Amos, Opa Hermann und das Negative

„Die Kids und ihr Schmattfonn“

 „Opa Hermann, warum schimpfst du den ganzen Tag lang?“ Mit dieser Frage stieß das Piratenschaf bei seinem Ziehvater in ein Wespennest. Beide hatten auf der Liegewiese nebeneinander auf einer Kuscheldecke gelegen und sich von der Frühlingssonne wärmen lassen. Opa Hermann hatte sich gerade so schön „fallenlassen“ und war in Gedanken bei seiner Jugendliebe, als ihn Amos Frage wie eine Breitseite erwischte. Er setzte sich auf und runzelte seine Stirn in tausendundeine Falte.
„Hääääh?“ fragte er in die Gegend, dann fasste er das Piratenschaf neben sich ins Auge: „Hast du mich gerade etwas gefragt?“
„Ja, Opa Hermann, mir fällt auf, dass du den ganzen Tag lang unentwegt schimpfst!“ „Das ist mir noch gar nicht aufgefallen!“ Der alte Herr machte „brrr“ und schüttelte sich: „Ich schimpfe nicht, ich stelle fest! Das ist ein Unterschied! Sagen wir mal so, wenn ich etwas bemängele, dann mache ich automatisch Verbesserungsvorschläge!“ „Wie denn das?“ fragte Amos und kratzte sich mit der linken Zehe am Wuschelkopf. „Wenn ich sage, dass die Hosenscheißer nicht den ganzen Tag mit ihren Schmattfonns durch die Landschaft traben sollten, dann ist das ein indirekter Verbesserungsvorschlag.“ „Was habt ihr denn in eurer Jugend gemacht?“ wollte Amos jetzt wissen. „Wir, äh wir…“ Opa Hermann druckste herum. Er wand sich wie ein Aal in der Falle. „Wir haben Streiche gespielt, Äpfel geklaut, Schellemännchen gespielt, Jungen von der anderen Straßenseite verkloppt. Silvester haben wir aus den Krachern das Pulver geholt und eigene Raketen damit befüllt. Einige flogen sogar ziemlich weit, andere sind beim Start explodiert. Dann haben im Ort alle Fensterscheiben gebebt. Manchmal haben wir mit Kreide ein Spielfeld auf das Straßenpflaster gezeichnet. Eines davon hieß: „Deutschland erklärt den Krieg gegen…“ „Warst du früher auch Pirat?“ wollte das Piratenschaf jetzt wissen. „Ach woher!“ Opa Hermann machte eine abwehrende Geste: „Wir malten eine quasi quer aufgeschnittene große Apfelsine auf das Pflaster, es gab ja kaum Autos damals. Manchmal fuhr wochenlang kein einziges Auto durch die Straße. In diesen Kreis zeichneten wir „Kuchenstücke“ bis zum Mittelpunkt. Das waren unsere Länder. Jeder durfte sich eines aussuchen. Da wir nicht viele Länder kannten, nahmen wir die Länder der Alliierten und der Achsenmächte, also England, Frankreich, Amerika, Kanada, Polen oder Italien und Finnland, nur Russland wollte keiner nehmen. Deutschland war am beliebtesten!“
Nach einer Weile begann der alte Herr mit dem Kopf zu wackeln. „Wenn ich es mir im Nachhinein besehe, dann waren unsere Streiche doch ziemlich gefährlich. Wenn du heute einen Schulkameraden verkloppst, dann fliegst du im Wiederholungsfall von der Schule und Raketen basteln, o je o je, dann rückt gleich das SEK an und riegelt den ganzen Ort ab. Auch Äpfel klauen in Nachbars Garten ist heute nicht mehr drin, weil es als Einbruch gewertet wird. In Amerika wirst du beim Äpfelklauen gleich vom Besitzer des Grundstückes erschossen.“ „Und was ist mit Schellemännchen?“ fragte Amos. „Kannst du heute vergessen, wahrscheinlich macht ohnehin keiner auf, weil alle berufstätig sind oder beim Sozialamt auf der Bank sitzen. Heute müsste man auch die Taktik ändern und anstatt wegzulaufen in den Hausflur brüllen: „Das Essen ist da!“ Man könnte ebenso gut in den Hausflur brüllen: „Bundessicherungsgruppe Bonn!“ „Also können die Jugendlichen gar keine Streiche mehr spielen?“ „Nö, das machen die Menschen heute im Erwachsenenalter, indem sie bei Zalando oder anderswo einen Haufen Klamotten bestellen und alles mit Retourenschein wieder zurücksenden. Oder sie nehmen eine Drohne mit Kamera und schauen mal ins Schlafzimmer der schönen Nachbarin!“ „Und wenn die Nachbarin nicht schön ist?“ „Egal“, meinte Opa Hermann, „Drohne ist Drohne. Andere wiederum laufen nachts durch die Straßen und brechen die Antennen der geparkten Autos ab.“ „Was habt ihr denn früher noch gespielt?“ „Na ja, wir haben uns „Fletschen“ gebaut. Heute nennt man sie „Schleuder“ oder „Katapult“. Wir haben die „Fletschen“ natürlich weiterentwickelt wie Werner von Braun die V1.“ „Wie denn, Opa Hermann?“ „Zunächst haben wir Astgabeln verwendet und Einweckgummis aufgeschnitten. Die Lasche für den Stein machten wir aus Stoff. Später nahmen wir dicken Eisendraht und bogen den auf dem Schraubstock in der Werkstatt des Opas. Als Gummi verwendeten wir Schläuche von Autos. Damals hatten die Reifen noch Schläuche. Wir schnitten sie in lange Streifen. Als Munition nahmen wir anstelle von Kieselsteinen die Stahlkugeln aus den Kugellagern von Lkw. Wenn man die Fletsche bis hinter die eigenen Ohren spannte und in die Luft schoss, dann flog die Kugel so hoch, dass man sie nicht mehr sehen konnte. Natürlich fiel die irgendwo runter. Darüber haben wir uns nie den Kopf zerbrochen. Mach das heute mal bei den vielen Autos! Außerdem haben wir heute keine Trümmergrundstücke mehr, sondern flächendeckende Bebauung.“
„Aber dann ist es doch viel ungefährlicher, wenn die Jungen und Mädel heute mit ihrem Smartphone durch die Straßen laufen?“ „Für die anderen ja, aber nicht für sie selbst, weil sie abgelenkt sind und nicht auf den Verkehr achten“, gab Opa Hermann zu bedenken.

„Au fein! Dann schenke ich Käpten Hornblewer, dem Piratenkapitän, du weißt schon, ein Smartphone zu Weihnachten, dann kann er keinem mehr einen Schaden zufügen!“

„Hast du eine Ahnung, wer weiß denn, ob er nicht nachts im Vollrausch die Leute aus ihren Betten klingelt und fragt, ob Hermann, also ich, zu sprechen ist!“

 

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Zusammenarbeit mit Peter Coryllis, Joseph Beuys, Karl-Heinz Schreiber und anderen zeitgenössischen Kunstschaffenden und Autoren/Schriftstellern. Mehr über Reliwette siehe „Autoren-Info“.