Balgerei auf der Cara Mia

Was dem einen sein Holzbein – ist dem anderen sein Glasauge

 

Nun lag die Cara Mia bereits seit drei Wochen im Leeraner Hafenbecken. Das Interesse der Bevölkerung an den lieben Piraten hatte nachgelassen. Den angeschimmelten Tee wollte auch niemand kaufen. Hornblewer ließ die 14 Kisten Darjeeling-Tee nachts einfach im Hafengewässer „verklappen“. Keiner hatte etwas bemerkt. Spaziergänger wunderten sich über den muffigen Geruch, der sich seitdem über dem Hafengelände breit machte. Im Rathaus schüttelten die Gemeinderatsmitglieder ihre Köpfe, nachdem ein Gutachten bei einem Unternehmen in Auftrag gegeben worden war, das es hätte herausfinden sollen. Besser hätte man den Piratenkapitän Hornblewer fragen sollen: es wäre billiger gekommen.

Jedenfalls bekam es die Piratenmannschaft mit der Langeweile zu tun. Hornblewer wusste, dass dies gar nicht gut für die Moral der Männer bestellt war. Er besann sich auf ein geeignetes Mittel, um dies abzuwenden und berief wieder einmal eine Mannschaftssitzung ein. Das tat er immer, wenn er Befehle erteilen wollte, ohne den Bootsmann zwischenzuschalten.. Also traf man sich wie üblich im „Speisesaloon“ des Schiffes. Nun weiß ja jedes kleine Kind, dass ein Speisesaal auch „Mensa“ genannt wird, was lateinisch ist und „Tisch“ bedeutet. Allerdings war es ein sehr langer Tisch, an welchem die Piratenmannschaft Platz nahm.

Tagesordnungspunkt war der Umstand, dass die Piratenmannschaft herumgammelte anstatt sich nützlich zu machen. Deshalb bat Hornblewer um Wortmeldungen zu dieser Tatsache. Der Bootsmann meldete sich mit Handzeichen. „Was gibt`s , Boot“, fragte Hornblewer? „Das Tauwerk müsste nachgesehen werden, der Anker entrostet und das Deck geschrubbt werden“. empfahl „Boot“. Dankbar griff der Piratenkapitän diese Empfehlung auf: „Ihr habt es gehört, Männer, aber dass mir niemand dabei an das Rumfass geht! Geschrubbt wird mit Wasser, aber nicht mit Rum!“ Das Ende der Sitzung erfolgte durch Hornblewers lauten Befehl „Ausführung!“ Murrend und knurrend begaben sich die Piraten auf das Oberdeck. „Wo ist die Wasserausgabe“, stichelte einer der Piraten und zog dabei den Kopf ein. „Im Hafenbecken“, schrie „Boot“, der Bootsmann.
„Ich lasse dich gleich kalfatern, sobald ich rausgekriegt habe, wer da gerufen hat!“ (Kalfatern bezeichnet das Eintreiben von Hanfseil“ oder „Werg“ in die Fuge   zweier Außenplanken eines Schiffes, bevor diese mit Pech eingestrichen wird. Beim Menschen müsste dieser Vorgang sehr schmerzhaft sein ).
Bald darauf ging die Schrubberei los. Das vollzog sich kniend und zwar mit „Wurzelbürsten“ und Knochenseife. Ein farbiger Pirat war mit seiner Bürste dem Onnen in die Quere gekommen, was diesen aggressiv stimmte. „Pass auf, wo du hinbürstest, Holzauge“, bellte er seinen Kumpanen an. Der konterte sofort mit „besser ein Holzauge als ein Glasauge mit Sprung!“ „Waaaas?“ Es ging verbal hin und her: “So doof wie du bin ich schon lange“ und: „wenn du glaubst, du hättest einen Verrückten vor dir, bist du bei mir aber gerade richtig!“ Das gipfelte dann in völliger Selbstüberbewertung wie „alle Welt kennt mich!“ und „mir kann keiner!“
Als es nichts mehr zu steigern gab, fiel dem farbigen Piraten ein, sein Holzbein zu bewerten: „Ich habe aber drei Kerben in meinem Holzbein, bätsch!“ Onnen konterte sofort: „Ich habe auch drei Kerben und dazu noch einen eingebrannten Mercedes Stern!“
„Meines ist aber aus Mahagoni, ätschi bätschi!“ „Und meins aus Makkaroni, böööööööh!“
Die übrigen Piraten hatten das mitgekriegt und begannen Partei zu ergreifen. Sie umringten die beiden Streitlustigen. „Hau ihm mit der „Maschpe“ auf die „Pompfe“ ( mit der Keule auf den Kopf)!“ rief einer. Ein anderer hetzte mit der Aufforderung: „Kratz ihm das Holzauge aus!“ Bald darauf fingen die Piraten an, auf den vermeintlichen Sieger zu wetten. Es drohte eine echte Keilerei. Da hatte der etwas kleinere Onnen eine gute Idee, mit heiler Haut der Situation zu entkommen.

Während einer der Piraten den Buchmacher spielte und Wetteinsätze kassierte, rief Onnen mit lauter Stimme: „Ich habe hier eine Wurzelbürste zu versteigern, wer bietet mehr?“. Und damit hatte Onnen auf das richtige Pferd gesetzt, denn die Piraten hatten in ihrem Wetteifer gar nicht mitbekommen, dass sie nicht mehr auf einen Sieger wetteten, sondern auf eine Wurzelbürste, die Onnen noch nicht einmal gehörte.

So ist das Gerücht entstanden, dass mit dieser Methode unter anderem auch an der Börse gezockt wird,

Begegnung mit Linda

„Ob Mode schön macht, liegt im (am) Auge des Betrachters“

 Inzwischen war viel Wasser die Leda herunter geflossen. Die lieben Piraten waren ohne ihren „Mann“ im Ausguck davon gesegelt. Sie hatten die Suche einfach aufgegeben. Da Ibrahim, der 1. Kanonier der Cara Mia, nichts zu schießen hatte, wurde er in den Mastkorb versetzt. Derartige Entscheidungen vollzogen sich bei Käpten Hornblewer (mit „e“) ganz schnell. Der Pirat bekam seine rostigsten Kanonenkugeln mit in den Korb, so dass er sie nebenbei putzen musste. Sein Glasauge hatte er in die Hosentasche gesteckt, denn bei der Ausschau durch das messingfarbene Fernrohr half es ihm ohnehin nicht. Jedenfalls war die Piratenmannschaft auf und davon. Amos war wieder einmal auf sich gestellt und hatte außer Opa Hermann, den alten Bergmann, niemanden, der sich um ihn kümmerte. Doch halt! Da gab es ja noch Linda, seine geliebte Schafsdame, an die er sein kleines Schafsherz vor zwei langen Jahren verloren hatte. Aber so viel er die ostfriesische Landschaft auf der Suche nach ihr durchstreifte, bisher war seine Suche erfolglos verlaufen.

Auf dem Rücken trug das Piratenschaf den kleinen Rucksack, den ihm der Wollene Erich geliehen hatte. Im Rucksack selbst befand sich der Troyer-Pullover, ein Abschiedsgeschenk des Schäfers für Linda. Etwas seltsam ist es schon, wenn man ein Schaf schert, aus seiner Wolle einen Troyer herstellt und diesen einem geschorenen Schaf überzieht. Im Grunde ist das ein Paradoxum. Amos wusste nicht, was ein Paradoxum ist, aber das Wort klingt gut, deshalb wird es hier erwähnt. Geschenk hin, Paradoxum her, Amos hatte eines für Linda. Nun musste er sie nur noch finden.

Und wieder ging es an Deichen entlang, an saftigen Weideflächen vorbei. Das ging nun schon seit Tagen so. Zu essen gab es ja unterwegs in Hülle und Fülle. Gras war überall, sogar an den Gräben rechts und links der Straßen und Wege. Der Kompass, den ihm Opa Hermann mitgegeben hatte, schien kaputt zu sein, denn er zeigte immer in die selbe Richtung. Auf der Cara Mia war das anders. Der große Kompass war ein Kreiselkompass. In der Ferne war eine neue Schafherde zu sehen, es war die vierte in dieser Woche, der das Piratenschaf begegnet war. Doch dieses Mal weidete die Herde nicht auf einem Deich, sondern inmitten einer riesigen Weide, durch die ein Bach verlief. Beim Näherkommen bemerkte Amos auch zwei Hunde, die sich in der Nähe der Tiere aufhielten und darüber wachten, dass sich keines von ihnen zu weit von der Herde entfernte. „Mit den Hunden komme ich schon klar“, dachte Amos, „Hauptsache ist, nicht wieder mit einem Leithammel an einander zu geraten, der ein Losungswort einfordert“.

Als der Ankömmling die Weide betrat, kam auch schon einer der beiden Hunde angerannt und wollte ihn zur Herde scheuchen. „He he“, rief das Piratenschaf, „nun mal langsam, ich bin schon den ganzen Tag auf den Beinen!“
„Nanu“, hechelte der Wachhund, „du kannst ja sprechen?“ „Logisch, ich kann vier Sprachen“, kam die Antwort, „vier Sprachen und drei Dialekte!“ Der Hund staunte und war sichtlich beeindruckt. „Hast Du das Abitur?“ fragte er. „Nee, das nicht, aber das kleine Latrinum! Wo ich hin mache, da wächst kein Gras mehr!“ Amos stellte sich vor: „Piratenschaf Amos!“
„Ach so!“
„Übrigens, ich suche Linda, meine Freundin, ist sie hier bei Euch?“
„Ich kümmere mich nicht um Einzelheiten“, gab der Hund zurück, „Hauptsache die Menge stimmt!“
„Und der Leithammel“, wollte Amos jetzt wissen, „wo kann ich den finden?“ „Ach der“, antwortete der Hund, „der ist eine Pfeife und hat hier nichts zu melden! Ich bring Dich hin! Der Boss wird erstaunt sein, wenn heute ein Bewohner mehr ist als gestern“.
„Verstehe, mit Boss meinst du dein Herrchen?“.
„Wen denn sonst? Aber es reicht, wenn Du mit dem Hammel redest“.

Es stellte sich heraus, dass der Leithammel ein mürrischer Zeitgenosse war, der seinen Dienst nur widerwillig wahrnahm. Sein Hauptbetätigungsmerkmal bestand aus Essen und das sekundäre aus Ausscheiden. Er konnte die größten Köttel der Herde produzieren. Das erfüllte ihn mit Stolz, gepaart mit Langeweile.
„Es hat sich bereits herum gesprochen“, begann der Leithammel das Gespräch, nachdem der Hund den Neuankömmling bei ihm avisiert hatte,“ dass Du ein Mitglied meiner Herde besuchen möchtest!“
„Dann ist Linda also bei Euch?“
„Schau mal da im hinteren Teil der Herde nach, da tummelt sich eine Frauenclique, so ein harter „Emanzenkern“. Wenn du Glück hast, kommst Du mit einem blauen Auge und zerrissener Wolle davon!“ Damit war das Zugangsgespräch beendet. Der Leithammel köttelte, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen und verzog sich ins Gewühl der Herde.

Amos versuchte, sich Mut zuzupfeifen. Es gelang ihm nicht wegen seiner Spaltlippe, aber er stapfte mutig in die angewiesene Richtung. Weit kam er nicht, denn er wurde sofort von schrill aufgetakelten Schafen umringt. Das mussten die Emanzen sein!
„Seid ihr die Emanzen?“ wollte Amos gerade sagen, da wurde er schon geschubst und gekniffen.
„Lindaaaaaa!“ schrie Amos in höchster Unannehmlichkeit und noch einmal: „Lindaaa!“
Das Schafspulk löste sich von ihm und gab den Weg frei. Und da kam sie, Linda wie sie Amos in Erinnerung hatte, nur noch schöner und anmutiger.
„Amos, mein geliebter Pirat“, rief sie mit weicher Stimme und vergoss ein paar Freudentränchen, wie habe ich Dich vermisst!“
Und dann stellte es sich heraus, dass die angeblichen Emanzen gar keine waren. Sie wollten sich einfach die aufdringlichen Böcke vom Leibe halten. Nach der stürmischen Begrüßung und den üblichen Treueschwüren baten die Damen das Piratenschaf zu Tisch. Zur Vorspeise gab es Gras, der Hauptgang bestand aus Gras und zum Nachtisch gab es … richtig!
„Ich habe Dir, liebe Linda, ein Geschenk mitgebracht“. Mit diesen Worten öffnete Amos seinen Rucksack und brachte den schneeweißen Troyer zum Vorschein.
„O wie schön“, kreischte Linda verzückt und gab Amos einen Kuss mitten auf die Nase, „der ist wundervoll, ich muss ihn sofort anziehen!“
Linda steckte ihre wunderschönen Vorderläufe in die Ärmel des Troyers, und Amos war ihr beim Hochziehen des Rückenteiles behilflich. „Er passt, er passt“, rief sie, „er passt wie angegossen! Wo ist ein Spiegel, ich muss mich sofort betrachten.“ Amos führte sie zum Bachlauf. „Schau nur“, säuselte er, „schau nur auf dein Spiegelbild!“. Linda spreizte ihre Vorderläufe etwas, um ihr Äußeres in Augenschein zu nehmen. Sie vollzog unnatürliche Bewegungsabläufe und wäre beinahe ins Wasser geplumpst. So schaute sie auch durch ihre Beine, um sich von unten zu betrachten, wo der Reißverschluss am Troyer angebracht ist. Es sah alles etwas grotesk aus, aber Mode ist eben Mode.
Amos verkniff sich ein Lachen. Er durfte unter keinen Umständen jetzt lachen: „Es ist Größe 38″, rief er, „du siehst umwerfend darin aus“! Er wusste, dass der Troyer kein Größenschild mehr hatte. Opa Hermann hatte es entfernt. Kein ausgewachsenes Schaf passt in einen Troyer mit der Konfektionsgröße 38.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wat is denn nu rechts?

„Vorne ist rechts mehr hinten als höher“  

„ Menschenskinner, nu hätt ich yi bold unnern Trecker hat“, schimpfte der erboste Landwirt, „wies mi dat mit de rechten Hand, as ji na rechts dreien wullt.“
Opa Hermann war erschrocken vom Rad gesprungen. „Ich wollte geradeaus, du wolltest nach rechts. Ist Dein Blinker kaputt? Und wann hast du das letzte Mal gebremst? „Jau“, sagte der Landwirt, „stimmt, ick wull nach rechts. Ick bin dörnanner mit links und rechts!“
„Rechts ist steuerbord“, meldete sich Amos aus dem Fahrradanhänger.
„Nee, links ist wo der Daumen rechts ist“, ergänzte Opa Hermann seine Sichtweise, „daran kann man sich zur Not orientieren!“

„Aber nur, as ji van boben up de Handen .kieken deist“ ergänzte der Landwirt. (Aber nur, wenn du von oben auf die Hände guckst)„Dat is fördag (heutzutage) kompliziert“, fuhr der Mann fort, „de elektrischen Fahrräder sünd faster (schneller) as min oller Mc Cormick, de lopt nich gauer as drientwentich Kilometers. ( der läuft nicht schneller als 23 km/h) De Raden överhollen mi op die rechte Sit un links rasen de annern an mi vörbi.“ (Die Fahrräder überholen mich rechts und links rasen die anderen an mir vorbei).

„Dann kop di doch en negen Trecker“ (kauf die doch einen neuen Traktor), riet Opa Hermann, „de lopen nu allens bit 60 Kilometer in en Stünd: Fendt, John Deere, New Holland, Case und as de allens heten.“

„Wovon denn?“, wollte der Landwirt wissen, „bi de Milchpriesen (Milchpreise), bi de hogen Stüern!“(hohen Steuern).

Fröer was dat anners, dor gung (da ging) allens anners, dor kunt we tofree sin (konnten wir zufrieden sein), aber nu bi de EU-Politik  weet ick bold noit de Gerichtsvollzieher ut`n Hus te hollen. (Weiß ich gar nicht mehr, wie ich den Gerichtsvollzieher außen vor halten soll).

„Hast immer schön „rechts“ gewählt, Kamerad Landwirt?“, stichelte Opa Hermann, nu sünd de in en grote Koalition, und de egentlike Poltik kwem (kam) up eenmol (plötzlich) ut Brüssel! Fröer dor wassen de Schwarten (waren die Schwarzen) op de rechte Sit un de Roten links, de FDP in de Mitten.“
„In Fahrtrichtung gesehen, Opa Hermann“, wollte das gefährliche Piratenschaf jetzt wissen?

„Ja, Amos, besonders jene in der Mitte.“

Opa Hermann und die Wahlhelfer

„Da geht doch noch etwas“

„Amos, schnell! Auf dem großen Parkplatz des Einkaufszentrums sind Stände aufgebaut worden. Dort werben Wahlhelfer für die Kommunalwahl am Sonntag.“
Das Piratenschaf reckte seinen Kopf in die Höhe. „W-w-was ist los, Opa Hermann? Muss ich da mit hin? Ich darf doch gar nicht wählen, weil ich noch keine sechzehn Jahre alt bin. Und überhaupt, dürfen Schafe überhaupt wählen?“
„Pöh,“, ließ sich jetzt der alte Mann vernehmen, „das ist mir alles schnurz-piepegal, aber da gibt es jedes Mal etwas abzustauben.“
„Abstauben, Opa Hermann, wie meinst du das?“
„Na mitnehmen, Wahlgeschenke abstauben, einsacken!“
„Au fein!“ Amos war sofort Feuer und Flamme für das Vorhaben. „Gibt es da auch Kakao?“
Der alte Bergmann holte sein Fahrrad aus dem Schuppen und kuppelte den Anhänger an, auf dem das Piratenschaf Platz nahm.
„Wir fahren jetzt zum „Multiple Cerebral-Markt“, da sind die meisten Stände der verschiedenen Parteien. Diesmal sollen es neun sein, die für den Gemeinderat kandidieren.

Nach etwa 10 Minuten erreichten die beiden das Fahrtziel. Von weitem waren Stände zu sehen, die mit bunten Luftballons oder Fähnchen geschmückt die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich zogen.
„Die meisten von denen kenne ich!“ Opa Hermann schmunzelte. Seine Augen leuchteten. „Immer eine Gelegenheit für mich, ein paar überflüssige Fragen zu stellen und gute Laune zu verbreiten!“
„Das Fahrradgespann stört etwas“, sagte Opa Hermann, „wir müssen dichter ans Geschehen, sonst wird es nicht lustig! Wir schieben es an den Rand des Parkplatzes und mischen uns dann unter das Volk.“

Der erste Stand war von der SPD. Zwei Herren im leichtem Bieranzug und großem SPD-Button am Revers repräsentierten die rosa gefärbte Volkspartei im Gemeinderat.
Opa Hermann drängte sich vor, dicht gefolgt vom Piratenschaf. „Hallo Jens, naaaa, heute Standdienst? Wie läuft es denn so?“ Der Angesprochene kannte Opa Hermann von mehreren Treffen und Gesprächen her. Dessen Zahnpastalächeln verstrahlte Optimismus in seine Umgebung:„Alles bestens soweit! Du weißt ja, wo morgen die Kreuzchen hingehören? Drei Stück darfst du diesmal auf uns verteilen!“ Opa Hermann machte ein Pokergesicht: “Was habt ihr denn da Schönes für mich auf dem Tisch liegen?“ „Kugelschreiber, hier bitte, einen Chip für den Einkaufswagen, brauchst noch einen Schlüsselanhänger?“ Opa nahm alles mit, was sich ihm feilbot. Amos Kopf tauchte auf: „Für mich bitte Kakao!“
„Nanu, seit wann kannst du Bauchreden?“„Nee, das ist Amos von der Piratenmannschaft!“
„Dann bist du hier aber am falschen Stand! Die Piraten stehen mit ihrem Stand am Marktplatz!“„Piraten gehören auf ein Schiff“, blökte Amos, „und nicht auf den Marktplatz.“
„Ihr kriegt bei dieser Wahl zwei Mandate weniger“, orakelte Opa Hermann und genoss das verdutzte Gesicht seines Gegenübers.
„Neeeei, wie kannst du sowas sagen, gib die Kugelschreiber wieder her!“
„Will mal schauen, was eure Mitbewerber so raushauen, aber ihr habt mit der CDU etwas Gemeinsames!“„Sooo? Wat denn?“
„Die machen auch zwei Mandate Verlust. Ich gehe mal eben rüber, um ihnen die frohe Botschaft zu verkünden. Machs gut, alter Kämpfer!“

Amos und Opa Hermann gingen zielstrebig auf den CDU-Stand zu, der unweit für Stimmen warb. „Hei, Clemens“, begrüßte der alte Herr einen der Parteiwerber, „dieses Mal Verstärkung geholt?“ Opa Hermann nickte der jungen Dame zur Begrüßung zu, die das Team verstärkte, „Aber sicher, ohne Frauen läuft bei uns gar nichts! Du gehst ja auch auf zwei Füßen!“ Opa Hermann griff nach vier Kugelschreibern und einem Miniaturkompass. Dann schielte er nach einem Flaschenöffner. „Kann ich den auch haben?“ „Na klar, Opa Hermann, kostet nur drei Kreuze!“ „Wer von Euch muss denn morgen Abend seinen Stuhl im Gemeinderat räumen?, wollte Opa Hermann noch wissen. „Ihr verliert zwei Sitze, tut mir Leid!“
„Hau bloß ab, Du Fiesorakel, geh zu den GRÜNEN und erzähl denen eine Pleite! Und gib die Kugelschreiber wieder her!“
Opa Hermann ließ ein meckerndes Lachen ertönen: „Hol ji wat, ich drück Euch die Daumen, dass es sich nur um zwei Sitze handelt!“
„So, Amos, und nun zu den GRÜNEN! Bin mal gespannt, was die anzubieten haben!“ „Zum Abstauben?“ Opa Hermann streichelte Amos über den Wollschädel: „Du lernst schnell, kleiner Freund!“
Amos strahlte.
Der Stand der GRÜNEN war auch dreifach besetzt: zwei Männer, eine Frau. „Johann, welche Freude!“ eröffnete Opa Hermann das Gespräch. Er kam gleich zur Sache: „Was habt ihr denn im Angebot? Ich sehe schon, schöne rote Äpfel! Darf ich?“ „Aber lass noch etwas für die anderen übrig!!“ „Welche anderen? Und was ist mit den Kugelschreibern? Fallen ja etwas flau aus. Was ist da drin? Zitronensaft?“
Opa Hermann bediente sich reichlich. „Einen Chip für Einkaufswagen könnte ich noch unterbringen!“
„Alte Heulboje!“, sagte Amos zur Begrüßung.
Opa Hermann schaute streng auf ihn herunter: „Das sagt man doch nicht!“ „Ich brauche Kakao“, sagte das Piratenschaf, „ich laufe trocken!“

„Hier, nimm noch unser Parteiprogramm mit“, empfahl Johann, damit du weißt, wo deine drei Kreuze hingehören, wenn du in der Wahlkabine stehst!“ „Du meinst die Blechumrandung ?“
Jetzt war es Zeit, auch den GRÜNEN eine Prophezeiung zukommen zu lassen. Opa Hermann hob die Stimme: „Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, ihr büßt morgen einen Sitz im Gemeinderat ein. Das liegt aber nicht an den billigen Kugelschreibern, sondern an der AfD!“
„Die tritt doch gar nicht hier an“, belehrte Johan . „Eben, eben“, sagte Opa Hermann, „die kosten die bürgerlichen Parteien Stimmen, obschon sie gar nicht sichtbar sind!“
Als sie wieder daheim angekommen waren, entleerte Opa Hermann seine ausgebeulten Taschen.
„Etwas Gutes haben die Kommunalwahlen.“ Er zählte mit dem Zeigefinger über das „abgestaubte Inventar“ seiner Hosentaschen: „16 mal Kugelschreiber, 10 Chips für Einkaufswagen, fünf Flaschenöffner, drei Kompasse, vierzehn Schlüsselanhänger und jede Menge Luftballons. Das reicht bis zur kommenden Bundestagswahl!“

 

 

 

 

Amos und der Deutsche Ruck

 „Den Rasern geht es an das Fell“

Die leichte Herbstbrise brachte die Blätter der Eschen zum Tänzeln. Das gefährliche Piratenschaf bekam von der würzigen Luft auf der Ladefläche des Fahrradanhängers nichts mit. Sein Köpfchen lugte unter der Kuscheldecke hervor, und sein Gesicht zierte ein Strohhalm, der in eine halb leere Kakaoflasche mündete, als ein Traktor zum Überholen ansetzte.
„Da sind sie wieder, aber jetzt geht es den illegalen Autorenne(r)n gewaltig an den Kragen. Bislang war es nicht selten, dass bei einem Unfall eine Bewährungsstrafe ausgesprochen wurde – eine Genugtuung für die Tochter, die auf ihrem Fahrrad starb?“
Opa Hermann trat noch fester in die Pedalen.

Ist es denn nicht seltsam, dass Deutschland sich anstrengt, aus dem Harmonieschlummer  zu erwachen? Die Verwaltung darf per Freibrief alles, und der Bürger wird deutlich kritischer. Und – was glaubst du denn – ist der Auslöser für diese Selbstbesinnung?“
Amos überlegte kurz: „Werder Bremen?“
Der alte Bergmann trat abrupt in die Bremse und blickte wütend nach hinten.
„Dummes Zeug, was du da von dir gibst. Das verdanken wir allein dem Umstand, dass es die AfD gibt, die ja keiner wählt, oder zumindest nicht sichtbar wählen soll…“
„Petry heul!“, sagte das Piratenschaf.
Opa Hermann ließ sich durch diesen Zwischenruf nicht ablenken: „Sieh mal, nun bekommen die Parteien viel weniger Geld aus Steuermitteln für ihre schwächelnde Wahlwerbung, für ihre Kugelschreiber oder Feuerzeuge, die sie vor dem Wahltag vor dem Eingang zum Supermarkt verteilen. Auch der Freundeskreis der Abgeordneten wird neu aufgemischt, und das schmerzt nach all den Jahren der liebgewonnenen Routinen. Der Mensch gewöhnt sich doch schnell an das Schöne.“
Durch den Bremsakt war die Kakaoflasche umgefallen, und Amos verdrückte schnell zwei Tränchen. Allerdings wollte er auch zeigen, dass er nicht nur belämmert war.
„Weißt du, Opa Hermann, da lob ich mir doch sehr Werder Bremen. Die Spieler standen noch nie vor dem Supermarkt und verteilten Krimskrams, den andere Leute bezahlt hatten. Es gibt doch noch echte deutsche Vorbilder in Zeiten der Volksverarschung, oder?“
Opa Hermann musste lachen.
„Nicht schlecht für den Einstieg ins Denken – aber schau mal da vorn!“
Zwei Polizisten hatten sich auf die Straße gestellt und winkten den Traktor zur Seite. Wenn das mal kein deutliches Zeichen zum harten Durchgreifen des Staates ist….