Amos und die Allgemeinbildung

„Weiß nix – Macht nix“

Vorgeschichte

„Das gemeine Volk hört nur halb hin und liest auch kaum etwas Gescheites!“, wetterte Opa Hermann aus Richtung Gartenklo, so dass das gefährliche Piratenschaf zusammenzuckte. Er zerknüllte die Bildzeitung, die er soeben „zensiert“ hatte: „Kaum noch Lesekultur, schlechte Allgemeinbildung, und die meisten Leute glauben alles, was schwarz auf weiß gedruckt wird!“ Diese Feststellung unterstrich er mit einem lauten Verdauungsgeräusch.
Amos lag unweit des Geschehens auf seiner Kuscheldecke. Ihm war der emotionale Ausbruch seines Ziehvaters nicht entgangen. Er war es gewohnt, dass der alte Bergmann wieder und wieder anmahnte, nicht alles als „Gott gewollt und gegeben“ hinzunehmen. „Es ist vor allem die Sprache, die uns vor den anderen Geschöpfen auszeichnet“, dozierte der alte Herr in seinem Selbstgespräch, „dafür können die Affen Bananen schneller schälen“.
„Auf der Cara Mia haben die lieben Piraten eine eigene Sprache“, meldete sich jetzt das Piratenschaf. „Ach ja? Und wie heißt diese Sprache?“, wollte Opa Hermann wissen.
„Lakonisch“, erwiderte Amos, „die geht zum Beispiel so: Schechte meschen ma schoffen!“
„Tolle Sprache“, höhnte Opa Hermann, “passt zu gleichmütig, gleichgültig! Heißt wahrscheinlich: „Mir ist vom Saufen schlecht geworden! Aber das ist noch gar nichts, ich hatte mal einen Schulkameraden, der bezog sein gesamtes Wissen aus der Micky Maus!“
„Was ist aus dem geworden?“ Opa Hermann musste grinsen: “Der ist heute Landrat!“
„Ist das etwas Besonderes?“, wollte Amos jetzt wissen. „Ja, das ist ein verantwortungsvolles politisches Mandat in einem Landkreis. Aber Du kannst ja mal eine Flasche Kakao in Dein Fell packen und selbst sehen, wie es mit der Bildung der Menschen steht, denn Bildung erreicht man unter anderem durch Lesen!“

Die Lesekultur schmilzt dahin

Das Piratenschaf durchwanderte den nahe gelegenen Park und traf auf einen dicken Mann, der auf einer der Bänke saß. Amos hielt ihm zur Begrüßung die rechte Pfote hin: „Entschuldigen Sie, ich bin Amos, das gefürchtete Piratenschaf, darf ich Sie mal etwas fragen? Was lesen Sie eigentlich –  wenn Sie lesen?“
„Aha, ein ganz gescheiter Marketing-Fachmann! Bist du ein Vertreter für Wolle oder Tiernahrung?“
So barsch angemacht kullerten Amos sofort zwei Tränchen über das Gesicht, aber der Fremde bemerkte das und grinste versöhnend.
„Okay, ich lese Beipackzettel. In diesen klein geschriebenen gewaltigen Texten schottet sich die Pharmaindustrie juristisch ab, verstehst du?“
Amos nickte ergriffen, obwohl: er hätte nachfragen sollen.
Ein anderer Herr meinte, dass er nur die Zusätze unter Verkehrsschildern lese, zum Beispiel „montags bis freitags“ oder „Anlieger frei“!
Ein Dritter schob seine Frau vor. Sie lese das, was wärmstens empfohlen wird, höchstens dreißig Seiten davon, dann fliegt das „Zeug“ in die Ecke!
Der letzte Versuch, sich ein Bild von der Lesekultur zu machen, brachte das Ergebnis, dass sich eine Dame mit Kontoauszügen beschäftigte.
Amos nickte mit einem großen Verständnis für die reale Welt. Dann wollte es seine Studie mit einem Besuch der örtlichen Bücherei abrunden.

Der Buchhändler tat das, worin sich offensichtlich alle Buchhändler abgesprochen haben. Er sah nicht hoch. Diesmal besah er sich aber und fragte das Piratenschaf verwundert nach seinen Wünschen: Amos blinzelte mit dem nicht abgedeckten Auge.
„Haben Sie Beipackzettel, Ecken-Flieger und Kontoauszüge?“