Quälende Erinnerung

Erfassbar,  aber nicht zu fassen

 „Ich träume in letzter Zeit immer wieder von Brutus, dem Leithammel, du weißt schon, Opa Hermann.“
„Was träumst du denn genau?“ wollte der alte Herr wissen. „Der blöde Brutus fragt mich dauernd nach der Losung, und ich weiß dann das Losungswort nicht!“
„Hm“, meinte Opa Hermann, „das hat was mit Zugehörigkeit zu tun. Es mag sein, dass du Angst davor hast, alleine zu sein oder zu bleiben.“ „Ich gehöre ja auch gar nicht zu den Schafherden“, räumte Amos ein, „ich gehöre zur Mannschaft von Captain Hormblewer!“
„Aber da die lieben Piraten jetzt auf und davon sind, gehörst du nicht mehr zur Mannschaft. Ich bin zwar kein Psychologe, sondern ein pensionierter Bergmann, aber es scheint mir ziemlich sicher, dass du unter Verlustängsten leidest, zumal du nach deiner Jugendliebe suchst. Wie hieß sie doch gleich?“
„Linda“, sagte das Piratenschaf leise, „sie ist meine große Liebe. Ach, wenn wir doch nur zusammen wären!“ „Du wirst sie eines Tages finden, lieber Amos, da bin ich mir ganz sicher!“ „Meinst du wirklich?“ Amos stieß einen langen Seufzer aus. (Wie hört sich eigentlich ein Seufzer an?)

„Aber es gibt noch eine andere Variante – äh – Traumvariante – , die das Vorkommen von einem Leithammel in deinen Träumen erklärt“, sagte der alte Herr mit einem breiten Grinsen. Amos blickte erwartungsvoll zu seinem Ziehvater hoch: „Was könnte das sein?“
„Nun, Leithammel sind das Schlimmste und das Segensreichste zugleich, was einer Schafherde widerfahren kann“, begann der alte Bergmann seine Erklärung. „Zum einen schützt ein Leittier die Herde durch seine Erfahrung vor Schäden und Unfällen. Es geht voran und sucht den sichersten Weg und kennt die saftigsten Weidegründe.“ „Aha“, meinte das Piratenschaf, „aber…. – da kommt doch sicher ein aber?“

„Richtig! Da kommt ein dickes „aber“. Das ist so dick wie Teer. Dieses „aber“ klebt an ihnen, weil die Menschen die Leithammel für sich ausnutzen.  Man sollte niemandem blindlings folgen, und hier eröffnet sich eine Parallele zu den Menschen. Sie haben ebenfalls – na sagen wir ruhig einmal „Leithammel“. Die werden von der Mehrzahl gewählt. Aber sie dienen nicht der gesamten Herde, sondern den Lobbyisten, den Mächtigen z.B. aus der Wirtschaft. Es gibt aber noch andere Lobbyisten. Das sind große Einheiten aus bestimmten Berufsgruppen, den Beamten, dem Militär, den Gewerkschaften. Kurzum, alle Interessengruppen wollen bedient werden.“
„Verstehe ich nicht“, blökte das Piratenschaf, „bei uns geht es nur um Gras und Schafsdamen!“
Opa Hermann bekam einen Hustenanfall. Ihm war Spucke in die falsche Tröte geraten, weil er plötzlich so lachen musste. „Denkst du, dass es bei den Menschen anders ist? Da geht es nicht um Gras, sondern um Geld. Mit dem Geld können sich die Menschen Nahrung kaufen und natürlich alles, was über den täglichen Verzehr hinaus geht. Auch die Menschen haben eine Losung. Diese besteht aber nicht aus einem Wort, das ausgesprochen wird, um dazu zu gehören, sondern um ein ganzes Buch, ein so genanntes Parteiprogramm. Wer also dazu gehören will“, kicherte Opapa Hermann, „tritt in eine Partei ein und bekommt ein Parteibuch. Jetzt gehört dieser Mensch zu seiner Herde.“ „Und wer führt so eine Herde an?“ wollte Amos jetzt wissen. „Na, der Leithammel“, grinste Opa Hermann. „Wer die meisten Stimmen aus seiner Partei auf sich vereinigt, der wird der oberste Leithammel, so einfach ist das.“  Amos staunte. „Ich dachte, der wird vom Schäfer eingesetzt!“ „Ha ha ha ha ha“, Opa Hermann brach in ein irres Gelächter aus. „Bei den Menschen dienen sich die obersten Leithammel den Mächtigsten unter allen Herden von ganz alleine an, wenn sie sich Vorteile davon versprechen. Dieses devote Verhalten nennt man in Fachkreisen auch schon mal „Diplomatie“. In Wirklichkeit sieht es eher aus, als haben diese Leithammel kein Rückgrat. Man macht als Leithammel schon mal mit bei kriegerischen Auseinandersetzungen und betont, dass lediglich Aufklärungsarbeit geleistet wird.“ „Aufklärungsarbeit, Opa Hermann?“

„Also, es wird die eigene Luftwaffe benutzt, um Ziele auszuspähen. Die Ergebnisse werden dann dem großen Leithammel mitgeteilt, der dann mit den Bombenflugzeugen das ausgespähte Ziel angreifen lässt. So kann der kleine Leithammel immer sagen, dass seine Truppe nicht direkt an einem Krieg beteiligt ist. Denn das ist laut Grundgesetz ausdrücklich verboten! Es heißt dort, dass nie wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgehen darf. Schlimm ist nur, dass das gesamte Parlament ein Leithammel geworden ist, denn bei solchen Aktionen muss das Parlament zustimmen.“
„Und da gibt es eine Mehrheit für?“ Das Piratenschaf musste sich doch sehr wundern. Es hatte immer große „Stücke“ auf die Menschen gehalten, die ja sehr gut zu ihm waren.
„Die Menschen kannst du vergessen!“ Opa Hermann äußerte sich sehr besorgt. „Die essen deine Brüder und Schwestern, weißt du das?“ „Ich weiß es“, gab Amos kleinlaut zu, „ich bin doch selbst damals als Verpflegung an Bord der „Cara Mia“ gekommen. Wenn ich nicht so gut Wurfanker schmeißen könnte oder nicht so scharfe Augen im Ausguck gehabt hätte, läge ich schon lange als Köttel auf dem Meeresgrund.“

„Also, Amos, du musst es hinkriegen, deine Träume im Unterbewusstsein immer zu einem guten Ende zu steuern. Das kann man lernen, das hat etwas mit Entscheidungsbefähigung zu tun. Ich habe schon oft geträumt, dass ich mit dem Flugzeug abstürze. Glaube mir, ich bin jedes Mal – zuweilen rückwärts – den Trümmern entstiegen, das Kabinenteil, in welchem ich saß, war unbeschädigt. Hast du das alles verstanden?“
„Ich gehe jetzt auf die Futterwiese, Opa Hermann, das habe ich entschieden und keine zehn Pferde können mich davon abhalten!“ „Ok, aber schling das Essen nicht so in dich hinein. Deine Ernährung ist zwar sehr einseitig, dafür kannst du  jeden Bissen zweimal essen!  Ich wünschte, ich könnte jede einzelne Münze zweimal ausgeben.“

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. Auf dem künstlerischen Sektor seit 1969 präsent, damals noch mit der Gruppe ARASKADE 69, die aus Malern und Autoren bestand. Außer mir ist Frau Dr. Prehm, Scottish Lady of Camster, Autorin und Zeichnerin, das letzte lebende Mitglied der Gruppe. Seit dieser Zeit wurden bis heute ca. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Erste literarische Publikationen im Jahre 1971., hauptsächlich Gedichte und Prosatexte, die in deutschsprachigen Anthologien publiziert wurden oder im Eigenverlag, sowie im Magazin "Die Brücke." Im selben Jahr entwickelte sich eine Freundschaft zu Professor Joseph Beuys, der an der Kunstakademie in Düsseldorf einen Lehrstuhl hatte. Außerdem bestand eine tiefergehende Freundschaft zu Peter Coryllis, einem Schriftsteller, der den Kreis der Freunde leitete, eine lose Vereinigung von hauptsächlich Autoren, aber auch Kunstschaffenden.(Einst hatte der Lambarene-Arzt Albert Schweitzer diesen Freundeskreis gegründet). 1981 Einrichtung einer Zweigstelle der FIU (Free International University for Kreativity and Interdisziplinary Research) bei der Volkshochschule Essen - Mitte. (Die FIU war zunächst ein künstlerisches Projekt von Joseph Beuys und einem seiner Meisterschüler, Johannes Stüttgen). Nach einer Aufführung der Fluxuszone Niederrhein wurde vom damaligen Leiter der VHS, Lübben, angeordnet, dass weitere Auftritte der FIU bei der VHS Essen unerwünscht seien. Demzufolge wurde das Reliwette-Museum 1984 in Ostfriesland errichtet und somit gegründet , um ein eigenes Podium zu realisieren. Zur Eröffnung wurde eine mehrteilige Performance initiiert, deren Haupteil mit dem Titel "His masters Voice" in das Zerschießen einer Pyramide aus Fernsehgeräten mittels einer großkalibrigen Vorderladepistole mündete. 1976 erfolgte die Gründung der literarischen Gefangenenzeitung DIABOLO mit einem Insassen-Redaktionsteam der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen. In der Zeit von 1979 bis 1986 entstanden 2 Filme im S8 Format: "Psychodelic memories" und "Abbruch". 1987 erfolgte das Pflanzen eines Labyrinthes aus Berberitzensträuchern auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern. Es handelt sich hierbei um den "Joseph - Beuys - Gedächtnisgarten". In diese Zeit fällt der erste Kontakt zu Karl-Heinz Schreiber, einem literarischen "Urgestein" aus Unterfranken. Aus diesem Kontakt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefgehende Freundschaft. K.H.S war nicht nur Rezensent zeitgenössischer Literatur, sondern auch Herausgeber einer Literaturzeitschrift, Romanverfasser, Dichter und Lyrocker. "Charly" Schreiber verstarb viel zu früh im Jahre 2014. Sowohl die Freundschaft zu Beuys als auch zu Karl-Heinz Schreiber haben meinen literarischen Duktus stark beeinflusst. Noch kurz vor seinem Ableben brachte er den Gedichtband heraus:"Durch den Kaktus gesprochen", der meine wichtigsten Gedichttexte enthält. Das FORUM im Inneren wurde 2002 mit einem Festival der Poesie in Betrieb genommen. Auch hierbei hinterließ K.- H. Schreiber seine Handschrift. Im Jahre 2017 besteht das Labyrinth als Langzeit - Kunstwerk 30 Jahre. Es wird ab dem Sommer 2017 nicht mehr geschnitten und somit der Natur überlassen. Die Bühne samt Bestuhlung wird somit in einen "Dornröschen-Schlaf" versetzt und sich selbst überlassen als Heimat für wild lebende Tiere aller Art.