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Kerniger Künstler mit kleinem Knall

GA-Serie (5) Seit gut 25 Jahren lebt und wirkt der Maler und Bildhauer Hartmut T. Reliwette in Idafehn (von Ole Cordsen)

IDAFEHN – Ob Hartmut T. Reliwette einen kleinen Knall hat? Getuschelt haben dies schon manche Leute, die ratlos vor seiner Kunst standen. Vor allem aber sorgte er für einen Knall bei seiner Ankunft in ldafehn-Nord. Genauer gesagt, ließ er es gleich zehnmal knallen. Hinter der Scheune seines frisch renovierten Hauses hatte Reliwette zehn Fernseher gestapelt. Und für die Auftakt-Aktion in seiner neuen Heimat zielte er mit einem großkalibrigen Revolver und schoss. Krachend zersplitterten die Mattscheiben und Bildröhren. Aus Furcht versteckten Schaulustige sich hinter Hausecken und Gebüschen. Das war damals, vor gut 25 Jahren.

„Stimmen (D)eines Herrn“ hatte Reliwette, nach eigener Auskunft ein Freund und Weggefährte des berühmten Aktionskünstlers Joseph Beuys, diese Aktion genannt. „Ich wollte symbolisch das leere Gebrabbel der Fernsehsender stummschießen, dem viel zu viele Menschen hörig waren und sind“, sagt er heute. Dann schiebt er seinen Hut aus der Stirn, schenkt im Wohnzimmer seines Hauses Kaffee ein und blickt auf das Vierteljahrhundert zurück, das er in Ostfriesland lebt. „Ich habe tolle Nachbarn. Wir nehmen und mögen uns, wie wir sind.“
Überbleibsel seiner oft politisch motivierten Aktionen tummeln sich unter dem Dach seines Hauses. Dort hat Reliwette ein Museum in eigener Sache eingerichtet. Scherben einer Terracotta—Rakete liegen darin. Die wollte Reliwette in den 80er Jahren in einem Osterfeuer festbrennen — als Protest gegen die geplante Stationierung amerikanischer Pershing II—Raketen in Deutschland während des Kalten Krieges. Auf einem Beistelltisch steht ein Kaffee-Service, das Reliwette modelliert hat. Der Zuckerstreuer ähnelt einer Handgranate, die Kanne ist dem Geschützturm eines Panzers nachempfunden. Dabei geht es Reliwette um das Gegenteil von Gewalt. „Ich kämpfe für den Frieden“, sagt er. Wenige Wimpernschläge später berichtet Reliwette von einem Besuch in der Kunsthalle in Emden, wo er vor kurzem war und den Slogan „Kunst mit allen Sinnen genießen“ entdeckte. „Dafür ist Kunst doch nicht da. Sie soll zum Denken anstoßen, aufrütteln, Inhalte vermitteln. Sie muss ihrer Zeit voraus und im Leben anwendbar sein. Sonst wird Kunst belanglos“, sagt der 66-Jährige.
Er selbst, der den Großteil‘ seines Lebens im Ruhrgebiet gelebt hat, arbeitete bis 1998 gut 20 Jahre lang in Gelsenkirchen als Kunst-Therapeut im Gefängnis und regte die Sträflinge über die Kunst zum  Nachdenken an. Der studierte Maler machte sich vor allem durch Performance-Kunst einen Namen und arbeitet heute vomehmlich als Bildhauer und Schriftsteller.
Nach Idafehn zog Reliwette, „weil ich nach einem Eklat bei einer Performance in Essen 198l einen geschützten Raum zum kreativen Schaffen gesucht habe“, Weil er als Kind die norddeutsche Küstenregion geliebt habe, sei er über Umwege nach Idafehn gelangt, wo ihn neben der Ruhe auch die netten Nachbarn überzeugten. Die Kontakte zur Künstlerszene im „Pott“ hält Reliwette telefonisch, „doch die engen Bindungen bleiben“, sagt er. Guten Kontakt habe er auch in Ostfriesland gefunden, etwa zu Autoren der Poetry-Slam-Szene. Die haben den Mann mit dem Knall ins Herz geschlossen und waren schon zu Gast auf der Bühne im Labyrinth hinter Reliwettes Haus, das er zu Ehren von Beuys aus Tausenden von Dornbüschen schuf.

Quelle: Generalanzeiger 27.März 2010

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Amos und das Interview

Gedruckt sieht alles so ganz einfach aus

Gestern war die Presse bei Opa Hermann. Der Journalist hatte sich für 11 Uhr angekündigt. Deshalb hatte sich der alte Herr in Schale geschmissen und seine neue Cordhose (15 Jahre alt) aus dem Kleiderschrank geholt. „Meine Güte, wenn das in den überregionalen Teil kommt!“ Niemand will sich gerne blamieren. Deshalb war Rentner Hermann am Tage zuvor noch schnell beim „haircutter“ gewesen. So nennt man heutzutage die Friseure, die weniger in althergebrachten „Salons“ werkeln als dass sie heutzutage in „Studios“ die Kundschaft zur „Schere bitten“. Entsprechend haben sich die Namen der Unternehmen dem Mainstream angepasst: „HAIRHUNTER“ -analog zu „Kopfgeldjäger“ – oder „HEIßE SCHERE“ anstelle von „SALON EPIDERMES“ (obere Hautschichten), was übrigens keine griechische Göttin war.
Derart gestylt blickte der Geschorene daheim in den inzwischen infolge „hoher Laufleistung“ patinierten großen Kristallspiegel aus dem vorigen Jahrhundert. Aber so oft sich der alte Herr auch drehte und wendete, es kam nichts wesentlich Neues dabei heraus. Opa Hermann hatte außer einigen fehlenden Ohr-, Nasen- und Augenbrauenhaaren das Studio so verlassen wie er es betreten hatte. Was ist auch an einer „Fast-Glatze“ groß herum zu schnippeln?
Um so größer war der Schock, als der junge Journalist sich mit Namen vorstellte und kurz und knapp den Anlass seines Besuches darlegte: „Unsere Redaktion beabsichtigt einen Bericht über ihr sprechendes Schaf zu veröffentlichen.“ „Ach, und deshalb sind sie hier?“ fragte Opa Hermann überflüssigerweise. „Ja, wir hatten doch telefoniert…“
„Aber nicht darüber gesprochen, dass Sie mit Amos, dem Piratenschaf, ein Interview machen wollen“, verteidigte der alte Herr seine störrische Haltung. „Ich war davon ausgegangen, dass Sie mich sprechen wollen“, fügte der etwas pressegeile Opa Hermann hinzu.
Der Zeitungsreporter druckste etwas herum, es war ihm sichtlich unangenehm. Wie sollte er erklären, dass eine Reportage über einen brummigen ehemaligen Bergmann nicht viel hergeben würde außer ein Gähnen bei der Leserschaft des beliebten Tageblattes, ohne Opa Hermann zu brüskieren?
„Na dann kommen Sie mal mit!“ Opa Hermann angelte sich im Vorbeigehen seine Arbeitsjacke vom Haken seines Garderobenständers: „Hier entlang bitte!“ Es ging zweimal links herum, einmal rechts um die Häuserecken und dann war nur noch Grünes: mehr lang und breit als hoch. In Sichtweite grasten zwei Schafe, welche die Ankömmlinge interessiert beobachteten. „Amos und Linda“, rief Opa Hermann, „ihr habt Besuch, die Presse ist da!“ „Was pressen die denn“? fragte Amos. „Heu?“
„O ja“, rief der Journalist begeistert, „tatsächlich, es spricht!“ Opa Hermann mischte sich ein: „Früher war das Drucken mittels Druckstöcken wirklich ein Pressen, heute verwendet man Matritzen per Computer, nur der Name ist geblieben: Zeitungsmacher = Presse!“ „Aha“, röhrte das Piratenschaf und fügte „Böööööh“ hinzu. „Verstehe“, erwiderte der Zeitungsmann und notierte etwas in seinen Notizblock. „Huch“, fügte nun Linda hinzu, „wie praktisch!“ „Ach, Sie sprechen auch? Darf ich „du“ sagen?“ „Bin noch keine sechzehn“, erwiderte Linda, das Schaf, „ich habe kein Problem damit!“
An Amos gewandt startete der Journalist die erste Frage: „Was bevorzugst du am liebsten im Speiseplan?“ „Den Plan“, sagte das Piratenschaf etwas irritiert. Dann dachte es einen Moment nach: „Weidegras!“ „Und an zweiter Stelle kommt…..“, wurde gefragt und Amos: „Weidegras!“

Das würde ein Schietinterview, so viel war sicher. Aber du kannst ein Schaf ja schlecht nach seiner bevorzugten Whiskeymarke befragen. Amos schien die Verlegenheit des Reporters zu bemerken und sagte von sich aus: „Ich spreche hannoversches Hochdeutsch und bei Opa Hermann Plattdütsk. Bei den lieben Piraten wird „Lakonisch“ gesprochen, das ist die Sprache der Frustrierten!“

Der Reporter schüttelte den Kopf wie ein Zugpferd, dem das Halfter zu eng geworden war. „Das ist ja unglaublich!“
„Amos ist schlau“, mischte sich jetzt Opa Hermann ungefragt ein, „das Schaf sollte in die Politik gehen, außerdem sind die Betriebskosten viel günstiger als bei einem herkömlichen Abgeordneten. Ich erinnere: Weidegras! Die Politik könnte es nebenher machen, neben dem Fressen. Die Wirtschaft ist ohnehin ein Selbstläufer, und der Zahlmeister ist schon zufrieden, wenn die Steuereinnahmen tüchtig sprudeln, nicht wahr Amos?“
„Bööööh“, machte Amos, und Opa Hermann frohlockte: „Sehen Sie, sag ich doch! Haben Sie mitgeschrieben?“ „Scheiß Interview“, dachte der Reporter, „läuft völlig aus dem Ruder!“
„Fragen Sie das Piratenschaf nach dem Wehretat“, stichelte Opa Hermann. „Ich bin doch nicht bekloppt“, ächzte der Journalist, „wem soll ich das denn auf die Nase binden?“
„Geht bei der Blödzeitung doch auch“, ereiferte sich der alte Bergmann, „was glauben Sie, was die aus der Story machen würden? Eine Fotomontage, das Piratenschaf mit dem Gesicht von Frau…“ „Hören Sie auf, das ist doch völliger Quatsch!“ „Ja, und genau den wollen die Leute lesen, die Realität kennen die Menschen doch zur Genüge! Außerdem geifern so furchtbar viele danach, manipuliert zu werden. Das ist die Volksseuche Nummer 1, nicht irgend ein Grippevirus. Ein nackter Frauenpopo ersetzt vier Philosophiebücher, junger Mann, wenn ich das mal so wertfrei in den Raum stellen darf!“
Linda hatte etwas abseits gegrast. Sie tat so, als ginge sie das alles nichts an. In Wirklichkeit bekamen ihre gespitzten Ohren jede Einzelheit des Diskurses mit. Sie war stolz auf ihren Mann, das berüchtigte Piratenschaf, das es sogar mit dem Leithammel Brutus aufgenommen hatte, wenn auch durch eine rasante Flucht.
Gerade hörte sie, wie sich der Journalist für das Gespräch mit den Worten bedankte: „Wenn mein Chef das so durchgehen lässt, wird der Artikel in der übernächsten Ausgabe erscheinen!“
„Wer ist sein Chef?“ zischte Amos zu Opa Hermann hinauf. „Das ist doch der bekannte Chefredakteur vom Tagesanzeiger, aber du hättest dem Reporter auch ein wenig zuarbeiten können.“ Dabei ließ der alte Herr ein verschmitztes Lächeln erkennen und zwinkerte mit dem rechten Auge.

Der alte Bergmann hatte sich nicht umsonst in seine „neue“ Cordhose geschmissen.

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Amos und die rote Kiste

Einhundertundzwanzig Knöpfe und doch kein Mantel

Die Märzsonne stand im blauen Azur, wärmte bereits mit ihren Strahlen Land und Flur. Amos, das Piratenschaf, hatte nach langer erfolgloser Suche endlich seine geliebte Schafsdame Linda gefunden und sie zu sich in Opa Hermanns Grundstück entführt. Na ja, im Grunde war es gar keine Entführung gewesen, denn Opa Hermann hatte sie bei ihrem Züchter ausgelöst. Nun waren sie zusammen und genossen die Vorboten des Frühlings auf der saftigen Wiese.
„O, meine geliebte Linda“, säuselte Amos soeben, „wie habe ich dich lieb!“ Linda errötete etwas unter ihrem Wollschopf und atmete hörbar aus: „Mein strammer Pirat!“
Das wäre wahrscheinlich noch eine Weile so weitergegangen, wenn nicht plötzlich ein wehleidiger Laut an Amos Ohr gedrungen wäre.
„Oh, du liebe Güte“, durchfuhr es das Piratenschaf, „es ist etwas mit Opa Hermann!“ Dessen Kate war ja nur einen Hammelsprung entfernt auf dem selben Grundstück gelegen. „Bleibe du nur lieber hier“, empfahl das Piratenschaf, „ich gehe mal nach dem Rechten schauen!“
„Pass auf dich auf“, antwortete Linda, „nicht dass es etwas Gefährliches ist, was dich erwartet!“
„Nein, nein, bin doch schon groß“, brüstete sich Amos. Je näher er dem Haus von Opa Hermann kam, desto eindringlicher wurden die Klagelaute. So ein Geräusch hatte das Piratenschaf vorher noch nie wahrgenommen.
Unter dem Fenster, aus welchem die Töne kamen, stand eine blaue Gartenbank, die Amos jetzt als Kletterhilfe benutzte, um in das Zimmer zu spähen. Aus dem halb geöffneten Fenster waren jetzt deutlich Wortfetzen zu hören. „Ein Schmerz“, schrie Opa Hermann gerade, der eine rote Kiste vor seinen Bauch gebunden hatte und „fährt hinaus auf Seeeee“, war zu vernehmen.
Die rote Kiste blähte sich auf, es mutete an wie ein altmodischer Heizkörper einer Zentralheizung, aber dem alten Mann gelang es immer wieder sie zusammenzudrücken. Dabei entstanden diese wehleidigen Klagelaute. Gerade maulte der alte Herr: „Musst nicht traurrrrrig sein!“ Offensichtlich versuchte er die rote Kiste zu beruhigen. Amos konnte sich keinen Reim auf das Geschehen machen. „Komisch sind die Menschen“, dachte Amos, „sie binden sich überflüssigerweise eine Kiste vor den Bauch und versuchen sie dann zu trösten!“
Der Zeitpunkt war gekommen einzugreifen. Opa Hermann musste unter allen Umständen gerettet werden. Das Piratenschaf spähte nach der Haustür. Sie war verschlossen, ebenso die angebaute Waschküche. Amos raste um das Haus. Eile war sichtlich geboten! Was wäre, wenn die rote Kiste den armen Opa Hermann erdrücken würde? Nicht auszudenken! Amos besann sich nicht lange, sondern raste in wilden Dreiecksprüngen zum Nachbarhaus und bumste mit seinem Schädel gegen die Eingangstür. Der Nachbar erschien in der Türfüllung: „Ach, du bist es, was gibt`s?“ „Komm schnell“, hechelte der Vierbeiner, „es ist etwas mit Opa Hermann, aber bring einen Dietrich mit, er hat sich eingeschlossen!“ Zusammen erreichten sie die Kate. Der Nachbar trommelte mit seinen Fäusten gegen die Hausür. Von innen war ein Rumoren zu hören, dann wurde die Tür entriegelt. Opa Hermann stand mit umgeschnalltem Akkordeon im Eingang. Der Nachbar rang nach Worten: „Dein Schaf hat mich alarmiert, es meinte, dir ginge es nicht gut, hätte verdächtige Geräusche aus dem Haus gehört! Was spielst du auch immer für nen Scheiß? Da rollen sich ja die Tapeten vor Rührung von den Wänden!“ Opa Hermann war entrüstet: „Du Kulturbanause“, giftete er seinen Nachbarn an.“ „Wieso ich?“ rief sein Nachbar, „du hättest ja dein Schaf beizeiten an die Geräusche gewöhnen können!“ „Geräusche? Geräusche? Ich glaube bei dir hackt es! Das einzige Geräusch, welches du akzeptierst, ist doch deine Kettensäge! Das geht von morgens bis spät in die Nacht! Vor dir ist doch kein Baum mehr sicher!“
„Kannst du überhaupt die Tonleiter?“ wollte Clemens jetzt wissen.
„Na klar: – do-re-mi-fa-so-la-ti-do.“ Dabei machte Opa Hermann komische Handbewegungen, so als wolle er einen Fisch aus einem Marmeladenglas fingern. „Das ist keine Tonleiter“, kommentierte Clemens, „das hört sich an wie das Morsealphabet!“ „Das Morsealpabet hat doch ganze Wörter, z.B. „Yankie“ und „Zulu“. Für „Z“ hätte man heute sicher „Zombie“ genommen.“ „Aber die Yankies sind doch nicht in Afrika bei den Zulus“, wendete Clemens ein. „Boa“, Opa Hermann verdrehte die Augen, „das Morsealphabet ist doch keine völkerrechtliche Gebietsangabe, sondern ein Übertragungsmittel, außerdem waren die Amis schon überall, meist als Besetzer.“ 

Irgendwann hatten sich die Gemüter beruhigt. „Wenn du schon mal da bist, Clemens, komm rein. Wir nehmen einen zusammen und danke, dass du mich retten wolltest!“ Die Männer betraten die Diele, Amos folgte ihnen. Er brauchte mehr Informationen. Deshalb ging er mit. Später könnte er Linda alles erzählen.
„Ich habe das Lied von Hans Albers gespielt“, erklärte der alte Mann seinen Besuchern, „ein Stück aus „Große Freiheit Nr.7“. Es ist unter dem Titel „La Paloma“ sehr bekannt geworden. Das ist nun mal ein wenig wehmütig, besonders die Stelle, in der es heißt: weit ist das Meer, wie groß muss der Himmel sein!“
„Ja aber Opa Hermann, wozu sind die ganzen Regler an dem Kasten, die vielen weißen und schwarzen?“ wollte das Piratenschaf wissen. „Na, die lösen die Töne aus, und die Regler nennt man Tasten. Man spielt eine Tonart, die wird durch Tonika, Dominante und Subdominante geregelt, also einen Dreiklang!“ Amos sagte: „Bööööööööh!“ „Fast richtig“, stellte Opa Hermann fest. „Du fängst in frühen Jahren mit der Musik an, lieber Amos! Ich habe zum Beispiel von meinem Vater einen Kamm bekommen, da fehlten nur drei Zähne (es war Nachkriegszeit). Der wurde in ein Stück Zellophanpapier eingewickelt, und man konnte herrliche Melodien darauf blasen. Das Geräusch, also der Ton, kam einem Saxophon schon sehr nahe, also wenn du nur auf dem Mundstück spielst, ha ha ha ha ha! Sonst gab es ja nichts, außer einem Volksempfänger, und da kam meistens Marschmusik heraus. Wusstet ihr, dass ein Saxophon ein Holzinstrument ist, obwohl es aus Blech besteht, aus zusammengelöteten Konservendosen?“

Amos und der Nachbar kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Bööööh“, sagte das Piratenschaf erneut.

„Ich spiele euch jetzt mal ein Stück auf meinem Schifferklavier vor, das passt in diese Landschaft, dann wisst ihr das nächste Mal Bescheid, bevor ihr mir die Tür eintretet.“ Opa Hermann verklärte seine Augen und griff in die Tasten. Er sang dazu folgenden Text:

„My Bonnie is over the ocean – my Bonnie is over the sea, my Bonnie is over the ocean – please bring back my Bonnie to me!“


„Nicht schlecht“, schluchzte Clemens, „wenn doch nur min Olschke wieder bei mir wäre…“
„Weshalb ist sie denn damals stiften gegangen?“ fragte Opa Hermann mitfühlend. „Das war die Zeit, als ich damit anfing, Trompete zu lernen!“

 

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Opa Hermann und die Kunst

Die Wirksamkeit der Kunst liegt „am“ Auge des Betrachters

  Opa Hermann hatte Besuch bekommen! Sein alter Zechenkumpel Jupp und dessen Frau Burgel hatten sich zum Tee avisiert. „Den Kuchen bringen wir aber mit!“ Der alte Herr hatte ein frisches Tischtuch aufgelegt und mitten darauf stand eine Blumenvase mit frischen Schnittblumen: kleine Röschen, frisch aus Afrika importiert für 1,99 Euro aus dem Discounter. „Frisch eingeflogen, extra für Euch“, erklärte er zur Begrüßung. „Eigentlich finde ich es nicht gut, dass den afrikanischen Bauern das Land abgeknöpft wird, damit dort riesige Flächen zum Blumenanbau entstehen, aber die Sträußchen standen schon in den Eimern – direkt hinter dem Eingang…“
Kurze Zeit darauf saßen die drei um den Küchentisch herum, tranken Tee und kosteten von der Joghurtrolle, die Burgel beim Dorfbäcker erstanden hatte. Wenn man sich in einer Gruppe von Freunden wohlfühlt, kommt auch schnell ein Gespräch auf.
Bei Burgel geht es meistens um Kunst. Da kennt sie sich aus. Sie besucht jede Ausstellung in der Gegend. Ihr Lieblingsmaler ist Vincent van Gogh, der Impressionist aus dem vorigen Jahrhundert.
„Das ist einer der ersten Maler, der im pointilistischen Stil gemalt hat. Seine Bilder setzen sich aus Pinselstrichen zusammen wie ein Mosaik“, erklärte sie den Männern mit hochrotem Kopf.
Wenn Burgel über Kunst reden konnte, war sie nicht mehr zu bremsen. Opa Hermann hielt seinen Kopf beim Zuhören etwas schief, was bei seiner Besucherin den Eindruck erweckte, er lausche intensiv ihren Ausführungen. In Wirklichkeit war diese Körperhaltung dem Umstand geschuldet, dass er auf einem Ohr nicht mehr so gut hören konnte. Als Burgel an einer Stelle ihrer Ausführungen Luft holen wollte, ergriff Opa Hermann das Wort, weil er dachte, sie sei fertig!
„Wir haben hier auch einen Dorfkünstler“, fiel der alte Herr ein, „ich weiß nicht, ob du ihn kennst?“
„Wie heißt der denn?“ wollte Burgel jetzt wissen. „Ob der überhaupt einen richtigen Namen hat, weiß ich jetzt nicht, aber wie der aussieht, das kann ich beschreiben: eine lange, hagere Gestalt mit einem Rauschebart, er hat ein altes Siedlerhaus an der Wieke! Auf einem Heuballen steht immer eine weißgescheckte Ziege.
In seiner Scheune ist angeblich eine Dauerausstellung seiner Bilder, und man soll da auch Tee trinken können!“
„Ja, von dem steht ja zuweilen etwas in der Zeitung“, meinte Burgel. „Er soll ein Schüler von dem Beuys gewesen sein, dem Kunstprofessor aus Düsseldorf.“ „Ist das der mit dem Hut?“ Opa Hermann warf einen triumphierenden Blick in die Runde. „Ja“, meldete sich jetzt Jupp zu Wort, „das ist der mit der Margarineecke!“ „Fettecke“, verbesserte Burgel. „Ja, dann eben Fettecke!“ Ihr Mann machte eine wegwerfende Handbewegung. „Jedenfalls ist unser Dorfkünstler ein Sonderling. Den versteht hier „keen enen nich“, der sieht aus wie das Leiden Christi, hohlwangig mit entzündeten Augen und macht einen auf Öko!“ „Habt ihr mal seine Skulpturen gesehen?“ wollte Opa Hermann wissen, „der soll ja alles mögliche von Schrottautos zusammenschweißen, also ein Auto zerlegen und falsch herum wieder zusammenbauen!“
„Das macht Sinn“, stichelte Jupp, „wenn ich mir so begucke, was sich VW in den letzten Jahren so geleistet hat! Zig Millionen Euro gab es für die Manager im Jahr und was kam dabei heraus? Ein Dieselmotor mit gefälschten Abgaswerten!“
„Na ja, ins Wohnzimmer möchte ich mir so eine Skulptur nicht gerade stellen. Würde auch gar nicht in meine Wohnstube passen“, meinte Opa Hermann.
Ich glaube nicht, dass ein Künstler, der solch ein Kunstverständnis hat, möchte, dass seine Skulpturen in einer Privatwohnung verschwinden. Das ist doch etwas für ein Museum, damit alle etwas davon haben“, ereiferte sich Burgel. „Na eine genießbare Kunst ist das jedenfalls nicht“, meinte Jupp.
„Ich tippe mal eher auf Unsinnsmaschine“, versuchte Burgel jetzt eine Deutung. „Das kommt der Sache vermutlich am nächsten. Und wenn man das weiter denkt, dann liegt doch nahe, dass der Zeitgenosse Künstler wohl der Auffassung ist, dass die Menschen sich mit zuviel unnützem Zeug befassen, wenn sie orientierungslos den Globus zertrampeln, oder?“ „Ich sag es ja, Hermann, wenn Burgel erst einmal loslegt, dann kannst du nur mit den Ohren schlackern!“ „Mir fällt da ein Witz ein“, sagte Opa Hermann, „der hat auch etwas mit Deutung zu tun. In einer äh Irr… nee, darf man ja nicht sagen, also ihr wisst schon Pünktchen, Pünktchen- anstalt wartet ein Insa… – nee, Patient auf seine Entlassung. Der sagt ständig, dass er sich eine Zwille (Schleuder) bauen und damit auf die Leute schießen will. Das lässt der Direktor aber nicht durchgehen. Jährlich erfolgt eine erneute Prüfung des Heilerfolges. Doch jedesmal sagt der Betroffene dasselbe: „Ich baue mir eine Zwille und schieße auf alle Leute!“ Im dritten Jahr sagt er aber zu dem Direktor: „Wenn ich entlassen bin, suche ich mir eine hübsche Frau!“ „Und was dann?“ will der Direktor wissen. „Die ziehe ich dann abends aus!“ „Und dann?“ fragt der Direktor hoffnungsvoll. „Dann nehme ich ihr Strumpfband, baue mir eine Zwille und schieße auf alle Leute!“

„Und was hat das jetzt mit Kunst zu tun?“ fragte Jupp leicht irritiert, „ich meine, worin besteht der Bezug? Im Unverständnis?“
„Das weiß ich jetzt auch nicht so genau, aber es hört sich gut an!“

Mit diesen Worten stand Opa Hermann auf, schnappte sich den Wasserkessel und ließ neues Leitungswasser einlaufen!

 

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Der Islam gehört – nicht – zu Deutschland

„Deutschland“ diskutiert, „Deutschland“ regt sich auf, wegen der hohen Zuwanderungsrate, wegen der Islamisierung des Abendlandes, wegen des „Aussterbens“ abendländischer Werte und und und….
Wen wundert es, dass die „Hutschnur“ platzt? Jeder wirft nach dem Anderen!
Womit? Mit Worthülsen! Auch die Bundeskanzlerin spricht mit einer Worthülse, die viele zu verstehen glauben, obschon sie nichts an Erkennt-nissen hergibt. Was heißt denn das im Klartext, der Islam gehört zu Deutschland?
Worin sind die Werte verankert, die dem westlichen Europa zugeschrieben werden? Reicht es, der Einfachheit halber auf die Verfassungen hinzuweisen, jene z.B. der Bundesrepublik Deutschland, welche bei der Staatsgründung 1949 auf die „neue Fahne gegossen“ und durch die Alliierten abgesegnet wurde?

Beziehen sich die Deutschen auf Vorgaben der Bibel, in welcher christliche Werte vermittelt werden? Wo steht in den zehn Geboten etwas von Gleichberechtigung? Auf welche Bibel wird überhaupt Bezug genommen?
Ist das Alte Testament gemeint. die etwa 3000 Jahre alte jüdische Bibel?
Ist das Neue Testament gemeint? Wo steht in den Testamenten, dass der
Mensch „Hexen“ verbrennen oder dass man dem „Teufel“ in einer exorzistischen Sitzung beikommen soll? Wo steht geschrieben, dass man im Namen Gottes Waffen segnet ?
Unsere abendländischen Werte mögen irgendwo von irgendwem erfunden oder aus welcher Stelle einer religiösen Botschaft auch immer abgeleitet
worden sein. Fest steht: die angesprochenen „Werte“ verbergen sich knallhart im BGB, im StGB, in der Strafprozessordnung und weiteren Gesetzestexten und ministeriellen Verordnungen.
Glückwunsch dem, der sie alle kennt!

All diese Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sind auch
Ergebnisse ethischer Lehren unserer zahlreichen Philosophen, auf welche eine Minderheit der deutschen Bevölkerung stolz ist, während der überwiegende Teil der Bevölkerung kaum ihre Namen aussprechen kann, geschweige denn ihre Werke gelesen hat.
Die  angesprochenen Grundlagen greifen ferner auf Hinweise zurück, die in der Literatur zu finden sind, auf die Lehren des Humanismus. Es gab eine „Zeitepoche der Aufklärung“, genannt sei an dieser Stelle John Locke, ein Engländer. Die Geistesbewegung der „Aufklärung“ ging tatsächlich von England aus, führte über Frankreich und Belgien bis nach Deutschland. Einer der deutschen Vordenker war der Philosoph Immanuel Kant. Das Prinzip, welches der „Aufklärung“ zugrunde lag, ist das des kritischen Verstandes, eine Grundlage überhaupt, eine Urteilsbefähigung zu erlangen (Kritik der reinen Vernunft).
Letztlich wachen Juristen als Formulierer und Vollstrecker darüber, dass die oben beschriebenen Gesetze eingehalten werden, vom Justizvollzug als dritter Säule einmal abgesehen.

Die christlichen Religionen haben sich im Laufe der Jahrhunderte entsprechend angepasst, nachdem der katholische Klerus noch im späten Mittelalter unsägliches Leid über Teile vorwiegend der unbelesenen Bevölkerung gebracht hatte. Selbst ein Astronom wäre der Willkür der Inquisition zum Opfer geworden, wenn er seine Erkenntnis, dass der Planet Erde nicht Mittelpunkt des Sonnensystems ist, nicht widerrufen hätte.

Viele Menschen in der BRD und in Europa wissen um diese Dinge. Doch viele von uns geben sich auch mit einer Worthülse zufrieden. Sie glauben zu wissen, was gemeint ist.

In Deutschland wird nicht akzeptiert, dass eine Frau hinter einem Mann zurückstehen muss. Das gilt auch für die Ehe. Beide Geschlechter sind vor dem Gesetz gleich, haben gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Wer das nicht akzeptiert, der gehört nicht in die BRD, weil der Staat die Gesetze bestimmt, nicht die Kirche.

Andere Probleme ergeben sich bei der Beschneidung im Genitalbereich bei  beiden Geschlechtern aus religiöser Vorgabe. Nach deutschen ethischen Vorstellungen sollte die Person nach Erreichen der Volljährigkeit selbst entscheiden dürfen, ob sie einem solchen Eingriff bei sich zustimmt.

Das „Schächten“ soll nach behördlichen Vorgaben auf Schlachthöfen vorgenommen werden, keinesfalls auf Hinterhöfen in Wohnsiedlungen.

Der Bau von Minaretten stößt bei der Bevölkerung auf Widerstand, nicht die Errichtung von Moscheen. Wenn Minarette erlaubt werden sollten, dann mit Muezzin und / oder Lautsprecheranlage?

Gesetze können schnell geändert werden. Davor haben viele Angst. Sobald der Bevölkerungsanteil der Muslime einen gewissen Umfang erreicht hat, könnten geltende Machtverhältnisse per Gesetz völlig legitim gekippt und sogar ins Gegenteil verkehrt werden.
Wer heutzutage kontrovers diskutiert, sollte seine Argumente weitsichtig anlegen, zumal überall auf der Welt bürgerkriegsähnliche Brände entstehen. Aufstände, Massenmorde und Vertreibungen werden in den meisten Fällen von „Machtmenschen“ religiös unterlegt (bejahend oder verneinend), wenn  es darum geht, ihr Handeln als rechtmäßig vor „der Welt“ darzustellen. Darauf sei zu achten, nicht auf integrierte muslimische Bürger, die ihren Glauben still ausleben und nicht wie die IS einen Gottesstaat errichten wollen.

Es gilt: Wer die Staatsräson anerkennt, erfährt die Zustimmung der Religionsfreiheit durch das Grundgesetz. Und dies, meine Damen und Herren Zeitgenossen, sei auch Anhängern der AfD in ihr Tagebuch geschrieben.

 

 

 

 

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Fehlende Weitsicht macht blind

Alt ist das Motto! Was kann ich als einzelner Mensch im politischen Alltagsleben an Situationen ändern, die mir Angst machen, meine Familie bedrohen?
Es wird weggeschaut, verdrängt, hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, geflüstert, eine bescheidene Meinung geäußert: „Wie denkst du?“ Angst geht um, das wird im Alltagsleben deutlich, Unsicherheiten machen sich bemerkbar, sie gelten dem Arbeitsplatz, dem Frieden in der Familie, der Situation mit den Flüchtlingen aus den vielen Krisenregionen. Neuerdings geht die Angst vor einem Krieg um, der seit vielen Jahren an vielen Orten der Welt geführt wird. Die deutschen Bürgerinnen und Bürger waren bislang nicht direkt betroffen.

Das deutsche Volk ist in die Europäische Union eingebettet. Ein Sprichwort besagt: „wie man sich bettet – so liegt man!“

Der unpolitische Bürger liegt bequem, stiehlt sich aus der Verantwortung: eine Sprachfloskel, die in jüngster Zeit umgeistert, ist: „Keine Ahnung“, und damit wird ein neuer Satz begonnen. Überall fangen – vor allem junge Menschen – jeden zweiten Satz mit „keine Ahnung“ an, um dann doch noch ein Statement anzufügen – im Glauben, dass man aufmerksame Zuhörer findet, wenn man dem Gedanken vorausschickt, dass er von jemandem entwickelt wird, der keine Ahnung hat.

Das Wahlalter wurde von 18 Jahren auf 16 herabgesetzt. Offensichtlich finden die Bewerber um Mandate die Anzahl der Stimmen wichtiger als ihre Qualität, denn der Waschmittelreklame der Parteien, die vor den Wahlen für den Umsatz der Papierindustrie sorgen, messen sogar inzwischen „Berufsignoranten“ keinerlei Bedeutung mehr bei.

Ein Wahlprogramm, das zukunftsträchtig bereits im Vorfeld alle zukünftigen Probleme mit den dazugehörigen Lösungsmechanismen anbietet, wurde bisher in Deutschland noch nicht angeboten. Also bedient sich der Bewerberapparat z.B. der „Volksparteien“ mit Aussagen wie:“Die Armen müssen reicher werden“ oder „Gerechtigkeit für alle!“ Empfehlenswert wäre auch ein Wahlslogan mit dem Inhalt: „Ein Fußball in jede Wohnstube!“

Was inzwischen weltweit aus dem Ruder läuft, ist mit der Erkenntnis zu beschreiben, dass es zur Mode wurde, aus einem großen Staat viele kleine zu machen, nachdem der mühselige Versuch gelungen ist, aus vielen kleineren Einheiten eine große zu gestalten.

Fehlende Weitsicht macht blind, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass inzwischen die Mächtigen dieser Welt blindlings auf der Weltkarte herumstochern, um Veränderungen nach ihrem Kalkül herbeizuführen. Macht, Privilegien und Kapital sind seit Jahrtausenden die Weltplagen, welche die Menschen in die kriegerischen Auseinandersetzungen führten. Dabei ist das Kapital einer Gesellschaft die Summe aller Fähigkeiten, nicht das Geld (Zitat J.Beuys).

Zwei der größten Machtblöcke, Amerika und Russland, verstricken sich mehr und mehr in ein Machtgerangel, das sich auch in der Europäischen Union bemerkbar macht. Man sollte nicht danach fragen, wer von den beiden Machtblöcken mehr provoziert. Momentan ist es die Nato. Die EU lässt sich mehr und mehr auf die „politischen Vorgaben der USA“ ein. Der „Weltpolizist“ riss mit der Zugehörigkeit der europäischen Staaten zur Nato kriegerische Schauplätze auf der Welt auf und machte somit nicht nur die Bundesrepublik Deutschland zu unkritischen Mitläufern. Die Verweigerung der Bundesrepublik an einer kriegerischen Beteiligung gegen den Irak (Bundeskanzler Schröder) stellt sich heute im Nachhinein als weitsichtige Entscheidung dar.

Plötzlich lief es wie ein Fieberschock durch Ägypten und Syrien. Dabei war es kein „Frühling“, der den Beteiligten zartes Grün bescherte, sondern der Start zu Revolutionen und Revolten. Warnende Worte vom ehemaligen Auslandskorrespondenten, „Scholl-Latour“, der die Länder bereiste und über Insiderinformationen verfügte, wurden in den Wind geschlagen. Der Ruf des „Westens“ nach „Demokratie und Freiheit“ wurde von den Aufständigen auf Fahnen geschrieben, auch wenn der größte Teil der Betroffenen weder schreiben noch lesen konnte.

Der Aufstand auf dem Maidan-Platz, die Revolution der Ukrainer, fand im Westen auf fast solidarische Zustimmung, leider mit den Folgen, dass völlig unsinnige Referenden im Sinne einer stillen Revolution, die Entwicklung der politischen Entscheidungen völlig auf den Kopf stellten und schließlich zur Annektierung der Halbinsel Krim an das russische Staatsgebiet führten. Menschen sollten mit weitreichenden politischen Veränderungen mittels eines Referendums vorsichtig umgehen. (Ein Referendum ohne 2/3 Mehrheit ist überdies völlig unsinnig, wie es der „Brexit“ jetzt beweist).

Die Vorgänge in der Ukraine führten dazu, dass die baltischen Staaten, Estland, Lettland und Litauen um ihre Sicherheit fürchten in der Ahnung, auch noch von Russland vereinnahmt zu werden. Schon kommt die Nato wieder ins Spiel. Die Forderung nach deutscher Beteiligung wird laut. Selbst die Polen ergehen sich in Angst um die Sicherheit ihrer Grenzen, eine Hysterie unbeschreiblichen Ausmaßes macht sich breit. Zu Polen sei vorsichtiges Verständnis angemahnt, denn dieses Land ist bereits vor dem Zweiten Weltkrieg 5 mal geteilt worden, und Russland war hieran beteiligt.

Angeblich sprechen sich 80 Prozent der Bevölkerung gegen das Handelsembargo gegen Russland aus und ebenso viele gegen das Säbelrasseln der Nato in den baltischen Staaten, wie es der Außenminister Steinmeier kürzlich formulierte. Und schon wurde er von Abgeordneten einer Volkspartei kritisiert. Mitlerweile lässt auch der Vizekanzler Gabriel mit Hinblick auf die Abgrenzung zur CDU solche Töne hören. Die Umfragewerte der SPD sind alles andere als berauschend.

Ein Volksbegehren mittels Unterschriften richtete sich gegen das von den USA eingebrachte Handelsabkommen TTIP, so dass selbst in den Entscheidungsgremien der EU Zweifel an der Art und Weise aufkamen, wie die Wirtschaftsmacht der USA mit ihren „Partnern“ umspringt zumal die Wenigsten über Kenntnisse des englisch/amerikanischen Wirtschaftsenglisch verfügen und die Verbreitung des Inhalts an Bürger und Medien von den USA unerwünscht war. Dies stellt eine typisch amerikanische Übergehensmethode der Bürger dar, die von kritisch eingestellten Menschen nicht hingenommen wurde.

Es wird allerhöchste Zeit, dass die Bunderepublik vertrauensfördernde Gespräche mit der russischen Führung aufnimmt. Es ist eine unsinnige Einstellung, man könne z.B. mit Präsident Putin keine verbindlichen Verträge abschließen. Ein Vertrag mit Russland könnte zum Inhalt haben, dass Russland die Grenzen Polens und die Selbständigkeit der baltischen Länder garantiert und die Nato aus den Gebieten verschwindet.

Feindschaft zu den USA muss nicht entwickelt werden, Kritik allerdings muss sich ein Staat, zumal er sich der Demokratie verschrieben hat, gefallen lassen. Größere Sorgen sollte der mündige Bürger sich wegen eines eventuellen Wahlsieges des Präsidentenanwärters Trump machen. Auf die Frage eines Journalisten während einer Wahlveranstaltung Trumps, wie er denn zum Ku- Klux- Klan stehe, antwortete dieser: „Ich kann nichts darüber sagen, ich kenne die Herren nicht!“

Hartmut T. Reliwette

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Verkehrte Welt

Du kannst schlagen wohin du willst, du triffst immer etwas

„Ogottogottogott!“ Opa Hermanns faltenzerfurchtes Gesicht sah aus wie der Grand Canyon. „Was ist los, Opa Hermann?“ fragte das Piratenschaf, „du rufst Deinen Schöpfer an!“ „Unseren Schöpfer!“ meinte der alte Herr, „er ist auch dein Schöpfer! Außerdem habe ich ihn nicht angerufen, sondern ausgerufen!“ „Das klang jetzt aber nicht besonders positiv“, meinte Amos. Der pensionierte Bergmann ließ die Zeitung sinken und pochte mit seiner rechten knochigen Hand auf die Tischplatte. „Jetzt fangen die Irren schon wieder mit der Wahlwerbung an“, hämmerte er die Worte im Takt auf die Tischplatte,“dabei haben sie die anstehenden Probleme noch nicht einmal ansatzweise in den Griff bekommen. Ich plädiere dafür, dass das Wahlalter auf sechs Jahre herabgesetzt wird!“
„Weshalb denn?“ Amos setzte sich die Augenklappe auf das andere Auge und blinzelte seinen Ziehvater durch das frei gewordene Auge an. „Ist doch logisch, Wollknäuel, dann brauchen sich die Werbestrategen nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, welche blöden Sprüche das Wahlvolk zermürben.“ „Sondern?“ „Es reicht, MAOAM, bunte Smarties und Gummibärchen unter die Wähler zu verteilen!“
„Ha ha ha ha ha!“ Amos hüpfte um „vier Ecken“ und machte Bocksprünge in der kleinen Wohnküche: „Das ist lustig, Opa Hermann, du hast immer gute Ideen!“ „Logisch“, meinte Opa Hermann, „das lernt man auf Sohle eins unter Tage in drei Wochen!“
Es klingelte im Vorderhaus. „Nanu, die Post kommt doch erst gegen 16 Uhr, wer kann das sein?“ Opa Hermann erhob sich ächzend aus seinem „Hörn“ (Sorgenstuhl) und watschelte in seinen Slippern zur Haustür. Dabei brummte er etwas wie: „Mein Hüfthalter bringt mich um!“

Es stellte sich heraus, dass sein „früher“ Besucher niemand anderes war als sein letzter und einziger Freund Jupp. „Hallo, altes Steigeisen, was führt dich mitten in der Nacht auf meine Fährte?“ Die beiden Männer klopften sich zur Begrüßung gegenseitig auf die Schultern. „Ich war mal wieder beim Arzt“, berichtete sein ehemaliger Zech- und Zechenkumpel. „Was hat die Untersuchung ergeben?“ wollte Opa Hermann wissen. „Die Pumpe läuft nicht mehr rund, jetzt kommen die Überweisungen an die Fachkliniken!“ „Ja ja, du kommst in der Welt herum“, witzelte sein Freund. „Wenn die Ärzte nicht mehr weiter wissen, dann können sie den Todgeweihten noch schnell die Umsonst-BILD von vorgestern unter die Nase halten und sagen: „Schauen Sie, was ALDI für Sie bereit hält und suchen Sie sich was Schönes aus!“
Jupp musste lachen: „Mir haben sie auch so ein „Wichsblatt“ in den Briefkasten gestopft!“ „Du meinst „Witzblatt?“ „Ist das selbe!“ „Nee!“ „Doch!“ „Nee, wirklich nicht! Denk mal nach!“ Opa Hermann war sich seiner Sache sicher!
„Komm erst mal rein, die Zeiten des Stehkonvents sind lange vorbei. Wir besprechen die Lage im Sitzen!“
„Bier oder Cognac?“ „In der Reihenfolge, wenn es beliebt! Ach, Amos ist auch da, wo hast deine Linda gelassen?“ fragte er das Piratenschaf. „Ist beim Frauenarzt, kann sein, dass wir Nachwuchs bekommen!“ “ O, ihr macht kleine Piratenschafe?“
Opa Hermann mischte sich ein: „Das sind die kleinen Freuden des Lebens!“ „Aber nicht mehr zeitgemäß“, mäkelte Jupp, „wir brauchen Bullterrier und American Staffordshire, um unser Eigentum zu schützen, die Polizei kann es ja nicht, wegen Unterbesetzung!“ „Nee natürlich nicht, wenn die halbe Bevölkerung mit Regieren beschäftigt ist!“ Opa Hermann guckte grimmig. Er sah in diesem Moment selber aus wie ein Bullterrier. „Herrmann, besinn dich, ich bin`s, dein alter Kumpel Jupp!“
Die beiden Männer lachten. Jupp jetzt: „Wäre ich nur Förster geworden, ich hätte jetzt drei Langwaffen und eine Kurzwaffe für den Notfall!“ „Biste aber nicht, dafür hast jetzt Silikose!“ „Jau“, sagte Jupp, „jetzt kann ich die Einbrecher totspucken!“
„Was ist nur mit den Menschen los?“ sinnierte Opa Hermann, „ich habe das Gefühl, dass ich – in der Menge gesehen – mit lauter belegten Brötchen rede!“ „Das macht der Kapitalismus aus uns“, versuchte Jupp ihn zu beruhigen, „kaufen, kaufen, kaufen, wegschmeißen und neu kaufen, das ist das Credo der Wegwerfgesellschaft. Neues Smartphone gefällig?“
„Ich habe noch nicht einmal ein altes!“ Opa Hermann zeigte auf den Tisch: „Sieh dort, ein Telefon mit Wählscheibe!“ „Das funktioniert doch gar nicht mehr“, reklamierte Jupp, „das geht doch heute nur noch analog!“ „Sieht aber gut aus“, verteidigte Opa Hermann starrsinnig seine Weltanschauung und fügte hinzu: „Ruft doch eh niemand an!“ „Ja ja, und dein Hörgerät ist noch ein Ofenrohr, oder wie?“
„Einfach nur lauter sprechen und nicht nuscheln“, gab Opa Hermann zurück. „Und wie machste das mit Deinem Fernseher?“ wollte sein Freund wissen.“Welcher Fernseher?“ grunzte Opa Hermann. „Ich lese abends.“ „Wie? Du kannst lesen? Das ist ja ein völlig neuer Aspekt. Es gibt doch heutzutage Hörbücher. Eine der letzten Ausgaben ist von Helmut Kohl, aber ich weiß nicht, ob seine Biografie vollendet wurde. Nach meinem  Wissensstand hat er seinen Biografen um mehrere Millionen Euro verklagt, weil der etwas veröffentlicht hatte, was der große Staatsmann Kohl zwar gesagt, aber nicht gedruckt sehen wollte.“
„Siehste“, empörte sich Opa Hermann, „das kommt davon, wenn man selber nicht lesen und schreiben kann!“

„Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, dass der ehemalige Staatsmann, Helmut Kohl, nicht schreiben konnte?“ „Na ja, das kommt darauf an, wo ich den Level ansetze, zum Bundeskanzler hat es gereicht, zum Autor nicht….“

Rentnertreffen

Eine helfende Hand findet sich immer


„Wie geht es, Jupp?“ Opa Hermann begrüßte seinen alten Zechenkumpel mit großer Freude. Der konterte die Frage mit: „Gestern ging es noch, heute habe ich noch nicht probiert!“ Die Männer lachten. „Man trifft sich immer häufiger vor dem Supermarkt, alter Steppenwolf!“

„Ist für mich auch nahezu die einzige Möglichkeit geworden, Geld auszugeben“, feixte Jupp, „ausgenommen über das Internet, du weißt schon, Zahnkleber, Ersatzteillager – äh – die ganze Palette. Ich bin ja soooo genügsam!“

„Na ja, alter Grubenhirsch, dann hast du ja trotzdem den ganzen Tag etwas zu tun!“ „Na ja, bis auf Kirschkern-Weitspucken sind die Stunden abgedeckt!“ „Bei dir was Neues?“ „Das Gras ist wieder gewachsen!“ „Nee!“ „Doch!“ „Schon wieder?“

Die beiden Männer waren dicht vor dem Eingang stehen geblieben, um die tägliche Parade abzunehmen. Da näherte sich auch schon ein bekannter Rollatorführer.
„Hallo Ernst“, rief Jupp dem Heranrollernden zu, „auch schon unterwegs?“ Der Angesprochene blieb mit seinem  Rollator stehen, zog die Bremsen an und setzte sich auf den Ruhesitz des Gefährtes. „Jo, es gibt Sonderangebote, meine bessere Hälfte schickt mich zur Überprüfung!“
„Seit du nicht mehr beim TÜV die Autos von der Strecke holen kannst, hast du dein Betätigungsfeld auf die Einkaufswagen verlegt, gelle?“

Ernst machte ein gequältes Gesicht. „Da ist nicht viel zu überprüfen, denn das meiste an denen ist Luft!“ Es dauerte gar nicht lange, dann näherte sich eine weitere Gestalt dem Trio. Es handelte sich um Heinz, den Kriegsveteranen. Dieser nahm sofort Kontakt zu ihnen auf: „Nice to meet you“, sagte er zur Begrüßung und blieb bei ihnen stehen. Er hatte seine Kriegsgefangenschaft in den USA abgeleistet, weil er einen komplizierten Durchschuss abbekommen hatte und in den Staaten als Versuchsobjekt medizinisch versorgt wurde. Bei der Gelegenheit hatte er Kenntnisse der englischen Sprache erworben. „Wir können dir leider keinen Platz anbieten“, sagte Opa Hermann, „es sei denn, du nimmst in einem Einkaufswagen Platz.“
Der Angesprochene reagierte prompt: „Die haben doch heute Gartenstühle im Angebot, sollen wir vier Stück kaufen? Die können wir doch anschließend wieder umtauschen. Sagst einfach, dass die wackeln!“ „Umtauschen macht Spaß“, gab Ernst zu. „Der Frau an der Kasse bestimmt nicht,“ gab Opa Hermann zu bedenken. „Solange die mit Umtauschen beschäftigt ist, muss sie den Laden nicht putzen“, fügte Heinz hinzu.
Er wandte sich an Opa Hermann: „Was macht Dein Piratenschaf?“ „Frisst Gras!“ „Aha!“
Die Kunden hatten Mühe, mit ihren Drahtwagen den Eingang zu passieren. Die Männer hatten sich geschickt über die Passage verteilt. „Rentnertreff?“ fragte eine Dame mittleren Alters. „Zwei von uns sind Pensionäre“, gab Jupp wahrheitsgemäß zu Protokoll, „so viel Zeit muss sein!“ Die Frau grinste mitleidig und verschwand mit ihrem Gefährt im Inneren des Supermarktes.
„Stehen wir hier im Weg?“ fragte Ernst in die Runde.  „Nicht mehr als sonst auch! Außerdem, Lagebesprechung ist Lagebesprechung, und die findet am Ort des Geschehens statt“, formulierte Jupp und behustete seine Umgebung. „Also, wenn wir jetzt vier Gartenstühle besorgen, dann brauchen wir auch einen Gartentisch“, behauptete Heinz, „das nennt man Set! Wir könnten ja fragen, ob uns das jemand zum Auto bringt“. „Bleibt mal hier und sichert mir den Rückzug“, forderte Jupp die Männergruppe auf, „ich gehe rein und ordere die Teile!“ Sprachs und verschwand im Discounter.
„Der macht das wirklich, ich fasse es nicht“, meinte Ernst. Nach 10 Minuten öffnete sich eine Tür und zwei Weißbekittelte trugen vier Gartenstühle und einen Gartentisch ins Freie. Hinterdrein erschien Jupp und grinste über das ganze Gesicht. „Stellen Sie es ruhig hier ab“, sagte er, „meine Freunde helfen mir sicher weiter! Vielen Dank!“ Die beiden Angestellten verschwanden wieder im Inneren des Gebäudes.
„Wo sind die Kartons geblieben?“ wollte Opa Hermann wissen. „Die habe ich gleich drinnen entsorgen lassen“, grinste Jupp.  „Und wenn du die Sachen gleich umtauschen willst, dann hast du doch die Verpackung nicht mehr!“ wandte Opa Hermann ein.

„Wer sagt denn, dass ich die Garnitur umtauschen will? Das war doch vorhin nur Spaß. Gundi hat mich geschickt, ich soll die Garnitur für die Veranda kaufen. Und jetzt könnt ihr mir dabei helfen, die Sachen ins Auto zu tragen, na ja – bis auf Ernst, der ist ja Rollatorführer.“

 

 

 

 

Opa Hermann und Jupp vom Donner gerührt

Nur ohne Unterschrift gültig

 

„Naaaaa, wie ist die Lage? Ich meine die politische?“ Jupp grinste Opa Hermann an wie ein Honigkuchenpferd. „Du mich auch mal“, entgegnete der Angesprochene, weil er nicht wollte, dass sein bester und einziger Freund, der ihm noch verblieben war, immer und immer wieder auf dieses Knöpfchen drückte – und zwar im Wissen, dass er damit Opa Hermann aus der Fassung bringen konnte. Deshalb sagte er noch: „Passt zum Wetter!“
Es regnete in Strömen, der Himmel hatte sich verfinstert, in der Ferne war dumpfes Grollen zu hören. „Der Beschuss kommt näher“, fügte Kumpel Jupp hinzu. „Richtiges Bierwetter“, gab Opa Hermann bekannt und öffnete den Kühlschrank. Er entnahm ihm zwei Flaschen Gerstensaft. Eine reichte er Jupp, die andere behielt er für sich. „Kühles Bier am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“, wusste er zu berichten. „Alter Heimatdichter“, frotzelte sein Freund. „Es heißt aber in Wirklichkeit: Schnaps und Nikotin rafft die halbe Menschheit hin, doch ohne Tabakdunst und Rauch stirbt die andere Hälfte auch!“ „Du und Deine Kalenderblätter“, stichelte jetzt Opa Hermann. „Woher hast du diesen Spruch? Wahrscheinlich aus der Hypothekenrundschau?“ „Ich habe so meine Quellen, die mir zuarbeiten!“
„Aber jetzt mal im Ernst. Hast du das mit dem Trump mitgekriegt?“ „Du meinst die Anhörung vor dem Ausschuss mit dem geschassten FBI- Chef?“ „Ja, das meine ich! Der Trump lügt doch wie gedruckt und streitet alles ab!“ „Nee nee, der lässt abstreiten – durch seinen Anwalt. Das ist ein Unterschied. Wenn es hart auf hart kommt, kann er sagen, dass sein Anwalt gelogen hat!“ „Das ist doch dasselbe!“ „In Amerika nicht! Übrigens, die Einlassungen der beiden werden doch von den Beteiligten aus den Lagern der Demokraten und der Republikaner durch schwammige Fragen dermaßen aus einer Richtung gekippt, dass sie letztlich nicht justiziabel sind.“
„Sag mal ein Beispiel“, forderte Jupp , „das ist alles schwer vorstellbar. “ „Na, wenn ein Mitarbeiter von den Demokraten den FBI-Chef fragt, ob Trump ihn zum Abbruch einer gewissen Untersuchung genötigt habe, dann spricht einer von den Republikanern von Blähungen, die ein gewisses Unwohlsein bei dem Gefeuerten ausgelöst haben muss, weil dessen Mitarbeiter mit der Führung und Methode der Amtsgeschäfte nicht einverstanden gewesen seien, weswegen der Präsident ihn entlassen habe.“
Ein ohrenbetäubender Donnerschlag ließ just in diesem Moment das Dach des alten Siedlerhauses erbeben. „Siehst du?“, stichelte Jupp, „der Trump hat seine Spitzel sogar in den Gewitterwolken, sei bloß vorsichtig mit dem was du sagst!“
„Keine Bange, der kriegt nix mit. Der meint ja, dass Belgien eine schöne Stadt sei. Glaubst du im Ernst, dass er weiß, wo die Ostfriesen die Herrschaft über die Gezeiten der Nordsee übernommen haben?“ „Nein, der Trump nicht, aber seine Raketen wissen das! Wenn der rauskriegt, dass in seinem Aktenkoffer keine Hemden zum Wechseln sind, sondern die Codes für seine Atomraketen, dann gute Nacht!“
„Das weiß der!“ „Das weiß der nicht!“ „Doch!“ „Nie im Leben!“ „Wetten?“
Die beiden einigten sich schließlich auf „Prost! Austrinken!“
„Wenn der Heini da in Amerika den Vertrag zur Reduktion des Kohlendioxidausstoßes kündigt, ist ihm alles zuzutrauen. Der glaubt allen Ernstes, dass es wirtschaftlich mit den USA wieder bergauf geht, wenn ein paar alte Bergwerksstollen wieder in Betrieb genommen werden!“
„Eigentlich sollte er mal erkennen, dass die Kosten für die wahnsinnig aufwendige Rüstungsmaschinerie den Haushalt nicht nur bis an die Grenzen der Belastbarkeit treiben, sondern die Produktion von Waffen extrem einseitige Beschäftigungslagen darstellen. Das Gleiche ist vor Jahren mit Russland passiert, und gerade ist ein gewisser Kim Jong-un damit beschäftigt, sein Land kaputt zu rüsten. Im Grunde schaffen sich solche Staaten selber ab. Die Kosten für Stationierungen in aller Welt besorgen den Rest.“
“ Da gibt es Beispiele aus frühen Epochen“, ergänzte Jupp, „der Untergang des römischen Imperiums und der Untergang des riesigen ägyptischen Reiches. Riesenheere kosten Geld, sehr viel Geld, und wenn man die Kosten nicht aus Beutezügen bestreiten will oder kann, dann werden die Steuereinnahmen dafür verwendet.“ „So ist es, mein Freund, andere, viel wichtigere Ressorts werden nicht mehr entsprechend finanziell abgesichert. Zum Beispiel der Bildungssektor, soziale Einrichtungen des kulturellen Lebens, letztlich wird an den Renten gespart und Einrichtungen wie Bahn und Autobahnen an Privatinvestoren abgegeben, wobei nur ein gewisser Prozentsatz in öffentlicher Hand bleibt. Den Nutzen haben dann aber private Gesellschaften oder Banken. Das Bruttosozialprodukt eines Staates wird nicht nur verplempert, sondern aus der Hand der Gemeinschaft gegeben.“
„Wenn jemand glaubt, die von ihm gewählten Volksvertreter richten die Angelegenheiten zum Wohle der Allgemeinheit, dann ist das ein Irrtum! Bedient werden die Lobbyisten, die wiederum große Summen an die Regierungsparteien spenden und sie natürlich von der Steuer absetzen. Damit wird verhindert, dass kleine Parteien an Einfluss gewinnen!“
„Und was willst du dagegen tun?“ Jupps Gesicht hatte sich noch mehr verfinstert. „Für mich eine klare Sache“, grinste Opa Hermann, „die werden sich wundern, wo ich bei der nächsten Bundestagswahl meine Kreuze mache!“
„Wie ich Dich kenne, Hermann, kriegst du es fertig und unterschreibst den Wahlzettel, damit die Wahlhelfer sehen, aus welcher Richtung dein Wind weht. Aber es ist dir schon klar, dass du damit deinen Wahlschein ungültig machst?“
„Ach nee!“ Opa Hermanns Augen glitzerten. Er nahm einen tiefen Zug aus der Bierflasche:
„Meinst du wirklich? Ich bin doch nicht blöd. Ich schreibe den Namen von Captain Hornblewer drunter.“

 

Amos und die Gruppendynamik

Die  Farben eines Schals

Opa Hermann war wieder einmal mit seinem Fahrrad und dem Fahrradanhänger unterwegs. In diesem saß Amos auf seiner weichen Kuscheldecke. Opa Hermann hatte dem Piratenschaf eine Motorradbrille übergestülpt – wegen des Fahrtwindes. „Damit du keine Bindehautentzündung bekommst!“
„Und meine Augenklappe?“ „Die würde nur ein Auge schützen, aber weil du diese lediglich aus „piratentechnischen“ Gründen trägst, lassen wir die einfach mal weg, einverstanden?“
Natürlich war das Piratenschaf einverstanden, denn die „Insignie wahrer Piratentugend“ störte ihn doch ein wenig. Sie kamen am Bahnhof vorbei. Amos gewahrte eine Gruppe junger Männer, die torkelnd und grölend ihre Verkleidungen zur Schau stellten. „Wir haben doch gerade erst Karneval gehabt, Opa Hermann!“ Der hielt das Gespann an und wandte sich seinem Schützling zu: „Das hat nichts mit Karneval zu tun, das sind keine Jecken, Amos, das sind Fußball-Fans!“
„Was ist ein Fußball-Fan?“ wollte das Piratenschaf wissen. „Also, ein Fan ist zunächst einmal ein Anhänger eines Idols, das jemand hat, gewissermaßen ein Enthusiast, also wenn man von einem Vorbild begeistert ist und es verehrt!“

„Sag mal ein Beispiel, Opa Hermann, ich kann mir nichts darunter vorstellen, denn auf unserem Piratensegler haben wir nur den Captain Hornblewer und vielleicht noch den Smutje, aber von dem war niemand so recht begeistert.“
„Also“, begann Opa Hermann seine Ausführungen, „junge Menschen sind beispielsweise von einer Musikgruppe begeistert oder einem Sänger oder einer Sängerin. Die meisten Fans finden wir bei Musikgruppen oder Interpreten oder eben beim Fußball. Es gibt auch Fans beim Motorrad- oder Autorennen. Meistens erkennst Du Fans daran, dass sie sich wie Irre benehmen!“ „Wie Irre?“ „Ja, sie verhalten sich absonderlich, besonders die Fans von Fußballmannschaften. Es kommt vor, dass sie sich benehmen, als sei eine Schlacht gewonnen oder verloren gegangen.“

„Das klingt ja nach Krieg, Opa Hermann!“ “ Na, schau mal nach drüben zu der Gruppe, was fällt Dir an denen auf?“
„Sie tragen fast alle die gleichen Hemden, haben trotz Hochsommer dicke Schals um und trinken fast alle Bier aus Blechdosen.“
„Und was fällt Dir noch auf?“ „Na ja, sie grölen irgend etwas“, antwortete Amos, „nur was?“
„Anscheinend hat ihre Mannschaft gewonnen, dann singen sie ihre Vereinshymne“, vermutete der alte Herr. „Vereinshymne? Darunter kann ich mir nichts vorstellen, vielleicht bööööööa?“ „He he“, meinte Opa Hermann, „das kommt dem schon sehr nahe! Beim FC Schalke beginnt sie mit „Blau und weiß, wie lieb ich dich, blau und weihaheiß, verlass mich nicht…!“ So hat jede Mannschaft eine Vereinshymne. Und nach dem Spiel ist das Jaulen und Grölen angesagt!“ „Komisch“, meinte Amos, „haben die denn selbst gespielt?“ „Nee, die lassen spielen! Leider darfst du nicht mit in ein Stadion, sonst würde ich dich mal mitnehmen, wenn WERDER BREMEN im Weser Stadion spielt. Diese Mannschaft hat die Vereinsfarben grün und weiß. Deshalb haben die Fans da drüben alle grün-weiße Schals, die sie schwenken. Schlimm wird es nur, wenn gegnerische Fans aufeinander treffen und eine Mannschaft verloren hat. Dann sind handgreifliche Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Oft begleitet eine ganze Hundertschaft der Polizei die Fans von und zum Stadion. Dann werden Taschen durchsucht nach Pyros und Böllern. In manchen Stadien geht es vor und während des Spieles zu wie zu Sylvester. Das Stadion ist oft so vernebelt, dass die Spieler den Ball gar nicht sehen können. Außerdem ist es unsportlich, wenn man den Spielern die Atemluft verunreinigt, denn die müssen 90 Minuten rennen und um den Ball kämpfen!“ „Weshalb machen die Zuschauer das überhaupt“, wollte Amos wissen, „wenn sie ihre Mannschaft leidenschaftlich verehren?“ „Da sind immer welche dabei, denen es überhaupt nicht um den Sport geht. Die wollen einfach nur Randale machen und tragen dort Stellvertreterkriege aus. Diese Menschen sind dermaßen frustriert und unzufrieden mit ihrem Leben, dass sie ihren miesen Gefühlen in der Menge freien Lauf lassen. Man nennt sie Hooligans, Krawallmacher. Einige Vereine sind berüchtigt für ihre Hooligans. Wenn die im eigenen Stadion zu Gast sind, kommt es zu folgenschweren Ausschreitungen, wie zum Beispiel Massenschlägereien. Dann kann es schon mal Tote und Schwerverletzte geben.“
„Fahr schnell weiter, Opa Hermann, ich bekomme es mit der Angst zu tun“, presste das Piratenschaf zwischen seinen Lippen hervor. „Nee“, sagte Opa Hermann, „pass mal auf, was ich unter der Wolldecke versteckt habe!“ Der pensionierte Bergmann brachte einen grün-weißen Schal zum Vorschein und band ihn Amos um den Hals. Jetzt bist du einer von ihnen. Und wenn wir einer anderen Gruppe begegnen, dann habe ich noch einen anderen Schal unter der Decke versteckt. Werder Bremen hat nämlich heute gegen den Hamburger SV gespielt und deren Vereinssymbol ist eine blauweiße Raute auf blauweißem Untergrund. Also, wenn wir Hamburger Fans begegnen sollten, kannst du blitzschnell den Schal wechseln und ein bekümmertes Gesicht machen. Die haben nämlich heute verloren“.

Sprach`s und bestieg wieder das Fahrrad und begann kräftig in die Pedalen zu treten. Fröhlich winkend steuerte er das Gespann an den Fans vorbei, die ihren Gruß grölend und winkend erwiderten. Amos war wieder mutiger geworden und blökte ebenfalls einen Vereinsgruß hinüber.

Opa Hermann drehte sich während des Strampelns zu Amos um und rief ihm zu: „Jetzt weißt du auch, was Gruppendynamik ist!“

Quälende Erinnerung

Erfassbar,  aber nicht zu fassen

 „Ich träume in letzter Zeit immer wieder von Brutus, dem Leithammel, du weißt schon, Opa Hermann.“
„Was träumst du denn genau?“ wollte der alte Herr wissen. „Der blöde Brutus fragt mich dauernd nach der Losung, und ich weiß dann das Losungswort nicht!“
„Hm“, meinte Opa Hermann, „das hat was mit Zugehörigkeit zu tun. Es mag sein, dass du Angst davor hast, alleine zu sein oder zu bleiben.“ „Ich gehöre ja auch gar nicht zu den Schafherden“, räumte Amos ein, „ich gehöre zur Mannschaft von Captain Hormblewer!“
„Aber da die lieben Piraten jetzt auf und davon sind, gehörst du nicht mehr zur Mannschaft. Ich bin zwar kein Psychologe, sondern ein pensionierter Bergmann, aber es scheint mir ziemlich sicher, dass du unter Verlustängsten leidest, zumal du nach deiner Jugendliebe suchst. Wie hieß sie doch gleich?“
„Linda“, sagte das Piratenschaf leise, „sie ist meine große Liebe. Ach, wenn wir doch nur zusammen wären!“ „Du wirst sie eines Tages finden, lieber Amos, da bin ich mir ganz sicher!“ „Meinst du wirklich?“ Amos stieß einen langen Seufzer aus. (Wie hört sich eigentlich ein Seufzer an?)

„Aber es gibt noch eine andere Variante – äh – Traumvariante – , die das Vorkommen von einem Leithammel in deinen Träumen erklärt“, sagte der alte Herr mit einem breiten Grinsen. Amos blickte erwartungsvoll zu seinem Ziehvater hoch: „Was könnte das sein?“
„Nun, Leithammel sind das Schlimmste und das Segensreichste zugleich, was einer Schafherde widerfahren kann“, begann der alte Bergmann seine Erklärung. „Zum einen schützt ein Leittier die Herde durch seine Erfahrung vor Schäden und Unfällen. Es geht voran und sucht den sichersten Weg und kennt die saftigsten Weidegründe.“ „Aha“, meinte das Piratenschaf, „aber…. – da kommt doch sicher ein aber?“

„Richtig! Da kommt ein dickes „aber“. Das ist so dick wie Teer. Dieses „aber“ klebt an ihnen, weil die Menschen die Leithammel für sich ausnutzen.  Man sollte niemandem blindlings folgen, und hier eröffnet sich eine Parallele zu den Menschen. Sie haben ebenfalls – na sagen wir ruhig einmal „Leithammel“. Die werden von der Mehrzahl gewählt. Aber sie dienen nicht der gesamten Herde, sondern den Lobbyisten, den Mächtigen z.B. aus der Wirtschaft. Es gibt aber noch andere Lobbyisten. Das sind große Einheiten aus bestimmten Berufsgruppen, den Beamten, dem Militär, den Gewerkschaften. Kurzum, alle Interessengruppen wollen bedient werden.“
„Verstehe ich nicht“, blökte das Piratenschaf, „bei uns geht es nur um Gras und Schafsdamen!“
Opa Hermann bekam einen Hustenanfall. Ihm war Spucke in die falsche Tröte geraten, weil er plötzlich so lachen musste. „Denkst du, dass es bei den Menschen anders ist? Da geht es nicht um Gras, sondern um Geld. Mit dem Geld können sich die Menschen Nahrung kaufen und natürlich alles, was über den täglichen Verzehr hinaus geht. Auch die Menschen haben eine Losung. Diese besteht aber nicht aus einem Wort, das ausgesprochen wird, um dazu zu gehören, sondern um ein ganzes Buch, ein so genanntes Parteiprogramm. Wer also dazu gehören will“, kicherte Opapa Hermann, „tritt in eine Partei ein und bekommt ein Parteibuch. Jetzt gehört dieser Mensch zu seiner Herde.“ „Und wer führt so eine Herde an?“ wollte Amos jetzt wissen. „Na, der Leithammel“, grinste Opa Hermann. „Wer die meisten Stimmen aus seiner Partei auf sich vereinigt, der wird der oberste Leithammel, so einfach ist das.“  Amos staunte. „Ich dachte, der wird vom Schäfer eingesetzt!“ „Ha ha ha ha ha“, Opa Hermann brach in ein irres Gelächter aus. „Bei den Menschen dienen sich die obersten Leithammel den Mächtigsten unter allen Herden von ganz alleine an, wenn sie sich Vorteile davon versprechen. Dieses devote Verhalten nennt man in Fachkreisen auch schon mal „Diplomatie“. In Wirklichkeit sieht es eher aus, als haben diese Leithammel kein Rückgrat. Man macht als Leithammel schon mal mit bei kriegerischen Auseinandersetzungen und betont, dass lediglich Aufklärungsarbeit geleistet wird.“ „Aufklärungsarbeit, Opa Hermann?“

„Also, es wird die eigene Luftwaffe benutzt, um Ziele auszuspähen. Die Ergebnisse werden dann dem großen Leithammel mitgeteilt, der dann mit den Bombenflugzeugen das ausgespähte Ziel angreifen lässt. So kann der kleine Leithammel immer sagen, dass seine Truppe nicht direkt an einem Krieg beteiligt ist. Denn das ist laut Grundgesetz ausdrücklich verboten! Es heißt dort, dass nie wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgehen darf. Schlimm ist nur, dass das gesamte Parlament ein Leithammel geworden ist, denn bei solchen Aktionen muss das Parlament zustimmen.“
„Und da gibt es eine Mehrheit für?“ Das Piratenschaf musste sich doch sehr wundern. Es hatte immer große „Stücke“ auf die Menschen gehalten, die ja sehr gut zu ihm waren.
„Die Menschen kannst du vergessen!“ Opa Hermann äußerte sich sehr besorgt. „Die essen deine Brüder und Schwestern, weißt du das?“ „Ich weiß es“, gab Amos kleinlaut zu, „ich bin doch selbst damals als Verpflegung an Bord der „Cara Mia“ gekommen. Wenn ich nicht so gut Wurfanker schmeißen könnte oder nicht so scharfe Augen im Ausguck gehabt hätte, läge ich schon lange als Köttel auf dem Meeresgrund.“

„Also, Amos, du musst es hinkriegen, deine Träume im Unterbewusstsein immer zu einem guten Ende zu steuern. Das kann man lernen, das hat etwas mit Entscheidungsbefähigung zu tun. Ich habe schon oft geträumt, dass ich mit dem Flugzeug abstürze. Glaube mir, ich bin jedes Mal – zuweilen rückwärts – den Trümmern entstiegen, das Kabinenteil, in welchem ich saß, war unbeschädigt. Hast du das alles verstanden?“
„Ich gehe jetzt auf die Futterwiese, Opa Hermann, das habe ich entschieden und keine zehn Pferde können mich davon abhalten!“ „Ok, aber schling das Essen nicht so in dich hinein. Deine Ernährung ist zwar sehr einseitig, dafür kannst du  jeden Bissen zweimal essen!  Ich wünschte, ich könnte jede einzelne Münze zweimal ausgeben.“

Opa Hermann und die Erfindungen

 

Wenn der Haifisch mit den Zähnen klappert

 Kuchen und Tee gab es auf der stilvoll angerichteten Tafel in Jupps „Garden-Restaurant“. Burgel, seine Frau, hatte alles so fein arrangiert. Eine Blumenvase mit Frühlingsblumen zierte den Tisch mit dem erlesenen Porzellanservice, Marke „Ostfriesisches Blumenmuster“. Diese Tassen waren so dünnwandig, dass man fast hindurchgucken konnte, wenn man sie gegen das Licht hielt. „Kommen die aus China?“ wollte Opa Hermann wissen. Burgel lachte: „Schau mal auf den Boden der Tasse, dann kannst du den Hersteller ermitteln.“ „Ermitteln? Bin doch nicht bei der Kripo“, scherzte der alte Bergmann. „Sicher sehr teuer?“ „Es gibt Angebote im Ramschladen“, antwortete Burgel lächelnd, „dort bekommt man ein ganzes Service für den Wert einer Teekanne mit der ostfriesischen Rose!“ „Aha“, staunte Opa Hermann, „mein bestes Stück ist eine emaillierte Suppenschüssel aus der Vorkriegszeit!“ „Na, na, jetzt haust du aber ordentlich auf den Putz“, wies ihn sein alter Kumpel Jupp in die Schranken. „Ich habe deine Sammlung Meißener Porzellans selbst in Deinem Küchenschab gesehen, meinst wohl, ich kenne die Bedeutung der zwei gekreuzten Schwerter nicht?“ „Ein Andenken an meine Frau“, verteidigte sich Opa Hermann, „ich selbst habe so teures Geschirr nie besessen! Ich trinke aus meinem alten Blechbecher, bis er durchrostet. Deshalb stimmen auch meine Eisenwerte im Blut!“ „Demnach müssten deine Kohlenstoffwerte auch gut sein“, frotzelte Burgel und kicherte in sich hinein, „als ehemaliger Zechengänger!“ „Das heißt nicht „Zechengänger“, das heißt „Kneipengänger!“ Jetzt kicherte Opa Hermann und warf Jupp einen verstohlenen Blick zu.

Kurze Zeit später aß man von der Apfeltorte, welche Burgel selbst gebacken hatte und trank Ostfriesentee. „Drei Tassen sind Ostfriesenrecht“, rezitierte Jupp! Opa Hermann fiel ihm ins Wort: „Und nach der vierten wird`s dir schlecht!“ Alle lachten.

„Habt ihr auch schon von den neuesten Autos gehört oder gelesen? Die sollen sich von alleine steuern?“ Burgel hatte das Thema gewechselt. „Ich trau dem Braten nicht“, meinte Jupp und langte nach einem weiteren Stück Kuchen. „Gefällt mir auch nicht“, pflichtete ihm Opa Hermann bei.
„Finde ich auch,“ meinte Burgel, „in den Autos ist ohnehin schon viel zu viel Elektronik.“
„In meinem letzten „Zafira“ brannte andauernd die ESP-Kontrolllampe“, ärgerte sich Jupp, „wenn ich damit in der Werkstatt war, haben die Monteure den Fehler mit Hilfe des Diagnosegerätes ausgelesen. Die Kontrollleuchte blieb dann 14 Tage aus. Danach leuchtete sie wieder.“ „Was hast du mit dem teuren Siebensitzer gemacht?“ wollte Opa Hermann wissen. „Den habe ich in Zahlung gegeben, weil ich es Leid war. Später habe ich erfahren, dass es an der Spur gelegen haben soll. Die Spur war verstellt, wahrscheinlich eine Folge von Bordsteinkontakt beim Einparken. Und wenn so ein Elektronikfehler bei selbststeuernden Autos auftritt….“
“ Na, dann ist man nicht schuld bei einem Verkehrsunfall?“ Opa Hermann wog seinen Kopf hin und her. „Nein“, scherzte Burgel, „du sagst zur Polizei, dass wir alle hinten gesessen haben.“
„Andererseits kannst du auch mit dem Zug fahren, wenn man nicht mehr lenken und schalten muss oder bremsen“, warf Jupp in die Debatte. „Aber der hält nicht vor deiner Haustür“, gab Burgel zu bedenken, „und dann ist da noch immer das Problem mit dem Gepäck!“
„Aber man kann im Auto Sex haben während der Fahrt, wenn man nicht steuern muss“, triumphierte Opa Hermann!“ „Das kannst du jetzt auch haben, musst nur anhalten“, belehrte ihn Jupp.
„Bei größeren Reisemobilen lässt sich der Fahrersessel um 180 Grad schwenken“, fiel Jupp plötzlich ein. „Da könnte man theoretisch während der Fahrt Skat spielen.“ „Oder Canasta“, ergänzte Burgel. Sie mochte das Skatspielen nicht, weil sie die Sache mit dem Reizen nicht verstand. „Reizen ist auch ein blödes Wort“, gab Opa Hermann zu, „es handelt sich doch um ein Vergleichen von Karten- bzw. Spielwerten. Wer den höchsten Spielwert auf der Hand hat, darf spielen, und schon hat er die beiden anderen Spieler als Gegner.“

„Hermann will schon lange den Duden umschreiben“, lästerte sein Freund. Doch dieser ging gar nicht darauf ein, sondern sagte:“Also wenn mein Nachbar zu seiner Lotti, das war sein Kaltblutpferd, sagte: „Nach Hause“, dann konnte er besoffen auf dem Kutschbock einpennen. Seine Frau holte ihn später vom Wagen, wenn die beiden daheim einliefen. Also neu ist das mit der „Selbstfahrlafette“ nicht gerade!“ „Das Problem ist nur, dass du den Gaul nicht auf den Vordersitz deines Autos kriegst.“

„Die Welt wird doch immer verrückter! Wenn die leisen Elektroautos demnächst den Erdball erobern, werden die „Resonanzkörper“ kriegen, in denen ein künstliches Motorengeräusch erzeugt wird! So sollen Unfälle vermieden werden“, meinte Opa Hermann.
„Die sollen gefälligst mal was Sinnvolles erfinden“, maulte Jupp und sein Gesicht verfinsterte sich. „An was denkst du, mein Göttergatte?“

Alle blickten gespannt auf Jupp, der jetzt was Sinnvolles liefern musste.

„Also, ich stelle mir Wirsinggemüse vor, das die Konsistenz und den Geschmack von Schweinebraten hat, oder ein Gebiss, in welchem alle verlorenen Zähne sofort wieder nachwachsen wie beim Haifisch! Ferner stelle ich mir ein Testverfahren vor, dass alle Bescheuerten von den Wahlurnen fernhält und ein anderes, das verhindert, dass Bekloppte an die Spitze eines Staates gelangen. Das ist doch nicht zuviel verlangt, oder?“

„Deutschland schlägt zurück“

Sind wir hier beim Tennis oder wer oder was?

 Opa Hermann hörte gar nicht mehr mit dem Kopfwackeln auf. Amos erschrak. Das Piratenschaf wusste aus Erzählungen, dass ein solches Verhalten von einem Schlaganfall herrühren kann, besonders dann, wenn bei Opa Hermann auch der Mund schief zu stehen schien. „Was hast du, Opa Hermann? Bist du krank?“ „Nee, ich nicht, aber in der Redaktionsetage bei der Bildzeitung scheint jemand erkrankt zu sein“, antwortete der alte Mann. Ohne weiteres Nachfragen seines Zöglings abzuwarten schob der pensionierte Bergmann von selbst eine Erklärung nach: „Die heutige Schlagzeile der ersten Seite der Bildzeitung titelt in großen Buchstaben: Deutschland schlägt zurück!“ „Böööööa“, blökte das Piratenbschaf, „wen schlägt es denn?“ „Die spielen Tennis bei der Bildzentrale“, scherzte Opa Hermann verschmitzt. „In einem Tennisspiel heißt es schon mal nach einem Einstand z.B. 50:50: (duce) „Vorteil Aufschläger“ oder „Vorteil Rückschläger“. Der Aufschläger serviert den Ball und der Rückschläger retourniert. „Aha“, rülpste das Piratenschaf, denn es hatte sich beim Widerkauen fast verschluckt. „Und jetzt hat Deutschland zurückgeschlagen? Gegen wen hat es denn gespielt, das Deutschland?“ wollte Amos jetzt wissen.

Opa Hermann hatte sich inzwischen gefasst und mit dem Kopfwackeln aufgehört. „Es geht gar nicht um ein Tennisspiel“. Es geht um aggressive Formulierungen, die bei der Boulevardpresse an der Tagesordnung sind. In diesem Fall müssen sich „Deutsche“ gegen Einbrecher wehren. Die Formulierung muss schlagkräftig sein, schlagkräftig und einprägsam!

Neuerdings wird verschiedentlich wieder das „r“ gerollt, so wie 1939. Da hieß es: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!“ Danach wurde Polen überfallen!“
„Verstehe ich nicht“, meinte Amos. „Die Boulevardpresse ist die Stimme des Volkes“, erklärte Opa Hermann, „jedenfalls nehmen die Bildjournalisten das für sich in Anspruch. Ihrer Meinung nach geht es jetzt den Einbrechern an den Kragen, die zunehmend in Deutschland Wohnungen aufbrechen. Die“ehrlichen“ deutschen Einbrecher werden ja von osteuropäischen und andersstämmigen Banden regelrecht an die Wand gedrückt, und die Polizei ist machtlos, weil sie nur noch Verkehrssündern nachspüren kann, nicht aber den Kriminellen, die in Deutschland zuschlagen.“
„Und was ist jetzt mit Polen?“ wollte das Piratenschaf wissen. „Es geht diesmal nicht um Polen“, erwiderte Opa Hermann besänftigend. Es geht um das rollende „r“ in der deutschen Sprache. Es steht zwar in der Bibel,“Eure Rede sei ja ja und nein nein“, was darüber ist, ist vom Bösen“, es steht aber nirgendwo, dass das „r“ gerollt werden soll, wie es die Faschos gerne hätten, um an alte Zeiten anzuknüpfen.“  „Worum geht es denn nun wirklich in der Schlagzeile, die du zitierst, Opa Hermann?“ „Deutsche Richter können demnächst  höhere Strafen für Wohnungseinbrüche und schweren Einbruch verhängen.“ „Aber das geht doch nur, wenn die Polizei die Einbrecher fängt“, widersprach Amos trotzig. „Das steht auf einem anderen Blatt“, gab Opa Hermann zu. Da muss sich dieses aggressive Käseblatt noch was zu einfallen lassen. Vielleicht schreibt schon morgen ein Bildreporter eine neue aussagekräftige Überschrift, z.B. „Die Polizei braucht mehr Deutschland!“ Es geht immer um das „Wirgefühl“ in der Menge. „Wir sind Papst“ war eine der dämlichsten Überschriften, die man den Lesern vor die Augen rieb. Da gibt es noch andere Beispiele: „Wir sind Weltmeister! In Wilhelm Tell heißt es: „Lasst uns einig sein ein Volk von Brüdern und trutzen ob jeder Not und Gefahr!“ Es ist zu vermuten, dass die Volonteure in der Bild-Redaktion getreu dieser alten Novelle von Friedrich Schiller ausgebildet werden und nach den Prämissen: Als erster berichten, möglichst exklusiv veröffentlichen, richtungsweisend agieren und Einfluss ausüben. Deshalb soll der Grundsatz:“BILD(e) Dir (d)eine Meinung“ inhaltlich von der BILD vorgegeben werden.“
„Bei uns Schafen hat nur der Leithammel in der Herde was zu sagen“, meinte Amos, und der untersteht nur dem Schäfer!“ Das ist bei den Menschen nicht viel anders!“ Opa Hermann hatte sich ein Pfeifchen angezündet und paffte blaue Wölkchen in die Gegend. Es roch nach „Krauter“! Dann fuhr er fort: „Leithammel haben wir auch. Jede Partei hat Leithammel, welche die politischen Vorgaben liefern!“
„Und einen Schäfer? Haben die Menschen auch einen Schäfer?“ “ In der Religion heißt es schon mal:“ Der Herr ist mein Hirte. Er weidet mich auf einer grünen Aue. Er führet mich zu frischem Wasser! Mir wird es an nichts mangeln. Sein Stecken und Stab trösten mich…“
Aber in der gesellschaftspolitischen Welt gibt es Mächtige, die vor Waffen strotzen und sich anmaßen, Vorgaben für alle anderen Völker auszurufen. In diesem Zusammenhang spielt so eine Boulevardzeitung eine nicht zu unterschätzende Rolle, weil sie Denkrichtungen propagiert und somit an der Macht eine gewisse Teilhabe pflegt. Wenn also eine Schlagzeile auf der ersten Seite davon spricht, dass Deutschland zurückschlägt, dann ist das aufgeblasen, völlig überzogen und irritierend, denn eine wesentliche Strafverschärfung für Einbrecher wird es nicht geben.  Der „Einbruch“ ist gegenwärtig eine der häufigsten Straftaten, die zu ahnden sind. Und so viele Gefängniszellen gibt es auf der ganzen Welt nicht, um die Einbrecher alle lange einzusperren. Da können die Bildreporter das „r“ so lange rollen wie sie wollen, wenn es heißt:“Deutschland schlägt zurrrrrrück!“ „Haben die das so geschrieben, Opa Hermann? „Nein, natürlich nicht, aber es ruft Erinnerungen wach, sehr unangenehme Erinnerungen!“

„Und was ist jetzt mit Polen?“ „O je, ja, Polen. Polen muss nicht überfallen werden, da können sich die Deutschen ganz legal Häuser und Grundstücke kaufen, oder Firmensitze anlegen. Das Schönste von allem ist, die Bewohner merken es überhaupt nicht, dass sie eines Tages Gäste im eigenen Land sind, so wie wir Deutsche in der Bundesrepublik Deutschland, denn seit längerer Zeit sind wir dabei, unser Tafelsilber und das Gold zu verscherbeln!

„Wie geht das denn“, wollte Amos wissen. „Na ganz einfach: „Eine Goldmünze wird geprägt mit einem Nennwert von 100.- Euro. Damit dieses Geld nicht in den Zahlungsverkehr gelangt, bietet man die Münze für 1000.-Euro im Handel an. Niemand wird diesen Beschaffungswert bei z.B. der Tankstelle für eine 100.- Euro Benzinrechnung einlösen. Und viele deutsche Firmen gehören zu wesentlichen Anteilen bereits Fremdanlegern aus dem Ausland.“

„Damit haben wir bei den Piraten von der Cara Mia niemals zu tun gehabt“, sagte Amos blökend. „Unser Hirte ist Captain Hornblewer, und der rollt das „r“ nicht. Der spricht ein weiches „r“, weil er Engländer ist und kein Pole!“

O je, da hatte das Piratenschaf aber den Sachverhalt gründlich durcheinander gebracht. Opa Hermann klopfte die Pfeife aus und begann wieder mit dem Kopf zu wackeln…

 

Amos und die tote Amsel

Heut noch gelacht und schöngezeigt die Farben…

 

Opa Hermann saß unter seinem Gartenpavillon und hatte sich einer „mittleren Siesta“hingegeben. Das geschah in letzter Zeit öfter nach dem Mittagessen, das er sich von einem ortsansässigen Catering-Unternehmen regelmäßig besorgte. Das war preiswert, „wohlschmeckend, nahrhaft und reichhaltig“. Diese Begriffe kannte er aus Kostprobenbüchern, in denen die Vorkoster solche Standardsätze als Bemerkungen hinterließen. Opa Hermann kannte auch die Aussage eines Unteroffiziers im Küchendienst bei der ehemaligen Wehrmacht: „Es ist noch Suppe da, dünn aber kräftig! Kameraden müssen satt werden! Noch nen Eimer Wasser rein!“ Jedenfalls war sein Verdauungsapparat in vollem Gange, was ihn schläfrig machte.
Unerwartet stob das Piratenschaf heran und blökte schon von weitem: „Opa Hermann, Opa Hermann, Kobold, unsere „Stammgastamsel“ liegt tot auf dem Rücken!“
Der alte Mann fuhr aus seinem Dämmerschlaf hoch: „Das ist ja schrecklich! Wo liegt denn „Kobold?“ „Da vorne zwischen den Erdbeeren“, schluchzte Amos und fummelte aufgeregt an seiner Augenklappe, unter der ein paar Tränchen herabrollten. Opa Hermann quälte sich in die Senkrechte und kam auf der Liege zum Sitzen. Dann erhob er sich und tätschelte den Wollkopf seines Zöglings: „Tja, Amos, so kann es kommen, zeig mir doch mal die Stelle!“
Zu zweit schlichen die beiden in Richtung „Gemüseabteilung“, die rechts an die Rasenfläche angrenzte. „Da vorne!“ Amos wies mit dem Kopf auf die Reihen mit den Erdbeerstauden. Vorsichtig näherten sie sich dem Fundort. “ Kobold ist regelrecht abgestürzt“, sagte das Piratenschaf, „als er auf dem Boden ankam, schlug er nur noch mit einem Flügel. Ich bin sofort hingerannt. Er hatte seine Augen weit aufgerissen und starrte in den Himmel über ihm!“ Opa Hermann streichelte Amos wieder über den Kopf. „Weißt du, einmal kommt für jeden von uns die Zeit, zu der wir von der Welt gehen müssen. Das ist der Lauf der Dinge. Vielleicht hatte die Amsel schon lägere Zeit Probleme, von denen wir gar nichts wussten? Sie war auch schon ziemlich alt. Das konnte man am Kopf erkennen. Jedenfalls geht es ihr dort, wo sie jetzt ist, sehr gut, möglicherweise viel besser als uns, die wir noch auf unbestimmte Zeit in der Gegenwart verweilen müssen. „Ob „Kobold“ in seinen letzten Stunden traurig war?“ fragte das Piratenschaf. „Wir wissen sehr wenig über das Gefühlswesen der Tiere, vor allem der Kleinstlebewesen. Ein Hund kann zum Beispiel sehr gut zeigen, dass er sich freut oder traurig ist, aber eine Fliege? Hast du schon mal gesehen, wie eine Fliege im Regenfass um ihr Leben paddelt, wenn sie hineingefallen ist?“ Amos schüttelte mit dem Kopf. “ Ich habe noch nie darauf geachtet. Ich trinke auch nicht aus der Regentonne!“
Opa Hermann hob den toten Vogel auf. Er nahm ihn ganz behutsam zwischen seine hohl geformten Hände. “ Wir werden ihn in ein weiches Tuch legen und in einen schönen Schuhkarton betten, ich habe noch einen von „Deichmann“. Dann hebe ich ein tiefes Grab aus, damit ihn keine wilden Tiere wieder ausbuddeln können. Auf das Grab legen wir ein Herz aus gebranntem Ton. “ „Bekommt er auch ein Holzkreuz auf sein Grab?“ wollte das Piratenschaf wissen. “ Hm“, machte Opa Hermann, ich weiß nicht, ob „Kobold“ evangelisch oder katholisch war, weißt du es?
Das Kreuz ist das Symbol für Jesus Christus, der für die Menschen am Kreuz gestorben ist, damit sie nach ihrem Tod weiterleben können.“ „Und für die Tiere auch?“ Opa Hermann wurde verlegen. Sollte er jetzt einfach drauflos reden, ohne eine Antwort darauf zu wissen? Der Heiland konnte ja nicht wissen, dass 2017 Jahre später ein sprechendes Schaf solche Fragen stellen würde. „Und für die ertrunkene Fliege auch?“, bohrte Amos weiter.
Opa Hermann wurde jetzt philosophisch. Das tat er oft, wenn er nicht weiter wusste. „Stell Dir nur vor, Amos, jeden Tag sterben hunderttausend Schweine. Aber nicht eines natürlichen Todes!  Der Mensch isst sie auf, in Unmengen! Du glaubst nicht, wie viele Fische jeden Tag durch die Mägen der Menschen gehen. Das wird nicht mehr nach Stückzahlen gemessen, sondern nach Tonnen! Und weißt du, ob sich Fische an ihre Kindheit erinnern können? Normalerweise dürfte der Mensch noch nicht einmal einen Kohlrabi essen, weil der sich unter Umständen auch an seine Kindheit erinnern kann? Das ist eine Frage des Bewusstseins. Manche Dinge werden reflexartig wahrgenommen und manche geraten ins reflektierende Kalkül. Vielleicht können einige Tierarten etwas besser reflektieren, andere gar nicht oder weniger. Die Menschen verhalten sich oft wie überhebliche Arschgeigen. Sie meinen, sie seien der „King of Currywurst“. Aber wenn dann plötzlich eine bedrohliche Erkrankung in ihr selbstgefälliges Leben dringt, dann ist Panik! Dann wird verdrängt und grabschende Hände verfehlen das Rettungsseil. Deshalb habe ich vor langer, langer Zeit einige kurze Zeilen erschaffen, die ich den Vorlauten mit auf den Weg geben wollte. Doch sie hören nicht!“
„Was hast du denn gesagt, Opa Hermann?“ Der alte Mann besann sich kurz, räusperte sich und sagte mit leiser Stimme:

„Heut noch gelacht
und schöngezeigt der Farben
sinnwollend Leuchten
doch zeitraffend eilt
der Zeiger zum Tor!“

„Schöngezeigt der Farben sinnwollend Leuchten“, echote das Piratenschaf. „Das verstehe ich nicht!“
„Nee, klar“, meinte Opa Hermann, „das ist ja das Komische an der Lyrik! Die Menschen, die das Hören oder lesen, sind aufgefordert zu belegen, wo und ob ihnen das bekannt vorkommt. Zum Beispiel sind da die wunderschönen farbenprächtigen Blüten der Pflanzen. Sie sind schön und duften, damit Insekten angelockt werden, die sie dann bestäuben. Die Farben sind nicht für die Menschen gemacht, damit sie die Blumen abreißen und sich in die Vasen stecken. Die sind auch schön, wenn sie noch am Stengel wachsen.“
„Und das andere?“ wollte Amos jetzt genau weissen. „Während der Mensch sich seiner Höhepunkte erfreut, die er sich im Diesseits zusammenklaubt, vergeht ein Stück Lebbenszeit. Und sie vergeht immer schneller, je intensiver sich die Menschen mit Oberflächlichkeiten einlullen. Plötzlich ist die Zeit abgelaufen, und der Mensch schreitet durch das Tor. So wie die kleine Amsel, die wir gleich beerdigen werden.“

 „Bööööa“, schrie Amos unvermittelt,“ich mache jetzt Bocksprünge, schau mal: hierhin, dorthin und jetzt im Dreieck!“
„So ist es recht, du Piratenschaf mit der Augenklappe, ich würde sie aber auch mal auf das andere Auge setzen!“

Innovativer Dativ oder „dem sein Fortschritt“

Innovativer Dativ oder „jedem sein(en) Fortschritt“

Wenn „Einfällle“ zum Durchfall werden

 Das trübe und nasskalte Aprilwetter hatte sich zugunsten lauer Frühlingsdüfte samt Pollenflug gewandelt. Opa Hermann aktivierte den Gartenpavillon, indem er das großflächige Sonnensegel aus dem Schuppen holte und mit viel Mühe über die Holme zerrte und einhakte. „Puuuch, ist der Frühling dieses Jahr wieder einmal anstrengend“, prustete der alte Bergmann und wischte sich den „Schweiß von der Kappe“ mit dem Schirm. Niemand widersprach! Wo war Jupp? Der wollte doch kommen und ein wenig Hilfestellung leisten? „Viel rennen kann ich nicht“, hatte er noch gesagt,“wegen meiner Silikose!“
Opa Hermann war gerade dabei, den unhandlichen Tisch der Pavillongarnitur hochkant aus der Schuppentür zu wuchten, als Jupp um die Ecke kam und ein fröhliches „Guten Morgen“ in die beginnende Mittagszeit zwitscherte.
„Auch schon wach?“ frotzelte Opa Hermann unter dem Tisch hervor, den er sich inzwischen verkehrtherum auf den Buckel geladen hatte. Er sah aus wie Old Man River, der alte Baumwollpflücker an vier Spießen.

Irgendwann war auch die fünfteilige Sitzgarnitur komplett aufgestellt. Jupp und Opa Hermann sanken in die Sitzmöbel. „Die Teile werden von Jahr zu Jahr schwerer“, beschwerte sich Jupp und bewegte seine Schulterblätter. Es knackte bedenklich. „Du hast aber auch ein paar Gramm zugelegt“, stellte Opa Hermann fest. Sein Blick wanderte an Jupp hinab und blieb auf dessen Jeanshose haften. „Seit wann trägst du Hosen mit Zwangsbelüftung?“ wollte er von seinem alten Kumpel wissen. „Ach dieeee! Nee, das ist eine Designer-Jeans. Die habe ich teuer erstanden!“ schwindelte Jupp. Opa Hermann kniff ein Auge zu und sah ihn von der Seite an: „Willst mich wohl verkackeiern? Das ist nie und nimmer eine Designerhose, da war niemand mit einer Flex dran!“
„Man kann die auch anders zerstören“, verteidigte sich Jupp, „im Grunde zerstört die sich selbst. Das ist z.B. mit Geräten auch der Fall, zum Beispiel mit Druckern oder anderen mechanisch-elektronisch kombinierten Gebrauchsgegenständen.“ „Du hast Recht“, ereiferte sich jetzt Opa Hermann,“ ich habe früher doch so ziemlich alles repariert! Wenn sich etwas aufschrauben ließ, habe ich es fast immer wieder hingekriegt. Heutzutage wird viel genietet anstelle verschraubt, genietet und versenkt! Oder mit Hilfe von winzigen Kunststoffelementen verklammert. Einmal zusammengepresst gehen die Teile nicht wieder so leicht auseinander. Außerdem sieht man die Stellen nicht, an denen die „Hakenelemente“ einrasten.“ „Du sollst auch nicht reparieren, Hermann, du sollst neu kaufen! Die Hersteller brauchen Absatz! Da sitzen haufenweise Konstrukteure vor leeren Reißbrettern und warten auf Einfälle. Der Abteilungsleiter wartet auf neue Entwürfe! „Wenn Ihnen nicht bald eine neue Zahnbürste einfällt“, heißt es,“dann kommt auf ihren Stuhl ein Neuer!“ Also was macht der Entwicklungsingenieur? Er macht aus der „Oral Y“ – Zahnbürste eine „Oral-Sex -D“- Zahnbürste, weil runder als rund nicht geht. Also wird nur der Name geändert! „Gut“, sagt dann der Abteilungsleiter, „einmal lass ich das noch durchgehen, aber aus Oral-Sex-D machen Sie gefälligst ein „Oral-Six!“ Und was soll das „D“, bitteschön, bedeuten?“
Und der Intwicklungsingenieur sagt schlagfertig: „D wie durchgehend, also immer!“ Dann dreht sich der Abteilungsleiter um und ist zufrieden, zumindest bis zum nächsten Date. Also das ist jetzt ein fiktives Beispiel.“

„Das ist die heutige Auslegung von innovativ“, ergänzte Opa Hermann. „Das ist nicht mehr das lateinische „Erneuern“. Heutzutage muss es „intelligent“ sein, „kreativ“, vom schöpferischen Willen „gegeißelt“ und dergleichen mehr!“ „Na, na, na, Hermann, jetzt geht aber der Bohrhammer mit dir durch!“ „Ist doch wahr! Musst dich nicht wundern, wenn jetzt ein Auto vorgestellt wird mit dem Lenkrad hinter der letzten Sitzreihe, damit du vorne im Volant-Sitz an deine Koffer kommst ohne auszusteigen!“ „Ist heute alles modern“, diagnostizierte Jupp , modisch und modern!“ „Aber auch modernistisch! Überall wo die Silbe „istisch“ anhängt, wird es kriminell!“ Opa Hermann kam in Fahrt. „Die Silbe „ik“ ist in Ordnung wie bei „Ästhetik“, würde es „ästhetizistisch“ heißen, käme sofort der Begleitumstand der Verkrampfung hinzu, ein übersteigertes „Wollen“ und das neigt zu Verkrampfungen! Wie bei dem Begriff „sozialistisch“. Das klingt doch sofort nach angeordnet! Das ist doch Scheiße!“ „O, Hermann, alter Flözequäler, jetzt wirkst du aber fäkalistisch!  Also ich kann da nur auf den Begriff „popolistisch“ hinweisen“, meinte Jupp. „Du meinst populistisch“, verbesserte Opa Hermann. „Ist doch das selbe!“ „Ist es nicht!“ „Doch“, rechtfertigte Jupp seine Meinung,“ist beides für den Arsch! Und was ist mit germanistisch?“ „Das heißt bis jetzt noch „Germanistik“, aber beim Rassenwahn liegt man schon richtig: „rassistisch“! Und das ist keine Lehre, sonst hieße es ja Rassistik!“
„Modernistisch ist demnach eine Anlehnung an das modische Zeitalter der Moderne?“ „Das ist eine Eigenschaft, mit der ich noch nie etwas am Hut hatte, auch das klingt nach „angeordnet“. Irgendwelche Sockenträger kreieren durchgängig neue Moden. Im Grunde kannst deine Anzüge und Hemden in den Schrank legen und 15 Jahre warten. Plötzlich sind die Klamotten wieder modern. Und (fast) alle machen mit
bei dem Hühnergegacker bis auf die Verweigerer.“ „Wieso Hühnergegacker, Hermann, die“ Herren der Schöpfung“ machen da genauso mit!“ Bei dem Begriff „Herren der Schöpfung“ machte Jupp Anführungszeichen mit den Fingern beider Hände. „Boa“, regte sich Opa Hermann auf, „was kratzt du da von der Tapete? Das ist auch so eine Unsitte! Schreib das doch auf, dann sieht jeder die Gänsefüßchen!“ „Du mich auch mal“, sagte der und wirkte ein wenig beleidigt. „Sorry“, meinte Opa Hermann sofort, „das ist auch  so eine Modeerscheinung! Mensch weiß doch wie es gemeint ist!“ „Hast Recht, Hermann, nix geht über Klartext“, räumte der pensionierte Steiger ein. „immer druff auf die Kohle!“ Die beiden Männer lachten. Sie umarmten sich und klopften sich gegenseitig auf die Schulter.

Also, Jupp, das ist heute die mit Abstand schwierigste Debatte geworden, die wir beide je am Gartenteich geführt haben. Das erinnert mich an die Verhandlungen mit den Herren von der „Ruhrkohle AG“ und die endeten meist ziemlich publizistisch, dafür habe ich gesorgt!“

 

Erinnerung an die Jugendzeit

Wo ist denn nur, wo hab ich bloß…

 Opa Hermann quälte sich mal wieder durch das Gedächtnis. „Weißt du noch, Jupp, wie das war – damals, als du etwa fünf Jahre alt warst?“ „Na klar, meine Eltern haben sich gekloppt wie die Kesselflicker!“ „Wie? Deine Eltern auch?“ „Na klar, ich musste meinen Vater beschützen, hab mich dazwischengeworfen. Ich glaube, ein Auge hing ihm schon raus, kann aber auch ein Tränensack gewesen sein. War alles blutunterlaufen.“ „Wie ging das aus?“ „Ich wurde hochgehoben und beiseitegestellt! Und – wie war es bei Dir?“ „Wurde auch beiseitegestellt!“
Es entstand eine längere Pause…
„Weißt du, weshalb sich die Eltern gestritten haben?“ Opa Hermann dachte angestrengt nach: „Ich kann mich erinnern, dass mein Vater gerne gesegelt ist. Eines Tages kam er zu mir und nahm mich mit auf seinem Fahrrad. Die Rede war von einer Brieftasche, die er vermutlich beim Segeln im Boot verloren hatte. Wie ich später erfuhr, hatte meine Mutter ihm sämtliche Taschen zugenäht , weil er oft in seinen Taschen nach der Brieftasche suchte oder nach anderen Gegenständen, die er gerade benutzen wollte. Es konnte sich um einen Haustürschlüssel handeln oder einen Kamm. Das Abklopfen seiner Innen- und Außentaschen ging jedesmal mit dem Ausruf einher: „Wo ist denn bloß, wo hab ich nur?“ oder wo ist denn nur – wo hab ich bloß?“ „Daran kannst du dich erinnern?“ fragte Jupp ungläubig. „Auf jeden Fall bin ich an dem bewussten Tag vorne, auf dem Kindersitz eingetütet, mit einem Fuß in die Speichen des Vorderrades gekommen, weil ich von den „Fußrasten“ abgerutscht bin, die Vater an die Gabel geschraubt hatte. Das hat sehr weh getan. Vater ist beinahe über den Lenker geflogen, so heftig hat das gebremst! Einige Speichen waren verbogen. Es ging nämlich durch einen Sandweg. und die heftigen Lenkbewegungen waren für das Abrutschen ursächlich!“ „Mann o Mann, du bist und bleibst ein Lyriker“, spottete sein alter Kumpel und schleuderte ein Echo in die Gegend: „Ursächlich! Wie hat die Kohle das nur mit Dir ausgehalten?“

„Jedenfalls gelangten wir an einen See. Mein Vater ging zum Vermieter und schilderte seine Vermutung. Abgegeben worden sei nichts, aber er, mein Vater, könne ja selbst noch auf dem Boot nachsehen. Das tat er dann auch. Genau weiß ich das nicht mehr, aber ich meine, dass er mit seiner Brieftasche in der Hand zum Fahrrad zurückkam. Später keimte die Vermutung meiner Mutter, dass er nicht alleine gesegelt sei. So ergab sich für sie ein putatives Fehlverhalten meines Vaters und ihr den Anlass, auf ihn einzukratzen. Später tauchte auch ein Name für das Übel auf. Es war das Haus von Fräulein Franke, in welches sich Vater gelegentlich  verlief.“
„Die Freundin meines Vaters hieß Elfie“, sagte Jupp und wiegte seinen Kopf bedeutungsvoll hin und her, „aber ich war schon zwölf, als das aktuell wurde!“ „Meine Eltern lebten getrennt, aber sie ließen sich nicht scheiden. Vater zahlte meiner Mutter regelmäßig Unterhalt für sie und uns Kinder, selbst noch in der Folgezeit, nachdem sie bei einer Kommunalverwaltung ein Dienstverhältnis einging. Richtig vereint waren sie erst wieder, nachdem ihre Urnen nacheinander in einer gemeinsamen Kammer zu stehen kamen.“
„Asche kann sich nicht streiten“, meinte Jupp lakonisch dazu.“ „Und erst recht nicht kratzen!“
„Weshalb sich einstige Geliebte im Verlaufe der Jahre dermaßen auf den Senkel gehen, will mir nicht in den Schädel! Ich bin mit meiner Burgel ein Leben lang zusammen!“
„Das tun Gänse und Schwäne auch“, meinte Opa Hermann, „und einige andere Tierarten! Aber die pinkeln ins Wasser, wenn sie inkontinent werden, und nicht auf den Teppich! Außerdem sieht man unter dem Federbestand die welke Haut nicht! Es kommt noch schlimmer: im Sommer tummelt sich ringsumher das junge Liebesvolk. Du siehst und begreifst, dass man nicht mehr dazugehört. Das kann schon verdrießlich machen!“ „Ach nee“, empörte sich Jupp, „und anstatt sich selber am Rüssel zu ziehen, wird die Lebensgefährtin verkloppt. Der Versuch wird gestartet, sie gegen zwei Neunzehnjährige auszutauschen? Das kannst du nur als Baulöwe in Österreich erfolgreich in Angriff nehmen. Sobald die jungen Dinger allerdings im Rampenlicht angekommen sind, bleibst du als bleicher Mehlsack zurück! Wie kann man sich selbst so bescheißen?“ „Mainstream, alles mainstream“, gab Opa Hermann konsterniert zurück. Die „High Society “ trifft sich beim Opernball in Insbruck und wir sitzen bei Pommes und Currywurst auf der Couchkante und starren auf das, was oben aus den Ballkleidern herausquillt.“ „Wird ja auch gerne gezeigt, je mehr, desto offener, gemäß des goldenen Schnittes“ „Du meinst das Verhältnis 1 zu 1,618 ?“ „Nee, ich meine die Toilettenschneider mit ihren innovativen Kreationen.“ „Ach so! Große Toilette, verstehe! Aber weshalb golden?“
„Ja, was glaubst du, was so ein Kleid kostet? So eine Verkleidung kriegst du nicht für ne Tonne Anthrazit!“ „Unbekümmerte Schönheitheit will zur Schau getragen werden, koste es was es wolle!“ „Also, die Betreffenden, die ich meine, müssen das ja nicht selbst bezahlen! Und unbekümmert? Na, ich weiß nicht!“

“ Ich muss mal in die Gegend feuchten“, äußerte Jupp unvermittelt. Er schien in arger Bedrängnis. „Wer von uns ist jetzt der Lyriker?“ wollte Opa Hermann wissen,“du hast doch schon damals den Kohleabbau besungen! Übrigens, rechte Seite, letzte Tür links, der Schlüssel steckt!“ „Siehst du, das schätze ich an dir! “ lobte Jupp im Weggehen,“ bei Dir ist fast alles umsonst!“ „Umsonst ja“, rief Opa Hermann ihm nach, „aber nicht vergeblich!“