Demokratie und freie Marktwirtschaft

Möglichkeiten der Einflussnahme

Die Problematik des gesellschaftlichen Zusammenspiels nimmt zu. Auf der einen Seite interkontinental, andererseits auf nationlaler Ebene. Die Gesellschaft hechelt den Ereignissen hinterher, sucht nach Ursachen und Lösungsmöglichkeiten. Viele Kräfte sind bemüht, nur wenige finden Lösungen, für sich und andere. Doch zunächst sei die Frage zu klären, worin Demokratie und freie Marktwitschaft ihre Unterschiede haben und ob es Zusammenhänge gibt, die auf Lösungen von Problemen hinweisen. Die Bedeutung der beiden Gesellschaftsformen ist den meisten Bürgern bekannt: Demokratie ist eine Staatsform, alle Gewalt geht vom Volke aus, die freie Marktwirtschaft ist, wie der Name schon sagt, eine Wirtschaftsform. Ihr steht eine Planwirtschaft entgegen, deren Normen vom Staat vorgegeben werden.

Bei der Staatsform besteht eine beschränkte Mitbestimmung durch das Individuum. Der Einzelne hat durch die freie Wahl, die Möglichkeit, eine Partei, von der er ausgeht, dass sie seine Interessen weitgehend umsetzt, für die Dauer von vier Jahren in bestimmte Gremien zu wählen und zwar auf kommunaler Ebene, in den Land- und in den Bundestag. Innerhalb einer Legislaturperiode sind die gewählten Vertreter laut Grundgesetz nur ihrem Gewissen gegenüber verpflichtet. Eine direkte Einflussnahme auf gesellschaftlich relevante Entscheidungen hat der Wähler während dieses Zeitraumes nicht. Ein Volksbegehren gibt es derzeit nicht.

Bei der Wirtschaftsform jedoch ist eine unmittelbare Einwirkung auf Produkte oder Dienstleistungen durch Kaufverhalten oder Inanspruchnahme durch das Individuum möglich. Es kommt hierbei auf das Konsumverhalten des Individuums, das durch Werbung oder Nachahmeffekte beeinflusst wird, an.

Der „Konsument“ ist sich seiner Macht – so scheint es – überhaupt nicht bewusst, mit der er den zumeist materiellen Angebotsüberfluss beeinflussen kann. Durch das Konsumverhalten bestimmen die Käufer – man spricht leidenschaftslos vom „Verbraucher“- über Bestand, Aufschwung oder Niedergang von Firmen oder Firmengruppen. Angebote werden über das Preis-Leistungsverhältnis angenommen oder vom Kunden verworfen. In der Fachsprache wird die Vokabel Mitbewerber benannt, wenn sich mehrere Unternehmen mit einem Angebot um die Gunst der Kunden bemühen. In Wirklichkeit handelt es sich um gnadenlose Konkurrenzkämpfe, die über das Wohl oder Wehe der Unternehmenszweige entscheiden. Das ist bekannt und nichts Neues.

In der vergangenen Woche hätte die „Air Berlin“ Konkurs anmelden müssen. Gestreckt wurde das Insolvenzverfahren durch einen Zuschuss aus der staatlichen Bank für Wiederaufbau in Millionenhöhe, so dass bestehende Buchungen in einem bestimmten Zeitrahmen noch abgewickelt werden können, bevor Teile des Unternehmens an andere Fluggesellschaften verkauft werden. Erst vor kurzem meldete die Alitalia den Konkurs an. Wie kann es geschehen, dass Fluggesellschaften durch die Preisgestaltung ihrer Flugrouten bzw. Flugziele mit oder ohne Verflechtung von Reiseunternehmen in die roten Zahlen rutschen?

Der „Konsument“ vergleicht in Reisebüros die Angebote mit denen, die im Internet zu buchen sind. Dabei achtet er genau auf die Endpreise bei gleicher Flug- und Hotelbuchung im Urlaubsland seiner Wahl. Der gesunde Menschenverstand müsste dem Individuum eigentlich sagen, dass ein Hin- und Rückflug mitsamt einer Woche Halbpension in einem Dreisternehotel in Tunesien für 265.-€ in der Vor- oder Nachsaison nicht der Realität entspricht. Für diesen Preis käme ein Kunde mit dem Taxi nicht von z.B. Hamburg nach Berlin-Mitte – und das ohne Halbpension und Übernachtung in einem Hotel. Auf der anderen Seite achtet das Bundeskartellamt darüber, dass Fluggesellschaften keine Preisabsprachen treffen. Dem „Konsumenten“ ist es völlig egal, ob er durch seinen überzogenen Geiz für tausende verlorener Arbeitsplätze verantwortlich ist. Er übersieht gerne, dass gute Qualität von Waren oder Dienstleistungen ihren Preis einfordern, zumal viele Menschen die Qualität von Möbeln, Werkzeugen und Maschinen überhaupt nicht beurteilen können – um nur einige Beispiele zu nennen. Es scheint erschreckend, dass so viele Menschen sich von dreister und hirnloser Werbung beeinflussen lassen und dann bereit sind, einen höheren Preis zu bezahlen z.B. wenn ein Bier aus Felsquellwasser gebraut wird, ein Bier, das auf Glyphosat getestet wurde – wie viele andere Biersorten auch – und positiv war. Nun fragt sich der kritische Verstand, wie Glyphosat in das Felsquellwasser gelangt ist, wärend das Brauwasser aus Bremen keine Spuren von Glyphosat nachwies. Ein Wasser aus einem tiefen Brunnen unter einer Großstadt? Dass der „Verbraucher“ die teure Werbung aus dem TV mit der von ihm erworbenen Kiste Bier mitbezahlt, müsste ihm eigentlich einleuchten.

Wie irrationell der „Verbraucher“ agiert, wird auch aus seinem Verhalten deutlich, wenn er an Kreuzfahrten teilnimmt, die durch ihren Schweröltreibstoff dafür sorgen, dass gewaltige Mengen von Kohlendioxyd und Ruß in die Umwelt gelangen, Auf der anderen Seite werden Erderwärmung und Zunahme von Stickoxyden beklagt. Wie leicht könnte Druck auf die Reedereien ausgeübt werden, wenn der Reise- und Entdeckungslustige nur noch Reisen mit Schiffen buchen würde, deren gewaltige Motoren ( oft drei bis vier Hauptantriebsblöcke und 4 bis 8 Nebenaggregate für die Stromerzeugung) mit Katalysatoren ausgerüstet würden. Natürlich würde der Buchungspreis um ca. 100.-€ steigen. Ein Kreuzfahrtschiff der neuesten Generation kommt ohnehin erst nach vielen, vielen Jahren in die Gewinnzone bei einer „Laufzeit“ von ca.vierzig Jahren, bevor es verschrottet wird. Die drohenden Umweltkatastrophen können dementsprechend nicht so ohne Weiteres weder dem System angelastet werden noch den Politikern, die dieses System vorantreiben, auch wenn es von Lobbyisten und Analysten beeinflusst wird. Die Frage wäre noch zu klären, wann das System der freien Marktwirtschaft zu einem Raubtierkapitalismus entartet, der früher oder später den völligen Niedergang einer Gesellschaft nach sich zieht. Der Besitzstand des Einzelnen beruht in vielen Fällen auf Armut und Ausbeutung anderer. Auf eine weltweite Solidarität der begüterten Gesellschaften mit den armen Gesellschaften beispielesweise in Afrika, Pakistan oder Indien wird umsonst hingewiesen. Das Argument:“Mir schenkt auch keiner etwas“ scheint die Gewissen der meisten Menschen zu beruhigen. Wenn sich in der Einstellung des Individuums zu seiner und anderen Gesellschaften und zum Planeten selbst, der uns trägt, nichts wesentlich ändert, kann der Zukunft keine günstige Prognose eingeräumt werden.

Prost! Austrinken! Noch sind wir!