Sie Ihrem Kind Batterieverbraucher, z.B. einen Walkman.

Der Anblick sterbender Bäume muss dem Kind unter allen Umständen erspart bleiben, da ansonsten die Kinderpsyche darunter leidet.

Hauen Sie dem Filius ruhig mal eine runter, wenn er sich nicht anpassen will. Er hat es später leichter als Sie es hatten.

Schenken Sie Ihrem Kind Turnschuhe aus Kunststoff anstelle von Fußbekleidung mit Ledersohle, denn auch ein Schweißfuß will verbraucht sein.

Fahrräder sollten möglichst nicht geputzt werden, die Kette nicht geölt. Sie verbleiben nachts im Freien. Nur so schreitet der Verrottungsprozess zügig voran. Einfach in den Dreck schmeißen , das reicht völlig aus.

Außerdem sollte Rahmen- und Rädergrüße jedes Jahr dem Wachstum Ihres Kindes angepasst werden. Beginnen Sie mit Felgengröße 16 Zoll. Sobald das 28 Zoll – Rad mit 27 Gang Kettenschaltung erreicht ist (immer in Dreierschritten aufwärts), kann über die Zuteilung eines Mofas bis 25 km/h nachgedacht werden. Das Kind ist dann etwa 15 Jahre alt. Es folgen dann in jährlichen Abständen: Der 50 ccm Roller bis 45 km/h, das Leichtmotorrad mit 80ccm , das erste richtige Motorrad bis 27 PS, und nach weiteren 2 Jahren kann mit der  Anschaffung der ersten 1000ccm Maschine in der offener Version geliebäugelt  werden. Andererseits kann auch über die Anschaffung des ersten Personenwagens nachgedacht werden. Diese zwei Jahre werden Ihrem Filius wie eine Ewigkeit vorkommen. Wenn er das aber alles fleißig durchgespult hat, dann ist er fast einer von uns geworden. Loben Sie ihn tüchtig, das bestärkt ihn in seinem Selbstbewusstsein. Schließlich haben wir das alles auch durchgemacht und leben noch heute!

Reinkarnation

“Radio Fünf mit den fröhlichen Wellen für Frühaufsteher – heute zum Thema Reinkarnation – ist heute alles anders? Ein Interview mit dem berühmten Kunst- und Kultur-Historiker, Dr. Michelangelo. Am Mikrofon Heinz Habermann. Vielen Dank, dass Sie zu früher Stunde zu uns ins Studio gekommen sind.“

„Guten Morgen, Herr Habermann.“

„Reinkarnation, was verstehen Sie darunter?“

„Unter diesem Begriff verstehen wir eine Wiedergeburt, will sagen, der Geist eines Verstorbenen wird in einem neuen Leben mit einem neuen Körper wiedergeboren.“

„Sie meinen damit eine Art Zweitauflage des früheren Menschen nach dessen Ableben?“

„Nun ja, Zweitauflage ist wohl nicht der richtige Begriff für dieses Phänomen, dann schon eher eine Wiederbelebung einstmaliger Fähigkeiten in einem neuen Körper mit erneuertem Bewusstsein.“

„Ist das alte Bewusstsein weg?“

„Ja, das ist weitgehend weg, aber es kann durchaus passieren, dass dem einen oder anderen Wiedergeborenen gewisse Situationen bekannt oder vertraut vorkommen.“

Handelt es sich bei Wiedergeborenen um weiterentwickelte Personen, um Prototypen eines Menschen von morgen?“

„Weiterentwicklungen ja, Prototypen eines Übermenschen von morgen, nein. Ich gehe davon aus, dass auch Sie bereits zwei- oder dreimal wiedergeboren wurden!“

„Was, ich?“

„Ich bin fest davon überzeugt, ebenso wie ich davon überzeugt bin, dass ich in meinem früheren Leben der bekannte Bildhauer Michelangelo war.“

„Ich kann mich aber an rein gar nichts erinnern!“

„Der Wiedergeborene fängt praktisch ganz von vorne an, er muss neu lernen, nur – es geht wesentlich schneller. Manche Dinge kommen uns vertraut vor, eine Sprachbegabung hier, eine musische oder mathematische Begabung dort, oder ein außerordentlich gut entwickelter Betrüger, da ganz hinten links in der Zuschauerreihe!“

„Ach, das ist ja interessant. Sie glauben, dass ein Betrüger eine Gnadenbegabung in sich trägt?“

„Wir können das durchaus als eine fehlgeleitete Form einer kreativen Begabung bezeichnen, als eine Art Mutation. Die Schöpfung wird das natürlich sofort korrigieren.

Dennoch können wir feststellen, dass Betrüger oft intelligente Personen sind, die planen und zielgerichtet agieren können. Ihnen mangelt es allerdings an sozialer Kompetenz. Oft handelt es sich um Beziehungsverräter. Zuweilen leiden sie selbst unter diesem Manko. Sie spielen sich und ihrer Umwelt ständig Lügenmärchen vor und müssen aufpassen, dass sie sich nicht widersprechen. Letztlich glauben diese Personen selbst an ihre Lügenmärchen und speichern diese im Kopf als Realitäten ab.

Aus der Pflanzenwelt kennen wir das Phänomen des Betruges schon recht lange. Nehmen wir den Sonnentau als Beispiel, eine fleischfressende Pflanze. Sie täuscht ihre Besucher mit spiegelnden, duftenden Tröpfchen an den Rändern ihrer Blütenkelche. Insekten, die auf diese Verlockung hereinfallen, werden verdaut. Diese Pflanze lebt vom Betrug. Irgendwie hat sich fast die gesamte Zivilisation auf Täuschung und Beeinflussung eingestellt, nehmen wir Sie als Beispiel!“

„Mich?“

„Warum nicht? Sie haben sich zum Journalisten ausbilden lassen.“

„ Nein, nicht lassen, selbst ausgebildet!“

„Auch gut. Was liegt näher als die Vermutung, dass Sie, sagen wir, um 1530 bereits als Laternenausrufer in einer kleinen Stadt in Mitteldeutschland gelebt haben und …“

„Ich? Ein Laternenausrufer?“

„ … und später, sagen wir – um 1793 – als Aalverkäufer auf dem Fischmarkt aktiv waren.“

„Das wird ja immer spannender, was glauben Sie denn noch über mich zu wissen?“

„Natürlich kann das auch ganz anders gewesen sein. Vielleicht waren Sie vor Christi Geburt ein Trommler in den Diensten eines Pharaos und waren sogar im Beamtenverhältnis.“

„Eines Pharaos?“

„Meinetwegen auch auf einer Sklavengaleere in den Diensten eines römischen Kaisers!“

„Unglaublich, was Sie da sagen, ich kann es mir nicht vorstellen!“

„Nicht wahr? Ihr Charisma liegt vermutlich im Trommeln. So genau kann ich das aus dem Stegreif nicht ermitteln, aber es würde passen. Der Laternenausrufer, der Marktschreier mit seinen Aalen, der Trommler! Aus der Trommel wurde Ihr Mikrofon, aus den platschenden Ruderschlägen Ihre Stimme. Das Rhythmische haben Sie beibehalten, denn Ihre Sendung läuft wöchentlich und wiederholt sich in Intervallen. Jedes Mal dienstags um sieben Uhr in der Frühe. Das einzige, was sich in den Jahrhunderten verändert hat, ist die Geschwindigkeit des Taktes. Wir sprechen hier von der oszillatorischen Schwingungsphase …“

„Aha!“

„Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist der Umstand, dass Ihr Trommeln und Ihre jetzige Tätigkeit etwas gemeinsam haben, die Signalwirkung! Das ist, wie wenn ein Stein ins Wasser geworfen wurde.“

„Ich? Ins Wasser geworfen?“

„Nur als Beispiel, ich muss mit einem Beispiel arbeiten, damit die Hörer es verstehen!“

„Also gut, ich wurde ins Wasser geworfen!“

„Sie werden als Stein ins Wasser geworfen. Das ist ein Unterschied! In dem Fall gehen von Ihnen gleichmäßige ringförmige Wellen aus, welche die Trägheit der Wasseroberfläche überwinden. Die Intensität der Wasserwellen ist abhängig von bestimmten physikalischen Größen.“

„Und was passiert jetzt?“

„Nichts, die Ringe des Wassers sind Ihre Trommel.“

„Ach, die Trommel!“

„Ja genau, es entstehen Schallwellen, die primär von den Trommelstöcken erzeugt werden. Diese sind abhängig von der Größe der Trommel, von der Länge und dem Gewicht der Trommelstöcke und der Energie, die sie bewegt. Dabei setzt die Luft den Schallwellen Widerstand entgegen. Das muss auch so sein, denn sonst könnten wir ja hören, was sich die Buschtrommler in Afrika zu sagen haben. Die Menschheit würde ja vom Wesentlichen abgelenkt.“

„Ich kann Ihnen nicht mehr folgen. Was hat das alles mit Reinkarnation meiner völlig unbedeutenden Person zu tun?“

„Es ist doch ganz einfach. Ihre Trommel von damals, das ist heute der Sender. Der Widerstand der Luft ist heute der Regulierknopf am Empfangsgerät, auch Potentiometer genannt.“

„Ich denke, Sie sind Kunst- und Kulturexperte! Jetzt glaube ich, dass Sie Elektriker sind!“ „Nein, lassen Sie sich nicht beirren, das Potentiometer am Empfangsgerät ist Ihr Handicap.“

„Mein Handicap, was ist das jetzt wieder?“

„Mit der Häufigkeit der Reinkarnationen nimmt auch das persönliche Handicap zu, und zwar proportional.“

„Das einzige Handicap, das ich zurzeit zu überwinden habe, besteht in einer längst fälligen Gehaltserhöhung. Ich werde im Anschluss an diese Sendung zu meinem Intendanten gehen. Proportional, sagen Sie?“

„Der Zuhörer kann Sie sogar ganz ausschalten, was ich Ihnen nicht wünsche. Theoretisch könnte er das aber. Sehen Sie, als Trommler auf der Galeere gaben Sie die Taktgeschwindigkeit der Ruderzüge vor. Damals konnte Ihnen keiner entkommen. Schließlich befanden sich alle in der gleichen Fortbewegung auf dem Schiff. Jedoch trommelte nur einer, viele mussten rudern, einer half mit der Peitsche nach, der Steuermann hielt den Kurs. Einige ließen sich fahren! Sie alle kamen nicht von dem Schiff weg. Das ist bis heute so geblieben.“

„Sie wollen mich doch nicht ernsthaft mit einem Galeerentrommler vergleichen, Herr Dr. Michelangelo!“

„Weshalb nicht? Was bezwecken Sie sonst mit der Werbung, die der Sender regelmäßig in die Sendungen einstreut, so dass niemand mehr weiß, wo vorne und wo hinten ist? Das geht sogar so weit, dass niemand mehr behalten kann, worüber gerade gesprochen wurde.“

„Moment mal, die Werbung mache doch nicht ich!“

„Der Trommler hat auch keine Kriege geführt, aber die Soldaten, die sich auf den Schiffen befanden, die durch Galeerensklaven bewegt wurden!“

„Also, wenn ich geahnt hätte, welche Richtung unser Interview genommen hätte, wäre ich heute Morgen im Bett geblieben.“

„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus. Unsere gemeinsamen Handicaps sind die Sachzwänge, denen wir ständig ausgesetzt sind. Die Reinkarnation gibt Ihnen ja auch eine neue Chance. Der Wiedergeborene entwickelt seine Begabungen weiter. Er darf dabei nur nicht die Sinngebung aus den Augen verlieren und sein Augenmerk ausschließlich auf die Überwindung der Widerstände richten.“

„Moment, Moment, Sie stellen ja die Lauterkeit des Rundfunkwesens infrage, besonders die der freien Sender, von uns Rundfunkjournalisten will ich gar nicht erst reden!“

„Also bitte, sprechen wir über Ihre Motivation!“

„Hauptaufgabe des Rundfunks besteht darin, die Menschen über Zeitgeschehen zu informieren oder über kulturelle Ereignisse!“

„Erdnussbutter?“

„Ja, ja, lästern Sie nur! Wir müssen ein großflächiges Informationsnetz abdecken. Es geht doch nicht darum, die Zuhörer darüber zu informieren, wie der Kaiser seine Nacht verbracht hat!“

„Ach nein?“

„ Wir haben doch zweifellos Bildungsaufgaben zu übernehmen. Wir arbeiten Geschichte auf und leisten soziale Hilfen in Form von Aufklärung. Letztlich überwachen wir, dass sich keine schädlichen Strömungen und Tendenzen in die Gesellschaft einnisten, indem wir aufdecken.“

„Wer bestimmt denn, was schädliche Tendenzen in der Gesellschaft sind, der Rundfunkbeirat? Außerdem: Den ethischen Beweggründen steht die Werbepauke entgegen. Ich stelle lediglich die Reinkarnation in den Vordergrund und habe sie auf Ihren Beruf hin untersucht. Das Thema Kunst und Kultur ist noch viel schwieriger. Hier treten noch viel mehr Handicaps auf als in Ihrem Metier!“

„Ich bedanke mich für das Interview.“

„Bitte, gerne!“

„ Es ist 7 Uhr 20. Radio Fünf mit der Werbung.“

Geh aufs Ganze

Beliebte Unterhaltungssendung mit Gewinnausschüttung an die Kandidaten

„Wollen Sie mit mir zocken, entweder ZONK –ZONK oder ZONK-REISE oder REISE-REISE? Dann nehmen Sie zuerst einmal zwei blaue Umschläge, einen davon geben Sie mir wieder zurück!

Sie da mit der Blechbrille, ja, Sie meine ich, kommen Sie nach vorne. Arbeiten Sie mit mir zusammen?“

„Ja!“

„Wunderbar, wunderbar, wunderbar! Dafür bekommen Sie schon einmal  1000.-DM von mir, für den Anfang schon ganz schön, nicht?

Jetzt brauchen wir noch einen Mitspieler aus dem Publikum. Wer zuerst „hier“ ruft, kommt nach vorne und darf mit mir spielen.“

„Hiiiiieeeeeer!“

„Nicht alle auf einmal! Wer hat zuerst gerufen?“

„Hiiieeeer!“

„Sie dahinten, zweite Reihe von oben, Vierte von links, nein, nicht Sie! Sie meine ich, mit dem Kranz um den Hals, ja genau! Sie kommen bitte nach vorne. Die anderen können wieder Platz nehmen.

Was ist das? Ein Halstuch? Verzeihen Sie mir, von hier vorne sah es wirklich aus wie ein Kranz! Sind Sie mir böse? Das ist nicht der Fall, Sie dürfen mich küssen! Wollen Sie mit mir zocken? Das dachte ich mir! Wie heißen Sie?“

„Christa.“

„Christa, sehr angenehm!

Neben Ihrem Platz im Saal, die nette Dame im geblümten Kleid, wollen Sie meine Saal-Kadidatin sein? Kommen Sie bitte nach vorne. Wie ist Ihr Name?“

„Renate.“

„Renate, wie schön, sind Sie mit Christa verwandt?“

„Nein!“

„OK, Christa wollen Sie den Würfel oder Tor1? Nein nein, Renate entscheidet.

Was  hätten Sie denn genommen, Tor 1?

Was sagt Renate? Renate sagt, dass Sie den Würfel bekommen und nicht Tor1

Renate bekommt 1000 DM von mir, weil sie gegen Christa entschieden hat.

Tor 1 bitte auf, das Christa nicht bekommen hat!“

„Zooooonk!“

„Würfel bitte hoch! Sie fliegen mit der Nevercomeback- Air nach Bothubohutho, wo Sie sich 14 Tage lang in der Sonne aalen und einer Karawane anschließen können. Im Club Solitaire können Sie nach Herzenslust aus dem Whirlpool trinken. Die Reise von Pickup Holidays hat einen Wert von 8.889.-DM. Herzlichen Glückwunsch. Sie können diese Reise aber auch gegen diesen gelben Umschlag setzen, den ich in der Hand halte!“

„Umschlag, Reise, Umschlag, Reise, !“

„Nehmen Sie den Umschlag, bitte vertrauen Sie mir, ich lüge nicht!

„Reise, Umschlag, Reise, Umschlag!“

„Nicht die Reise?“

„Umschlag!“

„Umschlag auf – oder doch die Reise? Was Sie jetzt sagen – gilt!“

„Umschlag!2

„Umschlag auf!“

Zoooonk!“

„Sie haben leider nicht gewonnen, vielen Dank fürs Mitspielen, Sie haben großartig gespielt, auf Wiedersehen, nehmen Sie Ihren Plüschzonk bitte mit!

Ulli, kommen Sie nach vorne. Sie dürfen einen Mitspieler mitbringen, aber nicht Ihre Frau, das müssen Sie mir versprechen! Ist das Ihre Frau?“

„Ich bin der Gerd!“

Jeder von Ihnen bekommt drei Pfeile. Die werfen Sie bitte ins Publikum. Wer die meisten Personen getroffen hat, bekommt das Fragezeichen. Angelika spielt auch mit. Kommen Sie bitte nach vorne. Hier sind Ihre drei Pfeile. Bitte nicht übertreten, von hier ab wird geworfen. Wer wirft zuerst? Wer im Publikum getroffen wird kommt nach vorne und spielt in der Endrunde um die großen drei Tore. Bitte nicht mogeln, nur eindeutige Treffer zählen. Werfen Sie bitte jetzt!“

„Kreisch!“

„Wurden Sie getroffen? Tatsächlich, der Pfeil steckt noch! Ein sauberer Oberarmtreffer. Kommen Sie nach vorne!“

„Kreisch!“

„Oh, schon wieder ein Treffer! Ulli hat schon zweimal getroffen! Sie sind Peter? Wo hat es Sie erwischt? Ah, ich sehe schon, ein Kopftreffer, hervorragend, kommen Sie bitte nach vorne, Sie spielen mit!“

“Kreisch!“

„Und auch Sie sind dabei, Angelika, bringen Sie den Pfeil mit! Das geht ja hier am laufenden Band Ulli, sind Sie im Dartclub oder woher haben Sie diese Treffsicherheit?“

„Kreisch!“

„Bitte nicht mehr werfen, danke. Der letzte Wurf wird zurückgenommen. Sie sind ein ausgezeichnetes Publikum.

Sie drei spielen jetzt gegeneinander um den großen Preis! Ein Zonk ist noch drin!“

Tatsächlich, ein paar ZONK sind mit Sicherheit noch drin – im Programm!

Schreiben

Es wird so viel geschrieben in diesem Land, u.a. innerhalb der Literatur. Jeder bedeutende deutsche Bürger, jede bedeutende deutsche Bürgerin haben eines mit einander: Sie müssen ein Haus gebaut, einen Knaben gezeugt und einen Baum gepflanzt haben. Da gibt es noch das vierte, das Dingsda – ein Buch geschrieben haben, am besten einen Roman, einen Krimi. Es gibt sehr viele Menschen, die vom Elend dieser Welt nicht genug kriegen können. Sie müssen darüber hinaus noch Kriminalgeschichten oder Kriminalromane lesen nach dem Motto: Heinrich, mich gruselt es vor dir!

Es soll ja einer Statistik nach mehr Autoren als Leser geben, aber noch mehr Fernsehzuschauer. Schlechte Zeiten für Verlage!

Natürlich habe ich immer gepredigt: „Schreibt, schreibt, schreibt!“

Schreibt euch den Frust von der Seele, die Wut aus dem Bauch und die Langeweile aus dem Haus.

Aber so?

Jeder Deutsche ist ein geborener Schriftsteller, ein Autor, einer der sich selbst bewegt – ein Minischiller oder ein Minigoethe, aber wenigstens ein Minisimpel!

Formuliert den Herzschmerz in Form eines Klageliedes –sogenannte Hausfrauenlyrik: „Du hast die Perle in mir nicht gesehen, sie fiel mir aus dem Kranze. Auf der Suche nach dem Lottoschein hast du sie zertreten!“

Als nächste Zeile hätte stehen müssen, „du Blödmann!“ Stand da aber nicht!

Neurosen hat es immer schon gegeben, aber sie haben selten zusammengepasst. Nun wird der Ruf laut nach einer Individualneurose für alle, die Menschen werden aggressiver, der Ton rauer.

Wir laufen mit Neurosen durchs Leben und schenken der Angebeteten neue Rosen, das Stück für 2 Euro 80 Cent, sozusagen als katalysatorischer Lastenausgleich zwischen den Geschlechtern. Oder wir fassen Argumente und Gegenargumente in Texten zusammen und packen diese in lyrisches Geschenkpapier, doch wer hört, bzw. wer liest?

Sie vielleicht!

Die beste Literatur ist das Telefonbuch. Es ist von Jahr zu Jahr auf dem neuesten Stand, chronologisch und zeitgeschichtlich perfekt zusammengestellt.

Wer nicht mehr am Leben teilnimmt, wird alsbald gelöscht. Das klingt grausam, ich stimme Ihnen zu, aber wir können den Lauf der Dinge nicht mehr verändern, also schreiben wir!

Es lohnt sich auch nicht, den Finger drohend zu erheben, sondern strecken ihn waagerecht gegen den Nächsten aus: „Der da hat angefangen!“

Trennt euch doch endlich von edlen Worten und Gedanken, bleiben wir doch sachlich. Eine Dokumentation lehrt uns nachzuvollziehen, wie alles gekommen ist. Wir werden es aber bald wieder vergessen. Na also!

Prügeln wir uns doch gleich um Brot, Frauen und ein Dach über dem Kopf anstatt alles niederzuschreiben. Reißen wir uns doch gleich gegenseitig die Kleider vom Leib, weshalb diese vielen demokratischen Umstände?

Feines Benehmen nach dem Einbruch: Schließe die Tür leise, wenn du gehst!

Literatur ist eine von mehreren Formen, dieses Unsinnshaus zu beschreiben, in welchem wir wohnen. Sie denken anders darüber? Dann sollten Sie schreiben.

Oder schreiben Sie Märchen. Beim Märchen sind Sie nicht in der Beweispflicht. Man kann Ihnen überhaupt nichts nachweisen. Gegenüber dem Kommentar ist ein Märchen im Vorteil. Es hat mit der Realität nichts Konkretes im Sinn. Es kann bestenfalls als Gleichnis mit offenem Ende interpretiert werden. Es endet oft mit der Erkenntnis, dass die Beteiligten noch leben,  und zwar bis an ihr glückliches Ende, wenn sie nicht zwischenzeitlich verstorben sind. Diese Einschränkung muss sein!

Das ist doch nun wahrlich demokratisch und darüber hinaus sehr weise. Wir lassen die Protagonisten zwar nicht immer hoch, doch zumindest solange leben, bis wir meinen, dass sie nunmehr eingeschläfert werden können.

Die Erkenntnis, dass zu viele Schneewittchen, Rosenrot, Frösche, Könige und Zwerge allmählich mein Fassungsvermögen strapazieren, endet mit jähem Euthanasieprozess und erlöst den Leser von Erinnerungsqualen.

Schließlich will der kleine Schriftsteller auch einmal erwachsen werden, wenn er diesen Prozess schon nicht verhindern kann.

Ich verdanke meine bescheidenen literarischen Ergüsse meinem damaligen Deutschlehrer, dem alten Studienrat Derigs. Der wusste seine Klasse der Untersekunda mit dem Gedicht von Manfred Kyber zu begeistern. Er rezitierte mit strengem Blick das Gedicht vom Frosch:

„Es saß ein Frosch im grünen Gras, er tat nicht dies, er tat nicht das, er tat überhaupt nicht was, er war nur nass!“

Weiter kam er nicht. Den missratenen Schülern war es doch egal, aus welcher berühmten Feder diese tiefgreifende Erkenntnis stammt. Stattdessen stampften sie mit den Füßen analog zum Versfuß im Rhythmus auf den  Klassenboden und brachen in schallendes Gelächter aus.

Ich lachte nicht mit, sondern hatte diesen Text nachdenklich in mich aufgenommen und bewahre ihn bis heute in Erinnerung. Verblüfft war ich weniger vom einfachen und logischen Versfuß, als vielmehr von der schlichten, grundehrlichen Aussage des Dichters. Von Jamben und Trochäen habe ich erst viel später erfahren.

Zeitvertreib

Aus: Wundersame Geschichten für Individualisten, 1972

Irgendwo geht ein Mensch. Er dreht sich um und ruft in eine Menge:“Es geht nichts über viereckige Räder. Sie sind am besten!“ Plötzlich wird die Öffentlichkeit aufgescheucht. Einige aus der Menge, die den Ausruf vernommen haben, meinen:  „Der spinnt! Völlig überzogene Werbe – Rhetorik“. Diese Leute drehen sich um und gehen weiter ihrer Beschäftigung nach, nachdem sie sich noch schnell mit dem Zeigefinger gegen die Stirn getippt haben.

Der weitaus größere Teil der Meute reagiert ganz anders, weil ihr die technische Begabung abgeht.

Man beschäftigt sich mit der Aussage: „Endlich mal einer, der das ausspricht, was viele denken!“ Es ist doch gut möglich. Vor einhundert Jahren hat auch niemand geglaubt, dass man mit einer Rakete zum Mond fliegen kann.

Was auch immer dazu gesagt werden mag – egal – die Diskussion ist angestoßen und nach einigen Tagen in vollem Gange, Daran haben die investigativ wirkenden Journalisten mitgewirkt. Das Presseorgan ist bekannt!

So ist es nicht verwunderlich, dass der Ausruf: „Es geht nichts über viereckige Räder, sie sind am besten“ eine permanente Diskussion bei der außerparlamentarischen LINKEN eröffnet. Im Bundestag erfolgt nach Anhörung des Fachausschusses der sogenannte „Hammelsprung“, der Papst erlässt ein Edikt, und die Textilindustrie (Pakistan) fertigt Hemden an, auf denen mittels Siebdruck das Symbol des viereckigen Rades  prangt.

Die „Viereckige-Räder-Welle“ ist angelaufen, ein Boom bläht sich auf. Ein bekannter Motorradjournalist, offensichtlich ein Wahnsinniger, versucht allen Ernstes in einer Talkshow die Behauptung des Moderators zu widerlegen, der das Argument in die Debatte wirft: „Viereckige Räder führen zu einer Verbesserung der Straßenlage bei Personenkraftwagen und Krafträdern, was sich insbesondere beim Abbremsen aus voller Fahrt bemerkbar macht!“

Der ADAC beauftragt einen Motorradfahrer der ersten Generation, viereckige Reifen an seiner Hochgeschwindigkeits-Rennmaschine aus dem Jahr 1936 auszuprobieren. Inzwischen hat die Post eine Sondermarke herausgebracht.

Zwar sind die Testergebnisse noch nicht ausgewertet, da wird bereits allerorts gemunkelt, den Rennfahrer habe es bei 35 km/h von der Maschine geschüttelt.

Dieses Gerücht löst im Bundestag eine der heftigsten Nachkriegsdebatten aus. Es wird beschlossen, anstelle von geschwindigkeitsregulierenden Verkehrsschildern in geschlossenen Ortschaften, diese Räder zur Vorschrift zu bringen

Mit dem Einsparen von 50 Millionen DM wird gerechnet, weil künftig die entsprechenden Schilder wegfallen.

Verabschiedet wird:

„Die Verordnung zur Aufhebung der 25. Verordnung über die Durchführung der Verordnungsanordnungen zur Anwendung des Gesetzes über das Aufstellen von Geschwindigkeitsbegrenzungsschildern zur Regelung der entsprechenden höchst zulässigen Geschwindigkeiten für erdgebundene Personen- und Lastnutzfahrzeuge.

Von dieser Regelung sind ausgenommen: Krankenfahrstühle, Kettenfahrzeuge der Bundeswehr, Planierraupen und kettengetriebene Löffelbagger, soweit nicht nach § 55 im Sinne der §§ 66, 67 Absatz 1 anders bestimmt wird.“

Mittlerweile hat sich das Gerede um viereckige Räder wieder etwas beruhigt. Aktuell beschäftigt sich die Öffentlichkeit mit dem Problem des Einjustierens okulierter Gummibaumkulturen in öffentlichen Parkanlagen.

Den Kleinstaat ausrufen

Den Kleinstaat ausrufen?

Das ist mal wieder typisch für uns Deutsche, uns Mitteleuropäer! Während in Russland eine Großmacht in lauter kleine Zwergstaaten zerfällt, vollziehen wir die Wiedervereinigung und darüber hinaus die EU. Da werden Bilanzen frisiert und zwei Staatsmänner rufen die neue Währung aus, den Euro, und das im Alleingang ohne Beteiligung des Land- bzw. Bundestages.  Zitat:„Wen hätte ich denn beteiligen sollen, dann wäre das doch nie zustande gekommen!“

 Wo Kohl draufsteht, muss Kohl drin sein.

Anscheinend ist es den Gedankenvätern egal, ob eine höchst inflationäre Währung unter den Schutzschirm des Euro aufgenommen wird. Früher konnte man die Lire-Scheine als Badetücher mit an den Strand nehmen.

Andererseits scheint es keine Rolle zu spielen, ob alle neuen Staatsgebilde lebensfähig sind oder nicht. Schlimmstenfalls treten sie der EU bei oder sie bekommen  ein Großkundenabonnement bei einer internationalen Hilfsorganisation. Es bleibt abzuwarten, wann der erste EU- Teilnehmer wieder abwandert. Blickt man in der Geschichte zurück, wird deutlich, dass ein solches Vorhaben ein Kommen und Gehen ist.

Jedenfalls hält das Deutsche Rote Kreuz schon einmal 50.000 Wolldecken bereit.

Das Absondern fängt bereits bei den Campingfreunden an, den Dauercampern. Jeder Zeltplatz auf Dauermiete, und sei er noch so klein, wird von einem Jägerzäunchen eingefriedet, das so niedrig ist, dass man im Dunklen darüber stolpert. Jeder Gang dieses Zelt- und Caravan – Labyrinthes  bekommt einen Namen, jeder Stellplatz eine Fahne, und als Gipfel dieser Scheinsouveränität: Der eigene Rasenmäher mit Zweiradantrieb und drei Gängen für sechs Quadratmeter Leihgrund. In den Zelten, Vorzelten und Caravans muss natürlich nicht gemäht werden.

Mich hat die Entwicklung dieser Souveränitätsanstrengungen misstrauisch werden lassen.

Ich kann doch niemandem mehr trauen! Ängstlich luge ich nach links, misstrauisch spähe ich nach rechts. Nicht, dass ich zufällig in eine Fünfergruppe gerate, die soeben den Kleinstaat ausrufen will! Stellen Sie es sich vor: Sie gehen in den Supermarkt, um sich eine Kiste Bier zu erstehen und sind auf dem Rückweg ihre Staatsbürgerschaft los! Nicht auszudenken!

Ihr Führerschein gilt nicht mehr, und auch die paar Münzen in Ihrer Tasche haben ihre Gültigkeit verloren. Am Ende des Parkplatzes kontrolliert ein Zollbeamter mit roter Mütze Ihren Einkauf!

Das macht doch unsicher, nicht wahr?

Sie kommen nach Hause. Aus Ihrer Wohnung ist das neue Gemeindehaus geworden, und aus dem Schornstein quillt weißer Rauch, weil sich der neue Vatikan im Obergeschoss breitgemacht hat. Auf dem Weg zur Waschküche begegnet Ihnen der Papst, der Sie milde anlächelt.

Da ist inzwischen mediadisiert worden, saecularisiert, ocupiert und onduliert, das ganze Programm der Erneuerung und Regelung der Besitzverhältnisse.

Jedenfalls wären Sie der Gelackmeierte, soviel ist sicher

In Ihrem Auto sitzt ein Fremder, der behauptet, dass er ein neues Taxiunternehmen gegründet hat

Verstehen Sie jetzt, wovor ich mich fürchte? Früher konnten wir der nächsten zehn Jahre noch sicher sein. Aber heute? Der Zeitenlauf mit seinen Geschehnissen wird immer unberechenbarer!

Seit dem weltweiten Bau der Atomwaffen schaue ich jeden Morgen aus dem Fenster und vergewissere  mich, ob das Haus vom Nachbarn noch steht.

Früher war ein Jahr noch ein Jahr, aber heute?

Wer glaubt, dass die Kleinstaatenbildung , uns vor Machtkämpfen schützt, wird eines Besseren belehrt. Andererseits vollziehen sich diese unbeliebten Possenspielchen auch in der EU. Warten Sie es nur ab!

Aus all diesen Überlegungen heraus habe ich in Erwägung gezogen, meinen kleinen Grundbesitz samt Scheune in Ostfriesland zu befestigen. Als Vorbild dient mir die Maginot-Linie der Franzosen. Zunächst sollen Sandsäcke entlang meiner Grundstücksgrenze aufgeschichtet werden. Den Sand entnähme ich den Geländeabspülungen im Süden der Insel Sylt.

Über die Fluchten der Sandsäcke wäre eine Dreifachrolle Nato – Draht zu ziehen. Kennen Sie „Blanch Blade“ , kleine Hellebarden, die irgendwann zu rosten beginnen? Erst dann werden sie richtig wirksam. Ja.ja, wenn man Menschen richtig verletzen will, muss man sich auskennen. Überall auf der Welt werden Menschen mit Blanch Blade verletzt. Viele Betrachter der Szenerien finden nichts dabei. Weshalb rennen die Flüchtlinge auch da rein? Das lesen Sie nicht gerne? Sehen Sie! Ich habe Sie erwischt!

 Jedenfalls käme die erste Panzersperre in die Grundstückseinfahrt. Alle fünfzig Meter würde ein Wachturm errichtet, mit je einem Maschinengewehr bestückt. Die gesamte Familie müsste abwechselnd  Nachtwache halten. Mit meinen achtzehn Kindern dürfte das kein Problem darstellen.

Ich halte viel von Fallgruben mit hungrigen Krokodilen darin. Die kleinen Nager sind aus Restbeständen eines bankrotten Zoos zu beschaffen.

Eine Fahne habe ich bereits entworfen: Ein Totenschädel mit gekreuztem Knochenbein auf schwarzem Grund. Weshalb lange drum herum flaggen? Ich würde allen die Knochen zeigen.

Will uns jemand besuchen, was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, so bekäme der Besuch selbstverständlich Geleitschutz durch eine unserer Fregatten.

Wenn ich zur Bank muss, um mein Gehalt abzuholen, benutze ich natürlich einen Tunnel. Der wäre selbstverständlich auch durch Fallgruben gesichert. Vorsichtshalber ließe ich mir ein paar Krokodile mehr anliefern.

Es ist immer gut, ein paar Krokodile mehr im Haus zu haben. Die Fütterung  würde per Gesetzesentwürfe erfolgen. Sie können es sich vorstellen, wie aggressiv die Tiere davon würden.

Wie ist es Zeitgenossen? Noch Bock auf Kleinstaat?

Eine kleine Fehlertheorie

Aus: Wundersame Geschichten für Individualisten, 1972

Herr X ist Buchhalter in einem kleinen Betrieb am Rande der Großstadt Y. Die Arbeit macht ihm Freude, und es verliefe in seinem Leben alles wunderbar, wenn diese  Freude nicht durch eine tief eingreifende Erkenntnis getrübt würde. Diese offenbart sich den Lesern als nachstehend beschriebene Fehlertheorie, von der unser Buchhalter unter keinen Umständen ablassen will.

„Der Mensch“, so philosophiert er, „macht viele Fehler zu seinen Lebzeiten, aber er lernt nichts wirklich daraus. Er analysiert sie nicht, um daraus Rückschlüsse für sein künftiges Leben zu ziehen, nein er bewahrt sie bestenfalls in seinem Herzen, um andere davor zu bewahren.“

Es kann vorkommen, dass der eine oder andere Fehler nicht mit voller Absicht begangen wurde. Über diese Fehler ärgert sich Herr X am meisten.

Da gibt es die Professionals, die Berufsfehlermacher und andererseits die Liebhaber, Hobbyisten, Idealisten und Individualisten. Sie sind in der Mehrzahl Amateure. Wenn sie Fehler machen, dann tun sie das umsonst!

Zur Gattung der Professionellen gehören u.a. Mitarbeiter der städtischen und überregionalen Straßenplanungsämter. Sie werden für das Fehlermachen nach dem BAT bezahlt. Auch die Politiker müssen als Professionals eingestuft werden.

Es gibt gute und schlechte Fehler, je nachdem, wer davon betroffen ist. Die Beamten können ein Lied davon singen, denn sie haben sich in diesen Fehlern eingenistet und bewahren sie mit Herz, Seele und Gehalt.

Die Fehlermacherei soll demnächst als Studienfach zugelassen werden – sechs Semester!

Man hat erkannt, dass es sich um ein wissenschaftliches Randgebiet handelt, das ausgebaut werden muss. Bei der Rechtsprechung gelangen Fehler als Tenor (oder Sopran) in die Straf- oder Zivilprozessakten und wiederum lebt ein ganzer Berufszweig davon.

Den Kraftfahrern/Innen werden die späteren Fehler dank ausgeklügelter Verkehrsvorschriften gleich bei der Aushändigung des Führerscheines  mit auf den Weg gegeben. Um das auszuschöpfen, wurde der Bußgeldkatalog erfunden. Das hat den Kommunen die Möglichkeit eingeräumt, Nutzen in Form harter Währung daraus zu ziehen.

So ist es den Behörden möglich, einladende Freiflächen anzulegen und damit die Autofahrer anzulocken, um die Fläche hinterlistig mit Parkverbotsschildern zu umsäumen, so dass die gestressten Autofahrer nur allzu bereitwillig in die aufgestellten Fallen tappen. Wieder ist ein neuer Berufszweig entstanden: die Hostessen.

Da sind die großen und die kleinen Fehler: kleine lassen sich ausbügeln, bevor der Chef etwas merkt. Werden sie doch vom Chef oder Abteilungsleiter vorzeitig aufgedeckt, werden aus den kleinen Fehlern große. Die größten Fehler, die in der Geschichte bekannt geworden sind, haben Millionen Menschen  den Kopf gekostet und nicht nur den eigenen, sondern auch den der anderen.

Es soll auch richtige und falsche Fehler geben, z.B. beim Abschreiben während  Klassenarbeiten in der Schule.

Ein schöner Fehler liegt dann vor, wenn das Finanzamt besch… wurde. Muss ein Bürger nachzahlen, nennen wir das „einen hässlichen Fehler“.

Dann sind da noch die absurden und die farbigen Fehler. Als  absurd sind jene zu bezeichnen, die andere machen. Farbige Fehler finden wir auf schlechten Gemälden ,z.B. wenn die Perspektiven falsch dargestellt sind.

Praktische und theoretische Fehler kommen bei der Führerscheinprüfung vor. Noch etwas über aktive und passive Fehler: Aktive Fehler begeht man, passive passieren einem.

Die einzelnen Fehlergattungen treten häufig in Kombinationen auf und sind nur schwer zu analysieren. Da gibt es die aktiven farbigen Fehler (Herr X besucht regelmäßig Kunstausstellungen ), die hässlichen theoretischen, die absichtlichen großen und die kleinen absurden Fehler.

Der Laie hat es in der Tat sehr schwer, die originellen Fehler am richtigen Ort anzubringen. Deshalb wirken so viele Fehler irgendwie stümperhaft.

Gewusst

Aus wundersame Geschichten für Individualisten 1972

Eddy Burns hört, sieht und weiß alles, richtig unheimlich kann es einem da werden! Gestern ist er, Burns, in den Hundedreck getreten, dabei hätte er das vorgestern schon wissen müssen.

Viele Menschen kommen und fragen ihn um Rat, ihn, den  Erfahrenen, den alles Wissenden. Ob Sie es glauben oder nicht, Zeitgenossen, der Slogan „der nächste Winter kommt bestimmt“, ist garantiert von Eddy Burns.

Bevor der in ein Taxi einsteigt lässt er sich zunächst den Führerschein des Taxifahrers zeigen und dann den Personalausweis, zum Schluss die Fahrzeugpapiere, denn: „Alles“, so Eddy „muss seine Ordnung haben!“

Einmal hatte ein Betrunkener auf Eddys Aktentasche gepinkelt, die er an einer Laterne abgestellt hatte, als er auf den Bus der Linie72 wartete. Pfui! Eddy hatte es aber völlig ignoriert, obschon er sich ansonsten über die kleinste Kleinigkeit fürchterlich aufregen kann. Merkwürdig! Aber gestern gab es eine Todesanzeige  im „Tagesecho“, ein gewisser Schuster sei dem Suff zum Opfer gefallen.

So gibt es geistige Verbindungen und seltsame Zusammenhänge, die nur Menschen wie Eddy Burns vertraut sind.

Ein weiteres Beispiel: Alle reden vom Wetter, so, als wenn sich die Leute mit nichts Anderem auseinandersetzen können, als immer nur über das Wetter zu reden. Eddy würde das nie in den Sinn kommen. Es gibt seiner Meinung nach ohnehin nur drei Möglichkeiten, welche ins Kalkül zu ziehen würden:

Entweder es regnet oder es regnet nicht. Es sei denn, es regnet mal und dann wieder nicht! Das betrifft auch den Sonnenschein, den Hagel und den Schnee. Man kann also gar nicht so weit daneben tippen. Das alles ist Eddy Burns zu profan. Er sagt: „Das sind Prognosen für Anfänger“.

Übermorgen wird ein Straßenbahnzug der Linie 12 entgleisen, und  viele Leute werden sich den Kopf stoßen, nur glauben Sie nicht, dass Burns in dem Zug sitzen könnte. Der lauert morgen auf die Zeitung von übermorgen, in der berichtet wird: „Entgleisung! Straßenbahnzug rammt Brückenpfeiler“.

Eddy Burns hört, sieht und weiß fast alles, was geschehen ist oder noch passieren wird, außer den Tritt in den Hundedreck , den hat er offensichtlich nicht vorausberechnet.

Sehen Sie, Zeitgenossen, das entzieht der ganzen Geschichte um Eddys Besserwisserei die unheimliche Komponente und macht die ganze Angelegenheit so wahnsinnig komisch.

Satire

Hallo Zeitgenossen, fast könnte einer daherkommen und sagen:  „Er schreibt in eigener Sache!

Ganz so ist es nicht. Ich bilde den Nachwuchs aus. Die großen Kabarettisten von morgen; das sind die Satiriker, denn anders ist das Leben wohl kaum noch auszuhalten. Sind Sie ein potentieller Kandidat? Mit Potential?

Nur Mut!

Bedenken Sie jedoch immer ihre Motivation – weshalb Sie das alles auf sich nehmen wollen.

Wollen Sie Zusammenhänge und Fragwürdiges, also fragwürdige Zusammenhänge innerhalb unseres gesellschaftspolitischen Zusammenlebens aufzeigen oder sogar infragestellen, Denkanstöße vermitteln?

Um des Himmels Willen, dann versuchen Sie Ihr Glück in der Werbung. Dort sind Sie besser aufgehoben als in einem Buch oder bei einem mündlichen Vortrag! Gepredigt wird in der Kirche! Außerdem: Der Werbung entkommt so leicht niemand.

Als Satiriker müssen Sie Worte kneten können, aber auch Ereignisse und Personen. Nehmen Sie Kanzler Kohl (als ich das schrieb, lebte er noch!), solange es ihn gibt. Er ist einer der Wenigen in Deutschland, der an den ganzen Mist glaubt, nachdem er ihn uns eingebrockt hat. Im Ausland hasst man uns Deutsche nicht mehr. Wir werden bedauert, und das ist sein Verdienst!

Zielen Sie mit Giftpfeilen auf die Hintern der Zuhörer. Die meisten von ihnen merken es erst, wenn sie sich daheim vor die Glotze setzen. Giftpfeile werden in Ironie und bitteren Sarkasmus getränkt, bevor sie abgeschossen werden. Sie müssen sich qualifizieren.

Erwecken Sie beim Publikum oder der Leserschaft den Eindruck des Allwissenden und bauen Sie Rechtschreibfehler ein. Sie haben die Lacher auf ihrer Seite. Geben Sie sich intellektuell, denn doofe Kabarettisten gibt es nicht! Je schneller Sie sich artikulieren, desto leichter fällt es, alles durcheinander zu wursteln, ohne dass es auffällt. Man versucht Ihnen zu folgen. Das kann dauern, legen Sie nach jeder Pointe eine Klatschpause ein. Unterscheiden Sie zwischen feinsinniger Ironie und blödelndem Sarkasmus. Behaupten Sie einfach, dass 7,5 Milliarden Menschen weltweit am steigenden Wohlstand teilnehmen. Sollte jemand im Publikum aufmucken, weisen Sie darauf hin, dass kürzlich erst die Sozialhilfe aufgestockt wurde. Die Renten übrigens auch. Wer 600.-€ an Rente bezog, hat sich durch die Rentenerhöhung deutlich verbessert, denn die jährliche Inflationsrate wurde fast aufgefangen. Die meisten Lacher ernten Sie für Blödeleien, angereichert mit Sprachfehlern, rufen Sie mehrmals hintereinander „Seidenbacher“ in den Raum. Zur Not hilft Ihnen eine Operation! Vermeiden Sie Zoten! Wenden Sie diese lieber an!

Spielen Sie mit Widersprüchen bis die Zuhörer schwindelig werden und vom Stuhl fallen. Den Beifall bekommen Sie dann für die Pause, die Sie Ihnen nach einer dreiviertel Stunde gewähren. Finden Sie einen Verlag und vermeiden Sie den erhobenen Zeigefinger. Viele Zuhörer (oder Leser) haben eine schwere Kindheit gehabt. Nehmen Sie deren Macken in Pflege, das ruft ein Gefühl der Solidarität hervor. Verpacken Sie Belehrungen in schöne Fragen, die Sie an das Publikum richten. Es will beteiligt sein: „Habt Ihr sie noch alle beisammen?“ Wetten, dass sie lachen?

Kenntnisse in der Rechtschreibung sind nicht erforderlich. Sie behaupten, dass Sie in der neuen Rechtschreibung unterwegs sind. Da blicken momentan nicht alle durch! Schreiben Sie Stängel mit „ä“ und erklären Sie, dass es jetzt von „Stange“ abgeleitet wird.

Nur schreiben Sie niemals in Süterlin, weil Ihre Werke vermutlich im Goethe-Institut in China landen. Stellen Sie es sich nur vor: Eine chinesische Klasse an der Uni sagt Ihren Blödsinn im Chor auf!

Nehmen Sie bekannte Kabarettisten zum Vorbild! Imitieren Sie das Geräusch der Toilettenspülung.  Sie müssen dazu nicht Ihre Stimmbänder bemühen. Vielleicht  funktioniert das rectal besser! Bei einer kabarettistischen Darbietung gehen wir von folgender Statistik aus:

10 % Rohrkrepierer, 25% Missverständnis, 8% Spätzünder, 1% Volltreffer,6% vergessener Text. Macht zusammen 100 Prozent!

Wie? Stimmt nicht? Sehen Sie, es geht schon los!

Noch ein gutgemeinter Rat eines erfahrenen Satirikers. Die Texte müssen kurz und prägnant sein. Sie bekommen die Zuhörer so schnell nicht wieder wach, wenn diese erst einmal eingeschlafen sind. Außerdem werden Sie nicht nach „Zeilengeld“ entlohnt. Voraussichtlich werden Sie überhaupt nicht entlohnt, weil die Saalmiete alles schluckt.

Deshalb sind die Hobby-Kabarettisten auf dem Vormarsch! Außerdem seien Sie sich darüber im Klaren, dass Sie sich auf einem schlüpfrigen Gebiet innerhalb der Literatur bewegen. Sie rangieren in der Gunst des Publikums gerade vor dem Lyriker, der noch weniger Interesse beim Publikum erweckt.

Kabarettisten sterben sehr einsam und werden oft missverstanden, was auch beabsichtigt ist. Ihnen bleibt nur zu Lebzeiten der Trost, dass sie als mittelprächtige Kotzbrocken vielen Menschen tiefe Wunden geschlagen haben.

Haben Sie eine schwache Ausstrahlung? Mangelt es Ihnen an Charisma? Dann stülpen Sie sich einen Margarinekarton über den Kopf und imitieren einen Radiosender. Halten Sie sich aus öffentlichen Stellungnahmen heraus. Beachten Sie: Große Klappe nur am Schreibtisch! Schützen Sie Menschen mit anderer Meinung zu bestimmten Themen, selbst wenn Sie völlig anderer Meinung sind. Sagen Sie: „Das ist ja gar nicht sooo verkehrt, was Du sagst!“ Machen Sie dem Publikum deutlich, dass Sie nur deshalb so hämisch agieren, weil Sie sich in den Dienst der Sache stellen.