Innovativer Dativ oder „dem sein Fortschritt“

Innovativer Dativ oder „jedem sein(en) Fortschritt“

Wenn „Einfällle“ zum Durchfall werden

 Das trübe und nasskalte Aprilwetter hatte sich zugunsten lauer Frühlingsdüfte samt Pollenflug gewandelt. Opa Hermann aktivierte den Gartenpavillon, indem er das großflächige Sonnensegel aus dem Schuppen holte und mit viel Mühe über die Holme zerrte und einhakte. „Puuuch, ist der Frühling dieses Jahr wieder einmal anstrengend“, prustete der alte Bergmann und wischte sich den „Schweiß von der Kappe“ mit dem Schirm. Niemand widersprach! Wo war Jupp? Der wollte doch kommen und ein wenig Hilfestellung leisten? „Viel rennen kann ich nicht“, hatte er noch gesagt,“wegen meiner Silikose!“
Opa Hermann war gerade dabei, den unhandlichen Tisch der Pavillongarnitur hochkant aus der Schuppentür zu wuchten, als Jupp um die Ecke kam und ein fröhliches „Guten Morgen“ in die beginnende Mittagszeit zwitscherte.
„Auch schon wach?“ frotzelte Opa Hermann unter dem Tisch hervor, den er sich inzwischen verkehrtherum auf den Buckel geladen hatte. Er sah aus wie Old Man River, der alte Baumwollpflücker an vier Spießen.

Irgendwann war auch die fünfteilige Sitzgarnitur komplett aufgestellt. Jupp und Opa Hermann sanken in die Sitzmöbel. „Die Teile werden von Jahr zu Jahr schwerer“, beschwerte sich Jupp und bewegte seine Schulterblätter. Es knackte bedenklich. „Du hast aber auch ein paar Gramm zugelegt“, stellte Opa Hermann fest. Sein Blick wanderte an Jupp hinab und blieb auf dessen Jeanshose haften. „Seit wann trägst du Hosen mit Zwangsbelüftung?“ wollte er von seinem alten Kumpel wissen. „Ach dieeee! Nee, das ist eine Designer-Jeans. Die habe ich teuer erstanden!“ schwindelte Jupp. Opa Hermann kniff ein Auge zu und sah ihn von der Seite an: „Willst mich wohl verkackeiern? Das ist nie und nimmer eine Designerhose, da war niemand mit einer Flex dran!“
„Man kann die auch anders zerstören“, verteidigte sich Jupp, „im Grunde zerstört die sich selbst. Das ist z.B. mit Geräten auch der Fall, zum Beispiel mit Druckern oder anderen mechanisch-elektronisch kombinierten Gebrauchsgegenständen.“ „Du hast Recht“, ereiferte sich jetzt Opa Hermann,“ ich habe früher doch so ziemlich alles repariert! Wenn sich etwas aufschrauben ließ, habe ich es fast immer wieder hingekriegt. Heutzutage wird viel genietet anstelle verschraubt, genietet und versenkt! Oder mit Hilfe von winzigen Kunststoffelementen verklammert. Einmal zusammengepresst gehen die Teile nicht wieder so leicht auseinander. Außerdem sieht man die Stellen nicht, an denen die „Hakenelemente“ einrasten.“ „Du sollst auch nicht reparieren, Hermann, du sollst neu kaufen! Die Hersteller brauchen Absatz! Da sitzen haufenweise Konstrukteure vor leeren Reißbrettern und warten auf Einfälle. Der Abteilungsleiter wartet auf neue Entwürfe! „Wenn Ihnen nicht bald eine neue Zahnbürste einfällt“, heißt es,“dann kommt auf ihren Stuhl ein Neuer!“ Also was macht der Entwicklungsingenieur? Er macht aus der „Oral Y“ – Zahnbürste eine „Oral-Sex -D“- Zahnbürste, weil runder als rund nicht geht. Also wird nur der Name geändert! „Gut“, sagt dann der Abteilungsleiter, „einmal lass ich das noch durchgehen, aber aus Oral-Sex-D machen Sie gefälligst ein „Oral-Six!“ Und was soll das „D“, bitteschön, bedeuten?“
Und der Intwicklungsingenieur sagt schlagfertig: „D wie durchgehend, also immer!“ Dann dreht sich der Abteilungsleiter um und ist zufrieden, zumindest bis zum nächsten Date. Also das ist jetzt ein fiktives Beispiel.“

„Das ist die heutige Auslegung von innovativ“, ergänzte Opa Hermann. „Das ist nicht mehr das lateinische „Erneuern“. Heutzutage muss es „intelligent“ sein, „kreativ“, vom schöpferischen Willen „gegeißelt“ und dergleichen mehr!“ „Na, na, na, Hermann, jetzt geht aber der Bohrhammer mit dir durch!“ „Ist doch wahr! Musst dich nicht wundern, wenn jetzt ein Auto vorgestellt wird mit dem Lenkrad hinter der letzten Sitzreihe, damit du vorne im Volant-Sitz an deine Koffer kommst ohne auszusteigen!“ „Ist heute alles modern“, diagnostizierte Jupp , modisch und modern!“ „Aber auch modernistisch! Überall wo die Silbe „istisch“ anhängt, wird es kriminell!“ Opa Hermann kam in Fahrt. „Die Silbe „ik“ ist in Ordnung wie bei „Ästhetik“, würde es „ästhetizistisch“ heißen, käme sofort der Begleitumstand der Verkrampfung hinzu, ein übersteigertes „Wollen“ und das neigt zu Verkrampfungen! Wie bei dem Begriff „sozialistisch“. Das klingt doch sofort nach angeordnet! Das ist doch Scheiße!“ „O, Hermann, alter Flözequäler, jetzt wirkst du aber fäkalistisch!  Also ich kann da nur auf den Begriff „popolistisch“ hinweisen“, meinte Jupp. „Du meinst populistisch“, verbesserte Opa Hermann. „Ist doch das selbe!“ „Ist es nicht!“ „Doch“, rechtfertigte Jupp seine Meinung,“ist beides für den Arsch! Und was ist mit germanistisch?“ „Das heißt bis jetzt noch „Germanistik“, aber beim Rassenwahn liegt man schon richtig: „rassistisch“! Und das ist keine Lehre, sonst hieße es ja Rassistik!“
„Modernistisch ist demnach eine Anlehnung an das modische Zeitalter der Moderne?“ „Das ist eine Eigenschaft, mit der ich noch nie etwas am Hut hatte, auch das klingt nach „angeordnet“. Irgendwelche Sockenträger kreieren durchgängig neue Moden. Im Grunde kannst deine Anzüge und Hemden in den Schrank legen und 15 Jahre warten. Plötzlich sind die Klamotten wieder modern. Und (fast) alle machen mit
bei dem Hühnergegacker bis auf die Verweigerer.“ „Wieso Hühnergegacker, Hermann, die“ Herren der Schöpfung“ machen da genauso mit!“ Bei dem Begriff „Herren der Schöpfung“ machte Jupp Anführungszeichen mit den Fingern beider Hände. „Boa“, regte sich Opa Hermann auf, „was kratzt du da von der Tapete? Das ist auch so eine Unsitte! Schreib das doch auf, dann sieht jeder die Gänsefüßchen!“ „Du mich auch mal“, sagte der und wirkte ein wenig beleidigt. „Sorry“, meinte Opa Hermann sofort, „das ist auch  so eine Modeerscheinung! Mensch weiß doch wie es gemeint ist!“ „Hast Recht, Hermann, nix geht über Klartext“, räumte der pensionierte Steiger ein. „immer druff auf die Kohle!“ Die beiden Männer lachten. Sie umarmten sich und klopften sich gegenseitig auf die Schulter.

Also, Jupp, das ist heute die mit Abstand schwierigste Debatte geworden, die wir beide je am Gartenteich geführt haben. Das erinnert mich an die Verhandlungen mit den Herren von der „Ruhrkohle AG“ und die endeten meist ziemlich publizistisch, dafür habe ich gesorgt!“

 

Erinnerung an die Jugendzeit

Wo ist denn nur, wo hab ich bloß…

 Opa Hermann quälte sich mal wieder durch das Gedächtnis. „Weißt du noch, Jupp, wie das war – damals, als du etwa fünf Jahre alt warst?“ „Na klar, meine Eltern haben sich gekloppt wie die Kesselflicker!“ „Wie? Deine Eltern auch?“ „Na klar, ich musste meinen Vater beschützen, hab mich dazwischengeworfen. Ich glaube, ein Auge hing ihm schon raus, kann aber auch ein Tränensack gewesen sein. War alles blutunterlaufen.“ „Wie ging das aus?“ „Ich wurde hochgehoben und beiseitegestellt! Und – wie war es bei Dir?“ „Wurde auch beiseitegestellt!“
Es entstand eine längere Pause…
„Weißt du, weshalb sich die Eltern gestritten haben?“ Opa Hermann dachte angestrengt nach: „Ich kann mich erinnern, dass mein Vater gerne gesegelt ist. Eines Tages kam er zu mir und nahm mich mit auf seinem Fahrrad. Die Rede war von einer Brieftasche, die er vermutlich beim Segeln im Boot verloren hatte. Wie ich später erfuhr, hatte meine Mutter ihm sämtliche Taschen zugenäht , weil er oft in seinen Taschen nach der Brieftasche suchte oder nach anderen Gegenständen, die er gerade benutzen wollte. Es konnte sich um einen Haustürschlüssel handeln oder einen Kamm. Das Abklopfen seiner Innen- und Außentaschen ging jedesmal mit dem Ausruf einher: „Wo ist denn bloß, wo hab ich nur?“ oder wo ist denn nur – wo hab ich bloß?“ „Daran kannst du dich erinnern?“ fragte Jupp ungläubig. „Auf jeden Fall bin ich an dem bewussten Tag vorne, auf dem Kindersitz eingetütet, mit einem Fuß in die Speichen des Vorderrades gekommen, weil ich von den „Fußrasten“ abgerutscht bin, die Vater an die Gabel geschraubt hatte. Das hat sehr weh getan. Vater ist beinahe über den Lenker geflogen, so heftig hat das gebremst! Einige Speichen waren verbogen. Es ging nämlich durch einen Sandweg. und die heftigen Lenkbewegungen waren für das Abrutschen ursächlich!“ „Mann o Mann, du bist und bleibst ein Lyriker“, spottete sein alter Kumpel und schleuderte ein Echo in die Gegend: „Ursächlich! Wie hat die Kohle das nur mit Dir ausgehalten?“

„Jedenfalls gelangten wir an einen See. Mein Vater ging zum Vermieter und schilderte seine Vermutung. Abgegeben worden sei nichts, aber er, mein Vater, könne ja selbst noch auf dem Boot nachsehen. Das tat er dann auch. Genau weiß ich das nicht mehr, aber ich meine, dass er mit seiner Brieftasche in der Hand zum Fahrrad zurückkam. Später keimte die Vermutung meiner Mutter, dass er nicht alleine gesegelt sei. So ergab sich für sie ein putatives Fehlverhalten meines Vaters und ihr den Anlass, auf ihn einzukratzen. Später tauchte auch ein Name für das Übel auf. Es war das Haus von Fräulein Franke, in welches sich Vater gelegentlich  verlief.“
„Die Freundin meines Vaters hieß Elfie“, sagte Jupp und wiegte seinen Kopf bedeutungsvoll hin und her, „aber ich war schon zwölf, als das aktuell wurde!“ „Meine Eltern lebten getrennt, aber sie ließen sich nicht scheiden. Vater zahlte meiner Mutter regelmäßig Unterhalt für sie und uns Kinder, selbst noch in der Folgezeit, nachdem sie bei einer Kommunalverwaltung ein Dienstverhältnis einging. Richtig vereint waren sie erst wieder, nachdem ihre Urnen nacheinander in einer gemeinsamen Kammer zu stehen kamen.“
„Asche kann sich nicht streiten“, meinte Jupp lakonisch dazu.“ „Und erst recht nicht kratzen!“
„Weshalb sich einstige Geliebte im Verlaufe der Jahre dermaßen auf den Senkel gehen, will mir nicht in den Schädel! Ich bin mit meiner Burgel ein Leben lang zusammen!“
„Das tun Gänse und Schwäne auch“, meinte Opa Hermann, „und einige andere Tierarten! Aber die pinkeln ins Wasser, wenn sie inkontinent werden, und nicht auf den Teppich! Außerdem sieht man unter dem Federbestand die welke Haut nicht! Es kommt noch schlimmer: im Sommer tummelt sich ringsumher das junge Liebesvolk. Du siehst und begreifst, dass man nicht mehr dazugehört. Das kann schon verdrießlich machen!“ „Ach nee“, empörte sich Jupp, „und anstatt sich selber am Rüssel zu ziehen, wird die Lebensgefährtin verkloppt. Der Versuch wird gestartet, sie gegen zwei Neunzehnjährige auszutauschen? Das kannst du nur als Baulöwe in Österreich erfolgreich in Angriff nehmen. Sobald die jungen Dinger allerdings im Rampenlicht angekommen sind, bleibst du als bleicher Mehlsack zurück! Wie kann man sich selbst so bescheißen?“ „Mainstream, alles mainstream“, gab Opa Hermann konsterniert zurück. Die „High Society “ trifft sich beim Opernball in Insbruck und wir sitzen bei Pommes und Currywurst auf der Couchkante und starren auf das, was oben aus den Ballkleidern herausquillt.“ „Wird ja auch gerne gezeigt, je mehr, desto offener, gemäß des goldenen Schnittes“ „Du meinst das Verhältnis 1 zu 1,618 ?“ „Nee, ich meine die Toilettenschneider mit ihren innovativen Kreationen.“ „Ach so! Große Toilette, verstehe! Aber weshalb golden?“
„Ja, was glaubst du, was so ein Kleid kostet? So eine Verkleidung kriegst du nicht für ne Tonne Anthrazit!“ „Unbekümmerte Schönheitheit will zur Schau getragen werden, koste es was es wolle!“ „Also, die Betreffenden, die ich meine, müssen das ja nicht selbst bezahlen! Und unbekümmert? Na, ich weiß nicht!“

“ Ich muss mal in die Gegend feuchten“, äußerte Jupp unvermittelt. Er schien in arger Bedrängnis. „Wer von uns ist jetzt der Lyriker?“ wollte Opa Hermann wissen,“du hast doch schon damals den Kohleabbau besungen! Übrigens, rechte Seite, letzte Tür links, der Schlüssel steckt!“ „Siehst du, das schätze ich an dir! “ lobte Jupp im Weggehen,“ bei Dir ist fast alles umsonst!“ „Umsonst ja“, rief Opa Hermann ihm nach, „aber nicht vergeblich!“

Wenn der Kehlsack flattert

Ich weiß nicht, wem soll ich bedeuten? – (frei nach einem alten Volkslied)

 

Da saßen sie schon wieder auf der blauen Gartenbank am Gartenteich: Opa Hermann und sein alter Kumpel Jupp, der sich inzwischen auch im südlichen Ostfriesland niedergelassen hatte. Der Kirschbaum trieb seine wunderschönen weißen Blütenbüschel, die vor dem blauen Himmel kontrastreich ins schwärmende Auge stachen. „Wenn nur die bescheuerten Menschen nicht wären“, stöhnte Opa Hermann vor sich hin. Doch sein Freund hatte es gehört: das Thema war festgelegt, Wortbeiträgen wurde demnach entgegengesehen. „Was hast du denn im Angebot“, fragte Jupp lauernd, „Pils oder Alt?“

Zunächst kam die aktuelle außenpolitische Lage von der Tagesordnung: Trump, Putin, Assad und Kim Jong-un. „Bezeichne mir einen von denen, der ansatzweise alle Latten am Zaun hat“, forderte Jupp seinen Gesprächspartner auf. „Ja gut, solange du kein statement zu Israel einforderst, mach ich mit, aber nix zu den Juden. Erinnerst du dich noch an den Tag, an dem wir auf der braunen Gartenbank saßen und du bei dem Wort Juden genau bis „Ju…“ kamst, als die Bank krachend unter uns zusammenbrach. Geistesgegenwärtig haben wir unsere Bierflaschen hochgehalten, als wir wie die Maikäfer auf dem Rücken zu liegen kamen.“ „Nicht einen Tropfen verschüttet“, bestätigte der ehemalige Steiger von der Zeche Prosper II. „Das war ein Zeichen“, orakelte Opa Hermann, „und Zeichen sollte man nicht übersehen!“ „Wir haben uns an die Zustände und fragwürdigen Werte inzwischen gewöhnt“, mutmaßte Jupp, „weil wir da von Kindesbeinen an hinein geboren wurden. Das geht inzwischen nach dem Motto: Jeden Tag Schweinefleisch – ich will auch mal ein Kotelett essen!“
Jetzt konnte Opa Hermann seine philosophischen Kernsätze in die Debatte werfen. Er hatte die ganze Zeit darauf gelauert. „Die meisten Menschen sind mit ihrem mickrigen Leben unzufrieden. Tagesschau und Wetterkarte bilden sozusagen ihre täglichen Höhepunkte, samstags dann die Sportschau. Es fehlt ihnen an erlebter Bedeutung, an Anerkennung und ansonsten sehen sie sich machtlos wie in einer Waschmaschinentrommel, die sich gerade im Schongang befindet. Und sie leben mit einem gefährlichen Halbwissen: außerhalb eines Themas erstreckt sich in den meisten Fällen eine bodenlose Grotte.“
„Oder sie befinden sich im Schleuderganng bei 1600 Umdrehungen“, fiel ihm Jupp ins Wort.
„Also wenn der Durchschnittsmensch mal aus seiner Rolle heraus will, auf die er sich im Verlaufe seines Lebens eingelassen hat, sollte er vielleicht mal einen Einsatzwagen der Dorfpolizei klauen und mit Blaulicht durch die Gegend sausen, am besten ohne Führerschein!“ „Natürlich ohne Führerschein“, gluckste Opa Hermann, „dann können sie die Fleppe nicht einziehen, und der Idiotentest entfällt dann auch!“ Jupp ergänzte den fiktiven Sachverhalt mit der Bemerkung: „Blaulichtfahrten sind wie die verlängerte Schwanzflosse beim Teichkarpfen, wenn du weißt was ich meine!“
„Ja, ja, Erlebnistrübsal und fehlende Bewunderung, wie kann ein Mensch das nur aushalten? Schade, schade, die meisten Menschen stehen nur einmal in der Zeitung, und dann auch noch mit der eigenen Todesanzeige, die sie selber nicht mehr lesen können.“
„Prost! Austrinken“, riet Opa Hermann, „noch sind wir!“

„Ich wünsch dir das selbe!“ Flaschen klirrten aneinander, sanfte Glucksgeräusche bereicherten die Atmosphäre. Den pensionierten Steiger befiel ein schlimmer Krampfanfall der Staublungen. Er hustete nach vier Anläufen in einen Grasbüschel neben der Bank. Das sah nicht mehr nach Eierkohle aus, sondern nach hydriertem Senfgas am Stück. „O-o“, maulte Opa Hermann, „da wächst die nächsten zwei Jahre kein Gras mehr!“ Tatsächlich welkte an der Stelle augenblicklich das Gras und verschwand im Erdreich.
Das Piratenschaf kam angewetzt, Linda im Schlepptau: „Ist etwas passiert, Opa Hermann?“ „Ja, ruf den Abdecker, wir haben eine Notschlachtung!“
Da war sie wieder, die rauhe aber herzliche Art der Bergmänner, wie sie miteinander umgingen: nur keine Gefühle zeigen, sondern immer den Presslufthammer im Flöz!
Entsprechend hustete Jupp noch ein Nachbeben in die Landschaft und sagte: „Ach – ach! Wo waren wir stehengeblieben?  Wenn einem doch wenigstens einmal im Leben zugejubelt würde“, schluchzte Jupp in seine Bierflasche, „einmal im Leben!“
„Mir passiert das jedes Jahr einmal“, freute sich Opa Hermann, „wenn das Finanzamt dreimal klingelt!“
„Wie das?“ fragte Jupp interessiert. „Sie wollen die Einkommenssteuer vom letzten Jahr einfordern. Wenn ich nicht bald liefere, schätzen sie mich ein. Das könnte katastrophale Folgen haben, wenn sie auf die Idee kommen, meine Deputat-Kohle aus dem Jahr 1956 nachzuberechnen und in Ansatz zu bringen.“
„Du musst schon etwas Tolles auf die Beine stellen, damit du den Menschen als bemerkenswerter Zeitgenosse im Fernsehen vor die Nase geführt wirst wie ein Tanzbär. Mach doch mal mit beim Talentwettbewerb. Es muss ja noch was anderes geben als Flatulenzen aus dem Darmgewebe!“ „Nun ja, diese stinkende Absonderheit lenkt natürlich vom langweiligen Tagesgeschehen ab, aber wie du bei Dieter Bohlen in der Sendung gesehen hast, reicht das nicht für den Recall!“
„Ich habe das Selbstbewusstsein einer Oberammergauer Nachtigall im Stimmbruch“, warf sich Jupp in die Brust. Er senkte den Blick. Der traf auf sechs leere Bierflaschen, die im Gras um die Gartenbank aufgereiht waren. „Ich vertrage nix mehr“, lallte er bekümmert, „das liegt am Chlorophyll in der Currywurst!“ „Du solltest mal den Imbisstand wechseln, und seit wann ist im Hundefleisch Chlorophyll? War die Wurst grün?“
Zwei Flaschen klirrten erneut aneinander. „Jupp, der ganze Weltschmerz taugt nichts!“ Diese Erkenntnis kam wieder von Opa Hermann: „Die ganze Rederei stört nur beim Schlucken!“
„Und weischu auch, warum das scho is? Weil tschuviel Wascher im Bier is, ja – genau – hicks – tschu- hicks-viel Wascher…“

Mit diesen Worten nahm die Diskussion ein vorläufiges Ende. Jupp, soeben noch von konkreten Gedanken gequält, ging von einer Sekunde auf die andere in den „stand by modus“.
Die Bienen summten im Kirschbaum. Eine dicke Hummel hatte es sich auf dem Holztisch gemütlich gemacht und steckte ihren Rüssel in eine Bierpfütze. Sie hatte ein weißes Höschen an.“Wenn das man gutgeht“, murrte Opa Hermann vorwursvoll, „kleine Flügel, dicker Körper und Alkohol am Steuerknüppel…“

 

Amos und die Titanic

Alles nur Schein und Rauch, wenn das Licht erlöscht

 Opa Hermann saß in seinem „Hörn“ (Sorgenstuhl) am Küchentisch. Sein kleines Transistorradio stand auf der Fensterbank. Schlagertöne „perlten“ leise in die lichtdurchflutete Atmoshäre der kleinen Küche mit dem Stangenofen und dem alten Geschirr-„Schap“ in der Ecke.
Es bumste an der Haustür. Gleichzeitig ertönte ein langgezogenes „Böööööa“. Der alte Rentner legte den Tagesanzeiger beiseite und machte sich auf den Weg zur Tür.
Die beiden Schafe, Linda und Amos, standen davor. Letzterem war die Augenklappe etwas verrutscht. Das Piratenschaf war aufgeregt: „Opa Hermann, Linda und ich wollen ins Kino!“ „Wie kommt ihr denn auf sowas?“ „Da ist viel Wasser“, rief Amos, „die Nachbarn haben davon erzählt. Wir haben es genau gehört!“ „Und ein großes Schiff ist auch da“, so sprudelte es aus Linda heraus. „Amos hat mir schon so viel über das weite Meer erzählt, nun wollen wir zusammen eine Seereise machen!“
„Im Kino?“ „Ja klar!“
„Hieß das Schiff vielleicht Titanic?“ forschte der alte Bergmann mit einem zugekniffenen Auge.
„Ich glaube ja, aber so genau habe ich das nicht verstanden“, sagte Linda, „du hast ja mal gesagt, dass das Lauschen an fremden Türen unhöflich ist. Nun war das keine Tür, sondern das alte Holzgatter, welches zum Nachbargrundstück führt.“ „Ach so!“ Opa Hermann kratzte sich am Hinterkopf. Das tat er immer, wenn er ein Problem lösen musste und er sich dabei schwertat.
„Kommt mal rein, ich mache euch einen Kakao. Dann erkläre ich euch, was es mit einem Kino auf sich hat.“
Wenige Minuten später schlürften Linda und Amos genüsslich ihren Kakao, den Opa Hermann in zwei Schalen serviert hatte.
„Also“, sagte der alte Herr, „ein Kino ist nichts anderes als ein großer Raum mit vielen Sesseln, in denen die Zuschauer Platz nehmen. Der kann natürlich nicht schwimmen. Auch gibt es in dem Raum weder ein Meer noch hohe Berge. Es gibt nur eine große weiße Leinwand mit einem Vorhang davor. Wenn die Vorstellung beginnt, verlöschen alle Lampen. Der Vorhang öffnet sich nach beiden Seiten, gleichzeitig wird es dunkler und dunkler, bis gar kein Licht mehr da ist, nur eine Notbeleuchtung über den Türen leuchtet, damit niemand stolpert, wenn er während der Vorführung aufs Klo muss. Ein großer Apparat „wirft“ dann sehr helles Licht auf die Leinwand. Die Menschen sehen dann einen Film. Der hat einen Namen und zuweilen auch eine richtige Handlung. In dem Film kann alles Mögliche vorkommen, z.B. ein Meer und ein Schiff und ganz viele Menschen oder Tiere. Aber sie sind nicht wirklich da! Sie sind praktisch fotografiert und werden dann durch den Apparat auf die Leinwand projiziert. Das nennt man so. Was man da sieht, ist nur ein Abbild von etwas, was es gibt oder gab. Das Schiff, von dem die Nachbarn sprachen, ist vor langer, langer Zeit untergegangen.“
„Ooooch, wie schade“, seufzte Linda.,“ich hätte so gerne eine Seereise mit Amos gemacht – als verspätete Hochzeitsreise sozusagen!“

„Nebenbei gesagt, Linda und Amos, ihr hättet ohnehin nicht in das Haus gedurft. Da dürfen keine Tiere mitgenommen werden.“ Scherzhaft fügte Opa Hermann hinzu: „Außerdem könntet ihr den Eimer mit Popcorn nicht halten!“ „Was ist denn Popcorn?“ „Das sind erhitzte aufgeplatzte Körner , welche die Kinobesucher entweder essen oder durch die Gegend pfeffern. Das ist eine neumodische Unsitte“, schimpfte Opa Hermann. „Wenn 200 Kinobesucher oder mehr nach der Vorstellung mit ihrem Popcorn fertig sind, sieht der Teppichboden im Vorführraum aus wie.. wie… wie…“ Opa Hermann hielt inne, ihm fiel offensichtlich kein Vergleich dazu ein. Er hätte sagen können „wie tausend aufgeplatzte Gehirne“, aber das hätte weiteren Erklärungsbedarf hervorgerufen.

„Als ich noch sehr jung war“, erklärte Amos` Ziehvater lächelnd, „so etwa 10 bis 13 Jahre alt, sind wir mit einer Gruppe Kinder losgezogen, um ein Kino in einem weit entlegenen Stadtviertel aufzusuchen. Das geschah immer an einem Sonntagnachmittag. Wir sind weit gelaufen, sehr weit! Es machte uns nichts aus, wenn wir eine Stunde unterwegs waren. Nachmittags um 15 Uhr ging das Spektakel in dem nach heutigen Maßstäben als sehr klein zu bezeichnenden Kinoraum los. Die Vorstellung kostete 50 Pfennig. Ich musste meine Mutter ständig um diesen Betrag anbetteln. Andere Kinder kamen problemloser an das Geld, dabei waren die meisten Familien meiner Freunde nicht wohlhabend. Aber meine Mutter rauchte, und die Kosten für das Rauchwerk gingen vor. Die Filme, die wir sahen, waren alle in schwarz/weiß. Manchmal gab es „Dick und Doof“. Dann lachten die Kinder. Es war ein Höllenspektakel in dem kleinen Vorführraum. Dann wieder gab es Wildwest- oder Piratenfilme mit Errol Flynn. Bei den Schießereien auf der Leinwand gab es viele Tote. Erst wurde ein Opfer erschossen, dann die Bösewichter. Das Gute hat immer gesiegt.
Die jungen Zuschauer tobten, wenn der Schurke endlich ins „Gras biss“. Ich erinnere mich noch an die „Zorro-Filme“. Der schwarz gekleidete Reiter konnte sehr gut mit der langen Peitsche umgehen. Den Bösewichtern hieb er seine Peitsche kreuz und quer durchs Gesicht, so dass sie ein blutendes „Z“ auf der Stirn zurückbehielten.
Auf dem Nachhauseweg haben wir dann in der Gruppe den ganzen Film noch einmal durchgespielt und das Gesicht nach allen Regeln verzogen, zum Beispiel, wenn der Bösewicht noch einmal in die Knie ging und sein Leben ausröchelte. Es entstanden dabei die seltsamsten Physiognomien: mit Zunge heraus oder ohne.“
Amos und Linda hatten Opa Hermanns Ausführungen aufmerksam zugehört . Der Kakao war längst ausgetrunken. Wenn man den alten Herren jetzt vorsichtig anstupste, vielleicht würde dieser noch ein Schälchen von dem leckeren Getränk herausrücken?
Amos sah demonstrativ auf sein leeres Behältnis, so dass es Opa Hermann sehen musste. Dann schaute das Piratenschaf dem alten Herrn direkt in die Augen und fragte beiläufig: „Wie war das mit dem Piratenfilm und Errol Flynn in der Hauptrolle?“

 

 

Opa Hermann, Amos und die lakonische Sprache

Auch Grunzlaute haben ihre Bedeutung

 

„Amos, wie war das noch mit eurer Piratensprache?“ fragte Opa Hermann das Piratenschaf. „Du meinst lakonisch, Opa Hermann?“ „Ja, die Sprache der Frustrierten!“ „Ooooch, die ging mal so – mal so!“ „Meist wendete Captain Hornblewer sie an, wenn er volltrunken in seine Kajüte wankte. Du weißt schon: „Schechte meschen maschoffen della kamma da Fetzen!“
„Ja“, sagte Opa Hermann, „dieser Satz kam schon in einem der vorherigen Kapitel vor, deshalb komme ich ja auch darauf zurück. Die Bedeutung war: ich hatte zuviel getrunken, konnte die Zeche nicht bezahlen und musste meinen Mantel (Fetzen) als Pfand dalassen!“ „So ungefähr“, grübelte Amos.

(In Wahrheit kommt  das Lakonische aus Lakonien, einer Gegend in Griechenland, wo die Spartaner zuhause waren und beschreibt damit eine schmucklose, karge Ausdrucksweise.)

„Wir haben als Kinder mehrere Geheimsprachen gehabt“, antwortete der alte Bergmann, „eine dieser Geheimsprachen war die „Ichpich-Sprache“, da wurde hinter jede Silbe ein „pich“,“pach“, „pech“ oder „puch“ gehängt oder wenn die Silbe auf „um“ endete oder „am“, dann wurde „pum“ oder „pam“ angehängt. Also zum Beispiel: „Kompomst dupuch mitpich zumpum Konponsumpum?“ = Kommst du mit zum Konsum? Dann fragte der Gefragte: „Waspas willstpich dupu dennpenn dapa?“ Und der antwortete: „einpeinkaupaufenpen!“

(Was willst du denn da? Einkaufen) Und der dann: „Apachhapach“ (Aha).

 Diese Geheimsprache, wie wir sie nannten, war ziemlich durchsichtig. Man musste sie schnell sprechen, um nicht verstanden zu werden. Das ist ja der tiefere Sinn der Sprache!“
Amos grübelte und sagte: „Böööööh!“ Ihm war die Augenklappe bei diesem Gefühlsaubruch verrutscht. Opa Hermann richtete sie wieder! „Anderes Auge“, sagte Amos, das Piratenschaf.

„Dann erfanden wir die „Kummhummlefumm-Sprache“, dozierte Opa Hermann. Dabei vergaß er völlig seine Umgebung und dass er sich nicht in einem Hörsaal für „räteromanische Sprachwissenschaft“ befand. „Sag mal einen Satz“ in der kummhummlefumm-Sprache“ – forderte das Schaf Opa Hermann auf, „ich will hören, ob das dem Lakonischen nahe kommt.“
Opa Hermann ließ sich nicht lange bitten. Er röhrte fließend aus dem Stehgreif: „Ichhichlefich hahalefa behelefeheutheutlefeuttehelefe diehilifie Schuhulefu gehelefeschwänzthänztlefänzt“, in die Gegend.
„Hasse verstanden?“ fragte er und grinste. „Irgend etwas mit Schule schwänzen“, antwortete das Piratenschaf, „ist aber nicht lakonisch!“

Opa Hermann überlegte einen Moment: „Eine Geheimsprache, die man selbst nicht versteht, macht keinen Sinn! Deshalb habe ich mich mit dem Lakonischen, wie wir sie verstanden, beschäftigt und gedacht, dass sich diese Sprache dem Denkenden aus ganzen Sätzen erschließt, nicht aus einzelnen Worten, die man zusammensetzt, wie es bei den gängigen Sprachen so üblich ist! Das erspart dem Anwender die Grammatik und die Kommaregeln, auf hebräisch auch „Interpunktion“ genannt.“

O weh, da schmiss der pensionierte Bergmann etwas durcheinander.

Doch unbeirrt fuhr der fort: „Also habe ich einen neuen Satz kreiert, und der geht so: „Völle ma har“. Als ich im Internet die einzelnen Laute eingab, war ich im Nachhinein sehr frustriert, was ja die Voraussetzung für das Lakonische ist. Bei „ma“ angekommen, sagte mir Google, die außerirdische Suchmaschine, dass es dieses Wort schon gibt. Das Gleiche wurde mir auch mit dem Ausspruch „har“ zuteil. Auch das gibt es schon!“ Und was heißt das jetzt, „Völle ma har?“fragte Amos lebhaft. „Es heißt wörtlich übersetzt: „Die vollgefressene Göttin der anatolischen Mythologie befiehlt ihrem Pferd nach links zu gehen!“ „Schade, Opa Hermann“, sagte das Piratenschaf, „dabei klang das schon richtig lakonisch!“ „Das geht noch weiter“, murrte Opa Hermann, „erfindungsreich wie ich nun einmal bin, habe ich den nächsten Satz geprägt in der Hoffnung, dass es die einzelnen Laute nicht gibt“. „Und?“, bohrte der wollene Vierbeiner, „wie lautete dein Lakonisch?“ „Kam zach iere voldam“, grunzte der alte Herr. „Toll!“ Amos strahlte. „Das ist typisches Lakonisch, Opa Hermann, gratuliere!“

„Google sagt aber etwas anderes“, stöhnte der verhinderte Sprachwissenschaftler. Schon bei dem Begriff „Kam“ wurde mir von der Internetsuchmaschine offenbart, dass es sich um eine katechetische Arbeits- und Medienstelle handelt. Trotzdem machte ich weiter und erfuhr unter „zach“, dass es sich um einen Austriazismus handele und in der Jugendsprache Verwendung findet als Ausdruck für alles Mühsame, gar Widerliche. Sogar ein Beispiel wurde genannt!“
„Was denn, Opa Hermann!“ „Na, morgens aufstehen ist „zach“!

„Bei dem Ausdruck „iere“ bescheinigte mir Google einen Volltreffer. Das ist nämlich das Atlantis der Kariben! Den Rest gab mir Google bei dem Nachschlagen von „Voldam“. Natürlich gibt es das auch.“ „Und was ist damit los, Opa Hermann?“ „Das ist eine pakistanische Ventilatorenfabrik für Lüftungstechnik.

Der dritte und letzte Versuch begann mit den Silben tum und trah, wobei ich extra ein „h“ anfügte um sicherzugehen, dass es dieses Wort nicht gibt, das ist der tiefere Sinn der non-verbalen Kommunikationstechnik.“ „Und was ist „tumtrah?“ wollte das Wollknäuel mit der Augenklappe jetzt wissen. „Was sagt Google dazu?“ „Ich habe gar nicht erst bei Google nachgeschaut“, frohlockte Opa Hermann jetzt in gehobener Stimmung. „Ich habe es selbst herausgefunden! Es heißt Hartmut auf rückwärts!“