Opa Hermann und der „homo sapiens“

Wer den „Hermann macht“ kann auch Friedhelm heißen

  Teichgespräch, Folge 40: Opa Hermann und sein Kumpel Jupp hatten den „Sechserträger“ Pils ohne Glyphosat-Spuren bereits ziemlich geleert. „Dass ausgerechnet ein Bier ohne Glyphosat-Spuren aus den Tiefen einer Großstadt kommt, ist schon merkwürdig“, gab Jupp gerade zu bedenken. „Ist für mich logisch“, erwiderte Opa Hermann,“ in einer Großstadt werden keine Pflanzenvernichtungsmittel gespritzt, so wie auf den großen Agrarflächen der Landwirtschaft. In den Großstädten hätten die Insekten noch Chancen zu überleben, keine flächendeckenden Pestizide, Fungizide, kein Glyphosat (Unkrautvernichtungsmittel). Aber die Bienen müssten sich von Balkonpflanzen ernähren!“ „Ja, ja, ja, der homo sapiens!“ Jupp legte seine Stirn in Falten und nuckelte an seiner Bierflasche. „Kennst du einen, Hermann?“ „Einen weisen, erkenntnisreichen Menschen? Also nicht direkt, aber einer hieß Friedrich Hegel! Er hatte mehrere Schriften verfasst, eine handelt von der „Vierfachen Wurzel vom zu reichenden Grunde“!“ „Näääää!“ „Dooooch!“ „Das muss aber ne dicke Wurzel gewesen sein!“ „War es auch!“ „Sag nicht, dasse dat auf der Bergmannsschule gelernt hast!“ „Opa Hermann grinste: „Das war ein deutscher Philosoph, der es unter anderem auch mit der Morallehre hatte! Mich stört nur dabei, dass er sein Werk mit einem Worwort dem Kaiser untertänigst angeboten hatte, in der Hoffnung, dass es in den deutschen Universitäten als Lehrstoff verbreitet würde.“ „Und ? Wurde es als Lehrstoff verwendet?“ „Nicht in seiner gesamten Komplexität!“ Das lag mehr oder weniger daran, dass er seine Erkenntnisse in Form von Thesen und Antithesen quasi verschlüsselt darbot, nach dem Motto: Wenn es nicht so ist wie beschrieben, dann steht dem dieses oder jenes als Erkenntnis entgegen!“ „Ja, ja, man muss ja auch nicht immer Recht behalten!“Die beiden Männer lachten.

„Es geht doch immer nur um das eine“, seufzte Opa Hermann gedankenschwer, „um Macht und Geld! Dabei gehen Macht und Besitz in eine Hand über! Es wäre sehr schön, wenn die Menschen ohne Macht leben könnten, also Macht durch Kompetenz ersetzten.“ „Der Mensch nimmt sich zu wichtig“, stimmte Jupp zu, „wäre er weniger ehrgeizig, würden wir bestimmt noch mit der Keule herumlaufen!“ „Na schau dir doch die Geschichte an, Napoleon, Hitler! Ganz Europa hat vor denen gezittert – und wie sind sie geendet? Völlig kläglich, ja ehrlos!“
„Meine Mutter hat immer gesagt: Was man sich einbrockt, das muss man auch auslöffeln!“ Opa Hermann ergänzte die Aussage durch den Ausspruch seines Vaters:“ Was auf dem Teller ist, wird aufgegessen!“

„Das ist aber nicht dasselbe“, warf Jupp ein. „Das geht mehr in die Richtung:“Iss auf, damit du groß und stark wirst!“ „Ja, ja, wie „Ekel Alfred Tetzlaf“! Im Übrigen sollte es sich der Mensch angewöhnen, etwas unter der Oberfläche zu kratzen. Die meisten Menschen denken doch, dass sie der „King of Currywurst“ sind, wenn sie etwas besitzen!“ „Aber nur so funktioniert unsere Wirtschaft. Wenn alle Menschen wie du dreißig Jahre lang mit einer Cordhose rumlaufen würden oder einen 20 Jahre alten Trabbi fahren, dann wäre unsere Wirtschaft schon vor zehn Jahren zusammengebrochen.“ „Nee, nee! Hast du deine Couchgarnitur mal umgedreht und nachgesehen, wie der Bezug am Kistenrahmen festgetackert ist?“ „Welche Couchgarnitur?“
„Ich jedenfalls wohne auf einer Sperrmüllplantage“, verkündete Jupp stolz. „Es gibt genügend Reinigungsmittel und Duftsprays, aber einen Trabbi fahre ich nicht, sondern einen neuen SUV aus Südkorea. Wenn dein Freund Hegel den gehabt hätte, hätte er die Antithesen weggelassen, von denen du sprachst. Das Auto hat fünf Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung und kann mit seinem Motoröl dreißigtausend Kilometer fahren, bevor es gewechselt werden muss! Übrigens, der „mainstram“ wird in Funktion gebracht wie die Sommermode von „St. Mauk Di Nichnackich, Paris“! Und dann wäre noch die Antwort auf die Frage zu finden, wer zuerst war, der „mainstream“ oder der Kapitalismus?“ „Das ist schwer zu beantworten“, jammerte Opa Hermann, „jedenfalls funktioniert der Kapitalismus nicht ohne den „mainstream“!“ „Sehe ich auch so“, stimmte Jupp zu, „aber da greifen noch andere menschliche Eigenschaften mit hinein, zum Beispiel der Jagdtrieb, der Sammeltrieb, der Ehrgeiz des Individuums, besser sein zu wollen als der Nebenstehende.“ „Da kommt ganz schön was zusammen.“  „Du hast die Bosse vergessen in Deiner Aufzählung, die Großbanken, Unternehmungsführungen, Vorstände, Aufsichtsräte und Politiker und die Lobbyisten, welche Einfluss auf die politischen Machtverhältnisse nehmen. Ohne die funktioniert kein Kapitalismus. Und kapitalistische Unternehmensführungen brauchen den Absatz, um nochmal auf die alte Cordhose zu sprechen zu kommen!“

„Übrigens, in Bezug auf Deinen neuen SUV, lieber Jupp,“ spottete Opa Hermann und grinste hinterhältig, „wenn du mal ohne Benzin liegen bleibst, dann nimmst du die Batterien aus deiner „Maglight“ – Taschenlampe und fährst elektrisch weiter! Du wirst nie ne rote Socke!“

 

 

Opa Hermann „geht in medias res“

 

Wenn das Füllhorn zur Neige geht, bricht auch der Krug

 

Glutrot leuchtete die untergende Sonne durch das filigrane Zweigwerk der Trauerweide, formte auf der Ziegelwand der Kate ein bizarres Geflecht von irrisierenden Schatten, die im leichten Abendwind tanzten oder in einander verschmolzen, um sich jäh wieder zu trennen und kurz darauf erneut umeinanderzuwirbeln.

Opa Hermann betrachtete das kaleidoskopartige Farbenspiel mit Entzücken. „Es gibt doch noch Dinge auf diesem Erdenrund, die nichts kosten“, dachte er, „man braucht nur ein Auge dafür und Muße, um sie zu entdecken.“ Die schnelllebige Zeit hingegen hält die Menschen in Atem. Sie werden von Woche zu Woche gehetzt. Sie freuen sich bereits am Montag auf das kommende Wochende, gerade so, als sei die Zeit dazwischen abzuhaken, nicht gelebt – ja, nicht lebenswert. Fünf wichtige Zeiteinheiten pro Woche als „Streichergebnis“. Wem hat man es geopfert?  Der Satz :“ Er wird wie eine Sau durchs Dorf getrieben“ bekommt eine völlig neue Bedeutung, nur dass es kein Dorf ist, sondern die Zeit!
Was ist mit den anderen Menschen? Haben wir noch Zeit für unsere Mitmenschen, Nachbarn, Kollegen, Geschwister, Neffen, Onkel oder Tanten? Oder sind tatsächlich alle mit sich selbst dermaßen beschäftigt, dass beschwörende Unkenrufe durch die Netzwerke geistern, Twitter, youtube, oder facebook, um nur einige zu nennen. Denn Zeitverlust erzeugt Hektik, und fehlende Nähe zu anderen Menschen spiegelt sich im virtuellen Umfeld wieder. Du wirst aufgefordert, diesen oder jenen Beitrag „zu liken“oder : „Ich würde mich freuen, wenn Du diese Seite  mit einem „like“ versehen würdest.“ Was ist das? Brauchst du Zuwendung oder Anerkennung, oder bekommst du Geld dafür, wenn du deinem Auftaggeber Adressen vermittelst?

Wie gehen wir Menschen miteinander um? Kalenderblattartig werden dem Nutzer weise Sprüche vor Augen geführt, hunderte Male geteilt nach dem Motto:“Nimm mich wie ich bin oder geh mir aus den Augen!“ Oder: „Wer mich nur nach dem Äußeren beurteilt, wird meinen wahren Wert nicht erkennen“. Opa Hermann dachte bei sich: „Am liebsten würde ich dem Absender zurufen: Heul doch! Das Erdenrund ist vollgepfropft mit Egomanen und Egoisten!“
Menschen lernst du ohnehin erst  in schweren Notsituationen richtig kennen. Doch da sei der Herrgott vor, dass Montagmorgen die Regale bei LIDL oder ALDI leerstehen! Du kämst mit dem letzten Apfel nicht mehr gesund bei der Kasse an, bestenfalls in kleinen Häppchen. Wem nutzen angesichts solcher Ereignisse die wohlgemeinten Kalendersprüche aus der Hexenküche der psychologisierenden Schreiberlinge?

Opa Hermann hatte zu diesem Themenkomplex schon heiße Diskussionen mit seinem alten Zechenkumpel Jupp geführt. Jupp, der den alten Rentner und ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden ein über das andere Mal als „rote Socke“ bezeichnet hatte. „Wissen kannst du auf den Schulen beigebracht kriegen“, hatte Opa Hermann zu ihm gesagt, aber kaum eine soziale Bildung oder soziale Kompetenz, denn das sind Lehrinhalte, die eine gute Religion vermittelt oder eben das Elternhaus. Und auf die Politik bezogen hatte Opa Hermann gesagt: „Du brauchst keine Angst davor zu haben, dass in Deutschland die LINKE an die Regierung kommt, weil die meisten Menschen Angst davor haben, dass ihre Leberwurst verstaatlicht wird.“

An anderer Stelle hatte Opa Hermann geäußert, dass es doch geradezu pervers ist, wenn erlerntes know how in einem System konkurrenzlastig ausgelebt wird, anstatt eine solche Fachkompetenz zu bündeln und zu aller Nutzen zu verwenden. Jupp hatte dagegen gehalten: „Reichtum schreit nach mehr Gewinn! Hast du die Micky Maus nicht gelesen als du klein warst? Da stand es drin bei Dagobert Duck! Die Micky Maus war eine wahre Fundgrube sozialer Bestandsaufnahmen“. Und das Schönste war, man brauchte nicht viel zu lesen, denn alles war detailliert bebildert.“
Mittlerweile hatte Opa Hermann die dritte Flasche Bier geköpft. Der Gerstensaft hatte, auf diese Menge bezogen, eine beruhigende Wirkung. Das hing damit zusammen, dass schwierigen  Gedankenverflechtungen einer gewissen Trägheit zum Opfer fielen, was er als angenehm empfand.

Mittlerweile waren die Schatten länger geworden. Die zuckenden und quirlenden Lichtimpulse der untergehenden Sonne begannen zu verblassen. Der Wind hatte sich gelegt. „So fühlt sich Ruhe und Entspannung, ja Frieden an“, dachte der alte Mann, und er stellte sich eine letzte Frage an diesem Abend: „Hat die Schöpfung das für mich gemacht oder sollte ich das mit jemandem teilen, der das nicht zu schätzen weiß? Denn heute ist so ein Tag zwischen Montag und dem Wochenende.

Opa Hermann und die Gesetzgebung

„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“

 

Nun hatte der Sommer endlich mit voller Wucht Einzug gehalten. Die Menschen stöhnten unter der Hitze. Opa Hermann wunderte sich über die Bauarbeiter, die mit entbößtem Oberkörper auf den zahlreichen Baustellen im Ort werkten. In den Schulen gibt es schon mal hitzefrei, wenn das Thermometer über die dreißig Grad Celsius – Marke klettert. „Die Berufstätigen in Deutschland können davon nur träumen“, dachte Opa Hermann. „Wie kann man bei dem Wetter Straßen teeren oder auf Dächern arbeiten?“ Er selbst saß unter einem Pavillon am Gartenteich, hatte die Füße in einen Eimer Wasser getaucht und schaute den Libellen zu, die über die Wasserobefläche surrten. Ihre glitzernden Flügel reflektierten die Sonne, welche nahezu senkrecht auf die Erdoberfläche strahlte.
Just in diesem Moment, da sich der alte Herr wohligen Betrachtungen hingab, erschien sein alter Kumpel Jupp auf der Bildfläche. Opa Hermann warf seinen Kopf herum, denn er hatte leise raschelnde Schritte auf dem Rasen hinter sich vernommen. „Jupp, alter Geigerzähler“, rief ihm Opa Hermann zu, „schön, dass du vorbeischaust. Wo hast du deine Frau gelassen?“ „Burgel ist
beim Friseur“, antwortete sein Freund. „Ich wollte dir eigentlich beim Rasenmähen zugucken!“
„He he he“, lachte Opa Hermann meckernd, „wofür habe ich denn zwei Schafe eingestellt?“ Er meinte damit Amos, das Piratenschaf und dessen Linda, die dafür sorgten, dass die Grünbestände seines Anwesens überschaubar blieben.
„Ja, ja, du bist der perfekte Arbeitgeber“, spottete Jupp belustigt, „lässt andere für dich arbeiten und nennst das Ergebnis „überschaubar“. Das hätte ich von einer roten Socke nicht erwartet.“
Opa Hermann kniff ein Auge zu: „Glaubst du im Ernst, dass rote Socken nicht wüssten, wie die Wirtschaft funktioniert?“
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, da die lockere Konversation in eine tiefschürfende Diskussion abzugleiten drohte. Dafür war der alte Herr immer zu haben. Schließlich war er während seines langen Berufslebens Betriebsrat gewesen und hatte sogar den Vorsitz innegehabt.
„Du glaubst doch nicht, dass eine erfolgreiche Innen- und Außenpolitik  ohne Berücksichtigung wirtschaftlicher Interessen funktioniert? Ich behaupte sogar, dass  wirtschaftliche Interessen die Innen- und Außenpolitik maßgeblich beeinflussen!“
„Ja, ja“, versuchte Jupp zu beruhigen, „das weiß ich doch selbst! Wer Panzer nach Saudi Arabien verkauft, sorgt für Arbeitsplätze und schaufelt Geld! Dabei ist es scheißegal, wofür und gegen wen die Rüstungsgüter in der Folge eingesetzt werden. Von wegen, nicht in Spannungsgebiete liefern!“
„Richtig“,  stimmte ihm Opa Hermann zu, „Spannungsgebiete sind Auslegungssache. Außerdem
ändert sich die weltpolitische Lage zu jeder beginnenden Woche !“
„Da müssen die Lobbyisten Einfluss nehmen“, stichelte Jupp, „die sitzen im Bundestag auf den Rängen und merken sich, wer für ihre Interessen stimmt und wer dagegen argumentiert. Ent
sprechend werden die Parteispenden ausgelotet. Du als rote Socke bekämst keinen einzigen Cent zugesteckt.“
„Egentlich müssten die „Voyeure“ auf der Empore jedesmal einen Grund benennen, wenn sie auf den Rängen Platz haben wollen. Doch sie scheinen Dauerkarten zu besitzen.  Außerdem  müssten die Parteien ihre Zuwendungen aus den Reihen der Lobbyisten deklarieren, die Spender öffentlich machen.“ „Das ist den meisten Wählern doch egal, Hauptsache ist doch, dass am „prallen Leben“ partizipiert wird.“
Opa Hermann begann zu maulen: „Das ist doch eine Schande, wenn die Bonzen der Industrie direkt oder indirekt Einfluss auf die Legislative haben.“
„Direkt geht das nicht! Sie können gewissen Abgeordneten etwas zustecken, was  ihren Interessen entgegenkommt, aber fertige Gesetze dürfen sie , Gott sei es gedankt, nicht einbringen.“ „Weshalb das denn nicht?“ „Du als politisch wirksamer Betriebsrat müsstest eigentlich das Grundgesetz kennen, z.B. den Artikel 76!“ „Also, den habe ich jetzt nicht auf der Mattscheibe“, gab Opa Hermann zu, „was besagt der noch mal?“ „Der besagt, dass „Gesetzesvorlagen durch die Bundesregierung aus der Mitte des Bundestages oder durch den Bundesrat eingebracht werden“ und nicht von den Rängen auf der Empore.“ „Aber das kann man doch umgehen!“ „Nee, so bescheuert wird kein Lobbyist sein und einem von der Regierung einen fertigen Gesetzesentwurf zustecken. Der würde sich doch völlig in die Hand des Lobbyisten begeben. Was glaubst Du, wenn das rauskommt? Das gäbe einen Skandal, dagegen wäre Watergate eine Luftnummer! Also, wenn die Merkel das machen würde, bekäme sie sofort einen Misstrauensantrag ans Bein gebunden, oder wenn man ihr nachweisen könnte, dass sie davon gewusst hat.“

Opa Hermann dachte einen Moment nach. Dann sagte er: „Wenn ich drei Ballen Heu von der Wiese weg verkaufe, dann frage ich doch Linda und Amos nicht, in welche Ecke sie gekackt haben!“

 

 

Scharfe Schafe

von Gastautorin  Anja Es,  Malerin und Galeristin, Timmendorf

Nun war es bereits wieder Sommer und noch immer war es Amos nicht gelungen, Kontakt zu seinen Piraten-Freunden aufzunehmen. In ganz Ostfriesland hatte er Zettel ausgehängt mit selbst gemalten Bildern von seinen Freunden und dem Aufruf, man möge sich melden, falls man wisse, wohin es die Freunde verschlagen hätte.
Aber niemand hatte sich gemeldet. Amos hatte im Internet gesucht und in allen Zeitungen auf der Suche nach Meldungen über geenterte Schiffe, Piratenüberfälle und Räubereien nachgesehen. – Nichts. Es schien, als seien seine Freunde vom Erdboden verschluckt, oder schlimmer noch: Von der Wasseroberfläche verschwunden.
Vielleicht waren sie auch ins Bermuda-Dreieck gesegelt und dort auf mysteriöse Weise auf den Meeresgrund gesaugt worden, so wie hunderte von Schiffen vor ihnen?
Amos wusste es nicht und langsam gingen ihm die Ideen aus, wo er noch suchen sollte.
Mit hängendem Kopf schlurfte er die ostfriesischen Feldwege entlang und hin und wieder entwich ihm in seinem Kummer ein „Böööh!“

Auf einmal, inmitten feuchter Wiesen und matschiger Felder, antwortete ihm ein vielstimmiges „Bääähh! Bääähh!“ – Amos hob den Kopf und sah sich einer ganzen Herde Schafe gegenüber. – Zwar keine Piratenschafe, aber immerhin.
„Eeeey, was machst Du denn hier?“ määhten die Schafe und kamen näher.
„Ach, nichts,“ sagte Amos, „ich suche meine Freunde!“
„Außer uns gibt’s hier keine Schafe“, entgegneten die anderen und bildeten einen Halbkreis um Amos.
„Ich suche ja auch keine Schafe, sondern meine Freunde, die Piraten,“ sagte Amos, „ich bin nämlich ein Piratenschaf!“
„Ein WAS???“ klang es im Chor.
„Ein PIRATENSCHAF!“ rief Amos. „Seht ihr nicht meine Augenklappe? Das Auge habe ich im Kampf um die Bounty verloren, die haben wir mit Mann und Maus geentert!“
„So´n Quatsch!“ blökten die Schafe und „Spinner!“ und „Aufschneider!“ und „Angeber!“ – Schließlich trat der Anführer der Herde vor, ein kräftiger Bock mit breiter Stirn und dicken Locken: „ Piraaaatenschaf! Das ich nicht lache! Wie soll das denn gehen?“
„Das kann ich dir sagen,“ erwiderte Amos, „ich bin nämlich eigentlich als Verpflegung mit an Bord gekommen, aber immer wenn der Schiffskoch mich holen wollte, habe ich gekämpft wie ein Löwe und da haben sie gesehen, dass ich nicht nur schlau bin, weil ich den Braten gerochen habe, sondern auch mutig; und der Smutje meinte, ich sei ein richtiges Kampf-Schaf. Das fanden die anderen auch und beschlossen, mich nicht zu essen, sondern zum Piraten – Schaf zu machen. Ich hatte eine richtige Ausbildung, habe im Ausguck gesessen, Wurfanker geschmissen und mit dem Messer zwischen den Zähnen Schiffe geentert.“
„Glaub´ ich nicht!“ sagte der Anführer, der übrigens Schorsch hieß, und zog die Mundwinkel herunter. „Schaf bleibt Schaf und ein Schaf kämpft nicht.“
„Und warum nicht?“ fragte Amos
„Weil…. na, weil…. Na, weil das eben so ist und immer so war!“ sagten sie anderen und guckten sich fragend um, ob einer eine bessere Antwort hätte.
„Na, wenn das so ist,“ meinte Amos und zog die Augenbrauen hoch, „dann müsst ihr eben weiter friedlich bleiben und zusehen, wie die Menschen kommen und eure Lämmer von der Wiese holen.“
Jetzt ging ein großes Wehklagen durch die Schafsherde und ein „Ach!“ und „Weh!“ und Gejammer. „Was sollen wir denn machen?“ riefen die Mütter und „Dagegen sind wir doch machtlos!“ die Väter. „Erst kommen sie und sagen: „Ach, wie süß!“ und zwei Wochen später nehmen sie sie mit. Das ist jedes Jahr zu Ostern das Selbe!“
„Dann wehrt euch doch!“ rief Amos und schwang den Vorderhuf in der Luft.
„Ich könnte euch zeigen, wie man sich und seine Lämmer verteidigt.“
„Wirklich?“ erschall es aus der Schafherde.
„Ja! Wir üben und trainieren und am Ende sind wir stark genug, uns die Schlachter vom Leib zu halten. – Außerdem, überlegt mal: Wir sind fast hundert und die, die unseren Kindern an die Gurgel wollen, sind bloß zu dritt. Wir müssen strategisch vorgehen, dann kann uns keiner was anhaben. – Macht ihr mit?“
„Jaaaaa!“ blökten alle und waren voller neuer Hoffnung.

In den folgenden Wochen übte Amos mit seinen neuen Freunden den Widerstand.
Er zeigte den anderen, wie man mit der Stirn gegen einen Baum läuft, ohne bewusstlos zu werden, wie man dem Feind mit der eigenen Wolle die Luft abdrückt und wie man sich so in Schafscheiße wälzt, dass der Gegner vom Gestank ohnmächtig wird.
Nach der Einzelkämpfer-Ausbildung kam das Manöver dran. Zuerst kam das mit der Gruppen-Identität. Alle wurden aufgefordert, einen passenden Namen für die Herde zu finden und nach einigen Diskussionen einigte man sich auf „Scharfe Schafe“.
Amos zeigte den anderen, wie man als Herde blitzschnell einen engen Kreis um die Lämmer bildet und wie man dem Gegner die Köpfe entgegen streckt.
Sie übten auch „gefährlich gucken“ und „laut blöken“ und zum Schluss kam „Angriff“!
Das war das Schwierigste, denn damit hatten die Schafe überhaupt keine Erfahrung.
Aber als Amos ihnen erklärte, sie müssten gar keine Menschen angreifen, sondern bloß den Hund und den auch nur scheinbar, fanden alle Mut und waren dabei.
Der Hund war ein besonderes Problem, denn alle hatten Angst vor seinen scharfen Zähnen. „Hat er denn schon mal einen von euch gebissen?“ fragte Amos.
Alle grübelten und dachten nach aber keiner konnte sich erinnern, dass es jemals dazu gekommen ist.
„Seht ihr,“ sagte Amos, „der darf nämlich gar nicht beißen! Der soll nur die Zähne zeigen, damit ihr Angst kriegt! In Wirklichkeit ist der Hund auch bloß ein Schaf, jedenfalls vom Geist her, und macht, was der Mensch ihm sagt.“ erklärte Amos.
„Wenn wir aber nun so tun, als wollten wir IHN beißen, kriegt er Angst vor uns und zieht den Schwanz ein. – Ist alles ne Frage von Schauspielerei und wenn wir überzeugend auftreten, wird das auch funktionieren!“
Das konnten die anderen verstehen und blökten einvernehmlich.

Nachdem die Ausbildung abgeschlossen war, feierten alle ein großes Fest, und es wurde über dem Stall ein Schild mit der Aufschrift Scharfe Schafe aufgehängt.
Schon am nächsten Tag aber begann das regelmäßige Kraft- und Konditionstraining, denn bis Ostern war es nicht mehr lange und die ersten neuen Lämmer kamen schon zur Welt. Die wurden herzlich begrüßt und abgeschleckt und alle freuten sich.

Am Gründonnerstag wurde es aber ernst. Der große Transportwagen arbeitete sich durch den Matsch zur Wiese vor und der Hund wurde losgelassen, um die Schafe zusammenzutreiben. Jetzt hieß es, nicht die Nerven zu verlieren: Anstatt in Panik zu fliehen, sollte nun die andere Richtung, auf den Hund zu, eingeschlagen werden.
Und es klappte! Die ganze Herde raste auf den armen Hund zu, der erst völlig verdutzt war und danach in einem Affenzahn zurück zum Transporter lief, hinein sprang und auch nicht wieder heraus kam.
„Der wird gefeuert!“ riefen die Schafe und lachten sich halb tot, während die Menschen noch beratschlagten, wie sie nun ohne Hund die Schafe zusammentreiben sollten. Anscheinend wurde beschlossen, rund um die Herde einen Zaun zu ziehen und den immer enger zu ziehen, bis keins der Schafe sich mehr rühren konnte. Diesen Plan durchschauten aber die Schafe, die das Denken gelernt hatten, sofort und griffen jeden an, der es wagte, sich der Herde zu nähern. Diese Aufgabe hatten die stärksten Böcke, währen die Mütter einen festen Kreis um die Lämmer bildeten und gefährlich blökten.
Besonders die Nummer mit dem Schafscheiße- Gestank hatte große Wirkung und wenn die Dosis hoch genug war, konnte man sogar zwei Menschen auf einmal in Ohnmacht versetzen. Das war lustig!
So vergingen noch einige Stunden, in denen die Menschen verschiedene Tricks ausprobierten, aber Amos hatte seine Freunde so gut trainiert, dass an diesem Tag alle Versuche, an die Lämmer zu kommen, fehl schlugen.
Auch alle weiteren Anschläge der Menschen an den nächsten Tagen gingen voll in die Hose, und mit jedem neuen Kampf gewannen die Scharfen Schafe an Erfahrung und Mut.
Schließlich war Ostern vorbei und die Menschen gaben auf.
Was für ein Sieg! Das erste Mal in der Geschichte hatten Schafe für ihre Rechte gekämpft!
Sie hatten ihre Lämmer beschützt und die Meuchelmörder in die Flucht geschlagen. Das musste gefeiert werden! Amos, der sich auskannte, führte die Herde zu einer Wiese, auf der nur die allerbesten Kräuter und Gräser wuchsen und wo der Wind so durch die Bäume wehte, dass ein Flöten und Singen entstand. Man fraß, sang zum Wind und tanzte, und es wurde eine Menge neuer Lämmer gemacht. – Ein tolles Fest!
Als die Sonne hinter den Hügeln versank und die Wiese noch einmal in rotes Licht tauchte, kuschelte sich ein junge Schäfin an Amos und fragte besorgt: „Haben denn die Menschen jetzt nichts zu essen und müssen hungern?“ – Amos, der wohlig im Heu lag, hob den Kopf und sagte: „Aber nein! Die Menschen müssen kein Fleisch essen! Die können genauso gut Vegetarier werden wie wir und bleiben dabei sogar noch schön und schlank!“ Das beruhigte die Schäfin und sie strich sich eine Locke aus dem Gesicht. „Duhuu, Amos?“ wisperte sie, „willst du immer noch deine Piraten – Freunde suchen oder bleibst du noch eine Weile bei uns? – Ich meine, wir sind doch jetzt auch deine Freunde und einen wie dich…“ sie schnusselte Amos am Ohr und Amos fand plötzlich, dass sie ganz besonders gut duftete und auch schöne Augen hatte und überhaupt…

 

Opa Hermann und sein Albtraum

Links ist, wo die Socke auch rechts getragen werden kann

„Hast du heute nichts zu meckern, Opa Hermann?“ Das Piratenschaf schaute seinen Ziehvater von der Seite an. „Ich habe immer etwas zu beanstanden“, meinte der Angesprochene mürrisch.“ „Aber das ist kein Meckern. Ziegen meckern, Menschen üben Kritik. Außerdem bin ich ein Fan der Industrie!“ „Was ist denn „Industrie, Opa Hermann?“ „Na, wie soll ich das einem Piratenschaf erklären? Also in eurem Verständnis für das Wichtige im Leben, wären das – äh – na sagen wir mal 50 Heuballen, aus einer großen Weidefläche gemacht.“ „Hä?“, sagte das Piratenschaf,“ sind dann die Köttel auch Industrie, wenn die von einer ganzen Schafherde stammen?“ „Nee, meinte Opa Hermann, „das wäre mehr Heimarbeit – Handarbeit kann man dazu ja nicht sagen! Übrigens können wir uns heute gratulieren!“ „Gratulieren? Wozu?“ „Wir kommen jetzt ein ganzes Jahr in der Kolumne vor,“ sagte Opa Hermann nicht ohne Stolz. „Aber ich habe heute Nacht einen schlimmen Traum gehabt. Ohne weitere Nachfrage von Amos erzählte der alte Herr von seinem Albtraum:

„Ich träumte, dass ich in der Stadt Essen, in der ich sehr lange gewohnt hatte, in eine riesige Demonstration geraten bin. Da fuhr auf einmal ein Konvoi von schwarzen Limosinen genau vor das Gebäude der Industrie. Die Demonstranten jaulten und tobten und schmissen mit Gegenständen. Auf einmal öffnete sich eine Autotür und Helmut Kohl stieg aus. Der flüchtete aber nicht in das Gebäude, sondern nahm eine frontale Position zu den Demonstranten ein. Ich selbst stand zwischen denen und dem Altbundeskanzler. Ich ging zu Dr.Kohl hinüber und sagte „Guten Tag, Herr Kohl!“ Der erwiderte meinen Gruß und nannte mich bei meinem Nachnamen. Wir gaben uns die Hand. Ich konnte riechen, dass der Altbundeskanzler fürchterlich aus dem Mund gaste. Davon bin ich wach geworden. Ich habe dann über meinem Traum gegrübelt und mir gedacht, dass es kein Wunder ist, wenn jemand aus dem Mund riecht, wenn er schon seit anderthalb Wochen tot ist.“

„Das ist ziemlich heftig“, bekundete das Piratenschaf sein Mitgefühl. Wie kommt dieser Traum zustande, und was mag er bedeuten?“ „Das hängt bestimmt mit dem Gipfeltreffen in Hamburg zusammen“, versuchte Opa Hermann einen Erklärung, „und mit der bevorstehenden Bundestagswahl. Da macht ja die Vorsitzende der LINKEN mächtig Dampf im Bundestag. Auf Facebook und Twitter kommt man auf die Reden, die mitgeschnitten wurden.“ Jetzt wollte das Piratenschaf aber eine wichtige Frage loswerden. „Was sind denn die LINKEN, Opa Hermann?“ „Die machen das, was eigentlich die Sozialdemokraten in ihrem Programm haben sollten, aber die definieren sich gerade jetzt neu über die Ehe zwischen Lesben einerseits und zwischen Homosexuellen andererseits. Sie zwingen ihren Koalitionspartner quasi, dass sie dem zustimmen. Kommt das nicht zustande, droht der CDU/CSU Stimmenverlust. „Bööööa“, stieß Amos hervor,“du erklärst mir alles nicht richtig Was sind denn Lebsen?“

„Nicht Lebsen, Amos, Lesben, die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen ist gemeint!“ Kenne ich nicht“, rülpste Amos, denn er musste widerkäuen. Zwischen den Zähnen stieß er hervor: „Und das mit den LINKEN habe ich auch nicht verstanden“. „Also das ist so: Du kannst einen Socken auf den linken Fuß ziehen. Aber du kannst die selbe Socke auch rechts tragen. Weshalb? Weil zwei Socken gleich aussehen und sich auch in der Form gleichen.  Also kannst du die selbe Socke auch rechts tragen, zum Beispiel wenn in der linken Socke der dicke Onkel aus einem Loch guckt, dann wechselst du das Teil auf den rechten Fuß, so dass der dicke Zeh nicht mehr aus dem Loch schaut, sondern ein anderer Zeh, weil die großen Zehen an jedem Fuß auf der Innenseite liegen.“ „Hör auf, hör auf“, jammerte das Piratenschaf, “ ich bin ein Paarzeher und habe keinen dicken Onkel! Und Socken trage ich auch nicht!“ „Das ist eine Metapher, ein Gleichnis“, versuchte der alte Bergmann, ehemaliger Betriebsrat von Prosper II, eine Erklärung. „Die LINKEN können aus der Opposition heraus so manches deklarieren, weil sie ohnehin in der Minderheit sind. Zum Beispiel können sie ungeniert gegen eine Diätenerhöhung stimmen, weil sie keine Mehrheit dafür kriegen. Sie werden von den anderen Abgeordneten einfach überstimmt! Das wirft man ihnen vor! „Aber dann könnten die anderen Abgeordneten doch auch gegen eine Diätenerhöhung stimmen, dann wäre doch bewiesen, dass die LINKEN das ehrlich meinen,“ „Ja, ja, Amos, es gäbe einiges zu beweisen, was man in der Minderheit nicht kann, zum Beispiel dafür zu sorgen, dass jeder Bürger, der eine Zeit lang in Deutschland gelebt und gearbeitet hat, eine Mindestrente bezieht. Deutschland ist ein reiches Land, so heißt es, nur ein sehr großer Teil der Bevölkerung veramt immer mehr! Diese Behauptung, dass Deutschland ein reiches Land sei, wird dadurch widerlegt, wenn Menschen gewisser Einkommensgruppen einen Blick in ihre Portemonnaies werfen. Das ist genauso, als wenn ich sage: Der Mensch an sich ist reich – nur die Leute sind arm!“

 

„Und was ist mit dem Gipfeltreffen, Opa Hermann?“ „Ja, was soll ich dazu sagen? Das ist eine sehr teure Veranstaltung, bei der sich die Mächtigsten der 20 Industrienationen, oder die sich dafür halten, ihre Standpunkte um die Ohren hauen. Meine Favoriten sind auch darunter, Amos!“ „Deine Favoriten, Opa Hermann, du hast Favoriten außer dir selbst? Das mag ich kaum glauben!“ „Doch, doch, Amos“, meine Favoriten sind die Präsidenten, Erdogan und Trump. Die zeigen den anderen mal, was eine Harke ist!“ Opa Hermann drehte den Kopf zur Seite, so dass Amos nicht sehen konnte, dass der alte Herr ein zweideutiges Grinsen aufgesetzt hatte.