Wohlgemut will meditieren

 Wohlgemut ist ein eifriger Zeitungsleser. Manchmal verirrt er sich auch in den Gesundheitsteil, wo medizinische Ratschläge gegeben werden. So ist ihm nicht entgangen, dass in den letzten Jahren das Thema Meditation eine dominierende Rolle  spielt. Es heißt, dass Meditation dem modernen Menschen hilft, Stress abzubauen und Ruhe in sein hektisches Leben zu bringen. Aber nicht genug damit, sie soll darüber hinaus eine Methode sein, wie man seine Gedanken, Gefühle und Ängste unter Kontrolle bringen kann. Selbst die Wissenschaft habe bewiesen, dass  Meditation eine positive Wirkung auf Gehirnfunktionen hat, dass sie die Konzentrationsfähigkeit steigert, die Stimmung kontrolliert und die Entscheidungsfreudigkeit fördert, ja selbst Atem und Herzschlag beeinflussen kann. Kein Wunder, dass vor allem Menschen mit von Stress zerrütteten Nerven ihr Heil in der Meditation suchen –  also Manager, Lehrer und alle, die an anderen gesellschaftlichen Zwängen leiden. Doch auch Heilpraktiker und andere Therapeuten wenden sich der Meditation zu. Sie tun es möglicherweise aus beruflichem Interesse: Vielleicht kann man ja etwas von der Meditation für die eigenen Praxis verwenden. Vergessen darf man aber auch nicht die Suchenden, also Menschen auf der Suche nach sich selbst, nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn von überhaupt allem.

Wer nicht gleich einen kostenpflichtigen Einführungskurs belegen will, kann sich im Internet durch die unendliche Zahl von Videos hindurchklicken, in denen alle Varianten der Meditation vorgestellt werden. Wohlgemut tat dies. Sein erster Eindruck war, dass die Meditationsvideos sich in vier Gruppen einteilen ließen. Es waren die verschiedenen Kursleiter, die Wohlgemut als Einteilungskriterium dienten.

Vier Typen erkannte Wohlgemut. Da war zunächst der seriös wirkende Herr im Anzug und mit dezenter Krawatte, straff gescheiteltes Haar, ein Mann, der durchaus selbst Manager oder Eheberater hätte sein können, bevor er sich zum Meditationsexperten entwickelt hatte. Sein Erscheinungsbild suggerierte: Bei mir gibt’s  nichts Magisches, hier geht alles nüchtern und sachbezogen zu, psychologisch-wissenschaftlich untermauert. Kein Zweifel besteht: Er gehört zum westlichen Kulturkreis.

Auch noch zum westlichen Kulturkreis gehört der zweite Typ, obwohl er schon im Erscheinungsbild erkennen lässt, dass er nicht ein langweiliger Standardbürger ist. Er hat nämlich sein Haar als Zopf gebündelt, der ihm tief auf dem Rücken hängt. Je nach Laune kann er aber auch sein Haar offen tragen und bis auf die Schultern wallen lassen.

Ist das Haar nicht mehr so füllig, oder ist die Glatzenbildung gar schon weiter fortgeschritten, rasiert sich dieser Typ die restlichen Haare einfach ab, kaschiert damit nicht nur den Haarausfall, sondern kommt im Aussehen dem chinesischen Urbild, Buddha, schon ein wenig nahe und kann somit als zaghafter Übergang vom westlichen Meditationslehrer zum buddhistischen Guru angesehen werden.

Wohlgemut stellte fest, dass sowohl der langhaarige als auch der glattrasierte Meditationslehrer vorwiegend auf einer grünen Wiese sitzend gezeigt werden, umgeben von einer Schar Frauen in losen Gewändern. Sie sitzen alle mit verschränkten Beinen –  fachsprachlich im sogenannten Lotussitz. Daran ist der asiatische Einfluss deutlich erkennbar.

Wohlgemut lauschte einem der Lehrmeister. Der gab zunächst seiner Freude Ausdruck, dass das Wetter so schön war und ihnen erlaubte, die Meditation in Freien  auszuführen. Das Schöne an der Meditation sei, das eigentlich schon zehn Minuten täglich  für sie genügten, riet er, doch heute habe man mehr Zeit und er wolle daher mit einer Basisübung beginnen: mit dem richtigen Atmen.

Das gefiel Wohlgemut: Beginnen mit etwas, das man schon kann. Doch da war der Guru ganz anderer Meinung.  Zu glauben, man könne einfach und gedankenlos richtig atmen, sei ein ganz großer Irrtum. Atmen bedeute nicht schlicht Füllen der Lunge mit Luft, nein, es sei vielmehr ein Füllen des ganzen Körpers und seiner Seele mit Lebenskraft. Der Guru las den Kursteilnehmern zunächst einmal die Leviten. „Sicherlich“, gab er zu, „wir atmen ständig, aber wir verschwenden keinen Gedanken daran, wie wir atmen. Das ist nicht nur gedankenlos, es beraubt uns auch der Möglichkeit, uns auf das hier und jetzt zu konzentrieren und die Achtsamkeit zu steigern. Durch die Kontrolle des Atmens werden wir uns des Augenblicks erste richtig bewusst.“

Wohlgemut fragte sich, warum der Schöpfer Atmen als automatischen, unbewussten Vorgang erfunden hat. Zwar hat das seine Vorteile, hat aber auch den Nachteil, dass dem Menschen dadurch sehr viel an Kontrolle über sein Leben verloren geht. Hier springt jedoch die Meditation hilfreich und korrigierend ein.

„Lasst es uns gemeinsam üben“, sagte der Guru und kommandierte mit wohltemperierter, ruhiger Stimme: „Tief einatmen, dem Atem nachspüren, ihn im Körper fühlen, und jetzt ausatmen, und wieder tief einatmen – wir merken, wie wir von unserem Atem getragen werden …“ Wohlgemut merkte es nicht, gab daher auf und verzichtete auf den Rest der Veranstaltung.

„Ex oriente lux“ – Licht und Erleuchtung kommt aus Osten, erinnerte sich Wohlgemut als alter Lateiner. Also warum nicht gleich sich an die Meister der hinduistischen und buddhistischen Lehre wenden, statt sich mit ihren europäischen Imitaten abzugeben. Gedacht, getan. Wohltat suchte im Internet hinduistische Gurus auf, von denen es eine Menge gab. Auch sie hatten meist langes, wallendes Haar, trugen farbenträchtige Gewänder und saßen im Lotussitz vor – wenigstens im  Internet – prunkvoll gestaltetem Hintergrund. Wohlgemut musste gestehen, dass er nicht frei von Ressentiments gegen sie war.

Das kam daher, dass er über das Leben der Mutter Teresa gelesen hatte, die in Kalkutta dafür arbeitete, die Not der Ärmsten der Armen zu lindern. Diese Armen gibt es aber nicht nur in Kalkutta, sondern in ganz Indien. Und warum? Weil sie das Pech haben, in der untersten Kaste geboren zu sein. Nach indischem religiösem Glauben ist die Gesellschaft hierarchisch in fünf Schichten, genannt Kasten, gegliedert. Nun gibt es auch in westlichen Ländern unterschiedliche gesellschaftliche Schichten. Aber mit Glück, Fleiß und Intelligenz kann man aufsteigen, falls man zu einer unteren Schicht gehört. Nicht so in Indien. Kaste ist Schicksal und kann nach religiösem Glauben nie und unter keinen Umständen verlassen werden. Der Angehörige der untersten Kaste, der auf der Straße lebende Paria, der Unberührbare ist der Diktatur des Schicksals unterworfen und lebenslang ein Paria.

Nachdem Wohlgemut sich das so drastisch vor Augen geführt hatte, stand für ihn fest: Von einem indischen Guru wollte er nichts über Meditation hören. Wenn es diesen Erleuchteten nach Jahrhunderte langer Meditation nicht gelungen ist, zu erkennen, dass das Kastensystem den Gipfel an Unmenschlichkeit verkörpert, dann sträubt sich alles in Wohlgemut, irgendeine Weisheit von einem solchen Weisen anzunehmen.

Bleibt also nur noch Buddha, der, wenn auch nicht Gott, aber dennoch ein Heiliger ist und sozusagen der Urvater aller Gurus. Wohlgemut erhofft sich von ihm, den Weg zu einem erfüllteren, vielleicht sogar glückseligen Leben zu finden. Der Buddha, wie ihn Wohlgemut von den beliebten Buddha-Statuen her kennt, ist ein Mann mit Glatze und dickem Bauch, mit fröhlichem lachendem Gesicht. Es besteht kein Zweifel: Der Mann ist mit sich und der Welt zufrieden, er hat letzte Glückseligkeit erreicht. Nun ist dieser Buddha ja mehr eine mythische Gestalt. Umso dankbarer ist Wohlfahrt, dass es eine lebende Variante des Buddha gibt: den Dalai Lama, der aus Tibet stammt.

Seine Heiligkeit, so lässt er sich nennen, reist gern um die Welt und besuchte auch Deutschland, so dass Wohlgemut ihn im Fernsehen kennenlernen konnte. Wohlgemut wusste zunächst nicht recht, was er von ihm halten sollte. Der Dalai Lama, schon ein älterer Herr, im typischen orange-roten Gewand buddhistischer Mönche war lächelnd unterwegs. Wo immer er auftrat, bei Empfängen oder Interviews – immer lächelte er  und kicherte. Egal welche Frage ihm gestellt wurde – er kicherte die Antwort. Selbst ernste Fragen beantwortet er kichernd. Der Verdacht lag nahe, dass seine Heiligkeit vielleicht dement war. Aber dann dämmerte es Wohlgemut. Das war nicht Demenz, das war vielleicht Ausdruck einer Abgeklärtheit, die sich von weltlichen Ereignissen nicht mehr erschüttern ließ, die das menschliche Leben lächelnd an sich vorüberziehen lässt, weil es dem Menschen gelungen ist, dank Meditation dem Schmerz und dem Leiden die schreckliche Wirklichkeit zu nehmen.

Seine Heiligkeit traf sich in den USA mit Deepak Chopra, einem aus Indien stammenden Meditationsexperten. Chopra hat  mit einer  Unzahl von Büchern den Markt überschwemmt, eines esotherischer als das andere. Sie haben ihm nicht nur Milliarden eingebracht, sondern auch den satirischen Nobelpreis für Physik, weil er in seinem Versuch, östliche Weisheit und westliches Wissen zu vereinen, gern von Erkenntnissen der Quantenphysik Gebrauch gemacht hat. Chopra und der Dalai Lama  haben bei ihrer Begegnung tatsächlich mehrmals ihre Nasen aneinander gerieben, um wohl damit  vergnüglich und humoristisch ihre Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen.

Beneidenswert, diese Abgeklärtheit bei Männern, die sich doch bei aller Weisheit, ihre Kindlichkeit bewahrt hatten, dachte Wohlgemut. Er hoffte nun endlich, im Dalai Lama seinen Großmeister gefunden zu haben, der ihm den Weg zu einem erfüllten, gelassenen, glücklichen Leben führen würde. Doch dann stieß Wohlgemut, von dem wir schon wissen, dass er ein eifriger Zeitungsleser ist, in seiner Zeitung auf einen unglaublichen Bericht, der Wohlgemuts Absichten ein radikales Ende bereitete.

Manuel Bauer, der langjährige offizielle Fotograf des Dalai Lamas hat einen behinderten Sohn, der nicht gehen und nicht sprechen kann. Der Dalai Lama wollte den Vater, der seinen Sohn aufopfernd pflegt, trösten.  Er versuchte dies, wie es seiner Rolle entspricht, mit einer buddhistischen Idee. Der Buddhismus kennt zwar keinen Schöpfergott, hat sich aber über die Jahrhunderte zu einem Glaubenssystem entwickelt, in dem das Konzept des „Karma“ eine große Rolle spielt. Karma besagt, dass jede Handlung des Menschen Folgen hat, je nach Handlung gute oder schlechte Folgen. Diese Folgen können sogar in einem künftigen Leben eintreten. Buddhisten glauben nämlich an Reinkarnation, an „Samsara“,  den Kreislauf der Wiedergeburten. Dieses Konzept des Karma benutzte nun der Dalai Lama, um seinem Fotografen eine sinnvolle Erklärung für die schreckliche Behinderung seines Sohnes zu geben. Eltern von behinderten Kindern hätten möglicherweise in einem früheren Leben ein Kind getötet und müssten nun in diesem Leben im Sinn der karmischen Folge ein krankes Kind pflegen.

Der Bericht sagte nichts darüber, wie Bauer diese Erklärung aufgenommen hat. Wohlgemut fühlte sich schockiert von ihr. Er fand das Prinzip des Karma psychologisch unmenschlich. Nicht nur werden Eltern für potentielle Mörder gehalten, auch  das kranke Kind wird angeklagt, in einem früheren Leben Schlimmes getan zu haben. Nicht nur unmenschlich ist das Karma-Konzept – es ist auch sinnlos. Zwar scheint es nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung eine ausgleichende Gerechtigkeit herzustellen, indem es gute Taten belohnt und böse bestraft. Aber Wohlgemut ließ sich nicht durch buddhistische Spitzfindigkeiten einschüchtern. Welchen Sinn macht es denn, jemanden zu bestrafen, der kein Schuldbewusstsein haben kann, weil er sich nicht an sein früheres Leben und seine Handlungen erinnert? Soll Seine Heiligkeit der Dalai Lama trotz unendlich vieler Meditationen dennoch an die Sinnhaftigkeit von Karma glauben –  bitte schön, aber er, Wohlgemut konnte es nicht.

Langsam wurde Wohlgemut seiner Suche nach wirksamer Meditation müde. Da entdeckte er ein Video, in dem ihm ein seriös wirkender Herr versprach, mit Hilfe einer nur fünfminütigen Meditation vor dem Zubettgehen in einen tiefen, gesunden Schlaf zu fallen. Gut, dachte Wohlgemut, für eine gute Nachtruhe opfere ich gern fünf Minuten, zumal Dr. Wayne Dyer, der Herr, der mich anleiten wird ein professioneller Psychotherapeut ist, also aller Wahrscheinlichkeit kein Scharlatan.

Der erste Ratschlag Dyers klang durchaus sinnvoll: Programmiere dein Unterbewusstsein. Dann  empfiehlt er weiter: „Schließe deine Augen, sage dir, ich bin reiner Geist, der ich schon immer war und auch immer sein werde. In mir gibt es einen Raum für Vertrauen und Ruhe und Sicherheit, wo alle Dinge bekannt sind und verstanden werden. Das ist der universale Geist Gottes, von dem ich ein Teil bin, der mir antwortet, wenn ich frage. Dieser universale Geist  kennt die Antworten für alle meine Probleme, und die Antworten strömen mir zu, ich muss nicht mühsam nach ihnen suchen.“ Soweit war Wohlgemut geneigt, Dyer zu folgen, obwohl er sich des inneren Raums, in dem angeblich alle Dinge verstanden werden, nicht so sicher war. Aber Dyers Befehlen konnte Wohlgemut bei bestem Willen nicht folgen: „Sage dir, ich bin glücklich, ich bin erfolgreich, ich bin wohlhabend, ich bin Gott, ich bin Gott, ich bin Gott – weil jeder von uns im Grunde Gott ist.“ Wohlgemut erkannte, dass Meditation für Dyer nichts anderes war, als eine Anleitung für angehende Geschäftsleute, Erfolg zu erzeugen. Dass dazu sogar der Name Gottes missbraucht wurde, ist die eine Sache, und man könnte sie Blasphemie nennen. Die andere Sache ist, dass es Ausdruck von einem Riesengrößenwahn wäre, sich einzureden, dass man selber Gott wäre.

Seine Suche nach  Methoden der meditativen Selbstfindung hat Wohlgemut zu der Erkenntnis gebracht, dass vieles, was sich auf dem modernen Markt der esotherischen Weltanschauungen tummelt, auf Selbstbetrug und Schwindel beruht.  Er nahm sich vor, künftig bei zwei Männern Rat zu holen, deren Ratschläge betreffs Meditation allerdings sehr altmodisch sind. Es sind dies der Mann aus Galiläa, der Beten als Methode empfiehlt oder der Franzose, der im 17. Jahrhundert das aus Zweifel geborene klare Denken als Weg zur Selbstfindung vorschlug.