Wollt Ihr den totalen Materialismus…

…noch totaler, noch radikaler als ihr Euch das vorstellen könnt? Dann sagt ja!

Der Zugang zu diesem beispiellosen Experiment beginnt mit der Verschmelzung Eures erkennenden Geistes mit der mathematischen Krämerseele: Du kaufst einen Gegenstand für 5.-€ an und verkaufst diesen anschließend für 10.-.€. Mit diesen 5 Prozent beginnt Dein neues Leben samt Inhalt. Aber das ist noch nicht alles! Du brauchst eine Dauerkarte bei einem Flohmarktbetreiber. Die Fülle der Angebote in den Werbebeilagen der samstaglichen „Umsonst-Zeitungen“ hat Dachkammer-  und Kellerbestände auf ein unüberschaubares Maß völlig nutzloser Dinge anschwellen lassen? Auch das lässt sich verkaufen! Zig Varianten der Barbie- und Kentmodelle samt Ponyhof und Campingbus, Trailer für den Außenborder und die Pferde warten auf neue Besitzer. Die verzogenen Bälger sind längst zu Konsumspezialisten mutiert seit das Gequängele im Kassenbereich letztendlich zum Erhasch des klappernden Überraschungs-Eies führte und damit vom Erfolg gekrönt wurde. Damit wurde ein neuer Merksatz zur Lebenslegende: „Am Geklappere Eures Überraschungs-Eies werdet Ihr Euch erkennen“ – oder forensisch ausgedrückt: „Es klappert – also bin ich!“

Die ersten Worte Eurer Babys werden weder „Papa“ noch „Mutter“ sein, sondern „haben, haben, haben!“

Ein mieser Quengler mag es sein, der den Intervall der zweijährigen PKW- Anschaffung boykottiert und damit unsere Arbeitsplätze gefährdet und somit auch die Abfindungen der Autobosse, wenn sie mangels Kompetenz den Vorstandssitz gegen einen Schleudersitz mit „Bonusdämpfung“ eintauschen.

Zugegeben, die erste Milliarde ist die schwerste. So mancher muss auf das Imperium des Großvaters zurückgreifen, der sich mit so sinnlosem Zeug wie der Erfindung des nahtlosen Gussrades herumplagen musste, bis es einem Ingenieur neuerer Zeitrechnung einfiel, eine Gummipufferung zwischen  Radkörper und Radreifen einzulagern, damit bei Höchstgeschwindigkeiten so eine aufgespleiste Radumrundung ins Innere eines ICE Waggons dringen kann. Der Rest dann vor einen Brückenpfeiler. So entstand ein neuer Gedenktag. Doch das nur am Rande!

Es lohnt sich, in die Geheimnisse des Materiellen einzudringen, denn meistens stellt es sich  als gewinnbringend heraus. Es wird betont, dass der Erfinder  oder sein Fabrikant nicht mit in dem betreffenden Zug saßen.

Es ist doch völlig egal, womit der Materialist sein Geld verdienen kann, Hauptsache ist doch, dass die Quelle sprudelt. Dementsprechend tönt es aus der Marktwerbung: „Hauptsache, Ihr habt Spaß!“ Bisher war diese Aufforderung nur aus dem Rotlicht-Millieu zu hören.

Und jede Werbung für ein Produkt richtet sich an eine Zielgruppe: Opa wurde in seinem 3 Liter V8- BMW bestattet, quer! Vier Grabstellen mussten gebucht werden – unfassbar. Das Firmenlogo kam an den Grabstein, was zu Schwierigkeiten mit dem Hersteller führte, der das in den falschen Hals bekommen hatte.

Im Grunde lässt sich alles verkaufen, Mensch muss nur Geduld haben: irgendwo läuft schon einer herum, der danach giert!

Sogar für den Taschenkamm meines verstorbenen Vaters ließ sich ein Käufer finden. Das Teil hat einen Höchstpreis erzielt, der weit über dem Anschaffungspreis eines neuen Haarordners lag. Beim Verkauf der gebrauchten Unterwäsche spielte meine Schwester nicht mit. „So wird nie was aus Dir“, habe ich zu ihr gesagt.

 

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Zusammenarbeit mit Peter Coryllis, Joseph Beuys, Karl-Heinz Schreiber und anderen zeitgenössischen Kunstschaffenden und Autoren/Schriftstellern. Mehr über Reliwette siehe „Autoren-Info“.