Amos und die Allgemeinbildung

„Weiß nix – Macht nix“

Vorgeschichte

„Das gemeine Volk hört nur halb hin und liest auch kaum etwas Gescheites!“, wetterte Opa Hermann aus Richtung Gartenklo, so dass das gefährliche Piratenschaf zusammenzuckte. Er zerknüllte die Bildzeitung, die er soeben „zensiert“ hatte: „Kaum noch Lesekultur, schlechte Allgemeinbildung, und die meisten Leute glauben alles, was schwarz auf weiß gedruckt wird!“ Diese Feststellung unterstrich er mit einem lauten Verdauungsgeräusch.
Amos lag unweit des Geschehens auf seiner Kuscheldecke. Ihm war der emotionale Ausbruch seines Ziehvaters nicht entgangen. Er war es gewohnt, dass der alte Bergmann wieder und wieder anmahnte, nicht alles als „Gott gewollt und gegeben“ hinzunehmen. „Es ist vor allem die Sprache, die uns vor den anderen Geschöpfen auszeichnet“, dozierte der alte Herr in seinem Selbstgespräch, „dafür können die Affen Bananen schneller schälen“.
„Auf der Cara Mia haben die lieben Piraten eine eigene Sprache“, meldete sich jetzt das Piratenschaf. „Ach ja? Und wie heißt diese Sprache?“, wollte Opa Hermann wissen.
„Lakonisch“, erwiderte Amos, „die geht zum Beispiel so: Schechte meschen ma schoffen!“
„Tolle Sprache“, höhnte Opa Hermann, “passt zu gleichmütig, gleichgültig! Heißt wahrscheinlich: „Mir ist vom Saufen schlecht geworden! Aber das ist noch gar nichts, ich hatte mal einen Schulkameraden, der bezog sein gesamtes Wissen aus der Micky Maus!“
„Was ist aus dem geworden?“ Opa Hermann musste grinsen: “Der ist heute Landrat!“
„Ist das etwas Besonderes?“, wollte Amos jetzt wissen. „Ja, das ist ein verantwortungsvolles politisches Mandat in einem Landkreis. Aber Du kannst ja mal eine Flasche Kakao in Dein Fell packen und selbst sehen, wie es mit der Bildung der Menschen steht, denn Bildung erreicht man unter anderem durch Lesen!“

Die Lesekultur schmilzt dahin

Das Piratenschaf durchwanderte den nahe gelegenen Park und traf auf einen dicken Mann, der auf einer der Bänke saß. Amos hielt ihm zur Begrüßung die rechte Pfote hin: „Entschuldigen Sie, ich bin Amos, das gefürchtete Piratenschaf, darf ich Sie mal etwas fragen? Was lesen Sie eigentlich –  wenn Sie lesen?“
„Aha, ein ganz gescheiter Marketing-Fachmann! Bist du ein Vertreter für Wolle oder Tiernahrung?“
So barsch angemacht kullerten Amos sofort zwei Tränchen über das Gesicht, aber der Fremde bemerkte das und grinste versöhnend.
„Okay, ich lese Beipackzettel. In diesen klein geschriebenen gewaltigen Texten schottet sich die Pharmaindustrie juristisch ab, verstehst du?“
Amos nickte ergriffen, obwohl: er hätte nachfragen sollen.
Ein anderer Herr meinte, dass er nur die Zusätze unter Verkehrsschildern lese, zum Beispiel „montags bis freitags“ oder „Anlieger frei“!
Ein Dritter schob seine Frau vor. Sie lese das, was wärmstens empfohlen wird, höchstens dreißig Seiten davon, dann fliegt das „Zeug“ in die Ecke!
Der letzte Versuch, sich ein Bild von der Lesekultur zu machen, brachte das Ergebnis, dass sich eine Dame mit Kontoauszügen beschäftigte.
Amos nickte mit einem großen Verständnis für die reale Welt. Dann wollte es seine Studie mit einem Besuch der örtlichen Bücherei abrunden.

Der Buchhändler tat das, worin sich offensichtlich alle Buchhändler abgesprochen haben. Er sah nicht hoch. Diesmal besah er sich aber und fragte das Piratenschaf verwundert nach seinen Wünschen: Amos blinzelte mit dem nicht abgedeckten Auge.
„Haben Sie Beipackzettel, Ecken-Flieger und Kontoauszüge?“

 

 

 

 

Amos und die wilde Fahrt

 „Besser schlecht gefahren als gut gelaufen“

Der Wollene Erich hatte sich entschlossen, den armen Amos freizulassen. Dessen Liebesgeschichte um seine Linda hatte ihn sehr gerührt und an seine verstorbene Emma erinnert, die ihm so leckere Bratkartoffeln zubereiten konnte. Jedenfalls waren Amos und der Wollene Erich in dessen alter Klapperkiste unterwegs. „Ich bring dich  ein Stück des Weges“, hatte der Wollene Erich noch gesagt, bevor er das Piratenschaf auf den Beifahrersitz gehoben und vorschriftsmäßig angegurtet hatte.

Eine Landstraße ging es entlang, die noch aus roten Steinen bestand, die vor langer, langer Zeit hochkannt verlegt worden waren. Das Auto  rumpelte mächtig und ächzte in Lenkung und Federn. Links und rechts der „Fahrbahn“ erstreckten sich endlose Felder und Weiden. Ein Trecker begegnete ihnen, der zwei hoch mit Heu beladene Anhänger schleppte.
Der Fahrer musste nach äußerst rechts lenken und das Gefährt zum Stehen bringen, damit sie einander passieren konnten. Weiter ging es durch ein kleines Dorf mit wenigen Häusern. In der Ferne tauchte eine lange Brücke auf.
„Ich bin vorher noch nie in einem Auto gefahren“, sagte Amos, „wie funktioniert das eigentlich?“
Der Schäfer sagte „hm“ und kratzte sich mit einer Hand den Schädel: „Wie soll ich das erklären? Mit den Füßen gibst du rechts Gas, mit dem Pedal in der Mitte bremst man und links tritt man drauf, wenn man kuppeln will, also hauptsächlich zum Anfahren, damit es nicht ruckt! Ach ja, was da vorne so dröhnt, ist der Motor. Mehr muss man nicht wissen“.

„Und wozu ist die Stange in der Mitte, mit der du ab und zu rührst?“
„Ich rühre nicht, ich schalte die Gänge! Du fragst einem ja Löcher in den Bauch. Unten an der Stange sind Zahnräder. Die greifen in einander, ist doch klar, kleine Zahnräder, große Zahnräder, und wenn man die zufällig trifft, dann fährt das Auto schneller oder rückwärts. Alles verstanden?“

Amos nickte. Er hatte gar nichts verstanden: „Du willst mich wohl verkackeiern?“ Amos schaute seinen Chauffeur von der Seite an. Diesen Ausdruck hatte er von seiner Piratenmannschaft aufgegriffen, die diesen Ausspruch öfter verwendete, meistens, wenn die Piraten Mau Mau spielten.

„Wozu brauchen Räder denn Zähne, und was fressen die denn so?“, wollte das Piratenschaf jetzt wissen. „Die fressen sich gegenseitig, jedenfalls bei meiner Fahrweise. Wenn es so „kratscht“ beim Rühren mit der Stange, dann sind sie böse mit mir. Aber keine Sorge, die sind in einem Kasten eingesperrt, und der ist zugeschraubt, da kommen die nicht raus.“

Amos war sich sicher, dass der Wollene Erich ihm Lügengeschichten auftischte, aber der kriegte einen Lachanfall nach dem anderen. Er krümmte sich dabei nach vorn. Es sah aus, als wolle er in das Lenkrad beißen. „Wenn ich das meinen Kollegen vom Zuchtverband erzähle“, gluckste der Schäfer, „werden die mir das nicht glauben!“ Irgendwie gelang es dem von Lachkrämpfen Geschüttelten, den Wagen auf der Fahrbahn zu halten.
„Der macht mit mir eine Tugend, und ich soll ihm ein Getriebe erklären: „Neeei, neeei, neeei!“ Der Wollene Erich betätigte den Blinker, weil er nach links einbiegen wollte.

„Was ist das nun wieder?“, fragte Amos, weil er sich das Klicken des Relais‘ nicht erklären konnte.
„Ich halte eine Kerze aus dem Fenster und der Schalter macht sie an und aus!“ Ein erneuter Lachkrampf bemächtigte sich des Schäfers: „Hör auf, hör bloß auf“, jammerte er, ich kann nicht mehr – mein Bauch!“
Er japste nach Luft wie ein Karpfen an Land.
„Sind Schäfer alle so?“, wollte Amos wissen. „Neeei, nur, wenn sie Piratenschafe mit einer Augenklappe auf dem Beifahrersitz haben“..

Also war die Fahrt doch noch ganz lustig geworden.
„Komisch sind die Menschen“, dachte das Piratenschaf, „sie lachen sich über sich selbst halb tot“.
Mit letzter Kraft und Besinnung brachte der Wollene Erich das Auto zum Stehen: „Neeei, neeei, neeei, wat heb ick lacht“, dröhnte er. Dabei liefen ihm Lachtränen über das Gesicht. Er stellte den Motor ab. „Wir sind da!“
Der Wollene Erich stieg aus, ging um den Wagen und öffnete die Beifahrertür. Er löste den schwarzen Sicherheitsgurt und hob Amos aus dem Sitz. „Hier, vergiss deinen Rucksack nicht!“ Mit diesen Worten schnallte er ihn auf Amos Rücken. „Und wie gesagt, den Rucksack bringst du mir gelegentlich vorbei!“
„Danke“, antwortete Amos,“ fürs Herbringen und für den Troyer“.
„Dafür nicht! Und grüß mir Linda, wenn du sie triffst!“

Dann drehte sich der Wollene Erich abrupt um und bestieg seinen Kombi. Amos konnte nicht sehen, dass sich der kauzige Mann eine Träne aus dem Augenwinkel wischte.
Amos hörte noch das Geräusch des Anlassers, einen Knall, vermutete eine schwarze Rauchwolke. Dann hüpfte er seitlich auf den angrenzenden Deich, um sich einen Überblick zu verschaffen. Das nächste Abenteuer wartete bereits auf ihn.

 

 

Amos und die Parteigründung

 

„Wenn der Swinger-Club geschlossen bleibt“

 Opa Hermann hatte in einer hitzig geführten Diskussionsrunde im TV aufgeschnappt, dass Bundestagsparteien als Versorgungsvereine fungierten, was ihn so mächtig aufgeregt hatte, dass er sich sofort in sein Bett verzog: nur nichts mehr hören und sehen – es reichte ihm mal wieder. Versorgung durch eine Partei?
Amos lag auf seiner Kuscheldecke und malte sich aus, auf diese Weise an Unmengen von Kakao zu gelangen. Aber wie sollte das funktionieren?

Am nächsten Morgen, Opa Hermann schlief noch, ging das Piratenschaf zum Parkplatz dieses großen Supermarktes, wo es sich unmittelbar neben den Einkaufswagen aufbaute. Es sind ja bald Kommunalwahlen und überall werben Männer mit ihren Konterfeis für ihre Kandidatur zum Landrat. Deshalb hatte Amos die Augenklappe vorsorglich daheim gelassen.
„Ich gründe eine Schafpartei und brauche Ihre Unterstützung in Form von Spenden“, blökte das Piratenschaf: „ Ich werde der neue Landrat!“.

Einige wohlbeleibte Frauen watschelten unberührt am Piratenschaf vorbei, das sich jetzt ganz bürgerlich gab. Aber dann brach das Eis, in dem ihm einige rüstige Rentner Geldspenden ins Fell steckten:„Zieh das durch, wir sind dabei!“ oder „eine geniale Idee, die viele berührt und Wachstumspotential hat“.
Einer wollte wissen, „ob Amos sich für die Rücknahme der Schließung des örtlichen Swinger-Clubs einsetzen würde?“
Da Amos überhaupt keine Erfahrung mit Kommunalpolitik hatte und ihm die Sache über den Kopf zu wachsen drohte, brach er seine Werbetour in eigener Sache ab und trottete enttäuscht zu Opa Hermanns Kate.
Irritiert berichtete er diesem von seiner gelungenen Geschäftsidee, deren Resonanz er selbst nicht einordnen konnte.
Opa Hermann bemühte sich um eine seriöse Haltung, obwohl er sich am liebsten kaputtgelacht hätte und versuchte zu erklären:
„Amos, es waren doch diese älteren Männer, die dir etwas zusteckten, nicht wahr? Da du ja – mit Verlaub – immer etwas nuschelst, haben diese interessierten Herren „Scharf-Partei“ verstanden und sich ihr eigenes Bild davon gemacht. Verstehst Du? Sie glaubten an die Gründung einer Partei, welche die ungezügelte Schärfe propagiert. Deshalb sprachen die auch vom Swinger-Club, der kürzlich amtlicherseits geschlossen wurde.“

„Swinger-Club?“, fragte Amos unbedarft, „was ist das denn?“  Opa Hermann räusperte sich: „Äh, da pendeln die Leute an der Wohnzimmerlampe und geben Grunzlaute von sich. So hin und her – swingen halt. Das deutsche Wort dafür heißt „schwingen“. Außerdem ist das eine Musikrichtung des Jazz und nun frag mir nicht länger Löcher in den Bauch!“
Das gefährliche Piratenschaf nickte zwar artig, begriffen hatte es leider nichts.

Bald darauf kuschelte es sich in Opa Hermanns Arm und träumte von Unmengen an Kakao und glitt so sanft in die Weiten erfüllter politischer Träume.

Piraten in Leer

„Vogelkacke im Schießpulver“

Am Abend des nächsten Tages, nachdem der letzte Besucher von Bord war, berief Käpten Hornblewer eine Mannschaftsversammlung ein. Man traf sich im größten Raum des Schiffes,  der ansonsten den Piraten als „Speisesaal“ diente.
Hornblewer saß am Kopf des langen Tisches. Er verlas die Tagesordnung und stellte die Beschlussfähigkeit fest. Den Vorsitz führte  natürlich wie immer er selbst. Da er niemanden benennen konnte, der des Lesens oder Schreibens mächtig war, übernahm er auch die Aufgabe des Schriftführers.
Natürlich war er auch Kassenwart, 2. Vorsitzender, 1. Beisitzer, 2.Beisitzer in persona. Ein Kassenprüfer fehlte völlig in seinem „Regel-werk“.
Weil die lieben Piraten kein eingetragener Verein waren, sie hatten weder einen festen Wohnsitz noch eine Anbindung an ein Amtsgericht, geriet jede Mannschaftssitzung mehr oder weniger zu einer getarnten Befehlsausgabe.
Der Tagesordnungspunkt 2 war die Feststellung der Anwesenheit. Der Pirat Onnen fehlte. Der hatte sich ja am Vortag selber Landgang genehmigt und war seit dem verschwunden.
Nachdem der Käpten fünf Minuten wegen dieser Unverschämtheit seines Untergebenen geschrien und getobt hatte, beruhigte er sich schließlich und verlas  den Kassenbericht. Er stellte fest, dass sich Teeverkauf nicht lohne, zumal man keinen zahlenden Abnehmer dafür habe. Alle in Frage kommenden Kunden hatten bemängelt, dass der Tee einen komischen Geruch an sich habe, als stamme er aus dem vorigen Jahrhundert. Um so erfreulicher gestalteten sich die Einnahmen aus den Schiffsführungen. Demnach hatte die Cara Mia- also er-zwei Eimer voll Geld eingenommen. Davon wollte er einen halben als Heuer für den bevorstehen Landgang der Mannschaft „ausschütten“.
Ein kleiner rotgesichtiger Pirat bat um Wortmeldung. Er hob dazu die rechte Hand.
„Was gibt`s?“, fragte der Piratenkapitän unwillig. „Weshalb willst du den halben Eimer ausschütten?“, wollte er wissen.
„Das nennt man so, wenn man Dividende an die Anteilseigner zahlt, das seid ihr“, belehrte in Hornblewer.
„Ich glaube nicht, dass ich hier in Leer mit Dividenden einkaufen oder saufen kann, Geld wäre mir lieber!“
„Blödmann“, rief der Käpten, „glaubst du, ich zahle in Astlöchern aus?“
Der Gescholtene duckte seinen Kopf tief zwischen die Schultern und zog es vor, für den Rest der Sitzung in brütendes Schweigen zu verfallen.

Der nächste Punkt galt den Presseberichten der „Botschafter“, die in Wirklichkeit Journalisten waren, aber so etwas kannten weder der Kapitän noch seine Mannschaft. Hornblewer ließ nur Botschafter auf sein Schiff – und Landratten, die zahlten.

„Mal herhören, man hat über uns berichtet“. Hornblewer hatte einen Stapel Zeitungen mitgebracht. „Ich habe die Berichte angelesen.Wir stehen sogar auf der ersten Seite, mit Bild! Wie die das so schnell malen konnten, ist mir völlig schleierhaft. Hat einer von euch einen Maler gesehen?“ Die Frage wurde mit allgemeinem Gemurmel verneint.

„Aber die Bilder sind gut getroffen, hol mir doch einer die Großmutter aus dem Sack!“ Das war Hornbewers Lieblingsausruf, wenn er sich etwas nicht erklären konnte.
„Also Ruhe jetzt! Ich lese den Bericht vor. Dann lasse ich die Papiere rumgehen. Schaut euch nur die Bilder an, lesen könnt ihr das so wie so nicht, und wenn doch, dann kapiert ihr das nicht.
Dann las Hornblewer den Bericht einer großen „Ostfriesischen Zeitung“ vor:

Die Piraten sind los
Viermaster Cara Mia geht in Leer vor Anker

Ein ungewohntes Bild bot sich gestern Hunderten von Schaulustigen so wie mehreren Fernseh – und Rundfunk-Teams am Hafenbecken vor der alten Waage in Leer. Dort hatte am Vortag der vorgebliche Piratenkapitän mit Namen Hornblewer und seine Mannschaft mit dem Viermaster Cara Mia festgemacht. Bei dem Segelschiff handelt es sich um einen 1789 auf einer englischen Werft gebauten Viermaster, dem der Aussage des Piratenkapitäns zufolge der Besanmast abgefault war. Seinen Einlassungen zufolge handelt es sich jetzt um ein 3/4 Vollschiff.  Die Zuschauer staunten nicht schlecht, als sich Kapitän und Mannschaft als „liebe Piraten“ zu erkennen gaben. Entsprechend waren Kleidung und Auftreten der Männer. Aus einer Ansprache des Kapitäns, der von einem sprechenden Schaf assistiert wurde, entnahmen die Besucher teils belustigt, teils verständnislos Einzelheiten über den Grund des Besuches. Demnach hat der mit 16 Kanonen des „achtpfündigen Kalibers“ bestückte Piratensegler Tee geladen. Die Mannschaft hofft nun, diesen in Leer verkaufen zu können.
Interessierte Zuschauer durften gegen Entgelt an einer Schiffsführung durch das fast 60 Meter lange Vollschiff teilnehmen und erfuhren dabei Unglaubliches. Zu bestaunen gab es eine Schiffswelt aus dem 18. Jahrhundert samt einer dazu gehörigen Piratenmannschaft. Die Cara Mia führt nerben ihrer Teeladung aus Indien zwei große Geldkisten (Bild) mit verschiedenen Golwährungen mit sich. Die Vermutung, dass der Auftritt der Seeräuber, die sich „liebe Piraten“ nennen, in Zusammenhang mit einer Werbeaktion Leeraner Kaufleute stehen, bestätigte sich indessen nicht.

Zur Zeit befassen sich Wissenschaftler mit der möglichen Ursache für das Erscheinen des ungewöhnlichen Seglers in Form einer „Raum-Zeit-Verschiebung, in welche Schiff und Besatzung geraten sein könnten. Der Kapitän ließ in seinen Ausführungen durchblicken, er sei in Höhe des Bermuda-Dreiecks in einen Nebel geraten. Weil das Nebelhorn defekt sei, habe er seinen Ersten  Kanonier angewiesen, einen Warnschuss abzufeuern. Danach habe sich alles um sie herum gedreht. Als der Nebel sich verzog, sei zunächst alles wie vorher gewesen (weiter im Innenteil).

Hornblewer blätterte etwas in der Zeitung und schlug eine von ihm markierte Seite auf (er hatte eine Ecke abgebissen!). Mehrere Fotos ergänzten den fünfspaltigen Bericht, der eine weitere Seite einnahm. Er hielt die Zeitung hoch und schwenkte sie in die Runde: „Da ist ein Bild von Louis, zusammen mit Landratten, weiter unten ist Amos zu sehen, und mich hat man auch ganz gut getroffen, und hier“, er tippte auf ein Foto rechts in der Mitte, „hat man unsere Geldkisten gemalt. Meiner Treu, der Maler hat jede einzelne Münze gemalt, was für eine Arbeit!“

Sodann las er auch den Bericht aus dem Innenteil vor. Da stand es schwarz auf weiß: die Cara Mia hatte eine spanische Galeere gekapert!

„Davon weiß ich ja gar nichts“, ereiferte sich Ibrahim, der Erste Kanonier und zog sicherheitshalber den Kopf ein.
„Blödmann“, raunzte ihn Hornblewer an, „DAS WAR DOCH NUR EIN TRICK, MEINST DU ETWA; DASS ICH DENEN ALLES AUF DIE NASE BINDE? DAS NENNT MAN IN DER FACHSPRACHE DIPLOMATIE, kümmere du dich lieber um das Schießpulver und misch nicht wieder so viel Vogelkacke mit hinein. Eines Tages fliegt uns noch das Schiff um die Ohren!“

 

Beuys

Ich habe Dir einen Garten gemacht,
Freund,
ein Labyrinth aus Berberitzen
und Freunde haben mir dabei geholfen
Verwandte Seele Du,
das oszillierende Prinzip
funktioniert noch immer nicht
im Bundestag,
denn niemand will Schüler sein…
Das Denkmal, das sie Dir
zu Deinen Lebzeiten errichtet haben,
hast Du dem jenseitigen Ufer verweigert,
die Nordsee hat Dich aufgenommen.

Nach dem Kommunismus richtet
nun auch der Kapitalismus
seine Füße nach der Decke aus:
In der Eiskellerstraße in Düsseldorf
habt Ihr die Tage gezählt.
Was sind schon zwanzig Jahre?
Solche Irrtümer
können wir uns leisten!
Nein, sie wollen den Sozialismus nicht,
keine Gleichmache.
Der Trabbi war ihnen nicht genug,
und in der Mauer war zuviel Beton!
Der Bürger leckt das Henkeseil!

Der organische Geldkreislauf
taugt fürs Museum

Eine neue Menschheitsidee
auf den Spuren Parzivals
und Rudolf  Steiners
in Bienenhonig gegossen,
ein Fanal auf der Dokumenta,
dem Galeristentribunal!

Die Ideen schwinden mit den Guten,
nur Helmut bleibt
und legt mit den Arbeitslosen zu;
ach, wer da mitreisen könnte
in lauschiger Mittsommernacht!
Stachelige Berberitze
im Labyrinth des Lebens
der Theaterplatz lässt grüßen!

Die Free International University
hat ihre Pforten geschlossen,
und Hölderlin schläft tief und fest:
Es ist nicht heilig das Herz,
nicht schöneren Lebens voll,
aber es achtet noch immer
der Knecht den Gewaltsamen,
und der Menge gefällt,
was auf dem Marktplatz taugt!

Heilig, lieber Hölderlin,
sind nicht einmal die Heiligen!

Totenlied

Rosarotes Gewölk:
Es trotten in langen Reihen
Kälber in Samt und Frack
zum Schlachthof im Morgengrauen

Strahlend blauer Azur:
Tausendfach brüllen und wälzen
sich Leiber im eigenen Blut
und brüllen und locken die Brut

Blutig rote Abendwolke:
Und abends marschieren noch immer
die Reihen mit festem Tritt
und alles, was ihnen begegnet,
macht kehrt und trottet mit

Schwarzes Tuch:
Ein jedes Kalb – es sammelt
ein Stückchen Fels vom Weg
den trägt es auf dem Rücken
zu keinem Ziel und Zweck

Da wartet schon der Schlächter
mit seinem scharfen Beil,
er tötet alle Kälber
und hängt sie auf am Seil

Stille

Festgesäulter ewig Runde,
Plattenmarmor weiter Kreis-
hochgewölbt und dächerhallend:
Einsamkeit, um die ich weiß

Gestern noch vom Schritt durchmessen,
Hiermacht und reales Sein:
krautumwuchert und verfallen:
heutestundend und Gebein

wortedrängend und melodisch,
Liebreiz immer noch gefühlt:
sinnestaumelnd in der Stille
wird Vergangnes aufgewühlt

Abendmelodie

Fetter Quallen
glitschige Leiber
umringen mich,
Tentakel greifen
Josefa hinter dem Felsen,
singe das Lied
vom brennenden Baume!

Aus der Erde
rissige Fugen
kraucht Gewürm
tote Facetten glotzen,
lechzt giftiger Speichel,
singe, Josefa,
das Lied vom Baume

Dürre Äste knacken,
brechen unter
fliehendem Fuße,
Lachen bildet sich aus Blut
es brennt, Josefa, sieh die Glut!

Gestalten taumeln
aus dem Moder
sie wanken, zerfließen,
rufen und lachen –
sie wollen mich!

Josefa, bitte sing mein Lied!
Grüner Himmel,
rot durchzogen,
wechselnd ohne Horizont in Braun,
das Land ist tot und immer brennt
der Baum und diese Melodie

Singe, Josefa, das Lied vom Baume,
du hinter deinem Felsen,
gehe weg und bleib doch hier,
kann nicht fort von meinem Traum!