Quälende Erinnerung

Erfassbar,  aber nicht zu fassen

 „Ich träume in letzter Zeit immer wieder von Brutus, dem Leithammel, du weißt schon, Opa Hermann.“
„Was träumst du denn genau?“ wollte der alte Herr wissen. „Der blöde Brutus fragt mich dauernd nach der Losung, und ich weiß dann das Losungswort nicht!“
„Hm“, meinte Opa Hermann, „das hat was mit Zugehörigkeit zu tun. Es mag sein, dass du Angst davor hast, alleine zu sein oder zu bleiben.“ „Ich gehöre ja auch gar nicht zu den Schafherden“, räumte Amos ein, „ich gehöre zur Mannschaft von Captain Hormblewer!“
„Aber da die lieben Piraten jetzt auf und davon sind, gehörst du nicht mehr zur Mannschaft. Ich bin zwar kein Psychologe, sondern ein pensionierter Bergmann, aber es scheint mir ziemlich sicher, dass du unter Verlustängsten leidest, zumal du nach deiner Jugendliebe suchst. Wie hieß sie doch gleich?“
„Linda“, sagte das Piratenschaf leise, „sie ist meine große Liebe. Ach, wenn wir doch nur zusammen wären!“ „Du wirst sie eines Tages finden, lieber Amos, da bin ich mir ganz sicher!“ „Meinst du wirklich?“ Amos stieß einen langen Seufzer aus. (Wie hört sich eigentlich ein Seufzer an?)

„Aber es gibt noch eine andere Variante – äh – Traumvariante – , die das Vorkommen von einem Leithammel in deinen Träumen erklärt“, sagte der alte Herr mit einem breiten Grinsen. Amos blickte erwartungsvoll zu seinem Ziehvater hoch: „Was könnte das sein?“
„Nun, Leithammel sind das Schlimmste und das Segensreichste zugleich, was einer Schafherde widerfahren kann“, begann der alte Bergmann seine Erklärung. „Zum einen schützt ein Leittier die Herde durch seine Erfahrung vor Schäden und Unfällen. Es geht voran und sucht den sichersten Weg und kennt die saftigsten Weidegründe.“ „Aha“, meinte das Piratenschaf, „aber…. – da kommt doch sicher ein aber?“

„Richtig! Da kommt ein dickes „aber“. Das ist so dick wie Teer. Dieses „aber“ klebt an ihnen, weil die Menschen die Leithammel für sich ausnutzen.  Man sollte niemandem blindlings folgen, und hier eröffnet sich eine Parallele zu den Menschen. Sie haben ebenfalls – na sagen wir ruhig einmal „Leithammel“. Die werden von der Mehrzahl gewählt. Aber sie dienen nicht der gesamten Herde, sondern den Lobbyisten, den Mächtigen z.B. aus der Wirtschaft. Es gibt aber noch andere Lobbyisten. Das sind große Einheiten aus bestimmten Berufsgruppen, den Beamten, dem Militär, den Gewerkschaften. Kurzum, alle Interessengruppen wollen bedient werden.“
„Verstehe ich nicht“, blökte das Piratenschaf, „bei uns geht es nur um Gras und Schafsdamen!“
Opa Hermann bekam einen Hustenanfall. Ihm war Spucke in die falsche Tröte geraten, weil er plötzlich so lachen musste. „Denkst du, dass es bei den Menschen anders ist? Da geht es nicht um Gras, sondern um Geld. Mit dem Geld können sich die Menschen Nahrung kaufen und natürlich alles, was über den täglichen Verzehr hinaus geht. Auch die Menschen haben eine Losung. Diese besteht aber nicht aus einem Wort, das ausgesprochen wird, um dazu zu gehören, sondern um ein ganzes Buch, ein so genanntes Parteiprogramm. Wer also dazu gehören will“, kicherte Opapa Hermann, „tritt in eine Partei ein und bekommt ein Parteibuch. Jetzt gehört dieser Mensch zu seiner Herde.“ „Und wer führt so eine Herde an?“ wollte Amos jetzt wissen. „Na, der Leithammel“, grinste Opa Hermann. „Wer die meisten Stimmen aus seiner Partei auf sich vereinigt, der wird der oberste Leithammel, so einfach ist das.“  Amos staunte. „Ich dachte, der wird vom Schäfer eingesetzt!“ „Ha ha ha ha ha“, Opa Hermann brach in ein irres Gelächter aus. „Bei den Menschen dienen sich die obersten Leithammel den Mächtigsten unter allen Herden von ganz alleine an, wenn sie sich Vorteile davon versprechen. Dieses devote Verhalten nennt man in Fachkreisen auch schon mal „Diplomatie“. In Wirklichkeit sieht es eher aus, als haben diese Leithammel kein Rückgrat. Man macht als Leithammel schon mal mit bei kriegerischen Auseinandersetzungen und betont, dass lediglich Aufklärungsarbeit geleistet wird.“ „Aufklärungsarbeit, Opa Hermann?“

„Also, es wird die eigene Luftwaffe benutzt, um Ziele auszuspähen. Die Ergebnisse werden dann dem großen Leithammel mitgeteilt, der dann mit den Bombenflugzeugen das ausgespähte Ziel angreifen lässt. So kann der kleine Leithammel immer sagen, dass seine Truppe nicht direkt an einem Krieg beteiligt ist. Denn das ist laut Grundgesetz ausdrücklich verboten! Es heißt dort, dass nie wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgehen darf. Schlimm ist nur, dass das gesamte Parlament ein Leithammel geworden ist, denn bei solchen Aktionen muss das Parlament zustimmen.“
„Und da gibt es eine Mehrheit für?“ Das Piratenschaf musste sich doch sehr wundern. Es hatte immer große „Stücke“ auf die Menschen gehalten, die ja sehr gut zu ihm waren.
„Die Menschen kannst du vergessen!“ Opa Hermann äußerte sich sehr besorgt. „Die essen deine Brüder und Schwestern, weißt du das?“ „Ich weiß es“, gab Amos kleinlaut zu, „ich bin doch selbst damals als Verpflegung an Bord der „Cara Mia“ gekommen. Wenn ich nicht so gut Wurfanker schmeißen könnte oder nicht so scharfe Augen im Ausguck gehabt hätte, läge ich schon lange als Köttel auf dem Meeresgrund.“

„Also, Amos, du musst es hinkriegen, deine Träume im Unterbewusstsein immer zu einem guten Ende zu steuern. Das kann man lernen, das hat etwas mit Entscheidungsbefähigung zu tun. Ich habe schon oft geträumt, dass ich mit dem Flugzeug abstürze. Glaube mir, ich bin jedes Mal – zuweilen rückwärts – den Trümmern entstiegen, das Kabinenteil, in welchem ich saß, war unbeschädigt. Hast du das alles verstanden?“
„Ich gehe jetzt auf die Futterwiese, Opa Hermann, das habe ich entschieden und keine zehn Pferde können mich davon abhalten!“ „Ok, aber schling das Essen nicht so in dich hinein. Deine Ernährung ist zwar sehr einseitig, dafür kannst du  jeden Bissen zweimal essen!  Ich wünschte, ich könnte jede einzelne Münze zweimal ausgeben.“

Opa Hermann und die Erfindungen

 

Wenn der Haifisch mit den Zähnen klappert

 Kuchen und Tee gab es auf der stilvoll angerichteten Tafel in Jupps „Garden-Restaurant“. Burgel, seine Frau, hatte alles so fein arrangiert. Eine Blumenvase mit Frühlingsblumen zierte den Tisch mit dem erlesenen Porzellanservice, Marke „Ostfriesisches Blumenmuster“. Diese Tassen waren so dünnwandig, dass man fast hindurchgucken konnte, wenn man sie gegen das Licht hielt. „Kommen die aus China?“ wollte Opa Hermann wissen. Burgel lachte: „Schau mal auf den Boden der Tasse, dann kannst du den Hersteller ermitteln.“ „Ermitteln? Bin doch nicht bei der Kripo“, scherzte der alte Bergmann. „Sicher sehr teuer?“ „Es gibt Angebote im Ramschladen“, antwortete Burgel lächelnd, „dort bekommt man ein ganzes Service für den Wert einer Teekanne mit der ostfriesischen Rose!“ „Aha“, staunte Opa Hermann, „mein bestes Stück ist eine emaillierte Suppenschüssel aus der Vorkriegszeit!“ „Na, na, jetzt haust du aber ordentlich auf den Putz“, wies ihn sein alter Kumpel Jupp in die Schranken. „Ich habe deine Sammlung Meißener Porzellans selbst in Deinem Küchenschab gesehen, meinst wohl, ich kenne die Bedeutung der zwei gekreuzten Schwerter nicht?“ „Ein Andenken an meine Frau“, verteidigte sich Opa Hermann, „ich selbst habe so teures Geschirr nie besessen! Ich trinke aus meinem alten Blechbecher, bis er durchrostet. Deshalb stimmen auch meine Eisenwerte im Blut!“ „Demnach müssten deine Kohlenstoffwerte auch gut sein“, frotzelte Burgel und kicherte in sich hinein, „als ehemaliger Zechengänger!“ „Das heißt nicht „Zechengänger“, das heißt „Kneipengänger!“ Jetzt kicherte Opa Hermann und warf Jupp einen verstohlenen Blick zu.

Kurze Zeit später aß man von der Apfeltorte, welche Burgel selbst gebacken hatte und trank Ostfriesentee. „Drei Tassen sind Ostfriesenrecht“, rezitierte Jupp! Opa Hermann fiel ihm ins Wort: „Und nach der vierten wird`s dir schlecht!“ Alle lachten.

„Habt ihr auch schon von den neuesten Autos gehört oder gelesen? Die sollen sich von alleine steuern?“ Burgel hatte das Thema gewechselt. „Ich trau dem Braten nicht“, meinte Jupp und langte nach einem weiteren Stück Kuchen. „Gefällt mir auch nicht“, pflichtete ihm Opa Hermann bei.
„Finde ich auch,“ meinte Burgel, „in den Autos ist ohnehin schon viel zu viel Elektronik.“
„In meinem letzten „Zafira“ brannte andauernd die ESP-Kontrolllampe“, ärgerte sich Jupp, „wenn ich damit in der Werkstatt war, haben die Monteure den Fehler mit Hilfe des Diagnosegerätes ausgelesen. Die Kontrollleuchte blieb dann 14 Tage aus. Danach leuchtete sie wieder.“ „Was hast du mit dem teuren Siebensitzer gemacht?“ wollte Opa Hermann wissen. „Den habe ich in Zahlung gegeben, weil ich es Leid war. Später habe ich erfahren, dass es an der Spur gelegen haben soll. Die Spur war verstellt, wahrscheinlich eine Folge von Bordsteinkontakt beim Einparken. Und wenn so ein Elektronikfehler bei selbststeuernden Autos auftritt….“
“ Na, dann ist man nicht schuld bei einem Verkehrsunfall?“ Opa Hermann wog seinen Kopf hin und her. „Nein“, scherzte Burgel, „du sagst zur Polizei, dass wir alle hinten gesessen haben.“
„Andererseits kannst du auch mit dem Zug fahren, wenn man nicht mehr lenken und schalten muss oder bremsen“, warf Jupp in die Debatte. „Aber der hält nicht vor deiner Haustür“, gab Burgel zu bedenken, „und dann ist da noch immer das Problem mit dem Gepäck!“
„Aber man kann im Auto Sex haben während der Fahrt, wenn man nicht steuern muss“, triumphierte Opa Hermann!“ „Das kannst du jetzt auch haben, musst nur anhalten“, belehrte ihn Jupp.
„Bei größeren Reisemobilen lässt sich der Fahrersessel um 180 Grad schwenken“, fiel Jupp plötzlich ein. „Da könnte man theoretisch während der Fahrt Skat spielen.“ „Oder Canasta“, ergänzte Burgel. Sie mochte das Skatspielen nicht, weil sie die Sache mit dem Reizen nicht verstand. „Reizen ist auch ein blödes Wort“, gab Opa Hermann zu, „es handelt sich doch um ein Vergleichen von Karten- bzw. Spielwerten. Wer den höchsten Spielwert auf der Hand hat, darf spielen, und schon hat er die beiden anderen Spieler als Gegner.“

„Hermann will schon lange den Duden umschreiben“, lästerte sein Freund. Doch dieser ging gar nicht darauf ein, sondern sagte:“Also wenn mein Nachbar zu seiner Lotti, das war sein Kaltblutpferd, sagte: „Nach Hause“, dann konnte er besoffen auf dem Kutschbock einpennen. Seine Frau holte ihn später vom Wagen, wenn die beiden daheim einliefen. Also neu ist das mit der „Selbstfahrlafette“ nicht gerade!“ „Das Problem ist nur, dass du den Gaul nicht auf den Vordersitz deines Autos kriegst.“

„Die Welt wird doch immer verrückter! Wenn die leisen Elektroautos demnächst den Erdball erobern, werden die „Resonanzkörper“ kriegen, in denen ein künstliches Motorengeräusch erzeugt wird! So sollen Unfälle vermieden werden“, meinte Opa Hermann.
„Die sollen gefälligst mal was Sinnvolles erfinden“, maulte Jupp und sein Gesicht verfinsterte sich. „An was denkst du, mein Göttergatte?“

Alle blickten gespannt auf Jupp, der jetzt was Sinnvolles liefern musste.

„Also, ich stelle mir Wirsinggemüse vor, das die Konsistenz und den Geschmack von Schweinebraten hat, oder ein Gebiss, in welchem alle verlorenen Zähne sofort wieder nachwachsen wie beim Haifisch! Ferner stelle ich mir ein Testverfahren vor, dass alle Bescheuerten von den Wahlurnen fernhält und ein anderes, das verhindert, dass Bekloppte an die Spitze eines Staates gelangen. Das ist doch nicht zuviel verlangt, oder?“

„Deutschland schlägt zurück“

Sind wir hier beim Tennis oder wer oder was?

 Opa Hermann hörte gar nicht mehr mit dem Kopfwackeln auf. Amos erschrak. Das Piratenschaf wusste aus Erzählungen, dass ein solches Verhalten von einem Schlaganfall herrühren kann, besonders dann, wenn bei Opa Hermann auch der Mund schief zu stehen schien. „Was hast du, Opa Hermann? Bist du krank?“ „Nee, ich nicht, aber in der Redaktionsetage bei der Bildzeitung scheint jemand erkrankt zu sein“, antwortete der alte Mann. Ohne weiteres Nachfragen seines Zöglings abzuwarten schob der pensionierte Bergmann von selbst eine Erklärung nach: „Die heutige Schlagzeile der ersten Seite der Bildzeitung titelt in großen Buchstaben: Deutschland schlägt zurück!“ „Böööööa“, blökte das Piratenbschaf, „wen schlägt es denn?“ „Die spielen Tennis bei der Bildzentrale“, scherzte Opa Hermann verschmitzt. „In einem Tennisspiel heißt es schon mal nach einem Einstand z.B. 50:50: (duce) „Vorteil Aufschläger“ oder „Vorteil Rückschläger“. Der Aufschläger serviert den Ball und der Rückschläger retourniert. „Aha“, rülpste das Piratenschaf, denn es hatte sich beim Widerkauen fast verschluckt. „Und jetzt hat Deutschland zurückgeschlagen? Gegen wen hat es denn gespielt, das Deutschland?“ wollte Amos jetzt wissen.

Opa Hermann hatte sich inzwischen gefasst und mit dem Kopfwackeln aufgehört. „Es geht gar nicht um ein Tennisspiel“. Es geht um aggressive Formulierungen, die bei der Boulevardpresse an der Tagesordnung sind. In diesem Fall müssen sich „Deutsche“ gegen Einbrecher wehren. Die Formulierung muss schlagkräftig sein, schlagkräftig und einprägsam!

Neuerdings wird verschiedentlich wieder das „r“ gerollt, so wie 1939. Da hieß es: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!“ Danach wurde Polen überfallen!“
„Verstehe ich nicht“, meinte Amos. „Die Boulevardpresse ist die Stimme des Volkes“, erklärte Opa Hermann, „jedenfalls nehmen die Bildjournalisten das für sich in Anspruch. Ihrer Meinung nach geht es jetzt den Einbrechern an den Kragen, die zunehmend in Deutschland Wohnungen aufbrechen. Die“ehrlichen“ deutschen Einbrecher werden ja von osteuropäischen und andersstämmigen Banden regelrecht an die Wand gedrückt, und die Polizei ist machtlos, weil sie nur noch Verkehrssündern nachspüren kann, nicht aber den Kriminellen, die in Deutschland zuschlagen.“
„Und was ist jetzt mit Polen?“ wollte das Piratenschaf wissen. „Es geht diesmal nicht um Polen“, erwiderte Opa Hermann besänftigend. Es geht um das rollende „r“ in der deutschen Sprache. Es steht zwar in der Bibel,“Eure Rede sei ja ja und nein nein“, was darüber ist, ist vom Bösen“, es steht aber nirgendwo, dass das „r“ gerollt werden soll, wie es die Faschos gerne hätten, um an alte Zeiten anzuknüpfen.“  „Worum geht es denn nun wirklich in der Schlagzeile, die du zitierst, Opa Hermann?“ „Deutsche Richter können demnächst  höhere Strafen für Wohnungseinbrüche und schweren Einbruch verhängen.“ „Aber das geht doch nur, wenn die Polizei die Einbrecher fängt“, widersprach Amos trotzig. „Das steht auf einem anderen Blatt“, gab Opa Hermann zu. Da muss sich dieses aggressive Käseblatt noch was zu einfallen lassen. Vielleicht schreibt schon morgen ein Bildreporter eine neue aussagekräftige Überschrift, z.B. „Die Polizei braucht mehr Deutschland!“ Es geht immer um das „Wirgefühl“ in der Menge. „Wir sind Papst“ war eine der dämlichsten Überschriften, die man den Lesern vor die Augen rieb. Da gibt es noch andere Beispiele: „Wir sind Weltmeister! In Wilhelm Tell heißt es: „Lasst uns einig sein ein Volk von Brüdern und trutzen ob jeder Not und Gefahr!“ Es ist zu vermuten, dass die Volonteure in der Bild-Redaktion getreu dieser alten Novelle von Friedrich Schiller ausgebildet werden und nach den Prämissen: Als erster berichten, möglichst exklusiv veröffentlichen, richtungsweisend agieren und Einfluss ausüben. Deshalb soll der Grundsatz:“BILD(e) Dir (d)eine Meinung“ inhaltlich von der BILD vorgegeben werden.“
„Bei uns Schafen hat nur der Leithammel in der Herde was zu sagen“, meinte Amos, und der untersteht nur dem Schäfer!“ Das ist bei den Menschen nicht viel anders!“ Opa Hermann hatte sich ein Pfeifchen angezündet und paffte blaue Wölkchen in die Gegend. Es roch nach „Krauter“! Dann fuhr er fort: „Leithammel haben wir auch. Jede Partei hat Leithammel, welche die politischen Vorgaben liefern!“
„Und einen Schäfer? Haben die Menschen auch einen Schäfer?“ “ In der Religion heißt es schon mal:“ Der Herr ist mein Hirte. Er weidet mich auf einer grünen Aue. Er führet mich zu frischem Wasser! Mir wird es an nichts mangeln. Sein Stecken und Stab trösten mich…“
Aber in der gesellschaftspolitischen Welt gibt es Mächtige, die vor Waffen strotzen und sich anmaßen, Vorgaben für alle anderen Völker auszurufen. In diesem Zusammenhang spielt so eine Boulevardzeitung eine nicht zu unterschätzende Rolle, weil sie Denkrichtungen propagiert und somit an der Macht eine gewisse Teilhabe pflegt. Wenn also eine Schlagzeile auf der ersten Seite davon spricht, dass Deutschland zurückschlägt, dann ist das aufgeblasen, völlig überzogen und irritierend, denn eine wesentliche Strafverschärfung für Einbrecher wird es nicht geben.  Der „Einbruch“ ist gegenwärtig eine der häufigsten Straftaten, die zu ahnden sind. Und so viele Gefängniszellen gibt es auf der ganzen Welt nicht, um die Einbrecher alle lange einzusperren. Da können die Bildreporter das „r“ so lange rollen wie sie wollen, wenn es heißt:“Deutschland schlägt zurrrrrrück!“ „Haben die das so geschrieben, Opa Hermann? „Nein, natürlich nicht, aber es ruft Erinnerungen wach, sehr unangenehme Erinnerungen!“

„Und was ist jetzt mit Polen?“ „O je, ja, Polen. Polen muss nicht überfallen werden, da können sich die Deutschen ganz legal Häuser und Grundstücke kaufen, oder Firmensitze anlegen. Das Schönste von allem ist, die Bewohner merken es überhaupt nicht, dass sie eines Tages Gäste im eigenen Land sind, so wie wir Deutsche in der Bundesrepublik Deutschland, denn seit längerer Zeit sind wir dabei, unser Tafelsilber und das Gold zu verscherbeln!

„Wie geht das denn“, wollte Amos wissen. „Na ganz einfach: „Eine Goldmünze wird geprägt mit einem Nennwert von 100.- Euro. Damit dieses Geld nicht in den Zahlungsverkehr gelangt, bietet man die Münze für 1000.-Euro im Handel an. Niemand wird diesen Beschaffungswert bei z.B. der Tankstelle für eine 100.- Euro Benzinrechnung einlösen. Und viele deutsche Firmen gehören zu wesentlichen Anteilen bereits Fremdanlegern aus dem Ausland.“

„Damit haben wir bei den Piraten von der Cara Mia niemals zu tun gehabt“, sagte Amos blökend. „Unser Hirte ist Captain Hornblewer, und der rollt das „r“ nicht. Der spricht ein weiches „r“, weil er Engländer ist und kein Pole!“

O je, da hatte das Piratenschaf aber den Sachverhalt gründlich durcheinander gebracht. Opa Hermann klopfte die Pfeife aus und begann wieder mit dem Kopf zu wackeln…

 

Amos und die tote Amsel

Heut noch gelacht und schöngezeigt die Farben…

 

Opa Hermann saß unter seinem Gartenpavillon und hatte sich einer „mittleren Siesta“hingegeben. Das geschah in letzter Zeit öfter nach dem Mittagessen, das er sich von einem ortsansässigen Catering-Unternehmen regelmäßig besorgte. Das war preiswert, „wohlschmeckend, nahrhaft und reichhaltig“. Diese Begriffe kannte er aus Kostprobenbüchern, in denen die Vorkoster solche Standardsätze als Bemerkungen hinterließen. Opa Hermann kannte auch die Aussage eines Unteroffiziers im Küchendienst bei der ehemaligen Wehrmacht: „Es ist noch Suppe da, dünn aber kräftig! Kameraden müssen satt werden! Noch nen Eimer Wasser rein!“ Jedenfalls war sein Verdauungsapparat in vollem Gange, was ihn schläfrig machte.
Unerwartet stob das Piratenschaf heran und blökte schon von weitem: „Opa Hermann, Opa Hermann, Kobold, unsere „Stammgastamsel“ liegt tot auf dem Rücken!“
Der alte Mann fuhr aus seinem Dämmerschlaf hoch: „Das ist ja schrecklich! Wo liegt denn „Kobold?“ „Da vorne zwischen den Erdbeeren“, schluchzte Amos und fummelte aufgeregt an seiner Augenklappe, unter der ein paar Tränchen herabrollten. Opa Hermann quälte sich in die Senkrechte und kam auf der Liege zum Sitzen. Dann erhob er sich und tätschelte den Wollkopf seines Zöglings: „Tja, Amos, so kann es kommen, zeig mir doch mal die Stelle!“
Zu zweit schlichen die beiden in Richtung „Gemüseabteilung“, die rechts an die Rasenfläche angrenzte. „Da vorne!“ Amos wies mit dem Kopf auf die Reihen mit den Erdbeerstauden. Vorsichtig näherten sie sich dem Fundort. “ Kobold ist regelrecht abgestürzt“, sagte das Piratenschaf, „als er auf dem Boden ankam, schlug er nur noch mit einem Flügel. Ich bin sofort hingerannt. Er hatte seine Augen weit aufgerissen und starrte in den Himmel über ihm!“ Opa Hermann streichelte Amos wieder über den Kopf. „Weißt du, einmal kommt für jeden von uns die Zeit, zu der wir von der Welt gehen müssen. Das ist der Lauf der Dinge. Vielleicht hatte die Amsel schon lägere Zeit Probleme, von denen wir gar nichts wussten? Sie war auch schon ziemlich alt. Das konnte man am Kopf erkennen. Jedenfalls geht es ihr dort, wo sie jetzt ist, sehr gut, möglicherweise viel besser als uns, die wir noch auf unbestimmte Zeit in der Gegenwart verweilen müssen. „Ob „Kobold“ in seinen letzten Stunden traurig war?“ fragte das Piratenschaf. „Wir wissen sehr wenig über das Gefühlswesen der Tiere, vor allem der Kleinstlebewesen. Ein Hund kann zum Beispiel sehr gut zeigen, dass er sich freut oder traurig ist, aber eine Fliege? Hast du schon mal gesehen, wie eine Fliege im Regenfass um ihr Leben paddelt, wenn sie hineingefallen ist?“ Amos schüttelte mit dem Kopf. “ Ich habe noch nie darauf geachtet. Ich trinke auch nicht aus der Regentonne!“
Opa Hermann hob den toten Vogel auf. Er nahm ihn ganz behutsam zwischen seine hohl geformten Hände. “ Wir werden ihn in ein weiches Tuch legen und in einen schönen Schuhkarton betten, ich habe noch einen von „Deichmann“. Dann hebe ich ein tiefes Grab aus, damit ihn keine wilden Tiere wieder ausbuddeln können. Auf das Grab legen wir ein Herz aus gebranntem Ton. “ „Bekommt er auch ein Holzkreuz auf sein Grab?“ wollte das Piratenschaf wissen. “ Hm“, machte Opa Hermann, ich weiß nicht, ob „Kobold“ evangelisch oder katholisch war, weißt du es?
Das Kreuz ist das Symbol für Jesus Christus, der für die Menschen am Kreuz gestorben ist, damit sie nach ihrem Tod weiterleben können.“ „Und für die Tiere auch?“ Opa Hermann wurde verlegen. Sollte er jetzt einfach drauflos reden, ohne eine Antwort darauf zu wissen? Der Heiland konnte ja nicht wissen, dass 2017 Jahre später ein sprechendes Schaf solche Fragen stellen würde. „Und für die ertrunkene Fliege auch?“, bohrte Amos weiter.
Opa Hermann wurde jetzt philosophisch. Das tat er oft, wenn er nicht weiter wusste. „Stell Dir nur vor, Amos, jeden Tag sterben hunderttausend Schweine. Aber nicht eines natürlichen Todes!  Der Mensch isst sie auf, in Unmengen! Du glaubst nicht, wie viele Fische jeden Tag durch die Mägen der Menschen gehen. Das wird nicht mehr nach Stückzahlen gemessen, sondern nach Tonnen! Und weißt du, ob sich Fische an ihre Kindheit erinnern können? Normalerweise dürfte der Mensch noch nicht einmal einen Kohlrabi essen, weil der sich unter Umständen auch an seine Kindheit erinnern kann? Das ist eine Frage des Bewusstseins. Manche Dinge werden reflexartig wahrgenommen und manche geraten ins reflektierende Kalkül. Vielleicht können einige Tierarten etwas besser reflektieren, andere gar nicht oder weniger. Die Menschen verhalten sich oft wie überhebliche Arschgeigen. Sie meinen, sie seien der „King of Currywurst“. Aber wenn dann plötzlich eine bedrohliche Erkrankung in ihr selbstgefälliges Leben dringt, dann ist Panik! Dann wird verdrängt und grabschende Hände verfehlen das Rettungsseil. Deshalb habe ich vor langer, langer Zeit einige kurze Zeilen erschaffen, die ich den Vorlauten mit auf den Weg geben wollte. Doch sie hören nicht!“
„Was hast du denn gesagt, Opa Hermann?“ Der alte Mann besann sich kurz, räusperte sich und sagte mit leiser Stimme:

„Heut noch gelacht
und schöngezeigt der Farben
sinnwollend Leuchten
doch zeitraffend eilt
der Zeiger zum Tor!“

„Schöngezeigt der Farben sinnwollend Leuchten“, echote das Piratenschaf. „Das verstehe ich nicht!“
„Nee, klar“, meinte Opa Hermann, „das ist ja das Komische an der Lyrik! Die Menschen, die das Hören oder lesen, sind aufgefordert zu belegen, wo und ob ihnen das bekannt vorkommt. Zum Beispiel sind da die wunderschönen farbenprächtigen Blüten der Pflanzen. Sie sind schön und duften, damit Insekten angelockt werden, die sie dann bestäuben. Die Farben sind nicht für die Menschen gemacht, damit sie die Blumen abreißen und sich in die Vasen stecken. Die sind auch schön, wenn sie noch am Stengel wachsen.“
„Und das andere?“ wollte Amos jetzt genau weissen. „Während der Mensch sich seiner Höhepunkte erfreut, die er sich im Diesseits zusammenklaubt, vergeht ein Stück Lebbenszeit. Und sie vergeht immer schneller, je intensiver sich die Menschen mit Oberflächlichkeiten einlullen. Plötzlich ist die Zeit abgelaufen, und der Mensch schreitet durch das Tor. So wie die kleine Amsel, die wir gleich beerdigen werden.“

 „Bööööa“, schrie Amos unvermittelt,“ich mache jetzt Bocksprünge, schau mal: hierhin, dorthin und jetzt im Dreieck!“
„So ist es recht, du Piratenschaf mit der Augenklappe, ich würde sie aber auch mal auf das andere Auge setzen!“