Scharfe Schafe

von Gastautorin  Anja Es,  Malerin und Galeristin, Timmendorf

Nun war es bereits wieder Sommer und noch immer war es Amos nicht gelungen, Kontakt zu seinen Piraten-Freunden aufzunehmen. In ganz Ostfriesland hatte er Zettel ausgehängt mit selbst gemalten Bildern von seinen Freunden und dem Aufruf, man möge sich melden, falls man wisse, wohin es die Freunde verschlagen hätte.
Aber niemand hatte sich gemeldet. Amos hatte im Internet gesucht und in allen Zeitungen auf der Suche nach Meldungen über geenterte Schiffe, Piratenüberfälle und Räubereien nachgesehen. – Nichts. Es schien, als seien seine Freunde vom Erdboden verschluckt, oder schlimmer noch: Von der Wasseroberfläche verschwunden.
Vielleicht waren sie auch ins Bermuda-Dreieck gesegelt und dort auf mysteriöse Weise auf den Meeresgrund gesaugt worden, so wie hunderte von Schiffen vor ihnen?
Amos wusste es nicht und langsam gingen ihm die Ideen aus, wo er noch suchen sollte.
Mit hängendem Kopf schlurfte er die ostfriesischen Feldwege entlang und hin und wieder entwich ihm in seinem Kummer ein „Böööh!“

Auf einmal, inmitten feuchter Wiesen und matschiger Felder, antwortete ihm ein vielstimmiges „Bääähh! Bääähh!“ – Amos hob den Kopf und sah sich einer ganzen Herde Schafe gegenüber. – Zwar keine Piratenschafe, aber immerhin.
„Eeeey, was machst Du denn hier?“ määhten die Schafe und kamen näher.
„Ach, nichts,“ sagte Amos, „ich suche meine Freunde!“
„Außer uns gibt’s hier keine Schafe“, entgegneten die anderen und bildeten einen Halbkreis um Amos.
„Ich suche ja auch keine Schafe, sondern meine Freunde, die Piraten,“ sagte Amos, „ich bin nämlich ein Piratenschaf!“
„Ein WAS???“ klang es im Chor.
„Ein PIRATENSCHAF!“ rief Amos. „Seht ihr nicht meine Augenklappe? Das Auge habe ich im Kampf um die Bounty verloren, die haben wir mit Mann und Maus geentert!“
„So´n Quatsch!“ blökten die Schafe und „Spinner!“ und „Aufschneider!“ und „Angeber!“ – Schließlich trat der Anführer der Herde vor, ein kräftiger Bock mit breiter Stirn und dicken Locken: „ Piraaaatenschaf! Das ich nicht lache! Wie soll das denn gehen?“
„Das kann ich dir sagen,“ erwiderte Amos, „ich bin nämlich eigentlich als Verpflegung mit an Bord gekommen, aber immer wenn der Schiffskoch mich holen wollte, habe ich gekämpft wie ein Löwe und da haben sie gesehen, dass ich nicht nur schlau bin, weil ich den Braten gerochen habe, sondern auch mutig; und der Smutje meinte, ich sei ein richtiges Kampf-Schaf. Das fanden die anderen auch und beschlossen, mich nicht zu essen, sondern zum Piraten – Schaf zu machen. Ich hatte eine richtige Ausbildung, habe im Ausguck gesessen, Wurfanker geschmissen und mit dem Messer zwischen den Zähnen Schiffe geentert.“
„Glaub´ ich nicht!“ sagte der Anführer, der übrigens Schorsch hieß, und zog die Mundwinkel herunter. „Schaf bleibt Schaf und ein Schaf kämpft nicht.“
„Und warum nicht?“ fragte Amos
„Weil…. na, weil…. Na, weil das eben so ist und immer so war!“ sagten sie anderen und guckten sich fragend um, ob einer eine bessere Antwort hätte.
„Na, wenn das so ist,“ meinte Amos und zog die Augenbrauen hoch, „dann müsst ihr eben weiter friedlich bleiben und zusehen, wie die Menschen kommen und eure Lämmer von der Wiese holen.“
Jetzt ging ein großes Wehklagen durch die Schafsherde und ein „Ach!“ und „Weh!“ und Gejammer. „Was sollen wir denn machen?“ riefen die Mütter und „Dagegen sind wir doch machtlos!“ die Väter. „Erst kommen sie und sagen: „Ach, wie süß!“ und zwei Wochen später nehmen sie sie mit. Das ist jedes Jahr zu Ostern das Selbe!“
„Dann wehrt euch doch!“ rief Amos und schwang den Vorderhuf in der Luft.
„Ich könnte euch zeigen, wie man sich und seine Lämmer verteidigt.“
„Wirklich?“ erschall es aus der Schafherde.
„Ja! Wir üben und trainieren und am Ende sind wir stark genug, uns die Schlachter vom Leib zu halten. – Außerdem, überlegt mal: Wir sind fast hundert und die, die unseren Kindern an die Gurgel wollen, sind bloß zu dritt. Wir müssen strategisch vorgehen, dann kann uns keiner was anhaben. – Macht ihr mit?“
„Jaaaaa!“ blökten alle und waren voller neuer Hoffnung.

In den folgenden Wochen übte Amos mit seinen neuen Freunden den Widerstand.
Er zeigte den anderen, wie man mit der Stirn gegen einen Baum läuft, ohne bewusstlos zu werden, wie man dem Feind mit der eigenen Wolle die Luft abdrückt und wie man sich so in Schafscheiße wälzt, dass der Gegner vom Gestank ohnmächtig wird.
Nach der Einzelkämpfer-Ausbildung kam das Manöver dran. Zuerst kam das mit der Gruppen-Identität. Alle wurden aufgefordert, einen passenden Namen für die Herde zu finden und nach einigen Diskussionen einigte man sich auf „Scharfe Schafe“.
Amos zeigte den anderen, wie man als Herde blitzschnell einen engen Kreis um die Lämmer bildet und wie man dem Gegner die Köpfe entgegen streckt.
Sie übten auch „gefährlich gucken“ und „laut blöken“ und zum Schluss kam „Angriff“!
Das war das Schwierigste, denn damit hatten die Schafe überhaupt keine Erfahrung.
Aber als Amos ihnen erklärte, sie müssten gar keine Menschen angreifen, sondern bloß den Hund und den auch nur scheinbar, fanden alle Mut und waren dabei.
Der Hund war ein besonderes Problem, denn alle hatten Angst vor seinen scharfen Zähnen. „Hat er denn schon mal einen von euch gebissen?“ fragte Amos.
Alle grübelten und dachten nach aber keiner konnte sich erinnern, dass es jemals dazu gekommen ist.
„Seht ihr,“ sagte Amos, „der darf nämlich gar nicht beißen! Der soll nur die Zähne zeigen, damit ihr Angst kriegt! In Wirklichkeit ist der Hund auch bloß ein Schaf, jedenfalls vom Geist her, und macht, was der Mensch ihm sagt.“ erklärte Amos.
„Wenn wir aber nun so tun, als wollten wir IHN beißen, kriegt er Angst vor uns und zieht den Schwanz ein. – Ist alles ne Frage von Schauspielerei und wenn wir überzeugend auftreten, wird das auch funktionieren!“
Das konnten die anderen verstehen und blökten einvernehmlich.

Nachdem die Ausbildung abgeschlossen war, feierten alle ein großes Fest, und es wurde über dem Stall ein Schild mit der Aufschrift Scharfe Schafe aufgehängt.
Schon am nächsten Tag aber begann das regelmäßige Kraft- und Konditionstraining, denn bis Ostern war es nicht mehr lange und die ersten neuen Lämmer kamen schon zur Welt. Die wurden herzlich begrüßt und abgeschleckt und alle freuten sich.

Am Gründonnerstag wurde es aber ernst. Der große Transportwagen arbeitete sich durch den Matsch zur Wiese vor und der Hund wurde losgelassen, um die Schafe zusammenzutreiben. Jetzt hieß es, nicht die Nerven zu verlieren: Anstatt in Panik zu fliehen, sollte nun die andere Richtung, auf den Hund zu, eingeschlagen werden.
Und es klappte! Die ganze Herde raste auf den armen Hund zu, der erst völlig verdutzt war und danach in einem Affenzahn zurück zum Transporter lief, hinein sprang und auch nicht wieder heraus kam.
„Der wird gefeuert!“ riefen die Schafe und lachten sich halb tot, während die Menschen noch beratschlagten, wie sie nun ohne Hund die Schafe zusammentreiben sollten. Anscheinend wurde beschlossen, rund um die Herde einen Zaun zu ziehen und den immer enger zu ziehen, bis keins der Schafe sich mehr rühren konnte. Diesen Plan durchschauten aber die Schafe, die das Denken gelernt hatten, sofort und griffen jeden an, der es wagte, sich der Herde zu nähern. Diese Aufgabe hatten die stärksten Böcke, währen die Mütter einen festen Kreis um die Lämmer bildeten und gefährlich blökten.
Besonders die Nummer mit dem Schafscheiße- Gestank hatte große Wirkung und wenn die Dosis hoch genug war, konnte man sogar zwei Menschen auf einmal in Ohnmacht versetzen. Das war lustig!
So vergingen noch einige Stunden, in denen die Menschen verschiedene Tricks ausprobierten, aber Amos hatte seine Freunde so gut trainiert, dass an diesem Tag alle Versuche, an die Lämmer zu kommen, fehl schlugen.
Auch alle weiteren Anschläge der Menschen an den nächsten Tagen gingen voll in die Hose, und mit jedem neuen Kampf gewannen die Scharfen Schafe an Erfahrung und Mut.
Schließlich war Ostern vorbei und die Menschen gaben auf.
Was für ein Sieg! Das erste Mal in der Geschichte hatten Schafe für ihre Rechte gekämpft!
Sie hatten ihre Lämmer beschützt und die Meuchelmörder in die Flucht geschlagen. Das musste gefeiert werden! Amos, der sich auskannte, führte die Herde zu einer Wiese, auf der nur die allerbesten Kräuter und Gräser wuchsen und wo der Wind so durch die Bäume wehte, dass ein Flöten und Singen entstand. Man fraß, sang zum Wind und tanzte, und es wurde eine Menge neuer Lämmer gemacht. – Ein tolles Fest!
Als die Sonne hinter den Hügeln versank und die Wiese noch einmal in rotes Licht tauchte, kuschelte sich ein junge Schäfin an Amos und fragte besorgt: „Haben denn die Menschen jetzt nichts zu essen und müssen hungern?“ – Amos, der wohlig im Heu lag, hob den Kopf und sagte: „Aber nein! Die Menschen müssen kein Fleisch essen! Die können genauso gut Vegetarier werden wie wir und bleiben dabei sogar noch schön und schlank!“ Das beruhigte die Schäfin und sie strich sich eine Locke aus dem Gesicht. „Duhuu, Amos?“ wisperte sie, „willst du immer noch deine Piraten – Freunde suchen oder bleibst du noch eine Weile bei uns? – Ich meine, wir sind doch jetzt auch deine Freunde und einen wie dich…“ sie schnusselte Amos am Ohr und Amos fand plötzlich, dass sie ganz besonders gut duftete und auch schöne Augen hatte und überhaupt…

 

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin
Maler, Bildhauer, Performer, Autor. Auf dem künstlerischen Sektor seit 1969 präsent, damals noch mit der Gruppe ARASKADE 69, die aus Malern und Autoren bestand. Außer mir ist Frau Dr. Prehm, Scottish Lady of Camster, Autorin und Zeichnerin, das letzte lebende Mitglied der Gruppe. Seit dieser Zeit wurden bis heute ca. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert.
Erste literarische Publikationen im Jahre 1971., hauptsächlich Gedichte und Prosatexte, die in deutschsprachigen Anthologien publiziert wurden oder im Eigenverlag, sowie im Magazin „Die Brücke.“ Im selben Jahr entwickelte sich eine Freundschaft zu Professor Joseph Beuys, der an der Kunstakademie in Düsseldorf einen Lehrstuhl hatte. Außerdem bestand eine tiefergehende Freundschaft zu Peter Coryllis, einem Schriftsteller, der den Kreis der Freunde leitete, eine lose Vereinigung von hauptsächlich Autoren, aber auch Kunstschaffenden.(Einst hatte der Lambarene-Arzt Albert Schweitzer diesen Freundeskreis gegründet).
1981 Einrichtung einer Zweigstelle der FIU (Free International University for Kreativity and Interdisziplinary Research) bei der Volkshochschule Essen – Mitte. (Die FIU war zunächst ein künstlerisches Projekt von Joseph Beuys und einem seiner Meisterschüler, Johannes Stüttgen). Nach einer Aufführung der Fluxuszone Niederrhein wurde vom damaligen Leiter der VHS, Lübben, angeordnet, dass weitere Auftritte der FIU bei der VHS Essen unerwünscht seien. Demzufolge wurde das Reliwette-Museum 1984 in Ostfriesland errichtet und somit gegründet , um ein eigenes Podium zu realisieren. Zur Eröffnung wurde eine mehrteilige Performance initiiert, deren Haupteil mit dem Titel „His masters Voice“ in das Zerschießen einer Pyramide aus Fernsehgeräten mittels einer großkalibrigen Vorderladepistole mündete. 1976 erfolgte die Gründung der literarischen Gefangenenzeitung DIABOLO mit einem Insassen-Redaktionsteam der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen. In der Zeit von 1979 bis 1986 entstanden 2 Filme im S8 Format: „Psychodelic memories“ und „Abbruch“.
1987 erfolgte das Pflanzen eines Labyrinthes aus Berberitzensträuchern auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern. Es handelt sich hierbei um den „Joseph – Beuys – Gedächtnisgarten“.
In diese Zeit fällt der erste Kontakt zu Karl-Heinz Schreiber, einem literarischen „Urgestein“ aus Unterfranken. Aus diesem Kontakt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefgehende Freundschaft. K.H.S war nicht nur Rezensent zeitgenössischer Literatur, sondern auch Herausgeber einer Literaturzeitschrift, Romanverfasser, Dichter und Lyrocker. „Charly“ Schreiber verstarb viel zu früh im Jahre 2014. Sowohl die Freundschaft zu Beuys als auch zu Karl-Heinz Schreiber haben meinen literarischen Duktus stark beeinflusst. Noch kurz vor seinem Ableben brachte er den Gedichtband heraus:“Durch den Kaktus gesprochen“, der meine wichtigsten Gedichttexte enthält.
Das FORUM im Inneren wurde 2002 mit einem Festival der Poesie in Betrieb genommen. Auch hierbei hinterließ K.- H. Schreiber seine Handschrift.
Im Jahre 2017 besteht das Labyrinth als Langzeit – Kunstwerk 30 Jahre. Es wird ab dem Sommer 2017 nicht mehr geschnitten und somit der Natur überlassen. Die Bühne samt Bestuhlung wird somit in einen „Dornröschen-Schlaf“ versetzt und sich selbst überlassen als Heimat für wild lebende Tiere aller Art.