Opa Hermann erklärt Amos das Pokemon

„Jaaa ja ja ja – neeee nee nee nee“ (bekanntes Beuys-Zitat )

Opa Herrmann stützte seinen Kopf in die Hände. Er hatte einen Becher Kaffee vor sich auf dem Küchentisch stehen. Amos, das Piratenschaf, hatte es sich unter dem Tisch bequem gemacht und schlürfte aus einer Tasse Kakao.“ Was hast du, Opa Hermann, du siehst so nachdenklich aus“, sagte es und schaute seinen väterlichen Freund von unten an.

„Das hält man doch im Kopf nicht aus!“, war die knappe Antwort. Dann schob der alte Herr nach einer Weile eine Erklärung nach: „ Die Welt wird immer verrückter, kein Mittelmaß mehr, nur noch Extreme – und das von allen Seiten!“
„Was genau meinst du, Opa Hermann?“, wollte Amos jetzt wissen. „Na zum Beispiel rennen jetzt so furchtbar viele Menschen, vor allem junge , mit einem so genannten Smartphone durch die Gegend. Sie starren auf das Gerät und achten nicht mehr auf die Dinge um sie herum. Sie schauen quasi auf den Boden vor sich, so dass jetzt Stadtverwaltungen dazu übergegangen sind, Fußgängerampeln horizontal im Gehweg zu installieren, also da leuchten Signale direkt aus dem Boden! Oder sie jagen „Pokemons“ mit ihren Geräten!“
„Poke – äh – was?“, fragte Amos.
„Das ist eine Wortschöpfung aus zwei Begriffen. Pocket ist mal wieder englisch und bedeutet „Tasche“ und „mon“ ist die Abkürzung von „Monster“. Das sind Taschenmonster oder wie beim „Kaffee to go“ sind das „Monster to go“, also für unterwegs.
„Wie geht das denn?“, bohrte das Piratenschaf hartnäckig nach, denn es war für seine Hartnäckigkeit bekannt. Im Grunde war es verbohrte Sturheit, was bei Schafen schon mal vorkommt, weswegen sie ja einen Leithammel brauchen, der ihnen sagt, wo es entlang geht.
„Also, die Sache ist die“, begann Opa Hermann seine Exploration in die Geheimnisse des GPS.
Das Piratenschaf sagte: „O-o!“ Wenn Opa Hermann eine Erklärung mit „die Sache ist die“ begann, dauerte es erfahrungsgemäß etwas länger. „Nee, nee, ist schon wichtig! Irgendwelche Menschen programmieren mit dem geografischen Ortungssystem eine Markierung – in diesem Fall ist es das Taschenmonster – auf einen beliebigen Punkt in unserem virtuellen Kartensystem“.
„Häääh?“, fragte Amos verwirrt, „ich kenne nur Seekarten!“
„Ja, ja“, antwortete Opa Hermann, „aber Karten gibt es jetzt schon seit einiger Zeit virtuell, d.h. nicht aus Papier, sondern aus Lichtzeichen im Minicomputer. Neulich sah ich, wie ein junger Mann versuchte, auf dem Marktplatz ein Taschenmonster zu fangen. Er kletterte auf das Zeltdach eines Verkaufsstandes, weil ihm sein Smartphone dort den Aufenthalt des Gejagten anzeigte. Es hätte fast eine Schlägerei gegeben!“
„Haben denn die anderen Leute das Monster auch gesehen?.“ Amos war vor Aufregung die Augenklappe verrutscht. „Nein, natürlich nicht, denn da war auch kein Monster. Es befand sich lediglich auf dem kleinen Bildschirm des Smartphones.“
„Dann jagen diese Leute Monster, die es gar nicht gibt?“ Amos tippte sich vorsichtig mit der rechten Doppelzehe vor seine Stirn, „Genauuuuuu“, antwortete Opa Hermann, „aber das ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Viel schlimmer ist, dass die jungen Menschen dieses Spiel alleine mit sich selber spielen. Im Grunde ist es das alte Gesellschaftsspiel „Fuchsjagd“. Hierbei läuft ein Spieler vor und die anderen müssen ihn aufspüren. Dazu legt der „Fuchs“ in Abständen Zeichen, z.B. Richtungspfeile aus Zweigen oder Steinen auf den Weg. Irgendwann finden ihn die Sucher. Allerdings funktioniert dieses Spiel in einer Gruppe . Frag mal Jugendliche, wann sie das letzte Mal Fuchsjagd mit ihren Freunden gespielt haben oder wann sie das letzte Mal durch ein Labyrinth gelaufen sind.“
Das Piratenschaf wunderte sich schon lange nicht mehr, wenn sein väterlicher Freund so komische Sachen sagte, von wegen Eisberg. Das fiel bei Opa Hermann unter den Begriff„redensartlich“, was Amos nicht verstand. Für ihn war ein langgezogenes „Böööööh“ mehr als nur redensartlich, es war „artgerecht“!
Und demzufolge nahm das Piratenschaf jetzt eine „artgerechte Haltung“ an.
Wie das aussehen mag, liebe Leser, zeichnet doch mal auf und schickt es Opa Hermann zu.
Dazu ruft ihr Googlemap auf und sucht den Joseph-Beuys-Gedächtnisgarten in Ostrhauderfehn. Nehmt Euer Smartphone in die rechte Hand und gebt „Opa Hermann“ ein.

Es passiert dann etwas sehr Erstaunliches, nämlich nix! Das mal als kreative Alternative zur Pokemon-Jagd!

 

Käpten Hornblewer und die Kochsendung

„Wer in die Suppe spuckt ist doof“
Vorgeschichte
Der Piratenkapitän hatte sich seine Sonntagsausgehuniform aus der Mottenkiste geholt, um den Botschaftern einen Besuch abzustatten. Bei der Gelegenheit wollte er auch den Gouverneur der Stadt Leer aufsuchen. Die Botschafter, das waren Journalisten der örtlichen Lokalredaktion. Hornblewer kannte es nicht besser. Auf jeder größeren Insel im Pazifik gab es Botschafter und Gouverneure, weshalb nicht auch in Leer?
Die Journalisten hatten sich einen Spaß daraus gemacht, dem Ahnungslosen ihren Chefredakteur als „Gouverneur“ vorzustellen. Der hatte sich einen halben Tag vertreten lassen und den Piratenkapitän in sein Auto gepackt. Sie fuhren in ein großes Einkaufszentrum, das unter anderem auch über einen riesigen Elektronikladen verfügt, in welchem zig Fernsehgeräte in Betrieb waren. Hornblewer zweifelte an seinem Verstand, weil sich die Bilder in den Rahmen bewegten. So etwas hatte er vorher noch nie gesehen.
Komischerweise wurde gerade eine Kochsendung präsentiert. Der angebliche „Gouverneur“ sprach einen der Verkäufer an und bat ihn, an einem der Geräte den Ton in Funktion zu bringen. Jetzt sprach das Bild auch noch. Hornblewer wollte den Koch etwas fragen, der da gerade mit einem Affentempo eine Gurke zerlegte.

Der hört Dich nicht, Käpten“, sagte der „Gouverneur“, „der ist zu beschäftigt mit Schnippeln, Rühren, Passieren und Reden.“
Der Sternekoch hantierte wie ein Krake mit acht Armen mit Schüsseln, Saucièren, Bratpfanne und Töpfen, wobei er auch noch Erklärungen von sich gab. „Eigentlich recht unappetitlich“, wusste der „Gouverneur“, „denn wenn einer redet, absorbiert er winzige Tröpfchen Spucke, die sich in seiner Umgebung niederschlagen, auf dem Tisch, im Essen, das gerade zubereitet wird oder im Gesicht des Gesprächspartners.
„Meine Fresse!“, antwortete der Piratenkapitän. Das war aber mehr als Unmutsäußerung gemeint. „Wir haben auch einen Koch“, sagte Hornblewer, „vielleicht sollte der auch mal in einem der Bilder auftreten?“

„Nur zu“, meinte der Chefredakteur, als „Gouverneur“ der Stadt Leer kann ich das vielleicht beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) vermitteln.“
„Vermitteln oder anordnen?“ „Na, ja, gewissermaßen sind das Kollegen von mir, denen gibt man doch keine Befehle“, wand sich der „Gouverneur“ aus der Situation.
„Gut, gut“, erwiderte Hornblewer,“ ich bespreche das mit der Mannschaft!“„O-o“, dachte der Journalist, „da habe ich aber in ein Wespennest gepiekt“.

Da lachen ja die Hühner
Als Hornblewer am Nachmittag auf die Cara Mia getorkelt kam, berief er sofort eine Mannschaftssitzung ein. Er verzichtete diesmal auf das Prozedere von wegen Beschlussfähigkeit, sondern kam sofort auf den Punkt. „Was ich heute gesehen und gehört habe“, verkündete er aus einer Dunstwolke aus Rumgasen, „das glaubt mir kein Mensch! Da gibt es Bilderrahmen, in denen sich Bilder bewegen und sogar sprechen können. Ich habe gesehen, wie ein Koch gekocht und dabei noch Rezepte erfunden hat. Nun will ich, dass einer von Euch auch in so einem Bilderrahmen seine Fertigkeiten zeigt, damit es alle sehen und hören. Ich denke dabei an unseren Smutje Vanbrat!“
„Ich könnte eine Fischkopfsuppe zubereiten“, ließ sich der Koch hören. „Die musst du aber mit Schiffszwieback garnieren“, rief einer der Piraten dazwischen. Lautes Gelächter schwoll an. “Oder mit Stockfisch“, rief ein Zweiter. Die Menge grölte. Vanbrat, der Smutje, lief rot an. „Ich hau Dir ne Hasenscharte, du Lümmel“, schimpfte er. „Ha ha ha – ha ha ha, fang mich doch, ich laufe durch eine Tür, und du bleibst stecken! Ha ha ha – ha ha ha!“ Jetzt meldete sich Ibrahim, der 1. Kanonier zu Wort: „Ich könnte doch den Leuten auch etwas zeigen, weshalb denn einzig und allein der Smutje?“ „An was denkst du?“, fragte Hornblewer. „Na ja, ich könnte den Leuten zeigen, wie man Kanonenkugeln putzt, auf dass sie mattschwarz glänzen!“ „Das ist ja mal ein wertvoller Wortbeitrag“, höhnte Hornblewer, „der Nächste!“ „Ich könnte zeigen, wie man eine Galionsfigur schnitzt, mischte sich jetzt der Schiffszimmermann ein, mit Körbchengröße „D“. „Blödmann“, rief der Kapitän, “wer unser Schiff von vorne sieht, wird sich nicht lange an der Galionsfigur ergötzen können. Außerdem passt das Schiff nicht in den Bilderrahmen, viel zu groß! Weitere Vorschläge?“
Der Segelmacher meldete sich: “Patchwork gefällig?“
„Bin ich denn hier von lauter Idioten umgeben?“, brüllte Hornblewer los, “das ist ja nicht zu fassen!“. Dann fiel ihm wieder die Sache mit der Spucke im Essen ein.
„Smutje“, rief er mit überkippender Stimme,“ wenn du kochst, halte gefälligst die Klappe dabei, sonst landen Tröpfchen deines Seibers im Essen! Wenn ich das herausschmecke, dann lasse ich dich „Kiel holen“, kapiert?“

Ja, das wurde eine lustig – stressige Mannschaftssitzung. Hornblewer war schließlich eingeschlafen. Der Rudergänger bestimmte zwei Piraten, die den trunkenen Piratenkapitän in seine Kombüse schleppten?
Und die Kochsendung? Davon war am nächsten Tag überhaupt keine Rede mehr.

 

 

Amos und der Rasenmäher-Mann

„allens mut moi schier sin“
(alles muss schön sauber sein)

 

Aus nächster Nähe war zorniges Brummen eines Rasenmähers zu hören. Amos wunderte sich. Was war das wieder? Er ging dem Geräusch nach und entdeckte auf einem Grundstück in unmittelbarer Nähe des Deiches einen Mann, der ein Gerät mit vier Rädern vor sich her schob. Dieses Ding fraß Gras und verursachte einen schlimmen Lärm. Neugierig geworden näherte sich das Piratenschaf einer Grundstückseinfriedung aus Maschendraht. Von dort aus beobachtete es, wie der Geräteführer Bahn um Bahn aus der saftigen Wiese herausfräste. Ab und zu hielt er an, um aus einem Sack am Ende des Grasfressers geschnipselte Wiese in eine Schubkarre zu entleeren.
„Hey, Grasfresser“, rief Amos, „scherst du die Wiese?“ Der Mann blickte hoch und schaute von links nach rechts, von vorne nach hinten, aber da er nur ein Schaf am Zaun wahrnahm, dachte er, er habe sich verhört. Er stellte den Motor in den Leerlauf und kratzte sich am Kinn. Bei dem Maschinenlärm mag einer Vieles hören, was in der Realität nicht vorkam.

„Ich bin es, Amos das Piratenschaf“, schrie es jetzt ganz laut, „Moin, Moin!“. Dann tat es so, als fresse es Gras, beobachtete jedoch den Mann in der grünen Arbeitskombi aus dem Augenwinkel.
Dieser stellte nun das Mähgerät ganz ab und sah sich noch einmal nach allen Seiten um. Amos holte tief Luft und gab ein lang gezogenes „böööööööööh“ von sich! Allmählich begann ihm dieses Spielchen Freude zu bereiten. Jetzt bemerkte der Mann den Rucksack auf Amos Rücken. Er rieb sich die Augen, schüttelte den Kopf und sah angestrengt in die Richtung, in der das Piratenschaf friedlich graste. Jetzt fiel ihm auch die Augenklappe auf, die Amos als Wahrzeichen der Piratenmannschaft trug. Er trat an den Zaun heran und musterte das Schaf misstrauisch. Ein drittes Mal sah er sich nach allen Seiten um, damit er sicher war, dass es niemand bemerken würde, wenn er mit einem Schaf redet: „Hast du gerade etwas gesagt?“
„Weiß nicht, hast du etwas gehört?“Dem Mann wurde es sichtlich unheimlich. Er trat einen Schritt vom Zaun zurück.“Siehst du etwa einen Rucksack auf meinem Rücken und eine schwarze Augenklappe an meinem Kopf?“
„Aber das gibt`s doch gar nicht!“
„Und wie fühlen wir uns?“, fragte Amos sanft.
„J – ja, es geht so“, stammelte der Mann im „Gärtner Pöttschke-Look“. Er hatte am Vorabend mit den Nachbarn „gerichtet“ und das Ereignis entsprechend begossen. So ein „Richten“ vollzog sich innerhalb der Nachbargemeinschaft in regelmäßigen zeitlichen Abständen. Es handelte sich nicht um das Einweihen strotzenden Dachgebälks, nein, es konnte sich auch schon mal um ein völlig vernageltes Brettergewirr eines Hühnerstalls handeln. Einer der Nachbarnhatte immer etwas zu“ richten“. Man hätte sich auch ohne einen triftigen Grund zuprosten können, aber das war verpönt, zumindest in seiner Nachbarschaft.
Wenn es dann absolut nichts zu richten (und zu prosten gab), dann musste ein Schild und ein Bogen gebastelt und begrünt werden, denn Geburtstage und Jubiläen zu Hochzeiten gab es nahezu monatlich.
Nachdem der Grüne sich von seinem ersten Zweifel an sich erholt hatte, trat er wieder näher an den Zaun heran. Da gab es keinen Zweifel: er hatte ein sprechendes Schaf mit einer Augenklappe vor sich.
„Bist du aus einem Zirkus ausgebüxt?“, fragte der Rasenmäher-Mann. „Ach wo, ich bin doch Amos, das berühmte Piratenschaf., alle Welt kennt mich“, prahlte Amos etwas überheblich. „Übrigens, hast du meine Piratenfreunde gesehen? Wir haben uns verpasst“.
Natürlich hatte niemand im Dorf Piraten gesehen. Das hätte sich doch in Windeseile herumgesprochen.
„Hier waren keine Piraten!“
Amos war enttäuscht, fasste sich jedoch schnell. „Schade, aber was machst du denn da gerade?“
„Ich mähe den Rasen“.
„Und weshalb?“
„Dat is dann hel moi schier! Das ist dann übersichtlich“.
„Was machst du mit dem Gras?“
„Das kommt alles auf einen Haufen!“
„Und dann?“
„Dann verrottet es“.
„Gib mir doch mal etwas davon über den Zaun“, forderte Amos den Mann auf, „ich habe heute noch nichts gegessen!“   „Wenn weiter nichts ist“, der Mann ging zur Schubkarre und entnahm ihr einen großen Haufen Gras. Er warf das Gras über den Zaun: „Guten Appetit!“
Amos stocherte mit seiner Schafsnase darin herum und kostete: „Hm, schmneckt gut!“. Dann entdeckte das Piratenschaf einen zerstückelten Frosch im Grasschnitt und wich entsetzt einen Schritt zurück. „Du hast einen Frosch abgemäht!“
„Died by friendly fire“, sagte der Grasmäher gleichmütig, „Frösche gibt es genug hier.“
„Was ist „died by friendly fire“?“, wollte Amos wissen, denn ihm tat der Frosch leid.
„Das nennt man so, wenn die Artillerie aus Versehen zu kurz und dabei in die eigenen vorderen Reihen schießt, die sich dort eingegraben haben“.
„Wir schießen nur Salut und nicht auf Frösche, das ist freundlich!“
„Nu mach mal nicht den Hermann!“ Dem Froschkiller erschien das Gespräch eine für ihn unangenehme Wendung zu nehmen. Als wenn er einem Schaf Rede und Antwort zu stehen habe. Am kommenden Wochenende stand das jährliche Schützenfest an und da musste alles „pico bello“ sein ums Haus. Der Nachbar hatte schon gemäht und vorwursvoll über seinen Heckenzaun geluchst, aber das wollte er dem Vierbeiner nicht unbedingt auf die Schafsnase binden.
„Eines will ich dir sagen, ich habe zwar gestern abend einen guten Schluck gehabt“, der Mann drückte sein Kreuz durch,“trotzdem sind wir Ostfriesen die Nummer 1 im Rasenmähen in Deutschland, wat mutt dat mutt!“ Mit diesen Worten ging der Mann wieder zu seinem Rasenmäher zurück und zog am Startseil. Das Motorengeräusch ertönte wieder.
„Hol ji wat!“, rief er noch zu Amos hinüber. Dann setzte er seine Arbeit fort. Amos war der Appetit vergangen. Eine Zeit lang sah er dem Mann noch bei seiner Arbeit zu.
„Komisch sind die Menschen“, sinnierte das Piratenschaf, „sie schneiden Gras mit einer Maschine ab, tragen es auf einen großen Haufen, um es abschließend vergammeln zu lassen. Für Amos ergab das keinen Sinn.
„Mähen kann ich auch“, rief er über den Zaun, „aber anders! Määääääääääh!“ Aber der Mann hörte nichts mehr, das trotzige Aufbegehren ging im Lärm der Maschine unter.

Beim Wollenen Erich

Alt aber bezahlt“

„Nun frag doch den Wollenen Erich nach Deinen Freunden!“, höhnte der riesige Leithammel. Doch bevor Amos überhaupt ein Wort herausbringen konnte, sagte der Mann mit dem gebogenen Schäferstab: „Da schau her, ein verirrtes Schaf ohne Farbe im Wollpelz – du kommst mir gerade recht!“
„Was wollen Sie von mir?“, brachte Amos hervor, „weshalb habe ich plötzlich diese Kette um den Hals, nehmen Sie die sofort ab!“
„Du kommst erst mal mit, allerhöchste Zeit, dass du geschoren wirst“.
Amos war noch nie in seinem Leben geschoren worden. Es war eine entsetzliche Vorstellung, so nackt und ohne jede Wärme herum zu laufen.
„Ich liebe Wolle“, sagte der wollene Erich, „ich bin verrückt danach, mein ganzer Lebensinhalt ist Wolle.“ Während er das sagte, rann ein dünner Speichelfaden aus seinem rechten Mundwinkel: „Ich bade morgens in Wolle und abends reibe ich mich mit Wolle ab, vor allem mit jungfräulicher Wolle, wenn du weißt, was ich meine?“
„Mi – mit Wolle einreiben?“, fragte Amos verunsichert.
Der Wollene Erich zerrte Amos anstatt einer Antwort hinter sich her, und so sehr sich Amos auch dagegen sträubte, es war vergebens.
Außerhalb der Deichweide stand ein staubiger, alter Kombi mit verdreckten Fenstern auf einem Feldweg. Der Wollene Erich öffnete zwei quietschende Türen am Heck des Fahrzeuges und dirigierte das Piratenschaf vor den Einstieg:“Bitte nach Ihnen!“, krächzte er mit gespielter Höflichkeit …
Das Piratenschaf wurde unsanft in das Fahrzeug geschubst. Dann knallten die Türen hinter ihm zu. Innen roch es muffig, nach altem Öl, nach allerlei Unbestimmbarem. Der Wollene Erich startete den Wagen. Der Motor gab einen lauten Knall ab. Eine schwarze Rauchwolke umhüllte das Fahrzeug. Der Wollene Erich „landete krachend den ersten Gang im Getriebe“ und kuppelte ein. Ruckend setzte sich das alte Vehikel in Bewegung. Amos linste durch das kleine Fenster zur Fahrerkabine. Er konnte einen kleinen Ausschnitt der Landschaft sehen, durch die sich das Fahrzeug regelrecht quälte. Zunächst ging es am Deich entlang, später lenkte der Wollene Erich das Fahrzeug auf eine schmale Teerstraße. Die Fahrt dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Dann erreichten sie ein altes Gehöft, das schon bessere Tage erlebt hatte. Das Scheunentor trug noch grüne Reste eines früheren Farbanstrichs. Zweiflügelig hing es schlaff in den Scharnieren. Das Piratenschaf erinnerte sich an das Lied, welches die Piratenmannschaft anstimmte, wenn einer von ihnen Geburtstag hatte. Sie kannten ja nur zwei Lieder. Eines begann mit „fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste“, das zweite ging so: „Das alte Haus von Rocky Docky hat vieles schon erlebt, kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt“.
Während das Piratenschaf über den Text nachdachte, gingen die quietschenden Türen auf, und er wurde herausgezerrt.„Wir müssen tugendhaft sein“, blökte Amos, „du nimmst mir die Ketten ab, und ich verspreche Dir, dass ich nicht weglaufe!“ Den Begriff von der Tugend hatte er natürlich von Opa Hermann gelernt. Der meinte natürlich die Tugend der Ehrlichkeit und des Vertrauens. Der Wollene Erich stutzte: “Was weißt du schon von Tugend?“, wollte er wissen. „Mehr als du denkst“, gab Amos zur Antwort. „Hm, also gut“, sagte der Wollene Erich, „lassen wir es darauf ankommen!“ Er hatte sich ohnehin schon gewundert, dass ein Schaf mit ihm ein Gespräch anfing. Da er aber schon lange alleine gelebt hatte und Selbstgespäche seine einzigen Begleiter waren, war er andererseits ganz froh, jemanden gefunden zu haben, der mit ihm sprach. Er nahm dem Piratenschaf tatsächlich die Ketten ab. „Komm mit, ich zeige Dir Deinen Schlafplatz!“ Sie betraten die Scheune, die Amos ziemlich groß vorkam. Sie war teilweise bis unter das Dach mit Heu gefüllt. Oben waren einige Balken des Ständerwerkes zu sehen. Es roch durchdringend nach frischem Heu. Das gefiel dem Piratenschaf. „Zeigst du mir deine Wohnung?“, wollte es vom Wollenen Erich wissen. „Komm mit, ich zeige Dir meine Preissammlung, die ist mein Ein und Alles!“ Sie durchquerten einen Flur zum Vorderhaus, kamen an einem Wirtschaftsraum vorbei, dann reihten sich Küche und Wohnstube an. „Links ist die Schlafkammer“, erklärte der Wollene Erich, „und daneben ist mein Arbeitszimmer, in welchem ich meine Steuererklärung fertige: Gewinne aus Wollproduktion und Verkauf von… – na, du kannst es dir denken!“„Die lieben Piraten verkaufen nur Tee“, sagte Amos, er mochte nicht daran denken, dass die Lämmer von ihren Müttern getrennt und verkauft werden. „Ich bin ja etwas Besonderes“, brüstete sich das Piratenschaf, „ich sitze hoch oben im Krähennest der Cara Mia und schaue auf das Meer!“„Denn man tau!“, erwiderte der Wollene Erich. Wenn einer diese Worte in Ostfriesland zu dir sagt, dann kann man davon ausgehen, dass ihm das völlig egal ist. („Ick heb mi en negen Wagen köfft!“ „Denn man tau“) Es kann auch fälschlicherweise als: „dann mal schnell“ aufgefasst werden. Aber das „mal“ tau unterscheidet sich von „man“ tau nur durch einen einzigen Buchstaben und damit völlig in seiner Bedeutung. Der Wollene Erich zeigte auf mehrere Fotos an den Wänden der Wohnstube. Die Bilder waren alle hübsch hässlich gerahmt. „Das hier“, sagte der Wollene Erich und deutete auf ein Foto, das einen stattlichen Schafbock zeigte, „ist mein preisgekrönter „Wotan von der Hammelweide“, Landwirtschaftsausstellung Hümmling, 1936“. Der Wollene Erich ging die gesamte Ahnengalerie seiner Zuchtböcke durch.

Da gab es „Rammel von der Köttelaue“, eine Heidschnucke oder „Primus zu Decken und Wolle“. Zu jedem Bild hatte er eine Geschichte zu erzählen. Amos hörte sich alles geduldig an. Dann erzählte er seinerseits von seiner geliebten Schafsdame Linda, die er hier in der Gegend vermutete. Über die Erzählerei war es spät geworden. „Ich werde Dich nicht scheren“, sagte der Wollene Erich, „aber ich leihe Dir einen Rucksack von mir und schenke Dir einen Troyer für deine Linda. Morgen fahre ich Dich wieder an den Ledadeich, damit du deine Suche fortsetzen kannst.“
Woher kam dieser plötzliche Sinneswandel? Der Wollene Erich hatte auf das letzte Bild gedeutet. Es zeigte das Gesicht einer wunderschönen jungen Frau, die den Betrachter anlächelte. Amos war es nicht entgangen, dass quer über die obere Rahmenecke ein schwarzer Stoffstreifen gespannt war.
„Deine Frau?“, fragte Amos. Dem Wollenen Erich schossen die Tränen ins Gesicht: „Hör up, hör up“, schluchzte er, „de is nu sit fiftein Johren dod bleven. Dat deit mi immer noch seer!“