Verkehrte Welt

Du kannst schlagen wohin du willst, du triffst immer etwas

„Ogottogottogott!“ Opa Hermanns faltenzerfurchtes Gesicht sah aus wie der Grand Canyon. „Was ist los, Opa Hermann?“ fragte das Piratenschaf, „du rufst Deinen Schöpfer an!“ „Unseren Schöpfer!“ meinte der alte Herr, „er ist auch dein Schöpfer! Außerdem habe ich ihn nicht angerufen, sondern ausgerufen!“ „Das klang jetzt aber nicht besonders positiv“, meinte Amos. Der pensionierte Bergmann ließ die Zeitung sinken und pochte mit seiner rechten knochigen Hand auf die Tischplatte. „Jetzt fangen die Irren schon wieder mit der Wahlwerbung an“, hämmerte er die Worte im Takt auf die Tischplatte,“dabei haben sie die anstehenden Probleme noch nicht einmal ansatzweise in den Griff bekommen. Ich plädiere dafür, dass das Wahlalter auf sechs Jahre herabgesetzt wird!“
„Weshalb denn?“ Amos setzte sich die Augenklappe auf das andere Auge und blinzelte seinen Ziehvater durch das frei gewordene Auge an. „Ist doch logisch, Wollknäuel, dann brauchen sich die Werbestrategen nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, welche blöden Sprüche das Wahlvolk zermürben.“ „Sondern?“ „Es reicht, MAOAM, bunte Smarties und Gummibärchen unter die Wähler zu verteilen!“
„Ha ha ha ha ha!“ Amos hüpfte um „vier Ecken“ und machte Bocksprünge in der kleinen Wohnküche: „Das ist lustig, Opa Hermann, du hast immer gute Ideen!“ „Logisch“, meinte Opa Hermann, „das lernt man auf Sohle eins unter Tage in drei Wochen!“
Es klingelte im Vorderhaus. „Nanu, die Post kommt doch erst gegen 16 Uhr, wer kann das sein?“ Opa Hermann erhob sich ächzend aus seinem „Hörn“ (Sorgenstuhl) und watschelte in seinen Slippern zur Haustür. Dabei brummte er etwas wie: „Mein Hüfthalter bringt mich um!“

Es stellte sich heraus, dass sein „früher“ Besucher niemand anderes war als sein letzter und einziger Freund Jupp. „Hallo, altes Steigeisen, was führt dich mitten in der Nacht auf meine Fährte?“ Die beiden Männer klopften sich zur Begrüßung gegenseitig auf die Schultern. „Ich war mal wieder beim Arzt“, berichtete sein ehemaliger Zech- und Zechenkumpel. „Was hat die Untersuchung ergeben?“ wollte Opa Hermann wissen. „Die Pumpe läuft nicht mehr rund, jetzt kommen die Überweisungen an die Fachkliniken!“ „Ja ja, du kommst in der Welt herum“, witzelte sein Freund. „Wenn die Ärzte nicht mehr weiter wissen, dann können sie den Todgeweihten noch schnell die Umsonst-BILD von vorgestern unter die Nase halten und sagen: „Schauen Sie, was ALDI für Sie bereit hält und suchen Sie sich was Schönes aus!“
Jupp musste lachen: „Mir haben sie auch so ein „Wichsblatt“ in den Briefkasten gestopft!“ „Du meinst „Witzblatt?“ „Ist das selbe!“ „Nee!“ „Doch!“ „Nee, wirklich nicht! Denk mal nach!“ Opa Hermann war sich seiner Sache sicher!
„Komm erst mal rein, die Zeiten des Stehkonvents sind lange vorbei. Wir besprechen die Lage im Sitzen!“
„Bier oder Cognac?“ „In der Reihenfolge, wenn es beliebt! Ach, Amos ist auch da, wo hast deine Linda gelassen?“ fragte er das Piratenschaf. „Ist beim Frauenarzt, kann sein, dass wir Nachwuchs bekommen!“ “ O, ihr macht kleine Piratenschafe?“
Opa Hermann mischte sich ein: „Das sind die kleinen Freuden des Lebens!“ „Aber nicht mehr zeitgemäß“, mäkelte Jupp, „wir brauchen Bullterrier und American Staffordshire, um unser Eigentum zu schützen, die Polizei kann es ja nicht, wegen Unterbesetzung!“ „Nee natürlich nicht, wenn die halbe Bevölkerung mit Regieren beschäftigt ist!“ Opa Hermann guckte grimmig. Er sah in diesem Moment selber aus wie ein Bullterrier. „Herrmann, besinn dich, ich bin`s, dein alter Kumpel Jupp!“
Die beiden Männer lachten. Jupp jetzt: „Wäre ich nur Förster geworden, ich hätte jetzt drei Langwaffen und eine Kurzwaffe für den Notfall!“ „Biste aber nicht, dafür hast jetzt Silikose!“ „Jau“, sagte Jupp, „jetzt kann ich die Einbrecher totspucken!“
„Was ist nur mit den Menschen los?“ sinnierte Opa Hermann, „ich habe das Gefühl, dass ich – in der Menge gesehen – mit lauter belegten Brötchen rede!“ „Das macht der Kapitalismus aus uns“, versuchte Jupp ihn zu beruhigen, „kaufen, kaufen, kaufen, wegschmeißen und neu kaufen, das ist das Credo der Wegwerfgesellschaft. Neues Smartphone gefällig?“
„Ich habe noch nicht einmal ein altes!“ Opa Hermann zeigte auf den Tisch: „Sieh dort, ein Telefon mit Wählscheibe!“ „Das funktioniert doch gar nicht mehr“, reklamierte Jupp, „das geht doch heute nur noch analog!“ „Sieht aber gut aus“, verteidigte Opa Hermann starrsinnig seine Weltanschauung und fügte hinzu: „Ruft doch eh niemand an!“ „Ja ja, und dein Hörgerät ist noch ein Ofenrohr, oder wie?“
„Einfach nur lauter sprechen und nicht nuscheln“, gab Opa Hermann zurück. „Und wie machste das mit Deinem Fernseher?“ wollte sein Freund wissen.“Welcher Fernseher?“ grunzte Opa Hermann. „Ich lese abends.“ „Wie? Du kannst lesen? Das ist ja ein völlig neuer Aspekt. Es gibt doch heutzutage Hörbücher. Eine der letzten Ausgaben ist von Helmut Kohl, aber ich weiß nicht, ob seine Biografie vollendet wurde. Nach meinem  Wissensstand hat er seinen Biografen um mehrere Millionen Euro verklagt, weil der etwas veröffentlicht hatte, was der große Staatsmann Kohl zwar gesagt, aber nicht gedruckt sehen wollte.“
„Siehste“, empörte sich Opa Hermann, „das kommt davon, wenn man selber nicht lesen und schreiben kann!“

„Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, dass der ehemalige Staatsmann, Helmut Kohl, nicht schreiben konnte?“ „Na ja, das kommt darauf an, wo ich den Level ansetze, zum Bundeskanzler hat es gereicht, zum Autor nicht….“

Rentnertreffen

Eine helfende Hand findet sich immer


„Wie geht es, Jupp?“ Opa Hermann begrüßte seinen alten Zechenkumpel mit großer Freude. Der konterte die Frage mit: „Gestern ging es noch, heute habe ich noch nicht probiert!“ Die Männer lachten. „Man trifft sich immer häufiger vor dem Supermarkt, alter Steppenwolf!“

„Ist für mich auch nahezu die einzige Möglichkeit geworden, Geld auszugeben“, feixte Jupp, „ausgenommen über das Internet, du weißt schon, Zahnkleber, Ersatzteillager – äh – die ganze Palette. Ich bin ja soooo genügsam!“

„Na ja, alter Grubenhirsch, dann hast du ja trotzdem den ganzen Tag etwas zu tun!“ „Na ja, bis auf Kirschkern-Weitspucken sind die Stunden abgedeckt!“ „Bei dir was Neues?“ „Das Gras ist wieder gewachsen!“ „Nee!“ „Doch!“ „Schon wieder?“

Die beiden Männer waren dicht vor dem Eingang stehen geblieben, um die tägliche Parade abzunehmen. Da näherte sich auch schon ein bekannter Rollatorführer.
„Hallo Ernst“, rief Jupp dem Heranrollernden zu, „auch schon unterwegs?“ Der Angesprochene blieb mit seinem  Rollator stehen, zog die Bremsen an und setzte sich auf den Ruhesitz des Gefährtes. „Jo, es gibt Sonderangebote, meine bessere Hälfte schickt mich zur Überprüfung!“
„Seit du nicht mehr beim TÜV die Autos von der Strecke holen kannst, hast du dein Betätigungsfeld auf die Einkaufswagen verlegt, gelle?“

Ernst machte ein gequältes Gesicht. „Da ist nicht viel zu überprüfen, denn das meiste an denen ist Luft!“ Es dauerte gar nicht lange, dann näherte sich eine weitere Gestalt dem Trio. Es handelte sich um Heinz, den Kriegsveteranen. Dieser nahm sofort Kontakt zu ihnen auf: „Nice to meet you“, sagte er zur Begrüßung und blieb bei ihnen stehen. Er hatte seine Kriegsgefangenschaft in den USA abgeleistet, weil er einen komplizierten Durchschuss abbekommen hatte und in den Staaten als Versuchsobjekt medizinisch versorgt wurde. Bei der Gelegenheit hatte er Kenntnisse der englischen Sprache erworben. „Wir können dir leider keinen Platz anbieten“, sagte Opa Hermann, „es sei denn, du nimmst in einem Einkaufswagen Platz.“
Der Angesprochene reagierte prompt: „Die haben doch heute Gartenstühle im Angebot, sollen wir vier Stück kaufen? Die können wir doch anschließend wieder umtauschen. Sagst einfach, dass die wackeln!“ „Umtauschen macht Spaß“, gab Ernst zu. „Der Frau an der Kasse bestimmt nicht,“ gab Opa Hermann zu bedenken. „Solange die mit Umtauschen beschäftigt ist, muss sie den Laden nicht putzen“, fügte Heinz hinzu.
Er wandte sich an Opa Hermann: „Was macht Dein Piratenschaf?“ „Frisst Gras!“ „Aha!“
Die Kunden hatten Mühe, mit ihren Drahtwagen den Eingang zu passieren. Die Männer hatten sich geschickt über die Passage verteilt. „Rentnertreff?“ fragte eine Dame mittleren Alters. „Zwei von uns sind Pensionäre“, gab Jupp wahrheitsgemäß zu Protokoll, „so viel Zeit muss sein!“ Die Frau grinste mitleidig und verschwand mit ihrem Gefährt im Inneren des Supermarktes.
„Stehen wir hier im Weg?“ fragte Ernst in die Runde.  „Nicht mehr als sonst auch! Außerdem, Lagebesprechung ist Lagebesprechung, und die findet am Ort des Geschehens statt“, formulierte Jupp und behustete seine Umgebung. „Also, wenn wir jetzt vier Gartenstühle besorgen, dann brauchen wir auch einen Gartentisch“, behauptete Heinz, „das nennt man Set! Wir könnten ja fragen, ob uns das jemand zum Auto bringt“. „Bleibt mal hier und sichert mir den Rückzug“, forderte Jupp die Männergruppe auf, „ich gehe rein und ordere die Teile!“ Sprachs und verschwand im Discounter.
„Der macht das wirklich, ich fasse es nicht“, meinte Ernst. Nach 10 Minuten öffnete sich eine Tür und zwei Weißbekittelte trugen vier Gartenstühle und einen Gartentisch ins Freie. Hinterdrein erschien Jupp und grinste über das ganze Gesicht. „Stellen Sie es ruhig hier ab“, sagte er, „meine Freunde helfen mir sicher weiter! Vielen Dank!“ Die beiden Angestellten verschwanden wieder im Inneren des Gebäudes.
„Wo sind die Kartons geblieben?“ wollte Opa Hermann wissen. „Die habe ich gleich drinnen entsorgen lassen“, grinste Jupp.  „Und wenn du die Sachen gleich umtauschen willst, dann hast du doch die Verpackung nicht mehr!“ wandte Opa Hermann ein.

„Wer sagt denn, dass ich die Garnitur umtauschen will? Das war doch vorhin nur Spaß. Gundi hat mich geschickt, ich soll die Garnitur für die Veranda kaufen. Und jetzt könnt ihr mir dabei helfen, die Sachen ins Auto zu tragen, na ja – bis auf Ernst, der ist ja Rollatorführer.“

 

 

 

 

Opa Hermann und Jupp vom Donner gerührt

Nur ohne Unterschrift gültig

 

„Naaaaa, wie ist die Lage? Ich meine die politische?“ Jupp grinste Opa Hermann an wie ein Honigkuchenpferd. „Du mich auch mal“, entgegnete der Angesprochene, weil er nicht wollte, dass sein bester und einziger Freund, der ihm noch verblieben war, immer und immer wieder auf dieses Knöpfchen drückte – und zwar im Wissen, dass er damit Opa Hermann aus der Fassung bringen konnte. Deshalb sagte er noch: „Passt zum Wetter!“
Es regnete in Strömen, der Himmel hatte sich verfinstert, in der Ferne war dumpfes Grollen zu hören. „Der Beschuss kommt näher“, fügte Kumpel Jupp hinzu. „Richtiges Bierwetter“, gab Opa Hermann bekannt und öffnete den Kühlschrank. Er entnahm ihm zwei Flaschen Gerstensaft. Eine reichte er Jupp, die andere behielt er für sich. „Kühles Bier am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“, wusste er zu berichten. „Alter Heimatdichter“, frotzelte sein Freund. „Es heißt aber in Wirklichkeit: Schnaps und Nikotin rafft die halbe Menschheit hin, doch ohne Tabakdunst und Rauch stirbt die andere Hälfte auch!“ „Du und Deine Kalenderblätter“, stichelte jetzt Opa Hermann. „Woher hast du diesen Spruch? Wahrscheinlich aus der Hypothekenrundschau?“ „Ich habe so meine Quellen, die mir zuarbeiten!“
„Aber jetzt mal im Ernst. Hast du das mit dem Trump mitgekriegt?“ „Du meinst die Anhörung vor dem Ausschuss mit dem geschassten FBI- Chef?“ „Ja, das meine ich! Der Trump lügt doch wie gedruckt und streitet alles ab!“ „Nee nee, der lässt abstreiten – durch seinen Anwalt. Das ist ein Unterschied. Wenn es hart auf hart kommt, kann er sagen, dass sein Anwalt gelogen hat!“ „Das ist doch dasselbe!“ „In Amerika nicht! Übrigens, die Einlassungen der beiden werden doch von den Beteiligten aus den Lagern der Demokraten und der Republikaner durch schwammige Fragen dermaßen aus einer Richtung gekippt, dass sie letztlich nicht justiziabel sind.“
„Sag mal ein Beispiel“, forderte Jupp , „das ist alles schwer vorstellbar. “ „Na, wenn ein Mitarbeiter von den Demokraten den FBI-Chef fragt, ob Trump ihn zum Abbruch einer gewissen Untersuchung genötigt habe, dann spricht einer von den Republikanern von Blähungen, die ein gewisses Unwohlsein bei dem Gefeuerten ausgelöst haben muss, weil dessen Mitarbeiter mit der Führung und Methode der Amtsgeschäfte nicht einverstanden gewesen seien, weswegen der Präsident ihn entlassen habe.“
Ein ohrenbetäubender Donnerschlag ließ just in diesem Moment das Dach des alten Siedlerhauses erbeben. „Siehst du?“, stichelte Jupp, „der Trump hat seine Spitzel sogar in den Gewitterwolken, sei bloß vorsichtig mit dem was du sagst!“
„Keine Bange, der kriegt nix mit. Der meint ja, dass Belgien eine schöne Stadt sei. Glaubst du im Ernst, dass er weiß, wo die Ostfriesen die Herrschaft über die Gezeiten der Nordsee übernommen haben?“ „Nein, der Trump nicht, aber seine Raketen wissen das! Wenn der rauskriegt, dass in seinem Aktenkoffer keine Hemden zum Wechseln sind, sondern die Codes für seine Atomraketen, dann gute Nacht!“
„Das weiß der!“ „Das weiß der nicht!“ „Doch!“ „Nie im Leben!“ „Wetten?“
Die beiden einigten sich schließlich auf „Prost! Austrinken!“
„Wenn der Heini da in Amerika den Vertrag zur Reduktion des Kohlendioxidausstoßes kündigt, ist ihm alles zuzutrauen. Der glaubt allen Ernstes, dass es wirtschaftlich mit den USA wieder bergauf geht, wenn ein paar alte Bergwerksstollen wieder in Betrieb genommen werden!“
„Eigentlich sollte er mal erkennen, dass die Kosten für die wahnsinnig aufwendige Rüstungsmaschinerie den Haushalt nicht nur bis an die Grenzen der Belastbarkeit treiben, sondern die Produktion von Waffen extrem einseitige Beschäftigungslagen darstellen. Das Gleiche ist vor Jahren mit Russland passiert, und gerade ist ein gewisser Kim Jong-un damit beschäftigt, sein Land kaputt zu rüsten. Im Grunde schaffen sich solche Staaten selber ab. Die Kosten für Stationierungen in aller Welt besorgen den Rest.“
“ Da gibt es Beispiele aus frühen Epochen“, ergänzte Jupp, „der Untergang des römischen Imperiums und der Untergang des riesigen ägyptischen Reiches. Riesenheere kosten Geld, sehr viel Geld, und wenn man die Kosten nicht aus Beutezügen bestreiten will oder kann, dann werden die Steuereinnahmen dafür verwendet.“ „So ist es, mein Freund, andere, viel wichtigere Ressorts werden nicht mehr entsprechend finanziell abgesichert. Zum Beispiel der Bildungssektor, soziale Einrichtungen des kulturellen Lebens, letztlich wird an den Renten gespart und Einrichtungen wie Bahn und Autobahnen an Privatinvestoren abgegeben, wobei nur ein gewisser Prozentsatz in öffentlicher Hand bleibt. Den Nutzen haben dann aber private Gesellschaften oder Banken. Das Bruttosozialprodukt eines Staates wird nicht nur verplempert, sondern aus der Hand der Gemeinschaft gegeben.“
„Wenn jemand glaubt, die von ihm gewählten Volksvertreter richten die Angelegenheiten zum Wohle der Allgemeinheit, dann ist das ein Irrtum! Bedient werden die Lobbyisten, die wiederum große Summen an die Regierungsparteien spenden und sie natürlich von der Steuer absetzen. Damit wird verhindert, dass kleine Parteien an Einfluss gewinnen!“
„Und was willst du dagegen tun?“ Jupps Gesicht hatte sich noch mehr verfinstert. „Für mich eine klare Sache“, grinste Opa Hermann, „die werden sich wundern, wo ich bei der nächsten Bundestagswahl meine Kreuze mache!“
„Wie ich Dich kenne, Hermann, kriegst du es fertig und unterschreibst den Wahlzettel, damit die Wahlhelfer sehen, aus welcher Richtung dein Wind weht. Aber es ist dir schon klar, dass du damit deinen Wahlschein ungültig machst?“
„Ach nee!“ Opa Hermanns Augen glitzerten. Er nahm einen tiefen Zug aus der Bierflasche:
„Meinst du wirklich? Ich bin doch nicht blöd. Ich schreibe den Namen von Captain Hornblewer drunter.“

 

Amos und die Gruppendynamik

Die  Farben eines Schals

Opa Hermann war wieder einmal mit seinem Fahrrad und dem Fahrradanhänger unterwegs. In diesem saß Amos auf seiner weichen Kuscheldecke. Opa Hermann hatte dem Piratenschaf eine Motorradbrille übergestülpt – wegen des Fahrtwindes. „Damit du keine Bindehautentzündung bekommst!“
„Und meine Augenklappe?“ „Die würde nur ein Auge schützen, aber weil du diese lediglich aus „piratentechnischen“ Gründen trägst, lassen wir die einfach mal weg, einverstanden?“
Natürlich war das Piratenschaf einverstanden, denn die „Insignie wahrer Piratentugend“ störte ihn doch ein wenig. Sie kamen am Bahnhof vorbei. Amos gewahrte eine Gruppe junger Männer, die torkelnd und grölend ihre Verkleidungen zur Schau stellten. „Wir haben doch gerade erst Karneval gehabt, Opa Hermann!“ Der hielt das Gespann an und wandte sich seinem Schützling zu: „Das hat nichts mit Karneval zu tun, das sind keine Jecken, Amos, das sind Fußball-Fans!“
„Was ist ein Fußball-Fan?“ wollte das Piratenschaf wissen. „Also, ein Fan ist zunächst einmal ein Anhänger eines Idols, das jemand hat, gewissermaßen ein Enthusiast, also wenn man von einem Vorbild begeistert ist und es verehrt!“

„Sag mal ein Beispiel, Opa Hermann, ich kann mir nichts darunter vorstellen, denn auf unserem Piratensegler haben wir nur den Captain Hornblewer und vielleicht noch den Smutje, aber von dem war niemand so recht begeistert.“
„Also“, begann Opa Hermann seine Ausführungen, „junge Menschen sind beispielsweise von einer Musikgruppe begeistert oder einem Sänger oder einer Sängerin. Die meisten Fans finden wir bei Musikgruppen oder Interpreten oder eben beim Fußball. Es gibt auch Fans beim Motorrad- oder Autorennen. Meistens erkennst Du Fans daran, dass sie sich wie Irre benehmen!“ „Wie Irre?“ „Ja, sie verhalten sich absonderlich, besonders die Fans von Fußballmannschaften. Es kommt vor, dass sie sich benehmen, als sei eine Schlacht gewonnen oder verloren gegangen.“

„Das klingt ja nach Krieg, Opa Hermann!“ “ Na, schau mal nach drüben zu der Gruppe, was fällt Dir an denen auf?“
„Sie tragen fast alle die gleichen Hemden, haben trotz Hochsommer dicke Schals um und trinken fast alle Bier aus Blechdosen.“
„Und was fällt Dir noch auf?“ „Na ja, sie grölen irgend etwas“, antwortete Amos, „nur was?“
„Anscheinend hat ihre Mannschaft gewonnen, dann singen sie ihre Vereinshymne“, vermutete der alte Herr. „Vereinshymne? Darunter kann ich mir nichts vorstellen, vielleicht bööööööa?“ „He he“, meinte Opa Hermann, „das kommt dem schon sehr nahe! Beim FC Schalke beginnt sie mit „Blau und weiß, wie lieb ich dich, blau und weihaheiß, verlass mich nicht…!“ So hat jede Mannschaft eine Vereinshymne. Und nach dem Spiel ist das Jaulen und Grölen angesagt!“ „Komisch“, meinte Amos, „haben die denn selbst gespielt?“ „Nee, die lassen spielen! Leider darfst du nicht mit in ein Stadion, sonst würde ich dich mal mitnehmen, wenn WERDER BREMEN im Weser Stadion spielt. Diese Mannschaft hat die Vereinsfarben grün und weiß. Deshalb haben die Fans da drüben alle grün-weiße Schals, die sie schwenken. Schlimm wird es nur, wenn gegnerische Fans aufeinander treffen und eine Mannschaft verloren hat. Dann sind handgreifliche Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Oft begleitet eine ganze Hundertschaft der Polizei die Fans von und zum Stadion. Dann werden Taschen durchsucht nach Pyros und Böllern. In manchen Stadien geht es vor und während des Spieles zu wie zu Sylvester. Das Stadion ist oft so vernebelt, dass die Spieler den Ball gar nicht sehen können. Außerdem ist es unsportlich, wenn man den Spielern die Atemluft verunreinigt, denn die müssen 90 Minuten rennen und um den Ball kämpfen!“ „Weshalb machen die Zuschauer das überhaupt“, wollte Amos wissen, „wenn sie ihre Mannschaft leidenschaftlich verehren?“ „Da sind immer welche dabei, denen es überhaupt nicht um den Sport geht. Die wollen einfach nur Randale machen und tragen dort Stellvertreterkriege aus. Diese Menschen sind dermaßen frustriert und unzufrieden mit ihrem Leben, dass sie ihren miesen Gefühlen in der Menge freien Lauf lassen. Man nennt sie Hooligans, Krawallmacher. Einige Vereine sind berüchtigt für ihre Hooligans. Wenn die im eigenen Stadion zu Gast sind, kommt es zu folgenschweren Ausschreitungen, wie zum Beispiel Massenschlägereien. Dann kann es schon mal Tote und Schwerverletzte geben.“
„Fahr schnell weiter, Opa Hermann, ich bekomme es mit der Angst zu tun“, presste das Piratenschaf zwischen seinen Lippen hervor. „Nee“, sagte Opa Hermann, „pass mal auf, was ich unter der Wolldecke versteckt habe!“ Der pensionierte Bergmann brachte einen grün-weißen Schal zum Vorschein und band ihn Amos um den Hals. Jetzt bist du einer von ihnen. Und wenn wir einer anderen Gruppe begegnen, dann habe ich noch einen anderen Schal unter der Decke versteckt. Werder Bremen hat nämlich heute gegen den Hamburger SV gespielt und deren Vereinssymbol ist eine blauweiße Raute auf blauweißem Untergrund. Also, wenn wir Hamburger Fans begegnen sollten, kannst du blitzschnell den Schal wechseln und ein bekümmertes Gesicht machen. Die haben nämlich heute verloren“.

Sprach`s und bestieg wieder das Fahrrad und begann kräftig in die Pedalen zu treten. Fröhlich winkend steuerte er das Gespann an den Fans vorbei, die ihren Gruß grölend und winkend erwiderten. Amos war wieder mutiger geworden und blökte ebenfalls einen Vereinsgruß hinüber.

Opa Hermann drehte sich während des Strampelns zu Amos um und rief ihm zu: „Jetzt weißt du auch, was Gruppendynamik ist!“