Undeutsche Klos, deutsche Kulturbeutel und ostdeutsche Kulturchristen

Kolumne

    Er hieß zwar Wohlgemut, fühlte sich aber nicht so. Die öffentliche Diskussion in Deutschland über das Thema Leitkultur ließ ihn nachts nicht mehr schlafen. Die Einführung einer Hocktoilette in einem Kölner Bürgerzentrum genügte, die Empörungsmaschinerie wieder einmal in Gang zu setzen. Das Hockklo entspräche nicht deutscher Tradition, sei  absolut undeutsch und ein Zeichen der wachsenden Islamisierung, so die Verteidiger deutscher Leitkultur. Dass der traditionelle deutsche Flachspüler schon seit Jahren durch den amerikanischen Tiefspüler ersetzt worden war, wurde aus olfaktorischen Wahrnehmungsgründen vom deutschen Bürger begrüßt. Wie so viele amerikanische Dinge des alltäglichen Lebens  widerstandslos in die deutsche Leitkultur aufgenommen wurden, so auch der Tiefspüler. Der Deutsche fühlte sich dadurch nicht in seiner Kultur bedroht. Aber ein Hockklo – nein, dagegen sträubt sich alles im kulturbewussten Deutschen.

   Wohlgemut fand, dass die Politiker dem Thema nicht gewachsen waren. Deswegen wollte er als loyaler Bürger seinen Beitrag leisten, um die Diskussion über Migranten und deutsche Leitkultur um einige Aspekte zu bereichern. Zu diesem Zweck begann er Briefe zu schicken an alle Politiker, die sich öffentlich zu dem Thema äußerten. Diese Briefe veröffentlichte er außerdem noch auf Facebook, in der Hoffnung, Gesinnungsgenossen zu gewinnen.

    Einleitend wollte Wohlgemut einen positiven Vorschlag machen, dessen Realisierung so unkompliziert war, dass er sich wunderte, dass noch niemand auf die Idee gekommen war, nicht einmal die, die so leidenschaftlich für eine deutsche Leitkultur werben und von Migranten erwarten, dass sie die übernehmen. Wohlgemut erinnerte sich an die Lehre der Werbepsychologie: Kleine Geschenke machen den Kunden geneigt zu tun, was man von ihm erwartet. Die Frage, was man den Migranten als Willkommensgeschenk, das sie für die deutsche Kultur einnehmen könnte, überreichen könnte, liegt auf der Hand. Was ist deutscher als der deutsche Kulturbeutel? Für den Deutschen ist das nicht einfach eine Tasche für Waschsachen und Kosmetika – nein, es ist ein Kulturbeutel, ein Beutel, der für den deutschen Bürger Kultur repräsentiert. Also, schlug Wohlgemut vor, überreiche man jedem Migranten oder jeder Migrantin beim Empfang einen deutschen Kulturbeutel. Als Inhalt für den Kulturbeutel eignen sich im Hinblick auf die spezifische Situation der Migranten vor allem ein Rasierapparat und ein Deostift. Der Rasierapparat würde den muslimischen Männern dazu dienen, diese riesigen schwarzen Bärte abzurasieren und sich so dem deutschen  Standardgesicht anzunähern. Da man weiß, in welch beengten Verhältnissen Migranten leben müssen und wie sich die Frauen kleiden, darf man annehmen, dass ein Deostift auch gern angenommen wird.

    Was aber soll geschehen mit Migranten, die noch gar nicht da sind, die erst nach Deutschland rein wollen? Auch das fragte sich Wohlgemut, und tat sich sehr schwer, eine Antwort zu finden. Der amerikanische Präsident machte es sich leicht. Er wollte Muslime einfach nicht in die USA einreisen lassen, weil sie Terror brächten und Leib und Leben der Amerikaner gefährden würden.

    In Deutschland sind es Pegida und die AfD,  die ebenfalls keine Ausländer ins Land lassen wollen, allerdings mit einer etwas anderen Begründung. Zwar sehen auch sie die Gefahr der Kriminalität, die von diesen Menschen ausgehen würde, aber am allergrößten ist ihre Sorge, dass diese Migranten aus muslimischen Ländern das christliche Abendland islamisieren und damit zerstören würden. Wohlgemut fand diese Sorge übertrieben. Die Migranten würden ja eine Minderheit im christlichen Abendland, das hier von Deutschland vertreten wird, darstellen. Also wäre doch logischerweise die Möglichkeit, dass nicht Deutschland islamisiert wird, sondern die Muslime christianisiert werden, viel größer. Komisch, dass niemand daran dachte!

    Ein Verdacht keimte in Wohlgemut auf: Sollten  diese abendländischen Christen, nicht wirkliche Christen sein? Einer der wichtigsten Sprecher der AfD ist Alexander Gauland, der von sich selbst sagte, er sei „nicht gläubig“, er sei „Kulturchrist“. Als Wohlgemut das hörte, schwirrten ihm mehrere Gedanken im Kopf: Gaulands christlicher Glaube ist ihm nicht durch muslimische Subversion zerstört worden, sondern muss ihm auf andere Art abhandengekommen sein. Ein wirklicher Christ, der sich durch seinen Glauben an Jesus definiert, ist Gauland also nicht. Deswegen nennt er sich einen „Kulturchristen“. Er ist jemand, der sich zwar vom Inhalt des Christentums verabschiedet hat, doch die Kultur des Christentums für sich reklamiert. Aber welchen Kulturbegriff hat der Mann? fragte sich Wohlgemut. Seine christliche Kultur ist doch ohne christlichen Glauben  sinnentleert. Wohlgemut fiel es wie Schuppen von den Augen: Gaulands Kultur besteht aus traditionellen christlichen Versatzstücken, antiquierten sinnlosen Riten und überkommenen Verhaltensweisen. Diese Kultur ist nichts anderes als Theaterkulisse. Wohlgemut dämmert es jetzt: Nicht nur Gauland agiert vor dieser Kulisse, sondern die Mehrheit all jener, die das christliche Abendland und seine Kultur beschützen wollen. Was sind sie doch alle für Heuchler, dachte Wohlgemut.          

   Wer aber beschreibt das Erstaunen, nein den Schock,  den Wohlgemut erlitt, als er im Fernsehen einen Bericht über Religion in Ostdeutschland sah. Eine Studie ergab: 52 Prozent der Ostdeutschen sind bekennende Atheisten, und in den Zeitungen las Wohlgemut, dass Ostdeutschland die „gottloseste Region der Welt“ ist – so die tatsächliche Formulierung.. „Kein Wunder“, dachte Wohlgemut zunächst, „ein halbes Jahrhundert Kommunismus hinterlässt eben seine Spuren.“ Aber dann fiel ihm ein, dass Polen und Russland ebenfalls unter dem Kommunismus gelebt haben, und dort die Religion dennoch immer noch ziemlich lebendig ist. Also muss es für die für die ostdeutschen Brüder und Schwestern andere Gründe für ihre Gottlosigkeit geben, vermutete er.

    Verstehen konnte er jedoch jetzt, dass die im Osten dominierende Pegida und AfD keine Muslime ins Land lassen  und die Grenze, wenn nötig, sogar mit Waffengewalt verteidigen wollten. Dass diese gottlosen Atheisten das christliche Abendland schützen wollen, ist doch die pure Heuchelei. Allerdings Recht haben sie auf eine verquere Weise, wenn sie sagen, diese Muslime sind nicht integrationsfähig. Wie sollten die sich als gottgläubige Menschen in eine atheistische Gesellschaft wirklich integrieren können? Zwar sind sie keine Christen. Aber was sie mit Christen immerhin gemeinsam haben, ist der Glaube an einen Gott. Für die ostdeutschen Atheisten wären sie allerdings eine ständige Provokation.  Gauland und Genossen glauben offensichtlich, dass Religion und Kultur nichts miteinander zu tun hätten und Ausländer sich deswegen auch in eine Kultur einleben könnten, die keinen  Sinn mehr hat. Wohlgemut hätte Gauland gern gefragt, ob 2000 Jahre abendländischer Atheismus dieselbe Kultur erzeugt hätten wie 2000 Jahre Christentum. Warum nennt er sich nicht Kulturatheist?

    Sie sind schon ein ganz besondere Völkchen, diese Ostdeutschen., dachte Wohlgemut. „Halt“, rief er sich zur Ordnung, vergiss nicht, sie sind doch Deutsche, sind Brüder und Schwestern, wie wir sie früher, vor der Vereinigung, genannt haben.“ Wohlgemut versuchte sich zu erinnern. Wie war das eigentlich damals bei der Vereinigung? Die  DDR als System wurde abgeschafft und Ostdeutschland wurde in die Bundesrepublik übernommen. Hatte man damals die Frage gestellt, die man heute im Hinblick auf Migranten stellt: Sind diese Ostdeutschen überhaupt integrationsfähig? Eine demokratische Kultur, wie man sie im Westen mühselig  jahrzehntelang mit amerikanischer Hilfe gelernt hatte, war denen im Osten doch vollkommen fremd. Wie man jetzt weiß, kommt noch hinzu, dass auch das Verhältnis zur Religion im Osten ein ganz anderes ist als im Westen. Wenn man damals die Maßstäbe von Pegida und AfD angelegt hätte, hätte die Trennung der beiden Teile Deutschlands unbedingt beibehalten werden müssen.

    Eine vom Fernsehen berichtete kleine Episode ließ Wohlgemut die Unvereinbarkeit der kulturellen und religiösen Vorstellungen von West und Ost klar erkennen: In der DDR wurden überflüssig gewordene Kirchen umfunktioniert. Eine Touristengruppe aus Bayern war aufs Tiefste schockiert, als sie erfuhr, dass das Restaurant, zu dem sie gefahren wurden, eine ehemalige Kirche war. Die Blasphemie wurde als schlimmer empfunden als wenn eine Kirche zur Moschee umgebaut worden wäre. Denn dann hätte sie immerhin  noch ihre alte Funktion behalten, nämlich Haus eines Gottesdienstes zu sein. Wohlgemut musste zugeben, dass er auch von Kirchen in Westdeutschland gehört hatte, die ebenfalls ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet wurden, und er fragte sich, ob das nicht schon vielleicht Zeichen der Unterwanderung durch östliche säkulare Wertvorstellungen sei, dass also die Zersetzung der BRD durch ostdeutsche Einflussnahme schon begonnen habe.

    Wohlgemut war weder Psychologe noch Historiker. Er war Rheinländer. Als solcher erinnerte er sich an einen anderen Rheinländer, an den ersten Kanzler der Bundesrepublik, an Konrad Adenauer. Von ihm behaupteten einige seiner Kritiker, dass er nicht sehr unter der Teilung Deutschlands  gelitten habe, und dass er nicht genügend getan habe, sie zu beseitigen. In der Tat sah Adenauer einen Unterschied, eine Andersartigkeit der Mentalitäten,  zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands. Er fühlte sich dem Westen zugehörig. Der Osten war eine fremde Region für ihn. Wenn er als Kölner Oberbürgermeister ins preußische Berlin  reisen musste, zog er, sobald der Zug über die Elbe fuhr, die  Vorhänge zu, damit er „die asiatische Steppe“ nicht sehen musste. Und noch 1949 sagte er, dass „am Rhein die Menschen schon mit Frankreich ein kulturelles Erbe gehütet hätten, während im östlichen Deutschland noch Menschenopfer dargebracht worden wären“.

    Wohlgemut wusste natürlich, dass Adenauer das nicht wörtlich meinte. Aber er verstand sehr wohl, dass in dem Adenauer-Humor eine westliche Mentalität zum Ausdruck kam, die dem Osten als etwas Fremdem gegenüberstand. Vielleicht gilt das auch noch heute. Adenauer hatte humorvoll, also versöhnlich, die Kluft zwischen West und Ost beschrieben. Wohlgemut erinnerte sich, dass er als Schüler im Geschichtsunterricht etwas über Westfranken und Ost-Elbier gehört hatte,  und über die Elbe als Grenzfluss, der das römische Reich mit seiner Hochkultur  von den unzivilisierten Slawen trennte. Seine Geschichtskenntnisse  ließen Wohlgemut im Stich.  Aber die Vermutung wuchs in ihm, dass viele Eigenschaften und Merkmale, die den Ostdeutschen zugeschrieben werden, sehr alte Wurzeln in der Geschichte haben könnten.

    Wohlgemut musste einsehen, dass eine einfache Idee  – wie die mit dem deutschen Kulturbeutel  – diese uralten Probleme nicht lösen könnte. Daher sah er schwarz für Deutschlands Zukunft. Kurz entschlossen wanderte er nach Australien aus, wo man all diese Probleme nicht hat.

Von Hans Skitter

Professor Dr. Hans G. Skitter. Der Autor wohnt in Marco Island, Florida, USA. Er hat lange Jahre an einem amerikanischen College gewirkt. Hans G. Skitter gilt als Amerika-Kenner, so wie der Journalist Scholl-Latour ein Kenner der politischen Szene im vorderen Orient war. Empfehlenswert ist sein Blog.