Opa Hermann und die Gesetzgebung

„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“

 

Nun hatte der Sommer endlich mit voller Wucht Einzug gehalten. Die Menschen stöhnten unter der Hitze. Opa Hermann wunderte sich über die Bauarbeiter, die mit entbößtem Oberkörper auf den zahlreichen Baustellen im Ort werkten. In den Schulen gibt es schon mal hitzefrei, wenn das Thermometer über die dreißig Grad Celsius – Marke klettert. „Die Berufstätigen in Deutschland können davon nur träumen“, dachte Opa Hermann. „Wie kann man bei dem Wetter Straßen teeren oder auf Dächern arbeiten?“ Er selbst saß unter einem Pavillon am Gartenteich, hatte die Füße in einen Eimer Wasser getaucht und schaute den Libellen zu, die über die Wasserobefläche surrten. Ihre glitzernden Flügel reflektierten die Sonne, welche nahezu senkrecht auf die Erdoberfläche strahlte.
Just in diesem Moment, da sich der alte Herr wohligen Betrachtungen hingab, erschien sein alter Kumpel Jupp auf der Bildfläche. Opa Hermann warf seinen Kopf herum, denn er hatte leise raschelnde Schritte auf dem Rasen hinter sich vernommen. „Jupp, alter Geigerzähler“, rief ihm Opa Hermann zu, „schön, dass du vorbeischaust. Wo hast du deine Frau gelassen?“ „Burgel ist
beim Friseur“, antwortete sein Freund. „Ich wollte dir eigentlich beim Rasenmähen zugucken!“
„He he he“, lachte Opa Hermann meckernd, „wofür habe ich denn zwei Schafe eingestellt?“ Er meinte damit Amos, das Piratenschaf und dessen Linda, die dafür sorgten, dass die Grünbestände seines Anwesens überschaubar blieben.
„Ja, ja, du bist der perfekte Arbeitgeber“, spottete Jupp belustigt, „lässt andere für dich arbeiten und nennst das Ergebnis „überschaubar“. Das hätte ich von einer roten Socke nicht erwartet.“
Opa Hermann kniff ein Auge zu: „Glaubst du im Ernst, dass rote Socken nicht wüssten, wie die Wirtschaft funktioniert?“
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, da die lockere Konversation in eine tiefschürfende Diskussion abzugleiten drohte. Dafür war der alte Herr immer zu haben. Schließlich war er während seines langen Berufslebens Betriebsrat gewesen und hatte sogar den Vorsitz innegehabt.
„Du glaubst doch nicht, dass eine erfolgreiche Innen- und Außenpolitik  ohne Berücksichtigung wirtschaftlicher Interessen funktioniert? Ich behaupte sogar, dass  wirtschaftliche Interessen die Innen- und Außenpolitik maßgeblich beeinflussen!“
„Ja, ja“, versuchte Jupp zu beruhigen, „das weiß ich doch selbst! Wer Panzer nach Saudi Arabien verkauft, sorgt für Arbeitsplätze und schaufelt Geld! Dabei ist es scheißegal, wofür und gegen wen die Rüstungsgüter in der Folge eingesetzt werden. Von wegen, nicht in Spannungsgebiete liefern!“
„Richtig“,  stimmte ihm Opa Hermann zu, „Spannungsgebiete sind Auslegungssache. Außerdem
ändert sich die weltpolitische Lage zu jeder beginnenden Woche !“
„Da müssen die Lobbyisten Einfluss nehmen“, stichelte Jupp, „die sitzen im Bundestag auf den Rängen und merken sich, wer für ihre Interessen stimmt und wer dagegen argumentiert. Ent
sprechend werden die Parteispenden ausgelotet. Du als rote Socke bekämst keinen einzigen Cent zugesteckt.“
„Egentlich müssten die „Voyeure“ auf der Empore jedesmal einen Grund benennen, wenn sie auf den Rängen Platz haben wollen. Doch sie scheinen Dauerkarten zu besitzen.  Außerdem  müssten die Parteien ihre Zuwendungen aus den Reihen der Lobbyisten deklarieren, die Spender öffentlich machen.“ „Das ist den meisten Wählern doch egal, Hauptsache ist doch, dass am „prallen Leben“ partizipiert wird.“
Opa Hermann begann zu maulen: „Das ist doch eine Schande, wenn die Bonzen der Industrie direkt oder indirekt Einfluss auf die Legislative haben.“
„Direkt geht das nicht! Sie können gewissen Abgeordneten etwas zustecken, was  ihren Interessen entgegenkommt, aber fertige Gesetze dürfen sie , Gott sei es gedankt, nicht einbringen.“ „Weshalb das denn nicht?“ „Du als politisch wirksamer Betriebsrat müsstest eigentlich das Grundgesetz kennen, z.B. den Artikel 76!“ „Also, den habe ich jetzt nicht auf der Mattscheibe“, gab Opa Hermann zu, „was besagt der noch mal?“ „Der besagt, dass „Gesetzesvorlagen durch die Bundesregierung aus der Mitte des Bundestages oder durch den Bundesrat eingebracht werden“ und nicht von den Rängen auf der Empore.“ „Aber das kann man doch umgehen!“ „Nee, so bescheuert wird kein Lobbyist sein und einem von der Regierung einen fertigen Gesetzesentwurf zustecken. Der würde sich doch völlig in die Hand des Lobbyisten begeben. Was glaubst Du, wenn das rauskommt? Das gäbe einen Skandal, dagegen wäre Watergate eine Luftnummer! Also, wenn die Merkel das machen würde, bekäme sie sofort einen Misstrauensantrag ans Bein gebunden, oder wenn man ihr nachweisen könnte, dass sie davon gewusst hat.“

Opa Hermann dachte einen Moment nach. Dann sagte er: „Wenn ich drei Ballen Heu von der Wiese weg verkaufe, dann frage ich doch Linda und Amos nicht, in welche Ecke sie gekackt haben!“

 

 

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. Auf dem künstlerischen Sektor seit 1969 präsent, damals noch mit der Gruppe ARASKADE 69, die aus Malern und Autoren bestand. Außer mir ist Frau Dr. Prehm, Scottish Lady of Camster, Autorin und Zeichnerin, das letzte lebende Mitglied der Gruppe. Seit dieser Zeit wurden bis heute ca. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Erste literarische Publikationen im Jahre 1971., hauptsächlich Gedichte und Prosatexte, die in deutschsprachigen Anthologien publiziert wurden oder im Eigenverlag, sowie im Magazin "Die Brücke." Im selben Jahr entwickelte sich eine Freundschaft zu Professor Joseph Beuys, der an der Kunstakademie in Düsseldorf einen Lehrstuhl hatte. Außerdem bestand eine tiefergehende Freundschaft zu Peter Coryllis, einem Schriftsteller, der den Kreis der Freunde leitete, eine lose Vereinigung von hauptsächlich Autoren, aber auch Kunstschaffenden.(Einst hatte der Lambarene-Arzt Albert Schweitzer diesen Freundeskreis gegründet). 1981 Einrichtung einer Zweigstelle der FIU (Free International University for Kreativity and Interdisziplinary Research) bei der Volkshochschule Essen - Mitte. (Die FIU war zunächst ein künstlerisches Projekt von Joseph Beuys und einem seiner Meisterschüler, Johannes Stüttgen). Nach einer Aufführung der Fluxuszone Niederrhein wurde vom damaligen Leiter der VHS, Lübben, angeordnet, dass weitere Auftritte der FIU bei der VHS Essen unerwünscht seien. Demzufolge wurde das Reliwette-Museum 1984 in Ostfriesland errichtet und somit gegründet , um ein eigenes Podium zu realisieren. Zur Eröffnung wurde eine mehrteilige Performance initiiert, deren Haupteil mit dem Titel "His masters Voice" in das Zerschießen einer Pyramide aus Fernsehgeräten mittels einer großkalibrigen Vorderladepistole mündete. 1976 erfolgte die Gründung der literarischen Gefangenenzeitung DIABOLO mit einem Insassen-Redaktionsteam der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen. In der Zeit von 1979 bis 1986 entstanden 2 Filme im S8 Format: "Psychodelic memories" und "Abbruch". 1987 erfolgte das Pflanzen eines Labyrinthes aus Berberitzensträuchern auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern. Es handelt sich hierbei um den "Joseph - Beuys - Gedächtnisgarten". In diese Zeit fällt der erste Kontakt zu Karl-Heinz Schreiber, einem literarischen "Urgestein" aus Unterfranken. Aus diesem Kontakt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefgehende Freundschaft. K.H.S war nicht nur Rezensent zeitgenössischer Literatur, sondern auch Herausgeber einer Literaturzeitschrift, Romanverfasser, Dichter und Lyrocker. "Charly" Schreiber verstarb viel zu früh im Jahre 2014. Sowohl die Freundschaft zu Beuys als auch zu Karl-Heinz Schreiber haben meinen literarischen Duktus stark beeinflusst. Noch kurz vor seinem Ableben brachte er den Gedichtband heraus:"Durch den Kaktus gesprochen", der meine wichtigsten Gedichttexte enthält. Das FORUM im Inneren wurde 2002 mit einem Festival der Poesie in Betrieb genommen. Auch hierbei hinterließ K.- H. Schreiber seine Handschrift. Im Jahre 2017 besteht das Labyrinth als Langzeit - Kunstwerk 30 Jahre. Es wird ab dem Sommer 2017 nicht mehr geschnitten und somit der Natur überlassen. Die Bühne samt Bestuhlung wird somit in einen "Dornröschen-Schlaf" versetzt und sich selbst überlassen als Heimat für wild lebende Tiere aller Art.