Opa Hermann „geht in medias res“

 

Wenn das Füllhorn zur Neige geht, bricht auch der Krug

 

Glutrot leuchtete die untergende Sonne durch das filigrane Zweigwerk der Trauerweide, formte auf der Ziegelwand der Kate ein bizarres Geflecht von irrisierenden Schatten, die im leichten Abendwind tanzten oder in einander verschmolzen, um sich jäh wieder zu trennen und kurz darauf erneut umeinanderzuwirbeln.

Opa Hermann betrachtete das kaleidoskopartige Farbenspiel mit Entzücken. „Es gibt doch noch Dinge auf diesem Erdenrund, die nichts kosten“, dachte er, „man braucht nur ein Auge dafür und Muße, um sie zu entdecken.“ Die schnelllebige Zeit hingegen hält die Menschen in Atem. Sie werden von Woche zu Woche gehetzt. Sie freuen sich bereits am Montag auf das kommende Wochende, gerade so, als sei die Zeit dazwischen abzuhaken, nicht gelebt – ja, nicht lebenswert. Fünf wichtige Zeiteinheiten pro Woche als „Streichergebnis“. Wem hat man es geopfert?  Der Satz :“ Er wird wie eine Sau durchs Dorf getrieben“ bekommt eine völlig neue Bedeutung, nur dass es kein Dorf ist, sondern die Zeit!
Was ist mit den anderen Menschen? Haben wir noch Zeit für unsere Mitmenschen, Nachbarn, Kollegen, Geschwister, Neffen, Onkel oder Tanten? Oder sind tatsächlich alle mit sich selbst dermaßen beschäftigt, dass beschwörende Unkenrufe durch die Netzwerke geistern, Twitter, youtube, oder facebook, um nur einige zu nennen. Denn Zeitverlust erzeugt Hektik, und fehlende Nähe zu anderen Menschen spiegelt sich im virtuellen Umfeld wieder. Du wirst aufgefordert, diesen oder jenen Beitrag „zu liken“oder : „Ich würde mich freuen, wenn Du diese Seite  mit einem „like“ versehen würdest.“ Was ist das? Brauchst du Zuwendung oder Anerkennung, oder bekommst du Geld dafür, wenn du deinem Auftaggeber Adressen vermittelst?

Wie gehen wir Menschen miteinander um? Kalenderblattartig werden dem Nutzer weise Sprüche vor Augen geführt, hunderte Male geteilt nach dem Motto:“Nimm mich wie ich bin oder geh mir aus den Augen!“ Oder: „Wer mich nur nach dem Äußeren beurteilt, wird meinen wahren Wert nicht erkennen“. Opa Hermann dachte bei sich: „Am liebsten würde ich dem Absender zurufen: Heul doch! Das Erdenrund ist vollgepfropft mit Egomanen und Egoisten!“
Menschen lernst du ohnehin erst  in schweren Notsituationen richtig kennen. Doch da sei der Herrgott vor, dass Montagmorgen die Regale bei LIDL oder ALDI leerstehen! Du kämst mit dem letzten Apfel nicht mehr gesund bei der Kasse an, bestenfalls in kleinen Häppchen. Wem nutzen angesichts solcher Ereignisse die wohlgemeinten Kalendersprüche aus der Hexenküche der psychologisierenden Schreiberlinge?

Opa Hermann hatte zu diesem Themenkomplex schon heiße Diskussionen mit seinem alten Zechenkumpel Jupp geführt. Jupp, der den alten Rentner und ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden ein über das andere Mal als „rote Socke“ bezeichnet hatte. „Wissen kannst du auf den Schulen beigebracht kriegen“, hatte Opa Hermann zu ihm gesagt, aber kaum eine soziale Bildung oder soziale Kompetenz, denn das sind Lehrinhalte, die eine gute Religion vermittelt oder eben das Elternhaus. Und auf die Politik bezogen hatte Opa Hermann gesagt: „Du brauchst keine Angst davor zu haben, dass in Deutschland die LINKE an die Regierung kommt, weil die meisten Menschen Angst davor haben, dass ihre Leberwurst verstaatlicht wird.“

An anderer Stelle hatte Opa Hermann geäußert, dass es doch geradezu pervers ist, wenn erlerntes know how in einem System konkurrenzlastig ausgelebt wird, anstatt eine solche Fachkompetenz zu bündeln und zu aller Nutzen zu verwenden. Jupp hatte dagegen gehalten: „Reichtum schreit nach mehr Gewinn! Hast du die Micky Maus nicht gelesen als du klein warst? Da stand es drin bei Dagobert Duck! Die Micky Maus war eine wahre Fundgrube sozialer Bestandsaufnahmen“. Und das Schönste war, man brauchte nicht viel zu lesen, denn alles war detailliert bebildert.“
Mittlerweile hatte Opa Hermann die dritte Flasche Bier geköpft. Der Gerstensaft hatte, auf diese Menge bezogen, eine beruhigende Wirkung. Das hing damit zusammen, dass schwierigen  Gedankenverflechtungen einer gewissen Trägheit zum Opfer fielen, was er als angenehm empfand.

Mittlerweile waren die Schatten länger geworden. Die zuckenden und quirlenden Lichtimpulse der untergehenden Sonne begannen zu verblassen. Der Wind hatte sich gelegt. „So fühlt sich Ruhe und Entspannung, ja Frieden an“, dachte der alte Mann, und er stellte sich eine letzte Frage an diesem Abend: „Hat die Schöpfung das für mich gemacht oder sollte ich das mit jemandem teilen, der das nicht zu schätzen weiß? Denn heute ist so ein Tag zwischen Montag und dem Wochenende.

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. Auf dem künstlerischen Sektor seit 1969 präsent, damals noch mit der Gruppe ARASKADE 69, die aus Malern und Autoren bestand. Außer mir ist Frau Dr. Prehm, Scottish Lady of Camster, Autorin und Zeichnerin, das letzte lebende Mitglied der Gruppe. Seit dieser Zeit wurden bis heute ca. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Erste literarische Publikationen im Jahre 1971., hauptsächlich Gedichte und Prosatexte, die in deutschsprachigen Anthologien publiziert wurden oder im Eigenverlag, sowie im Magazin "Die Brücke." Im selben Jahr entwickelte sich eine Freundschaft zu Professor Joseph Beuys, der an der Kunstakademie in Düsseldorf einen Lehrstuhl hatte. Außerdem bestand eine tiefergehende Freundschaft zu Peter Coryllis, einem Schriftsteller, der den Kreis der Freunde leitete, eine lose Vereinigung von hauptsächlich Autoren, aber auch Kunstschaffenden.(Einst hatte der Lambarene-Arzt Albert Schweitzer diesen Freundeskreis gegründet). 1981 Einrichtung einer Zweigstelle der FIU (Free International University for Kreativity and Interdisziplinary Research) bei der Volkshochschule Essen - Mitte. (Die FIU war zunächst ein künstlerisches Projekt von Joseph Beuys und einem seiner Meisterschüler, Johannes Stüttgen). Nach einer Aufführung der Fluxuszone Niederrhein wurde vom damaligen Leiter der VHS, Lübben, angeordnet, dass weitere Auftritte der FIU bei der VHS Essen unerwünscht seien. Demzufolge wurde das Reliwette-Museum 1984 in Ostfriesland errichtet und somit gegründet , um ein eigenes Podium zu realisieren. Zur Eröffnung wurde eine mehrteilige Performance initiiert, deren Haupteil mit dem Titel "His masters Voice" in das Zerschießen einer Pyramide aus Fernsehgeräten mittels einer großkalibrigen Vorderladepistole mündete. 1976 erfolgte die Gründung der literarischen Gefangenenzeitung DIABOLO mit einem Insassen-Redaktionsteam der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen. In der Zeit von 1979 bis 1986 entstanden 2 Filme im S8 Format: "Psychodelic memories" und "Abbruch". 1987 erfolgte das Pflanzen eines Labyrinthes aus Berberitzensträuchern auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern. Es handelt sich hierbei um den "Joseph - Beuys - Gedächtnisgarten". In diese Zeit fällt der erste Kontakt zu Karl-Heinz Schreiber, einem literarischen "Urgestein" aus Unterfranken. Aus diesem Kontakt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefgehende Freundschaft. K.H.S war nicht nur Rezensent zeitgenössischer Literatur, sondern auch Herausgeber einer Literaturzeitschrift, Romanverfasser, Dichter und Lyrocker. "Charly" Schreiber verstarb viel zu früh im Jahre 2014. Sowohl die Freundschaft zu Beuys als auch zu Karl-Heinz Schreiber haben meinen literarischen Duktus stark beeinflusst. Noch kurz vor seinem Ableben brachte er den Gedichtband heraus:"Durch den Kaktus gesprochen", der meine wichtigsten Gedichttexte enthält. Das FORUM im Inneren wurde 2002 mit einem Festival der Poesie in Betrieb genommen. Auch hierbei hinterließ K.- H. Schreiber seine Handschrift. Im Jahre 2017 besteht das Labyrinth als Langzeit - Kunstwerk 30 Jahre. Es wird ab dem Sommer 2017 nicht mehr geschnitten und somit der Natur überlassen. Die Bühne samt Bestuhlung wird somit in einen "Dornröschen-Schlaf" versetzt und sich selbst überlassen als Heimat für wild lebende Tiere aller Art.