Opa Hermann und der „homo sapiens“

Wer den „Hermann macht“ kann auch Friedhelm heißen

  Teichgespräch, Folge 40: Opa Hermann und sein Kumpel Jupp hatten den „Sechserträger“ Pils ohne Glyphosat-Spuren bereits ziemlich geleert. „Dass ausgerechnet ein Bier ohne Glyphosat-Spuren aus den Tiefen einer Großstadt kommt, ist schon merkwürdig“, gab Jupp gerade zu bedenken. „Ist für mich logisch“, erwiderte Opa Hermann,“ in einer Großstadt werden keine Pflanzenvernichtungsmittel gespritzt, so wie auf den großen Agrarflächen der Landwirtschaft. In den Großstädten hätten die Insekten noch Chancen zu überleben, keine flächendeckenden Pestizide, Fungizide, kein Glyphosat (Unkrautvernichtungsmittel). Aber die Bienen müssten sich von Balkonpflanzen ernähren!“ „Ja, ja, ja, der homo sapiens!“ Jupp legte seine Stirn in Falten und nuckelte an seiner Bierflasche. „Kennst du einen, Hermann?“ „Einen weisen, erkenntnisreichen Menschen? Also nicht direkt, aber einer hieß Friedrich Hegel! Er hatte mehrere Schriften verfasst, eine handelt von der „Vierfachen Wurzel vom zu reichenden Grunde“!“ „Näääää!“ „Dooooch!“ „Das muss aber ne dicke Wurzel gewesen sein!“ „War es auch!“ „Sag nicht, dasse dat auf der Bergmannsschule gelernt hast!“ „Opa Hermann grinste: „Das war ein deutscher Philosoph, der es unter anderem auch mit der Morallehre hatte! Mich stört nur dabei, dass er sein Werk mit einem Worwort dem Kaiser untertänigst angeboten hatte, in der Hoffnung, dass es in den deutschen Universitäten als Lehrstoff verbreitet würde.“ „Und ? Wurde es als Lehrstoff verwendet?“ „Nicht in seiner gesamten Komplexität!“ Das lag mehr oder weniger daran, dass er seine Erkenntnisse in Form von Thesen und Antithesen quasi verschlüsselt darbot, nach dem Motto: Wenn es nicht so ist wie beschrieben, dann steht dem dieses oder jenes als Erkenntnis entgegen!“ „Ja, ja, man muss ja auch nicht immer Recht behalten!“Die beiden Männer lachten.

„Es geht doch immer nur um das eine“, seufzte Opa Hermann gedankenschwer, „um Macht und Geld! Dabei gehen Macht und Besitz in eine Hand über! Es wäre sehr schön, wenn die Menschen ohne Macht leben könnten, also Macht durch Kompetenz ersetzten.“ „Der Mensch nimmt sich zu wichtig“, stimmte Jupp zu, „wäre er weniger ehrgeizig, würden wir bestimmt noch mit der Keule herumlaufen!“ „Na schau dir doch die Geschichte an, Napoleon, Hitler! Ganz Europa hat vor denen gezittert – und wie sind sie geendet? Völlig kläglich, ja ehrlos!“
„Meine Mutter hat immer gesagt: Was man sich einbrockt, das muss man auch auslöffeln!“ Opa Hermann ergänzte die Aussage durch den Ausspruch seines Vaters:“ Was auf dem Teller ist, wird aufgegessen!“

„Das ist aber nicht dasselbe“, warf Jupp ein. „Das geht mehr in die Richtung:“Iss auf, damit du groß und stark wirst!“ „Ja, ja, wie „Ekel Alfred Tetzlaf“! Im Übrigen sollte es sich der Mensch angewöhnen, etwas unter der Oberfläche zu kratzen. Die meisten Menschen denken doch, dass sie der „King of Currywurst“ sind, wenn sie etwas besitzen!“ „Aber nur so funktioniert unsere Wirtschaft. Wenn alle Menschen wie du dreißig Jahre lang mit einer Cordhose rumlaufen würden oder einen 20 Jahre alten Trabbi fahren, dann wäre unsere Wirtschaft schon vor zehn Jahren zusammengebrochen.“ „Nee, nee! Hast du deine Couchgarnitur mal umgedreht und nachgesehen, wie der Bezug am Kistenrahmen festgetackert ist?“ „Welche Couchgarnitur?“
„Ich jedenfalls wohne auf einer Sperrmüllplantage“, verkündete Jupp stolz. „Es gibt genügend Reinigungsmittel und Duftsprays, aber einen Trabbi fahre ich nicht, sondern einen neuen SUV aus Südkorea. Wenn dein Freund Hegel den gehabt hätte, hätte er die Antithesen weggelassen, von denen du sprachst. Das Auto hat fünf Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung und kann mit seinem Motoröl dreißigtausend Kilometer fahren, bevor es gewechselt werden muss! Übrigens, der „mainstram“ wird in Funktion gebracht wie die Sommermode von „St. Mauk Di Nichnackich, Paris“! Und dann wäre noch die Antwort auf die Frage zu finden, wer zuerst war, der „mainstream“ oder der Kapitalismus?“ „Das ist schwer zu beantworten“, jammerte Opa Hermann, „jedenfalls funktioniert der Kapitalismus nicht ohne den „mainstream“!“ „Sehe ich auch so“, stimmte Jupp zu, „aber da greifen noch andere menschliche Eigenschaften mit hinein, zum Beispiel der Jagdtrieb, der Sammeltrieb, der Ehrgeiz des Individuums, besser sein zu wollen als der Nebenstehende.“ „Da kommt ganz schön was zusammen.“  „Du hast die Bosse vergessen in Deiner Aufzählung, die Großbanken, Unternehmungsführungen, Vorstände, Aufsichtsräte und Politiker und die Lobbyisten, welche Einfluss auf die politischen Machtverhältnisse nehmen. Ohne die funktioniert kein Kapitalismus. Und kapitalistische Unternehmensführungen brauchen den Absatz, um nochmal auf die alte Cordhose zu sprechen zu kommen!“

„Übrigens, in Bezug auf Deinen neuen SUV, lieber Jupp,“ spottete Opa Hermann und grinste hinterhältig, „wenn du mal ohne Benzin liegen bleibst, dann nimmst du die Batterien aus deiner „Maglight“ – Taschenlampe und fährst elektrisch weiter! Du wirst nie ne rote Socke!“

 

 

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin
Maler, Bildhauer, Performer, Autor. Auf dem künstlerischen Sektor seit 1969 präsent, damals noch mit der Gruppe ARASKADE 69, die aus Malern und Autoren bestand. Außer mir ist Frau Dr. Prehm, Scottish Lady of Camster, Autorin und Zeichnerin, das letzte lebende Mitglied der Gruppe. Seit dieser Zeit wurden bis heute ca. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert.
Erste literarische Publikationen im Jahre 1971., hauptsächlich Gedichte und Prosatexte, die in deutschsprachigen Anthologien publiziert wurden oder im Eigenverlag, sowie im Magazin „Die Brücke.“ Im selben Jahr entwickelte sich eine Freundschaft zu Professor Joseph Beuys, der an der Kunstakademie in Düsseldorf einen Lehrstuhl hatte. Außerdem bestand eine tiefergehende Freundschaft zu Peter Coryllis, einem Schriftsteller, der den Kreis der Freunde leitete, eine lose Vereinigung von hauptsächlich Autoren, aber auch Kunstschaffenden.(Einst hatte der Lambarene-Arzt Albert Schweitzer diesen Freundeskreis gegründet).
1981 Einrichtung einer Zweigstelle der FIU (Free International University for Kreativity and Interdisziplinary Research) bei der Volkshochschule Essen – Mitte. (Die FIU war zunächst ein künstlerisches Projekt von Joseph Beuys und einem seiner Meisterschüler, Johannes Stüttgen). Nach einer Aufführung der Fluxuszone Niederrhein wurde vom damaligen Leiter der VHS, Lübben, angeordnet, dass weitere Auftritte der FIU bei der VHS Essen unerwünscht seien. Demzufolge wurde das Reliwette-Museum 1984 in Ostfriesland errichtet und somit gegründet , um ein eigenes Podium zu realisieren. Zur Eröffnung wurde eine mehrteilige Performance initiiert, deren Haupteil mit dem Titel „His masters Voice“ in das Zerschießen einer Pyramide aus Fernsehgeräten mittels einer großkalibrigen Vorderladepistole mündete. 1976 erfolgte die Gründung der literarischen Gefangenenzeitung DIABOLO mit einem Insassen-Redaktionsteam der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen. In der Zeit von 1979 bis 1986 entstanden 2 Filme im S8 Format: „Psychodelic memories“ und „Abbruch“.
1987 erfolgte das Pflanzen eines Labyrinthes aus Berberitzensträuchern auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern. Es handelt sich hierbei um den „Joseph – Beuys – Gedächtnisgarten“.
In diese Zeit fällt der erste Kontakt zu Karl-Heinz Schreiber, einem literarischen „Urgestein“ aus Unterfranken. Aus diesem Kontakt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefgehende Freundschaft. K.H.S war nicht nur Rezensent zeitgenössischer Literatur, sondern auch Herausgeber einer Literaturzeitschrift, Romanverfasser, Dichter und Lyrocker. „Charly“ Schreiber verstarb viel zu früh im Jahre 2014. Sowohl die Freundschaft zu Beuys als auch zu Karl-Heinz Schreiber haben meinen literarischen Duktus stark beeinflusst. Noch kurz vor seinem Ableben brachte er den Gedichtband heraus:“Durch den Kaktus gesprochen“, der meine wichtigsten Gedichttexte enthält.
Das FORUM im Inneren wurde 2002 mit einem Festival der Poesie in Betrieb genommen. Auch hierbei hinterließ K.- H. Schreiber seine Handschrift.
Im Jahre 2017 besteht das Labyrinth als Langzeit – Kunstwerk 30 Jahre. Es wird ab dem Sommer 2017 nicht mehr geschnitten und somit der Natur überlassen. Die Bühne samt Bestuhlung wird somit in einen „Dornröschen-Schlaf“ versetzt und sich selbst überlassen als Heimat für wild lebende Tiere aller Art.