Opa Hermann, Amos und die drei Streifen

Halte den Ball flach, wenn du diskutierst aber keine Ahnung hast!

 

Amos war mit Opa Hermann unterwegs, Opa Hermann vorne auf dem alten Fahrrad, das Piratenschaf im angekuppelten Fahrradanhänger. Es war herrliches Wetter, der Himmel tönte „Bavaria Blau“, selbst die Hausfassaden der Innenstadt leuchteten freundlicher als sonst.

„Gutelaunewetter“, diagnostizierte der alte Bergmann. Sie kamen an einem Bolzplatz vorbei, auf dem eine Gruppe Jugendlicher Fußball spielte. Einige trugen sogar Originaltrikots, zum Beispiel ein argentinisches. Auf der Rückseite stand: „Messi“. „Ah, ein Wessi!“, rief das Piratenschaf. Die Jungen hatten das sprechende Schaf wahrgenommen. Ein Blondschopf im Bayern-Trikot machte seine Spielkameraden auf die beiden Zuschauer aufmerksam: „Hey, Leute, schaut mal, ein Schaf im Fahrradanhänger. Ich glaube, es hat gesprochen!“ Die Jugendlichen unterbrachen ihr Spiel und umringten Opa Hermann und Amos. „Kann das Schaf sprechen?“ fragte der Blondschopf. „Jau“, antwortete das Piratenschaf, „du auch?“ Die Jugendlichen lachten. „Warum hat deine Hose drei Streifen?“, fragte das Piratenschaf. „Das ist eine Marken-Trainingshose von ADIDAS und meine Schuhe sind von PUMA, das sieht man an dem PUMA-Logo an der Seite.“ „Puma kenne ich“, sagte Amos freundlich, „stinkt wie ein Iltis!“ „Woher kennst du denn einen Puma?“, wollte der Junge wissen. „Aus dem Zoo natürlich“. „Du warst als Schaf in einem Zoo?“ Jetzt mischte sich Opa Hermann ein: „Ja, es kamen Tierpfleger und wollten mein Schaf einfangen, weil sie glaubten, es sei aus dem benachbarten Streichelzoo ausgebüxt.“ Die Jugendlichen staunten nicht schlecht. Einer der Nachwuchsfußballer wollte Amos streicheln. Doch das Piratenschaf wich einen Schritt zurück: „Anschauen ja, anfassen nein!“ blökte es, „ich bin ein gefährliches Piratenschaf!“

Auf einmal hatten die Fußballer alle ein viereckiges Gerät in Händen und hackten und wischten mit ihren Fingern darauf herum. „Was ist das?“ fragte Opa Hermann? „Das sind I-Phones (Eifons gesprochen)“, erklärte einer der Jugendlichen. „Eier kenne ich“, rief Amos dazwischen, „die sind aber rund!“ Das „I“ steht für Internet, das sind sogenannte „Smartphones“, damit kommt man ins Internet. „Aha!“ Opa Hermann war begeistert. „Ich habe das neue XRT 4711“, brüstete sich ein kleiner Kicker mit dunklen Haaren. „Na und?“ schrie ein anderer dazwischen, „ich habe sogar das MRT 5020 von der Firma „Guckidown“! (Irgend etwas mit Magnet Resonanz Tumografie).

„Was kann das denn?“ wollte Opa Hermann wissen. „Es brennt besser!“ erklärte der Stürmer im Messi-Look. „Woher kommt das?“ „Lithium-Ionen-Batterie, kleiner Kurzer und schon brennt es!“ „Ich habe früher mit Kohlen geheizt“, meinte der alte Bergmann lakonisch!“ Jetzt der „Messi-Ersatz“ wieder: „Außerdem hast du nur zwei Streifen an deiner Trainingshose! Die ist von KICK, wenn du es genau wissen willst!“ „Ich hau dir gleich ne Hasenscharte, selber KICK!“ Ein Vierter mischte sich ein, schaute triumphierend in die Runde: „Alles Kack!“
„Ist der Ball jetzt auch von NOKIA?“ wollte Opa Hermann wissen. „Mann, eeei! Die Geräte sind nicht von NOKIA, sondern von GINSENG!“ „Blödmann, GINSENG ist ne Schwimmflosse, das heißt SAMSUNG!“
„Ich wusste gar nicht, dass die Hebräer auch schon telefoniert haben!“ Opa Hermann tat unschuldig. So viel Halbwissen auf einem Haufen, na, da konnte nichts Gescheites von werden!

Einer von den Fußballenthusiasten ließ den Ball fallen. Amos sah das und war wie der Blitz hinter ihm her. Bevor die anderen Jugendlichen wussten was geschah, hatte das Piratenschaf sich den Ball „gegabelt“ und war auf und davon. Die Kickerbande war schockiert – geradezu zu Eis erstarrt. „Und nu?“
Opa Hermann rief laut über den Bolzplatz: „Geht ins Internet! Ihr müsst jetzt alle einen Aufruf teilen. Ich rate zu facebook. Schreibt da rein, dass ein Piratenschaf euren Ball geklaut hat. Mal sehen, was dann für Kommentare eingehen!“
Aber die Aufregung war nur von kurzer Dauer. Plötzlich kam Amos um eine Häuserecke gesaust, den Ball zwischen den Vorderläufen. Opa Hermann rannte ihm entgegen, musste aber bereits nach 10 Metern nach Luft japsend die Absicht aufgeben, den Ball seinen rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. „Na Opa, aus der Puste?“ rief einer aus der Jugendmannschaft. „Ich? Aus der Puste? Mir ist gerade siedendheiß eingefallen, dass ich junge Menschen nicht bevormunden soll. Holt Euch die Kickkugel gefällig selbst zurück!“ Amos hatte sich inzwischen vor einem der Tore aufgebaut. „Wer ist Bayern München?“ rief das Piratenschaf. Drei der Jungen schrien: „Wir!“ „Ist das Euer Tor?“ „Jaaa!“ Amos wirbelte um die eigene Achse, ließ den Ball fallen und keilte mit den Hinterläufen aus. Der Ball beschrieb eine leichte Rechtskurve und landete im rechten oberen Eck. „Tooooor!“, schrie Amos, „Tor gegen Bayern München in der 66. Minute!“

Dann trottete es zu Opa Hermann hinüber, stieß ihn leicht mit dem Kopf an und röhrte zu ihm hinauf:“ Bööööööh, war das lustig, wollen wir weiter?“

Berberitzen erobern das Gartenlabyrinth

Kultur: Hartmut T-Reliwette gibt sein Langzeit-Kunstobjekt in Idafehn-Nord nach 30 Jahren auf

„Wer da nochmal durchgehen will, der sollte sich beeilen“, rät der 74 Jahre alte Künstler.
(von Günter Radtke)

IDAFEHN — Letzte Einladung ins Idafehner Irrgartenlabyrinth: Das vor 30 Jahren vom Künstler Hartmut T. Reliwette in Idafehn—Nord auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern angelegte Kunstwerk wird der Natur zurückgegeben. Die mannshohen Hecken aus stacheligen Berberitzen werden nicht mehr zurückgeschnitten. Das Langzeit—Kunstprojekt wird einschließlich Bühne, Rednerpult und Bestuhlung im Innersten der Anlage alsbald zuwuchern.
„Wer da nochmal durchgehen will, der sollte sich beeilen. Die Sträucher schlagen gerade aus. Die Wege werden schnell zuwachsen“, sagt Reliwette. Das Kunstwerk habe nach 30 Jahren seinen Zweck erfüllt, habe viel zum Thema Verfall beigetragen, meint der 75-Jährige, der einst viele Jahre in Essen lebte, ehe er erst schrittweise und Ende der 90er Jahre vollständig nach Idafehn übersiedelte. In Essen hatte der große Künstler Joseph Beuys zum Freundeskreis Reliwettes gezählt. Als Beuys 1986 gestorben, für ihn aber keine Grabstätte angelegt worden war, schufen Reliwette und Freunde ihm zu Ehren in Idafehn-Nord einen Gedächtnisgarten. Ein Labyrinth der toten Künstler und Dichter entstand, voller Skulpturen und Gänge, die jeweils nach einem Künstler benannt wurden.
„Die darin ausgestellten Ton-Skulpturen sind zum Teil von Besuchern zerstört worden. Deshalb musste ich sie letztlich alle rausnehmen“, ärgert sich der 75-Jährige im Nachhinein über jene Leute, aber auch über seine Gutgläubigkeit. „Heute sagt man zu Leuten wie mir damals Gutmenschen und meint damit Bescheuerte“, fügt er laut lachend hinzu.
Er bedauert, dass es ihm nie richtig gelungen ist, die Menschen aus Idafehn und Umgebung in Scharen für sein Gartenlabyrinth zu begeistern. „Ich habe hier meistens immer Leute von weit weg gehabt“, sagt er. Nur einmal sei es im Auditorium im Herzen des Labyrinths richtig voll gewesen — als nämlich Pastor Florian Bortfeldt seine Gemeinde zum Gottesdienst dorthin eingeladen hatte.
Dabei hatte vor Jahren die Reihe der Performances im Labyrinth spektakulär begonnen: Mit einem Polizeieinsatz, nachdem Reliwette angekündigt hatte, mit einem alten Vorderlader die Bildröhren zur Pyramide gestapelter ausgedienter Fernseher krachend zu zerschießen, um auf diese Weise künstlerisch auf das schlechte Fernsehprogramm hinzuweisen. Die Dorfpolizei kam, sah und ließ den Künstler gewähren.
Hartmut T. Reliwette, der in der Essener Kunstszene kein unbeschriebenes Blatt war, arbeitete in den 1980er Jahren in Gelsenkirchen im Strafvollzug, während er gleichzeitig malte, Skulpturen schuf, an bis zu drei Volkshochschulen gleichzeitig seine Kunst unterrichtete und in Idafehn auch noch das alte Fehnhaus restaurierte, in dem er sein eigenes Museum einrichtete. „Jeder große Künstler hat doch sein eigenes Museum. Ich deshalb also auch“, scherzt er heute, obwohl er spürt: „Es bleibt doch irgendwo in den Knochen hängen. Man ist eben nicht mehr 35.“ Das Übergeben des Gartenlabyrinths an die Natur sei ein schmerzhafter Einschnitt, ein Loslassen. „Es ist der Lebensabend. Darüber muss man aber nicht traurig sein“, sagt er.

Quelle: Generalanzeiger 22. März 2017

Kerniger Künstler mit kleinem Knall

GA-Serie (5) Seit gut 25 Jahren lebt und wirkt der Maler und Bildhauer Hartmut T. Reliwette in Idafehn (von Ole Cordsen)

IDAFEHN – Ob Hartmut T. Reliwette einen kleinen Knall hat? Getuschelt haben dies schon manche Leute, die ratlos vor seiner Kunst standen. Vor allem aber sorgte er für einen Knall bei seiner Ankunft in ldafehn-Nord. Genauer gesagt, ließ er es gleich zehnmal knallen. Hinter der Scheune seines frisch renovierten Hauses hatte Reliwette zehn Fernseher gestapelt. Und für die Auftakt-Aktion in seiner neuen Heimat zielte er mit einem großkalibrigen Revolver und schoss. Krachend zersplitterten die Mattscheiben und Bildröhren. Aus Furcht versteckten Schaulustige sich hinter Hausecken und Gebüschen. Das war damals, vor gut 25 Jahren.

„Stimmen (D)eines Herrn“ hatte Reliwette, nach eigener Auskunft ein Freund und Weggefährte des berühmten Aktionskünstlers Joseph Beuys, diese Aktion genannt. „Ich wollte symbolisch das leere Gebrabbel der Fernsehsender stummschießen, dem viel zu viele Menschen hörig waren und sind“, sagt er heute. Dann schiebt er seinen Hut aus der Stirn, schenkt im Wohnzimmer seines Hauses Kaffee ein und blickt auf das Vierteljahrhundert zurück, das er in Ostfriesland lebt. „Ich habe tolle Nachbarn. Wir nehmen und mögen uns, wie wir sind.“
Überbleibsel seiner oft politisch motivierten Aktionen tummeln sich unter dem Dach seines Hauses. Dort hat Reliwette ein Museum in eigener Sache eingerichtet. Scherben einer Terracotta—Rakete liegen darin. Die wollte Reliwette in den 80er Jahren in einem Osterfeuer festbrennen — als Protest gegen die geplante Stationierung amerikanischer Pershing II—Raketen in Deutschland während des Kalten Krieges. Auf einem Beistelltisch steht ein Kaffee-Service, das Reliwette modelliert hat. Der Zuckerstreuer ähnelt einer Handgranate, die Kanne ist dem Geschützturm eines Panzers nachempfunden. Dabei geht es Reliwette um das Gegenteil von Gewalt. „Ich kämpfe für den Frieden“, sagt er. Wenige Wimpernschläge später berichtet Reliwette von einem Besuch in der Kunsthalle in Emden, wo er vor kurzem war und den Slogan „Kunst mit allen Sinnen genießen“ entdeckte. „Dafür ist Kunst doch nicht da. Sie soll zum Denken anstoßen, aufrütteln, Inhalte vermitteln. Sie muss ihrer Zeit voraus und im Leben anwendbar sein. Sonst wird Kunst belanglos“, sagt der 66-Jährige.
Er selbst, der den Großteil‘ seines Lebens im Ruhrgebiet gelebt hat, arbeitete bis 1998 gut 20 Jahre lang in Gelsenkirchen als Kunst-Therapeut im Gefängnis und regte die Sträflinge über die Kunst zum  Nachdenken an. Der studierte Maler machte sich vor allem durch Performance-Kunst einen Namen und arbeitet heute vomehmlich als Bildhauer und Schriftsteller.
Nach Idafehn zog Reliwette, „weil ich nach einem Eklat bei einer Performance in Essen 198l einen geschützten Raum zum kreativen Schaffen gesucht habe“, Weil er als Kind die norddeutsche Küstenregion geliebt habe, sei er über Umwege nach Idafehn gelangt, wo ihn neben der Ruhe auch die netten Nachbarn überzeugten. Die Kontakte zur Künstlerszene im „Pott“ hält Reliwette telefonisch, „doch die engen Bindungen bleiben“, sagt er. Guten Kontakt habe er auch in Ostfriesland gefunden, etwa zu Autoren der Poetry-Slam-Szene. Die haben den Mann mit dem Knall ins Herz geschlossen und waren schon zu Gast auf der Bühne im Labyrinth hinter Reliwettes Haus, das er zu Ehren von Beuys aus Tausenden von Dornbüschen schuf.

Quelle: Generalanzeiger 27.März 2010

Amos und das Interview

Gedruckt sieht alles so ganz einfach aus

Gestern war die Presse bei Opa Hermann. Der Journalist hatte sich für 11 Uhr angekündigt. Deshalb hatte sich der alte Herr in Schale geschmissen und seine neue Cordhose (15 Jahre alt) aus dem Kleiderschrank geholt. „Meine Güte, wenn das in den überregionalen Teil kommt!“ Niemand will sich gerne blamieren. Deshalb war Rentner Hermann am Tage zuvor noch schnell beim „haircutter“ gewesen. So nennt man heutzutage die Friseure, die weniger in althergebrachten „Salons“ werkeln als dass sie heutzutage in „Studios“ die Kundschaft zur „Schere bitten“. Entsprechend haben sich die Namen der Unternehmen dem Mainstream angepasst: „HAIRHUNTER“ -analog zu „Kopfgeldjäger“ – oder „HEIßE SCHERE“ anstelle von „SALON EPIDERMES“ (obere Hautschichten), was übrigens keine griechische Göttin war.
Derart gestylt blickte der Geschorene daheim in den inzwischen infolge „hoher Laufleistung“ patinierten großen Kristallspiegel aus dem vorigen Jahrhundert. Aber so oft sich der alte Herr auch drehte und wendete, es kam nichts wesentlich Neues dabei heraus. Opa Hermann hatte außer einigen fehlenden Ohr-, Nasen- und Augenbrauenhaaren das Studio so verlassen wie er es betreten hatte. Was ist auch an einer „Fast-Glatze“ groß herum zu schnippeln?
Um so größer war der Schock, als der junge Journalist sich mit Namen vorstellte und kurz und knapp den Anlass seines Besuches darlegte: „Unsere Redaktion beabsichtigt einen Bericht über ihr sprechendes Schaf zu veröffentlichen.“ „Ach, und deshalb sind sie hier?“ fragte Opa Hermann überflüssigerweise. „Ja, wir hatten doch telefoniert…“
„Aber nicht darüber gesprochen, dass Sie mit Amos, dem Piratenschaf, ein Interview machen wollen“, verteidigte der alte Herr seine störrische Haltung. „Ich war davon ausgegangen, dass Sie mich sprechen wollen“, fügte der etwas pressegeile Opa Hermann hinzu.
Der Zeitungsreporter druckste etwas herum, es war ihm sichtlich unangenehm. Wie sollte er erklären, dass eine Reportage über einen brummigen ehemaligen Bergmann nicht viel hergeben würde außer ein Gähnen bei der Leserschaft des beliebten Tageblattes, ohne Opa Hermann zu brüskieren?
„Na dann kommen Sie mal mit!“ Opa Hermann angelte sich im Vorbeigehen seine Arbeitsjacke vom Haken seines Garderobenständers: „Hier entlang bitte!“ Es ging zweimal links herum, einmal rechts um die Häuserecken und dann war nur noch Grünes: mehr lang und breit als hoch. In Sichtweite grasten zwei Schafe, welche die Ankömmlinge interessiert beobachteten. „Amos und Linda“, rief Opa Hermann, „ihr habt Besuch, die Presse ist da!“ „Was pressen die denn“? fragte Amos. „Heu?“
„O ja“, rief der Journalist begeistert, „tatsächlich, es spricht!“ Opa Hermann mischte sich ein: „Früher war das Drucken mittels Druckstöcken wirklich ein Pressen, heute verwendet man Matritzen per Computer, nur der Name ist geblieben: Zeitungsmacher = Presse!“ „Aha“, röhrte das Piratenschaf und fügte „Böööööh“ hinzu. „Verstehe“, erwiderte der Zeitungsmann und notierte etwas in seinen Notizblock. „Huch“, fügte nun Linda hinzu, „wie praktisch!“ „Ach, Sie sprechen auch? Darf ich „du“ sagen?“ „Bin noch keine sechzehn“, erwiderte Linda, das Schaf, „ich habe kein Problem damit!“
An Amos gewandt startete der Journalist die erste Frage: „Was bevorzugst du am liebsten im Speiseplan?“ „Den Plan“, sagte das Piratenschaf etwas irritiert. Dann dachte es einen Moment nach: „Weidegras!“ „Und an zweiter Stelle kommt…..“, wurde gefragt und Amos: „Weidegras!“

Das würde ein Schietinterview, so viel war sicher. Aber du kannst ein Schaf ja schlecht nach seiner bevorzugten Whiskeymarke befragen. Amos schien die Verlegenheit des Reporters zu bemerken und sagte von sich aus: „Ich spreche hannoversches Hochdeutsch und bei Opa Hermann Plattdütsk. Bei den lieben Piraten wird „Lakonisch“ gesprochen, das ist die Sprache der Frustrierten!“

Der Reporter schüttelte den Kopf wie ein Zugpferd, dem das Halfter zu eng geworden war. „Das ist ja unglaublich!“
„Amos ist schlau“, mischte sich jetzt Opa Hermann ungefragt ein, „das Schaf sollte in die Politik gehen, außerdem sind die Betriebskosten viel günstiger als bei einem herkömlichen Abgeordneten. Ich erinnere: Weidegras! Die Politik könnte es nebenher machen, neben dem Fressen. Die Wirtschaft ist ohnehin ein Selbstläufer, und der Zahlmeister ist schon zufrieden, wenn die Steuereinnahmen tüchtig sprudeln, nicht wahr Amos?“
„Bööööh“, machte Amos, und Opa Hermann frohlockte: „Sehen Sie, sag ich doch! Haben Sie mitgeschrieben?“ „Scheiß Interview“, dachte der Reporter, „läuft völlig aus dem Ruder!“
„Fragen Sie das Piratenschaf nach dem Wehretat“, stichelte Opa Hermann. „Ich bin doch nicht bekloppt“, ächzte der Journalist, „wem soll ich das denn auf die Nase binden?“
„Geht bei der Blödzeitung doch auch“, ereiferte sich der alte Bergmann, „was glauben Sie, was die aus der Story machen würden? Eine Fotomontage, das Piratenschaf mit dem Gesicht von Frau…“ „Hören Sie auf, das ist doch völliger Quatsch!“ „Ja, und genau den wollen die Leute lesen, die Realität kennen die Menschen doch zur Genüge! Außerdem geifern so furchtbar viele danach, manipuliert zu werden. Das ist die Volksseuche Nummer 1, nicht irgend ein Grippevirus. Ein nackter Frauenpopo ersetzt vier Philosophiebücher, junger Mann, wenn ich das mal so wertfrei in den Raum stellen darf!“
Linda hatte etwas abseits gegrast. Sie tat so, als ginge sie das alles nichts an. In Wirklichkeit bekamen ihre gespitzten Ohren jede Einzelheit des Diskurses mit. Sie war stolz auf ihren Mann, das berüchtigte Piratenschaf, das es sogar mit dem Leithammel Brutus aufgenommen hatte, wenn auch durch eine rasante Flucht.
Gerade hörte sie, wie sich der Journalist für das Gespräch mit den Worten bedankte: „Wenn mein Chef das so durchgehen lässt, wird der Artikel in der übernächsten Ausgabe erscheinen!“
„Wer ist sein Chef?“ zischte Amos zu Opa Hermann hinauf. „Das ist doch der bekannte Chefredakteur vom Tagesanzeiger, aber du hättest dem Reporter auch ein wenig zuarbeiten können.“ Dabei ließ der alte Herr ein verschmitztes Lächeln erkennen und zwinkerte mit dem rechten Auge.

Der alte Bergmann hatte sich nicht umsonst in seine „neue“ Cordhose geschmissen.

Amos und die rote Kiste

Einhundertundzwanzig Knöpfe und doch kein Mantel

Die Märzsonne stand im blauen Azur, wärmte bereits mit ihren Strahlen Land und Flur. Amos, das Piratenschaf, hatte nach langer erfolgloser Suche endlich seine geliebte Schafsdame Linda gefunden und sie zu sich in Opa Hermanns Grundstück entführt. Na ja, im Grunde war es gar keine Entführung gewesen, denn Opa Hermann hatte sie bei ihrem Züchter ausgelöst. Nun waren sie zusammen und genossen die Vorboten des Frühlings auf der saftigen Wiese.
„O, meine geliebte Linda“, säuselte Amos soeben, „wie habe ich dich lieb!“ Linda errötete etwas unter ihrem Wollschopf und atmete hörbar aus: „Mein strammer Pirat!“
Das wäre wahrscheinlich noch eine Weile so weitergegangen, wenn nicht plötzlich ein wehleidiger Laut an Amos Ohr gedrungen wäre.
„Oh, du liebe Güte“, durchfuhr es das Piratenschaf, „es ist etwas mit Opa Hermann!“ Dessen Kate war ja nur einen Hammelsprung entfernt auf dem selben Grundstück gelegen. „Bleibe du nur lieber hier“, empfahl das Piratenschaf, „ich gehe mal nach dem Rechten schauen!“
„Pass auf dich auf“, antwortete Linda, „nicht dass es etwas Gefährliches ist, was dich erwartet!“
„Nein, nein, bin doch schon groß“, brüstete sich Amos. Je näher er dem Haus von Opa Hermann kam, desto eindringlicher wurden die Klagelaute. So ein Geräusch hatte das Piratenschaf vorher noch nie wahrgenommen.
Unter dem Fenster, aus welchem die Töne kamen, stand eine blaue Gartenbank, die Amos jetzt als Kletterhilfe benutzte, um in das Zimmer zu spähen. Aus dem halb geöffneten Fenster waren jetzt deutlich Wortfetzen zu hören. „Ein Schmerz“, schrie Opa Hermann gerade, der eine rote Kiste vor seinen Bauch gebunden hatte und „fährt hinaus auf Seeeee“, war zu vernehmen.
Die rote Kiste blähte sich auf, es mutete an wie ein altmodischer Heizkörper einer Zentralheizung, aber dem alten Mann gelang es immer wieder sie zusammenzudrücken. Dabei entstanden diese wehleidigen Klagelaute. Gerade maulte der alte Herr: „Musst nicht traurrrrrig sein!“ Offensichtlich versuchte er die rote Kiste zu beruhigen. Amos konnte sich keinen Reim auf das Geschehen machen. „Komisch sind die Menschen“, dachte Amos, „sie binden sich überflüssigerweise eine Kiste vor den Bauch und versuchen sie dann zu trösten!“
Der Zeitpunkt war gekommen einzugreifen. Opa Hermann musste unter allen Umständen gerettet werden. Das Piratenschaf spähte nach der Haustür. Sie war verschlossen, ebenso die angebaute Waschküche. Amos raste um das Haus. Eile war sichtlich geboten! Was wäre, wenn die rote Kiste den armen Opa Hermann erdrücken würde? Nicht auszudenken! Amos besann sich nicht lange, sondern raste in wilden Dreiecksprüngen zum Nachbarhaus und bumste mit seinem Schädel gegen die Eingangstür. Der Nachbar erschien in der Türfüllung: „Ach, du bist es, was gibt`s?“ „Komm schnell“, hechelte der Vierbeiner, „es ist etwas mit Opa Hermann, aber bring einen Dietrich mit, er hat sich eingeschlossen!“ Zusammen erreichten sie die Kate. Der Nachbar trommelte mit seinen Fäusten gegen die Hausür. Von innen war ein Rumoren zu hören, dann wurde die Tür entriegelt. Opa Hermann stand mit umgeschnalltem Akkordeon im Eingang. Der Nachbar rang nach Worten: „Dein Schaf hat mich alarmiert, es meinte, dir ginge es nicht gut, hätte verdächtige Geräusche aus dem Haus gehört! Was spielst du auch immer für nen Scheiß? Da rollen sich ja die Tapeten vor Rührung von den Wänden!“ Opa Hermann war entrüstet: „Du Kulturbanause“, giftete er seinen Nachbarn an.“ „Wieso ich?“ rief sein Nachbar, „du hättest ja dein Schaf beizeiten an die Geräusche gewöhnen können!“ „Geräusche? Geräusche? Ich glaube bei dir hackt es! Das einzige Geräusch, welches du akzeptierst, ist doch deine Kettensäge! Das geht von morgens bis spät in die Nacht! Vor dir ist doch kein Baum mehr sicher!“
„Kannst du überhaupt die Tonleiter?“ wollte Clemens jetzt wissen.
„Na klar: – do-re-mi-fa-so-la-ti-do.“ Dabei machte Opa Hermann komische Handbewegungen, so als wolle er einen Fisch aus einem Marmeladenglas fingern. „Das ist keine Tonleiter“, kommentierte Clemens, „das hört sich an wie das Morsealphabet!“ „Das Morsealpabet hat doch ganze Wörter, z.B. „Yankie“ und „Zulu“. Für „Z“ hätte man heute sicher „Zombie“ genommen.“ „Aber die Yankies sind doch nicht in Afrika bei den Zulus“, wendete Clemens ein. „Boa“, Opa Hermann verdrehte die Augen, „das Morsealphabet ist doch keine völkerrechtliche Gebietsangabe, sondern ein Übertragungsmittel, außerdem waren die Amis schon überall, meist als Besetzer.“ 

Irgendwann hatten sich die Gemüter beruhigt. „Wenn du schon mal da bist, Clemens, komm rein. Wir nehmen einen zusammen und danke, dass du mich retten wolltest!“ Die Männer betraten die Diele, Amos folgte ihnen. Er brauchte mehr Informationen. Deshalb ging er mit. Später könnte er Linda alles erzählen.
„Ich habe das Lied von Hans Albers gespielt“, erklärte der alte Mann seinen Besuchern, „ein Stück aus „Große Freiheit Nr.7“. Es ist unter dem Titel „La Paloma“ sehr bekannt geworden. Das ist nun mal ein wenig wehmütig, besonders die Stelle, in der es heißt: weit ist das Meer, wie groß muss der Himmel sein!“
„Ja aber Opa Hermann, wozu sind die ganzen Regler an dem Kasten, die vielen weißen und schwarzen?“ wollte das Piratenschaf wissen. „Na, die lösen die Töne aus, und die Regler nennt man Tasten. Man spielt eine Tonart, die wird durch Tonika, Dominante und Subdominante geregelt, also einen Dreiklang!“ Amos sagte: „Bööööööööh!“ „Fast richtig“, stellte Opa Hermann fest. „Du fängst in frühen Jahren mit der Musik an, lieber Amos! Ich habe zum Beispiel von meinem Vater einen Kamm bekommen, da fehlten nur drei Zähne (es war Nachkriegszeit). Der wurde in ein Stück Zellophanpapier eingewickelt, und man konnte herrliche Melodien darauf blasen. Das Geräusch, also der Ton, kam einem Saxophon schon sehr nahe, also wenn du nur auf dem Mundstück spielst, ha ha ha ha ha! Sonst gab es ja nichts, außer einem Volksempfänger, und da kam meistens Marschmusik heraus. Wusstet ihr, dass ein Saxophon ein Holzinstrument ist, obwohl es aus Blech besteht, aus zusammengelöteten Konservendosen?“

Amos und der Nachbar kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Bööööh“, sagte das Piratenschaf erneut.

„Ich spiele euch jetzt mal ein Stück auf meinem Schifferklavier vor, das passt in diese Landschaft, dann wisst ihr das nächste Mal Bescheid, bevor ihr mir die Tür eintretet.“ Opa Hermann verklärte seine Augen und griff in die Tasten. Er sang dazu folgenden Text:

„My Bonnie is over the ocean – my Bonnie is over the sea, my Bonnie is over the ocean – please bring back my Bonnie to me!“


„Nicht schlecht“, schluchzte Clemens, „wenn doch nur min Olschke wieder bei mir wäre…“
„Weshalb ist sie denn damals stiften gegangen?“ fragte Opa Hermann mitfühlend. „Das war die Zeit, als ich damit anfing, Trompete zu lernen!“

 

Opa Hermann und die Kunst

Die Wirksamkeit der Kunst liegt „am“ Auge des Betrachters

  Opa Hermann hatte Besuch bekommen! Sein alter Zechenkumpel Jupp und dessen Frau Burgel hatten sich zum Tee avisiert. „Den Kuchen bringen wir aber mit!“ Der alte Herr hatte ein frisches Tischtuch aufgelegt und mitten darauf stand eine Blumenvase mit frischen Schnittblumen: kleine Röschen, frisch aus Afrika importiert für 1,99 Euro aus dem Discounter. „Frisch eingeflogen, extra für Euch“, erklärte er zur Begrüßung. „Eigentlich finde ich es nicht gut, dass den afrikanischen Bauern das Land abgeknöpft wird, damit dort riesige Flächen zum Blumenanbau entstehen, aber die Sträußchen standen schon in den Eimern – direkt hinter dem Eingang…“
Kurze Zeit darauf saßen die drei um den Küchentisch herum, tranken Tee und kosteten von der Joghurtrolle, die Burgel beim Dorfbäcker erstanden hatte. Wenn man sich in einer Gruppe von Freunden wohlfühlt, kommt auch schnell ein Gespräch auf.
Bei Burgel geht es meistens um Kunst. Da kennt sie sich aus. Sie besucht jede Ausstellung in der Gegend. Ihr Lieblingsmaler ist Vincent van Gogh, der Impressionist aus dem vorigen Jahrhundert.
„Das ist einer der ersten Maler, der im pointilistischen Stil gemalt hat. Seine Bilder setzen sich aus Pinselstrichen zusammen wie ein Mosaik“, erklärte sie den Männern mit hochrotem Kopf.
Wenn Burgel über Kunst reden konnte, war sie nicht mehr zu bremsen. Opa Hermann hielt seinen Kopf beim Zuhören etwas schief, was bei seiner Besucherin den Eindruck erweckte, er lausche intensiv ihren Ausführungen. In Wirklichkeit war diese Körperhaltung dem Umstand geschuldet, dass er auf einem Ohr nicht mehr so gut hören konnte. Als Burgel an einer Stelle ihrer Ausführungen Luft holen wollte, ergriff Opa Hermann das Wort, weil er dachte, sie sei fertig!
„Wir haben hier auch einen Dorfkünstler“, fiel der alte Herr ein, „ich weiß nicht, ob du ihn kennst?“
„Wie heißt der denn?“ wollte Burgel jetzt wissen. „Ob der überhaupt einen richtigen Namen hat, weiß ich jetzt nicht, aber wie der aussieht, das kann ich beschreiben: eine lange, hagere Gestalt mit einem Rauschebart, er hat ein altes Siedlerhaus an der Wieke! Auf einem Heuballen steht immer eine weißgescheckte Ziege.
In seiner Scheune ist angeblich eine Dauerausstellung seiner Bilder, und man soll da auch Tee trinken können!“
„Ja, von dem steht ja zuweilen etwas in der Zeitung“, meinte Burgel. „Er soll ein Schüler von dem Beuys gewesen sein, dem Kunstprofessor aus Düsseldorf.“ „Ist das der mit dem Hut?“ Opa Hermann warf einen triumphierenden Blick in die Runde. „Ja“, meldete sich jetzt Jupp zu Wort, „das ist der mit der Margarineecke!“ „Fettecke“, verbesserte Burgel. „Ja, dann eben Fettecke!“ Ihr Mann machte eine wegwerfende Handbewegung. „Jedenfalls ist unser Dorfkünstler ein Sonderling. Den versteht hier „keen enen nich“, der sieht aus wie das Leiden Christi, hohlwangig mit entzündeten Augen und macht einen auf Öko!“ „Habt ihr mal seine Skulpturen gesehen?“ wollte Opa Hermann wissen, „der soll ja alles mögliche von Schrottautos zusammenschweißen, also ein Auto zerlegen und falsch herum wieder zusammenbauen!“
„Das macht Sinn“, stichelte Jupp, „wenn ich mir so begucke, was sich VW in den letzten Jahren so geleistet hat! Zig Millionen Euro gab es für die Manager im Jahr und was kam dabei heraus? Ein Dieselmotor mit gefälschten Abgaswerten!“
„Na ja, ins Wohnzimmer möchte ich mir so eine Skulptur nicht gerade stellen. Würde auch gar nicht in meine Wohnstube passen“, meinte Opa Hermann.
Ich glaube nicht, dass ein Künstler, der solch ein Kunstverständnis hat, möchte, dass seine Skulpturen in einer Privatwohnung verschwinden. Das ist doch etwas für ein Museum, damit alle etwas davon haben“, ereiferte sich Burgel. „Na eine genießbare Kunst ist das jedenfalls nicht“, meinte Jupp.
„Ich tippe mal eher auf Unsinnsmaschine“, versuchte Burgel jetzt eine Deutung. „Das kommt der Sache vermutlich am nächsten. Und wenn man das weiter denkt, dann liegt doch nahe, dass der Zeitgenosse Künstler wohl der Auffassung ist, dass die Menschen sich mit zuviel unnützem Zeug befassen, wenn sie orientierungslos den Globus zertrampeln, oder?“ „Ich sag es ja, Hermann, wenn Burgel erst einmal loslegt, dann kannst du nur mit den Ohren schlackern!“ „Mir fällt da ein Witz ein“, sagte Opa Hermann, „der hat auch etwas mit Deutung zu tun. In einer äh Irr… nee, darf man ja nicht sagen, also ihr wisst schon Pünktchen, Pünktchen- anstalt wartet ein Insa… – nee, Patient auf seine Entlassung. Der sagt ständig, dass er sich eine Zwille (Schleuder) bauen und damit auf die Leute schießen will. Das lässt der Direktor aber nicht durchgehen. Jährlich erfolgt eine erneute Prüfung des Heilerfolges. Doch jedesmal sagt der Betroffene dasselbe: „Ich baue mir eine Zwille und schieße auf alle Leute!“ Im dritten Jahr sagt er aber zu dem Direktor: „Wenn ich entlassen bin, suche ich mir eine hübsche Frau!“ „Und was dann?“ will der Direktor wissen. „Die ziehe ich dann abends aus!“ „Und dann?“ fragt der Direktor hoffnungsvoll. „Dann nehme ich ihr Strumpfband, baue mir eine Zwille und schieße auf alle Leute!“

„Und was hat das jetzt mit Kunst zu tun?“ fragte Jupp leicht irritiert, „ich meine, worin besteht der Bezug? Im Unverständnis?“
„Das weiß ich jetzt auch nicht so genau, aber es hört sich gut an!“

Mit diesen Worten stand Opa Hermann auf, schnappte sich den Wasserkessel und ließ neues Leitungswasser einlaufen!