Über Brückenschläge und ähnliche Phänomene

Wer schon einmal mit dem berühmten Glacier-Express in der Schweiz von St. Moritz nach Zermatt gereist ist, der ist auch über das 63 Meter hohe Landmann-Viadukt gefahren. Es besteht aus schlanken gemauerten Säulen, die gerade einmal die enge Spurweite der Züge tragen. Aus dem geöffneten Schlund eines Bergtunnels gelangt der langsamste D-Zug der Welt im Viertelkreis über besagte Säulen auf den benachbarten Berg, der die Reisenden scheinbar gnädig aufnimmt, so dass niemand in die Schlucht stürzt und zu Tode kommt. Der Reisende blickt aus dem Fenster und sieht tief unter sich die Schlucht. So manchen mag ein beklemmendes Gefühl beschleichen, so dass es erst weichen mag, wenn wieder „fester Boden“ unter den Schienen liegt. Diese wahrhafte Meisterleistung der Erbauer ist demzufolge auch in das UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen worden.

Eine andere Form, ein Hindernis zu überwinden, ist die Performance „Heimholung“, in welcher der Polizist und Meisterschüler von Joseph Beuys, Anatol (Herzfeld) seinen ehemaligen Lehrer in seinem selbst gehauenen Einbaum über den Rhein in Richtung Oberkassel übersetzte. Ein lebensgefährlicher Akt, denn Beuys konnte nicht schwimmen.

Autoren und Kunstschaffende kennen von jeher den Brückenschlag z.B. von einer Stadt in eine  andere, von einem Land ins nächste. Sie überwinden Grenzen ohne Zollformalitäten und tragen ihre Ideen in die ganze Welt. Kulturschaffende lassen sich auch nicht durch politische Querelen von ihrem Vorhaben abbringen, andere Formen der Lebensqualität zu propagieren. Ähnliche Vorhaben sind uns aus dem Sport bekannt, wobei das Siegen in den verschiedenen Disziplinen staatlicherseits gerne für Propagandazwecke ausgenutzt wird. Der Kampf der Nationen um Plaketten und Lorbeerkränze wird entsprechend mit den Nationalhymnen feierlich begleitet. Mir fiel auf, dass mir bei einer überregionalen Lesung oder Performance noch nie eine Nationalhymne gespielt wurde. Brückenbau, der dem Staat keinen Zins einbringt, scheint nicht von öffentlichem Interesse zu sein. Diese Erfahrung musste ich trotz meines inzwischen schon recht betagten Alters klaglos hinnehmen. Wäre ich nur Boxer geworden, könnte es heißen, dann trüge eine knapp gekleidete dralle Lady die Rundenanzeige in den Ringpausen durch das Viereck, in welchem so manche Nase blutet.

Der verblichene Franz- Josef Strauß bezeichnete die Kulturschaffenden sogar als Schmeißfliegen, wobei er generös alle in einen Topf warf, aus dem für ihn nichts sichtbar Gutes zu holen war. Dem wäre lediglich zu entgegnen: “Stör mir meine Kreise nicht!“

Der Brückenschlagversuch meines alten Freundes, Peter Coryllis, in seine Geburtsstadt schlug fehl, weil deren Amtsvorsteher und Bürgermeister sein Angebot mit Desinteresse quittierte, den sehr umfangreichen schriftlichen Nachlass, etwa einhundert Bücher und andere Schriftwerkformen, ins Stadtarchiv aufzunehmen.

Die Geschichte der Brückenschläge ist von Peinlichkeiten angereichert, besonders, wenn sie politisch organisiert und vorangetrieben in Funktion kam. Leid und Elend haben die Kolonialmächte bis heute in die betroffenen Länder gebracht. Fast der gesamte afrikanische Kontinent ist davon betroffen. Diese Form der Brückenschläge war durchgehend von einseitigem Interesse und Ausnutzung der Menschen gekennzeichnet.

In einem Anfall von Weitsichtigkeit tauschte Kaiser Wilhelm der Zweite die Kolonie Südwest-Afrika mit  den Engländern gegen die Insel Helgoland ein.

Eine nette Anekdote stammt aus dem Besuch des ehemaligen Bundespräsidenten Lübke in der ehemaligen deutschen Kolonie, als er einen alten einheimischen Schwarzen fragte, ob er denn noch etwas deutsch könne, worauf der Angesprochene heftig nickte und folgenden Ausspruch zum Besten gab: “Du dumme schwarze Sau!“

Auch heute sind Brückenschläge hoch aktuell. Sie sind Kontinent übergreifend wie noch nie und manifestierten sich in der Willkommenskultur, in der es hieß: „Refugees welcome!“ „Der Zauberlehrling“ müsste umgeschrieben werden, denn die Wasserträger sind nicht mehr zu beherrschen, auch durch den Meister nicht –  eine Spätfolge der Kolonialisierungsbestrebungen der Engländer, Franzosen und Holländer. In Deutschland ist es inzwischen so, dass die marktwirtschaftlich brauchbaren Kräfte unter den Asylsuchenden aussortiert werden. Der Rest wird abgeschoben, sobald die Trümmer in deren Heimat nicht mehr rauchen.

Auch die Brückenschläge innerhalb der Europäischen Gemeinschaft bröckeln zusehends. Das parlamentarische Tauziehen in England mutet an wie eine Neuauflage des Kasperletheaters, in deren fünfter Vorstellung der Kasper die Kinder fragt: “Kinder, ist die May noch da?“ Die Kinder: “Jaaaa!“ Darauf der Kasper: „Aber nicht mehr lange!“ Kasper weiter: „Wenn Notre Dame nicht abgefackelt wäre, würde ich vermuten, dass der Glöckner von Notre Dame neuer Premier wird! Ein Schelm, wer Übles dabei denkt!“

Weil es weltweit so übel geschieht, muss ich ausrufen: „Hofnarr, mache Er mich lachen!“ Aber die Protagonisten der Unterhaltungsindustrie sind anderweitig beschäftigt und versuchen sehr erfolgreich, das Volk zu lullen.

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Zusammenarbeit mit Peter Coryllis, Joseph Beuys, Karl-Heinz Schreiber und anderen zeitgenössischen Kunstschaffenden und Autoren/Schriftstellern. Mehr über Reliwette siehe „Autoren-Info“.