Opa Hermann und die Erfindungen

 

Wenn der Haifisch mit den Zähnen klappert

 Kuchen und Tee gab es auf der stilvoll angerichteten Tafel in Jupps „Garden-Restaurant“. Burgel, seine Frau, hatte alles so fein arrangiert. Eine Blumenvase mit Frühlingsblumen zierte den Tisch mit dem erlesenen Porzellanservice, Marke „Ostfriesisches Blumenmuster“. Diese Tassen waren so dünnwandig, dass man fast hindurchgucken konnte, wenn man sie gegen das Licht hielt. „Kommen die aus China?“ wollte Opa Hermann wissen. Burgel lachte: „Schau mal auf den Boden der Tasse, dann kannst du den Hersteller ermitteln.“ „Ermitteln? Bin doch nicht bei der Kripo“, scherzte der alte Bergmann. „Sicher sehr teuer?“ „Es gibt Angebote im Ramschladen“, antwortete Burgel lächelnd, „dort bekommt man ein ganzes Service für den Wert einer Teekanne mit der ostfriesischen Rose!“ „Aha“, staunte Opa Hermann, „mein bestes Stück ist eine emaillierte Suppenschüssel aus der Vorkriegszeit!“ „Na, na, jetzt haust du aber ordentlich auf den Putz“, wies ihn sein alter Kumpel Jupp in die Schranken. „Ich habe deine Sammlung Meißener Porzellans selbst in Deinem Küchenschab gesehen, meinst wohl, ich kenne die Bedeutung der zwei gekreuzten Schwerter nicht?“ „Ein Andenken an meine Frau“, verteidigte sich Opa Hermann, „ich selbst habe so teures Geschirr nie besessen! Ich trinke aus meinem alten Blechbecher, bis er durchrostet. Deshalb stimmen auch meine Eisenwerte im Blut!“ „Demnach müssten deine Kohlenstoffwerte auch gut sein“, frotzelte Burgel und kicherte in sich hinein, „als ehemaliger Zechengänger!“ „Das heißt nicht „Zechengänger“, das heißt „Kneipengänger!“ Jetzt kicherte Opa Hermann und warf Jupp einen verstohlenen Blick zu.

Kurze Zeit später aß man von der Apfeltorte, welche Burgel selbst gebacken hatte und trank Ostfriesentee. „Drei Tassen sind Ostfriesenrecht“, rezitierte Jupp! Opa Hermann fiel ihm ins Wort: „Und nach der vierten wird`s dir schlecht!“ Alle lachten.

„Habt ihr auch schon von den neuesten Autos gehört oder gelesen? Die sollen sich von alleine steuern?“ Burgel hatte das Thema gewechselt. „Ich trau dem Braten nicht“, meinte Jupp und langte nach einem weiteren Stück Kuchen. „Gefällt mir auch nicht“, pflichtete ihm Opa Hermann bei.
„Finde ich auch,“ meinte Burgel, „in den Autos ist ohnehin schon viel zu viel Elektronik.“
„In meinem letzten „Zafira“ brannte andauernd die ESP-Kontrolllampe“, ärgerte sich Jupp, „wenn ich damit in der Werkstatt war, haben die Monteure den Fehler mit Hilfe des Diagnosegerätes ausgelesen. Die Kontrollleuchte blieb dann 14 Tage aus. Danach leuchtete sie wieder.“ „Was hast du mit dem teuren Siebensitzer gemacht?“ wollte Opa Hermann wissen. „Den habe ich in Zahlung gegeben, weil ich es Leid war. Später habe ich erfahren, dass es an der Spur gelegen haben soll. Die Spur war verstellt, wahrscheinlich eine Folge von Bordsteinkontakt beim Einparken. Und wenn so ein Elektronikfehler bei selbststeuernden Autos auftritt….“
“ Na, dann ist man nicht schuld bei einem Verkehrsunfall?“ Opa Hermann wog seinen Kopf hin und her. „Nein“, scherzte Burgel, „du sagst zur Polizei, dass wir alle hinten gesessen haben.“
„Andererseits kannst du auch mit dem Zug fahren, wenn man nicht mehr lenken und schalten muss oder bremsen“, warf Jupp in die Debatte. „Aber der hält nicht vor deiner Haustür“, gab Burgel zu bedenken, „und dann ist da noch immer das Problem mit dem Gepäck!“
„Aber man kann im Auto Sex haben während der Fahrt, wenn man nicht steuern muss“, triumphierte Opa Hermann!“ „Das kannst du jetzt auch haben, musst nur anhalten“, belehrte ihn Jupp.
„Bei größeren Reisemobilen lässt sich der Fahrersessel um 180 Grad schwenken“, fiel Jupp plötzlich ein. „Da könnte man theoretisch während der Fahrt Skat spielen.“ „Oder Canasta“, ergänzte Burgel. Sie mochte das Skatspielen nicht, weil sie die Sache mit dem Reizen nicht verstand. „Reizen ist auch ein blödes Wort“, gab Opa Hermann zu, „es handelt sich doch um ein Vergleichen von Karten- bzw. Spielwerten. Wer den höchsten Spielwert auf der Hand hat, darf spielen, und schon hat er die beiden anderen Spieler als Gegner.“

„Hermann will schon lange den Duden umschreiben“, lästerte sein Freund. Doch dieser ging gar nicht darauf ein, sondern sagte:“Also wenn mein Nachbar zu seiner Lotti, das war sein Kaltblutpferd, sagte: „Nach Hause“, dann konnte er besoffen auf dem Kutschbock einpennen. Seine Frau holte ihn später vom Wagen, wenn die beiden daheim einliefen. Also neu ist das mit der „Selbstfahrlafette“ nicht gerade!“ „Das Problem ist nur, dass du den Gaul nicht auf den Vordersitz deines Autos kriegst.“

„Die Welt wird doch immer verrückter! Wenn die leisen Elektroautos demnächst den Erdball erobern, werden die „Resonanzkörper“ kriegen, in denen ein künstliches Motorengeräusch erzeugt wird! So sollen Unfälle vermieden werden“, meinte Opa Hermann.
„Die sollen gefälligst mal was Sinnvolles erfinden“, maulte Jupp und sein Gesicht verfinsterte sich. „An was denkst du, mein Göttergatte?“

Alle blickten gespannt auf Jupp, der jetzt was Sinnvolles liefern musste.

„Also, ich stelle mir Wirsinggemüse vor, das die Konsistenz und den Geschmack von Schweinebraten hat, oder ein Gebiss, in welchem alle verlorenen Zähne sofort wieder nachwachsen wie beim Haifisch! Ferner stelle ich mir ein Testverfahren vor, dass alle Bescheuerten von den Wahlurnen fernhält und ein anderes, das verhindert, dass Bekloppte an die Spitze eines Staates gelangen. Das ist doch nicht zuviel verlangt, oder?“

Hartmut Tettweiler Reliwette

Autor: Hartmut Tettweiler Reliwette

Hartmut T. Reliwette, geb. 1943 in Berlin Maler, Bildhauer, Performer, Autor. Auf dem künstlerischen Sektor seit 1969 präsent, damals noch mit der Gruppe ARASKADE 69, die aus Malern und Autoren bestand. Außer mir ist Frau Dr. Prehm, Scottish Lady of Camster, Autorin und Zeichnerin, das letzte lebende Mitglied der Gruppe. Seit dieser Zeit wurden bis heute ca. 70 Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen oder Performances im In- und Ausland realisiert. Erste literarische Publikationen im Jahre 1971., hauptsächlich Gedichte und Prosatexte, die in deutschsprachigen Anthologien publiziert wurden oder im Eigenverlag, sowie im Magazin "Die Brücke." Im selben Jahr entwickelte sich eine Freundschaft zu Professor Joseph Beuys, der an der Kunstakademie in Düsseldorf einen Lehrstuhl hatte. Außerdem bestand eine tiefergehende Freundschaft zu Peter Coryllis, einem Schriftsteller, der den Kreis der Freunde leitete, eine lose Vereinigung von hauptsächlich Autoren, aber auch Kunstschaffenden.(Einst hatte der Lambarene-Arzt Albert Schweitzer diesen Freundeskreis gegründet). 1981 Einrichtung einer Zweigstelle der FIU (Free International University for Kreativity and Interdisziplinary Resurch) bei der Volkshochschule Essen - Mitte. (Die FIU war zunächst ein künstlerisches Projekt von Joseph Beuys und einem seiner Meisterschüler, Johannes Stüttgen). Nach einer Aufführung der Fluxuszone Niederrhein wurde vom damaligen Leiter der VHS, Lübben, angeordnet, dass weitere Auftritte der FIU bei der VHS Essen unerwünscht seien. Demzufolge wurde das Reliwette-Museum 1984 in Ostfriesland errichtet und somit gegründet , um ein eigenes Podium zu realisieren. Zur Eröffnung wurde eine mehrteilige Performance initiiert, deren Haupteil mit dem Titel "His masters Voice" in das Zerschießen einer Pyramide aus Fernsehgeräten mittels einer großkalibrigen Vorderladepistole mündete. 1976 erfolgte die Gründung der literarischen Gefangenenzeitung DIABOLO mit einem Insassen-Redaktionsteam der Sozialtherapeutischen Anstalt Gelsenkirchen. In der Zeit von 1979 bis 1986 entstanden 2 Filme im S8 Format: "Psychodelic memories" und "Abbruch". 1987 erfolgte das Pflanzen eines Labyrinthes aus Berberitzensträuchern auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern. Es handelt sich hierbei um den "Joseph - Beuys - Gedächtnisgarten". In diese Zeit fällt der erste Kontakt zu Karl-Heinz Schreiber, einem literarischen "Urgestein" aus Unterfranken. Aus diesem Kontakt entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefgehende Freundschaft. K.H.S war nicht nur Rezensent zeitgenössischer Literatur, sondern auch Herausgeber einer Literaturzeitschrift, Romanverfasser, Dichter und Lyrocker. "Charly" Schreiber verstarb viel zu früh im Jahre 2014. Sowohl die Freundschaft zu Beuys als auch zu Karl-Heinz Schreiber haben meinen literarischen Duktus stark beeinflusst. Noch kurz vor seinem Ableben brachte er den Gedichtband heraus:"Durch den Kaktus gesprochen", der meine wichtigsten Gedichttexte enthält. Das FORUM im Inneren wurde 2002 mit einem Festival der Poesie in Betrieb genommen. Auch hierbei hinterließ K.- H. Schreiber seine Handschrift. Im Jahre 2017 besteht das Labyrinth als Langzeit - Kunstwerk 30 Jahre. Es wird ab dem Sommer 2017 nicht mehr geschnitten und somit der Natur überlassen. Die Bühne samt Bestuhlung wird somit in einen "Dornröschen-Schlaf" versetzt und sich selbst überlassen als Heimat für wild lebende Tiere aller Art.