Amos und die Gruppendynamik

Die  Farben eines Schals

Opa Hermann war wieder einmal mit seinem Fahrrad und dem Fahrradanhänger unterwegs. In diesem saß Amos auf seiner weichen Kuscheldecke. Opa Hermann hatte dem Piratenschaf eine Motorradbrille übergestülpt – wegen des Fahrtwindes. „Damit du keine Bindehautentzündung bekommst!“
„Und meine Augenklappe?“ „Die würde nur ein Auge schützen, aber weil du diese lediglich aus „piratentechnischen“ Gründen trägst, lassen wir die einfach mal weg, einverstanden?“
Natürlich war das Piratenschaf einverstanden, denn die „Insignie wahrer Piratentugend“ störte ihn doch ein wenig. Sie kamen am Bahnhof vorbei. Amos gewahrte eine Gruppe junger Männer, die torkelnd und grölend ihre Verkleidungen zur Schau stellten. „Wir haben doch gerade erst Karneval gehabt, Opa Hermann!“ Der hielt das Gespann an und wandte sich seinem Schützling zu: „Das hat nichts mit Karneval zu tun, das sind keine Jecken, Amos, das sind Fußball-Fans!“
„Was ist ein Fußball-Fan?“ wollte das Piratenschaf wissen. „Also, ein Fan ist zunächst einmal ein Anhänger eines Idols, das jemand hat, gewissermaßen ein Enthusiast, also wenn man von einem Vorbild begeistert ist und es verehrt!“

„Sag mal ein Beispiel, Opa Hermann, ich kann mir nichts darunter vorstellen, denn auf unserem Piratensegler haben wir nur den Captain Hornblewer und vielleicht noch den Smutje, aber von dem war niemand so recht begeistert.“
„Also“, begann Opa Hermann seine Ausführungen, „junge Menschen sind beispielsweise von einer Musikgruppe begeistert oder einem Sänger oder einer Sängerin. Die meisten Fans finden wir bei Musikgruppen oder Interpreten oder eben beim Fußball. Es gibt auch Fans beim Motorrad- oder Autorennen. Meistens erkennst Du Fans daran, dass sie sich wie Irre benehmen!“ „Wie Irre?“ „Ja, sie verhalten sich absonderlich, besonders die Fans von Fußballmannschaften. Es kommt vor, dass sie sich benehmen, als sei eine Schlacht gewonnen oder verloren gegangen.“

„Das klingt ja nach Krieg, Opa Hermann!“ “ Na, schau mal nach drüben zu der Gruppe, was fällt Dir an denen auf?“
„Sie tragen fast alle die gleichen Hemden, haben trotz Hochsommer dicke Schals um und trinken fast alle Bier aus Blechdosen.“
„Und was fällt Dir noch auf?“ „Na ja, sie grölen irgend etwas“, antwortete Amos, „nur was?“
„Anscheinend hat ihre Mannschaft gewonnen, dann singen sie ihre Vereinshymne“, vermutete der alte Herr. „Vereinshymne? Darunter kann ich mir nichts vorstellen, vielleicht bööööööa?“ „He he“, meinte Opa Hermann, „das kommt dem schon sehr nahe! Beim FC Schalke beginnt sie mit „Blau und weiß, wie lieb ich dich, blau und weihaheiß, verlass mich nicht…!“ So hat jede Mannschaft eine Vereinshymne. Und nach dem Spiel ist das Jaulen und Grölen angesagt!“ „Komisch“, meinte Amos, „haben die denn selbst gespielt?“ „Nee, die lassen spielen! Leider darfst du nicht mit in ein Stadion, sonst würde ich dich mal mitnehmen, wenn WERDER BREMEN im Weser Stadion spielt. Diese Mannschaft hat die Vereinsfarben grün und weiß. Deshalb haben die Fans da drüben alle grün-weiße Schals, die sie schwenken. Schlimm wird es nur, wenn gegnerische Fans aufeinander treffen und eine Mannschaft verloren hat. Dann sind handgreifliche Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Oft begleitet eine ganze Hundertschaft der Polizei die Fans von und zum Stadion. Dann werden Taschen durchsucht nach Pyros und Böllern. In manchen Stadien geht es vor und während des Spieles zu wie zu Sylvester. Das Stadion ist oft so vernebelt, dass die Spieler den Ball gar nicht sehen können. Außerdem ist es unsportlich, wenn man den Spielern die Atemluft verunreinigt, denn die müssen 90 Minuten rennen und um den Ball kämpfen!“ „Weshalb machen die Zuschauer das überhaupt“, wollte Amos wissen, „wenn sie ihre Mannschaft leidenschaftlich verehren?“ „Da sind immer welche dabei, denen es überhaupt nicht um den Sport geht. Die wollen einfach nur Randale machen und tragen dort Stellvertreterkriege aus. Diese Menschen sind dermaßen frustriert und unzufrieden mit ihrem Leben, dass sie ihren miesen Gefühlen in der Menge freien Lauf lassen. Man nennt sie Hooligans, Krawallmacher. Einige Vereine sind berüchtigt für ihre Hooligans. Wenn die im eigenen Stadion zu Gast sind, kommt es zu folgenschweren Ausschreitungen, wie zum Beispiel Massenschlägereien. Dann kann es schon mal Tote und Schwerverletzte geben.“
„Fahr schnell weiter, Opa Hermann, ich bekomme es mit der Angst zu tun“, presste das Piratenschaf zwischen seinen Lippen hervor. „Nee“, sagte Opa Hermann, „pass mal auf, was ich unter der Wolldecke versteckt habe!“ Der pensionierte Bergmann brachte einen grün-weißen Schal zum Vorschein und band ihn Amos um den Hals. Jetzt bist du einer von ihnen. Und wenn wir einer anderen Gruppe begegnen, dann habe ich noch einen anderen Schal unter der Decke versteckt. Werder Bremen hat nämlich heute gegen den Hamburger SV gespielt und deren Vereinssymbol ist eine blauweiße Raute auf blauweißem Untergrund. Also, wenn wir Hamburger Fans begegnen sollten, kannst du blitzschnell den Schal wechseln und ein bekümmertes Gesicht machen. Die haben nämlich heute verloren“.

Sprach`s und bestieg wieder das Fahrrad und begann kräftig in die Pedalen zu treten. Fröhlich winkend steuerte er das Gespann an den Fans vorbei, die ihren Gruß grölend und winkend erwiderten. Amos war wieder mutiger geworden und blökte ebenfalls einen Vereinsgruß hinüber.

Opa Hermann drehte sich während des Strampelns zu Amos um und rief ihm zu: „Jetzt weißt du auch, was Gruppendynamik ist!“

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. Auf dem künstlerischen Sektor seit 1969 präsent, damals noch mit der Gruppe ARASKADE 69, die aus Malern und Autoren bestand. Außer mir ist Frau Dr. Prehm, Scottish Lady of Camster, Autorin und Zeichnerin, das letzte lebende Mitglied der Gruppe. Seit dieser Zeit wurden bis heute ca. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Erste literarische Publikationen im Jahre 1971., hauptsächlich Gedichte und Prosatexte, die in deutschsprachigen Anthologien publiziert wurden oder im Eigenverlag, sowie im Magazin "Die Brücke." Im selben Jahr entwickelte sich eine Freundschaft zu Professor Joseph Beuys, der an der Kunstakademie in Düsseldorf einen Lehrstuhl hatte. Außerdem bestand eine tiefergehende Freundschaft zu Peter Coryllis, einem Schriftsteller, der den Kreis der Freunde leitete, eine lose Vereinigung von hauptsächlich Autoren, aber auch Kunstschaffenden.(Einst hatte der Lambarene-Arzt Albert Schweitzer diesen Freundeskreis gegründet). 1981 Einrichtung einer Zweigstelle der FIU (Free International University for Kreativity and Interdisziplinary Resurch) bei der Volkshochschule Essen - Mitte. (Die FIU war zunächst ein künstlerisches Projekt von Joseph Beuys und einem seiner Meisterschüler, Johannes Stüttgen). Nach einer Aufführung der Fluxuszone Niederrhein wurde vom damaligen Leiter der VHS, Lübben, angeordnet, dass weitere Auftritte der FIU bei der VHS Essen unerwünscht seien. Demzufolge wurde das Reliwette-Museum 1984 in Ostfriesland errichtet und somit gegründet , um ein eigenes Podium zu realisieren. Zur Eröffnung wurde eine mehrteilige Performance initiiert, deren Haupteil mit dem Titel "His masters Voice" in das Zerschießen einer Pyramide aus Fernsehgeräten mittels einer großkalibrigen Vorderladepistole mündete. 1976 erfolgte die Gründung der literarischen Gefangenenzeitung DIABOLO mit einem Insassen-Redaktionsteam der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen. In der Zeit von 1979 bis 1986 entstanden 2 Filme im S8 Format: "Psychodelic memories" und "Abbruch". 1987 erfolgte das Pflanzen eines Labyrinthes aus Berberitzensträuchern auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern. Es handelt sich hierbei um den "Joseph - Beuys - Gedächtnisgarten". In diese Zeit fällt der erste Kontakt zu Karl-Heinz Schreiber, einem literarischen "Urgestein" aus Unterfranken. Aus diesem Kontakt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefgehende Freundschaft. K.H.S war nicht nur Rezensent zeitgenössischer Literatur, sondern auch Herausgeber einer Literaturzeitschrift, Romanverfasser, Dichter und Lyrocker. "Charly" Schreiber verstarb viel zu früh im Jahre 2014. Sowohl die Freundschaft zu Beuys als auch zu Karl-Heinz Schreiber haben meinen literarischen Duktus stark beeinflusst. Noch kurz vor seinem Ableben brachte er den Gedichtband heraus:"Durch den Kaktus gesprochen", der meine wichtigsten Gedichttexte enthält. Das FORUM im Inneren wurde 2002 mit einem Festival der Poesie in Betrieb genommen. Auch hierbei hinterließ K.- H. Schreiber seine Handschrift. Im Jahre 2017 besteht das Labyrinth als Langzeit - Kunstwerk 30 Jahre. Es wird ab dem Sommer 2017 nicht mehr geschnitten und somit der Natur überlassen. Die Bühne samt Bestuhlung wird somit in einen "Dornröschen-Schlaf" versetzt und sich selbst überlassen als Heimat für wild lebende Tiere aller Art.