Rentnertreffen

Eine helfende Hand findet sich immer


„Wie geht es, Jupp?“ Opa Hermann begrüßte seinen alten Zechenkumpel mit großer Freude. Der konterte die Frage mit: „Gestern ging es noch, heute habe ich noch nicht probiert!“ Die Männer lachten. „Man trifft sich immer häufiger vor dem Supermarkt, alter Steppenwolf!“

„Ist für mich auch nahezu die einzige Möglichkeit geworden, Geld auszugeben“, feixte Jupp, „ausgenommen über das Internet, du weißt schon, Zahnkleber, Ersatzteillager – äh – die ganze Palette. Ich bin ja soooo genügsam!“

„Na ja, alter Grubenhirsch, dann hast du ja trotzdem den ganzen Tag etwas zu tun!“ „Na ja, bis auf Kirschkern-Weitspucken sind die Stunden abgedeckt!“ „Bei dir was Neues?“ „Das Gras ist wieder gewachsen!“ „Nee!“ „Doch!“ „Schon wieder?“

Die beiden Männer waren dicht vor dem Eingang stehen geblieben, um die tägliche Parade abzunehmen. Da näherte sich auch schon ein bekannter Rollatorführer.
„Hallo Ernst“, rief Jupp dem Heranrollernden zu, „auch schon unterwegs?“ Der Angesprochene blieb mit seinem  Rollator stehen, zog die Bremsen an und setzte sich auf den Ruhesitz des Gefährtes. „Jo, es gibt Sonderangebote, meine bessere Hälfte schickt mich zur Überprüfung!“
„Seit du nicht mehr beim TÜV die Autos von der Strecke holen kannst, hast du dein Betätigungsfeld auf die Einkaufswagen verlegt, gelle?“

Ernst machte ein gequältes Gesicht. „Da ist nicht viel zu überprüfen, denn das meiste an denen ist Luft!“ Es dauerte gar nicht lange, dann näherte sich eine weitere Gestalt dem Trio. Es handelte sich um Heinz, den Kriegsveteranen. Dieser nahm sofort Kontakt zu ihnen auf: „Nice to meet you“, sagte er zur Begrüßung und blieb bei ihnen stehen. Er hatte seine Kriegsgefangenschaft in den USA abgeleistet, weil er einen komplizierten Durchschuss abbekommen hatte und in den Staaten als Versuchsobjekt medizinisch versorgt wurde. Bei der Gelegenheit hatte er Kenntnisse der englischen Sprache erworben. „Wir können dir leider keinen Platz anbieten“, sagte Opa Hermann, „es sei denn, du nimmst in einem Einkaufswagen Platz.“
Der Angesprochene reagierte prompt: „Die haben doch heute Gartenstühle im Angebot, sollen wir vier Stück kaufen? Die können wir doch anschließend wieder umtauschen. Sagst einfach, dass die wackeln!“ „Umtauschen macht Spaß“, gab Ernst zu. „Der Frau an der Kasse bestimmt nicht,“ gab Opa Hermann zu bedenken. „Solange die mit Umtauschen beschäftigt ist, muss sie den Laden nicht putzen“, fügte Heinz hinzu.
Er wandte sich an Opa Hermann: „Was macht Dein Piratenschaf?“ „Frisst Gras!“ „Aha!“
Die Kunden hatten Mühe, mit ihren Drahtwagen den Eingang zu passieren. Die Männer hatten sich geschickt über die Passage verteilt. „Rentnertreff?“ fragte eine Dame mittleren Alters. „Zwei von uns sind Pensionäre“, gab Jupp wahrheitsgemäß zu Protokoll, „so viel Zeit muss sein!“ Die Frau grinste mitleidig und verschwand mit ihrem Gefährt im Inneren des Supermarktes.
„Stehen wir hier im Weg?“ fragte Ernst in die Runde.  „Nicht mehr als sonst auch! Außerdem, Lagebesprechung ist Lagebesprechung, und die findet am Ort des Geschehens statt“, formulierte Jupp und behustete seine Umgebung. „Also, wenn wir jetzt vier Gartenstühle besorgen, dann brauchen wir auch einen Gartentisch“, behauptete Heinz, „das nennt man Set! Wir könnten ja fragen, ob uns das jemand zum Auto bringt“. „Bleibt mal hier und sichert mir den Rückzug“, forderte Jupp die Männergruppe auf, „ich gehe rein und ordere die Teile!“ Sprachs und verschwand im Discounter.
„Der macht das wirklich, ich fasse es nicht“, meinte Ernst. Nach 10 Minuten öffnete sich eine Tür und zwei Weißbekittelte trugen vier Gartenstühle und einen Gartentisch ins Freie. Hinterdrein erschien Jupp und grinste über das ganze Gesicht. „Stellen Sie es ruhig hier ab“, sagte er, „meine Freunde helfen mir sicher weiter! Vielen Dank!“ Die beiden Angestellten verschwanden wieder im Inneren des Gebäudes.
„Wo sind die Kartons geblieben?“ wollte Opa Hermann wissen. „Die habe ich gleich drinnen entsorgen lassen“, grinste Jupp.  „Und wenn du die Sachen gleich umtauschen willst, dann hast du doch die Verpackung nicht mehr!“ wandte Opa Hermann ein.

„Wer sagt denn, dass ich die Garnitur umtauschen will? Das war doch vorhin nur Spaß. Gundi hat mich geschickt, ich soll die Garnitur für die Veranda kaufen. Und jetzt könnt ihr mir dabei helfen, die Sachen ins Auto zu tragen, na ja – bis auf Ernst, der ist ja Rollatorführer.“

 

 

 

 

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. Auf dem künstlerischen Sektor seit 1969 präsent, damals noch mit der Gruppe ARASKADE 69, die aus Malern und Autoren bestand. Außer mir ist Frau Dr. Prehm, Scottish Lady of Camster, Autorin und Zeichnerin, das letzte lebende Mitglied der Gruppe. Seit dieser Zeit wurden bis heute ca. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Erste literarische Publikationen im Jahre 1971., hauptsächlich Gedichte und Prosatexte, die in deutschsprachigen Anthologien publiziert wurden oder im Eigenverlag, sowie im Magazin "Die Brücke." Im selben Jahr entwickelte sich eine Freundschaft zu Professor Joseph Beuys, der an der Kunstakademie in Düsseldorf einen Lehrstuhl hatte. Außerdem bestand eine tiefergehende Freundschaft zu Peter Coryllis, einem Schriftsteller, der den Kreis der Freunde leitete, eine lose Vereinigung von hauptsächlich Autoren, aber auch Kunstschaffenden.(Einst hatte der Lambarene-Arzt Albert Schweitzer diesen Freundeskreis gegründet). 1981 Einrichtung einer Zweigstelle der FIU (Free International University for Kreativity and Interdisziplinary Resurch) bei der Volkshochschule Essen - Mitte. (Die FIU war zunächst ein künstlerisches Projekt von Joseph Beuys und einem seiner Meisterschüler, Johannes Stüttgen). Nach einer Aufführung der Fluxuszone Niederrhein wurde vom damaligen Leiter der VHS, Lübben, angeordnet, dass weitere Auftritte der FIU bei der VHS Essen unerwünscht seien. Demzufolge wurde das Reliwette-Museum 1984 in Ostfriesland errichtet und somit gegründet , um ein eigenes Podium zu realisieren. Zur Eröffnung wurde eine mehrteilige Performance initiiert, deren Haupteil mit dem Titel "His masters Voice" in das Zerschießen einer Pyramide aus Fernsehgeräten mittels einer großkalibrigen Vorderladepistole mündete. 1976 erfolgte die Gründung der literarischen Gefangenenzeitung DIABOLO mit einem Insassen-Redaktionsteam der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen. In der Zeit von 1979 bis 1986 entstanden 2 Filme im S8 Format: "Psychodelic memories" und "Abbruch". 1987 erfolgte das Pflanzen eines Labyrinthes aus Berberitzensträuchern auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern. Es handelt sich hierbei um den "Joseph - Beuys - Gedächtnisgarten". In diese Zeit fällt der erste Kontakt zu Karl-Heinz Schreiber, einem literarischen "Urgestein" aus Unterfranken. Aus diesem Kontakt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefgehende Freundschaft. K.H.S war nicht nur Rezensent zeitgenössischer Literatur, sondern auch Herausgeber einer Literaturzeitschrift, Romanverfasser, Dichter und Lyrocker. "Charly" Schreiber verstarb viel zu früh im Jahre 2014. Sowohl die Freundschaft zu Beuys als auch zu Karl-Heinz Schreiber haben meinen literarischen Duktus stark beeinflusst. Noch kurz vor seinem Ableben brachte er den Gedichtband heraus:"Durch den Kaktus gesprochen", der meine wichtigsten Gedichttexte enthält. Das FORUM im Inneren wurde 2002 mit einem Festival der Poesie in Betrieb genommen. Auch hierbei hinterließ K.- H. Schreiber seine Handschrift. Im Jahre 2017 besteht das Labyrinth als Langzeit - Kunstwerk 30 Jahre. Es wird ab dem Sommer 2017 nicht mehr geschnitten und somit der Natur überlassen. Die Bühne samt Bestuhlung wird somit in einen "Dornröschen-Schlaf" versetzt und sich selbst überlassen als Heimat für wild lebende Tiere aller Art.